Welche fatale Rolle spielt der Westen in Afghanistan, Emran Feroz?
Shownotes
Menschen, die sich an startende Flugzeuge klammern und in den Tod stürzen – diese Bilder aus Kabul haben sich ins kollektive Gedächtnis gebrannt. Fünf Jahre ist es her, dass die USA aus Afghanistan abzogen und die Taliban, deren Sturz das erklärte Ziel von 20 Jahren NATO-Krieg gewesen war, an die Macht zurückkehrten.
Wie konnte ein Krieg, offiziell im Namen der Menschenrechte geführt, ausgerechnet die Kräfte stärken, gegen die er sich richtete? Darüber hat taz-Redakteurin Pauline Jäckels mit dem Journalisten und Afghanistan-Experten Emran Feroz gesprochen: über einen Westen, der lieber mit korrupten Warlords kooperierte, als eine tragfähige Ordnung aufzubauen – und über einen Abzug, der in eine humanitäre Katastrophe mündete.
Auch Deutschlands Rolle kommt zur Sprache: von den chaotischen Evakuierungen bis zu den Abschiebungen nach Afghanistan, die heute wieder debattiert werden. Warum waren die USA und Deutschland überhaupt zwei Jahrzehnte im Land? Und was hält die Taliban bis heute an der Macht?
Emran Feroz, 1991 in Innsbruck geboren, ist ein international tätiger Journalist, Kriegsreporter und Buchautor. In den vergangenen zehn Jahren lag sein Arbeitsschwerpunkt auf dem „War on Terror" der USA in Afghanistan und im Nahen Osten. 2023 erschien sein Buch „Vom Westen nichts Neues – Ein muslimisches Leben zwischen Alpen und Hindukusch" im Verlag C. H. Beck. Zuletzt veröffentlichte er „Wir wollen leben! Von Afghanistan bis Gaza – Ein Aufschrei gegen Entmenschlichung und Krieg" im Westend Verlag.
Schreibt uns an: weltunordnung@rosalux.org
Alle Podcasts der Rosa-Luxemburg-Stiftung: www.rosalux.de/podcasts
Du möchtest keine Podcast-Folge mehr verpassen? Abonniere unseren monatlichen Newsletter.
Intro-Musik: Charles Bradley – The World (is going up in Flames)
Shownotes:
Britta Petersen, „Die Rückkehr der Schlangen – Der Konflikt zwischen Afghanistan und Pakistan gefährdet die Stabilität Südasiens“, Rosa Luxemburg Stiftung, November 2025
Stefan Bornecke, Parlamentarische Arbeit gegen den Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan. Die Positionen und Initiativen der Fraktionen PDS und Die Linke im Bundestag, 2001–2021, Papers, Rosa-Luxemburg-Stiftung, 2026
Transkript anzeigen
Pauline Jäckels: Weltunordnung. Der internationale Politik-Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Pauline Jäckels: Menschen, die sich an gerade abfliegende Flugzeuge klammern und dann in den Tod stürzen.
Pauline Jäckels: Diese Szenen aus der afghanischen Hauptstadt Kabul haben sich wahrscheinlich
Pauline Jäckels: in unser aller Gehirne gebrannt.
Pauline Jäckels: Fünf Jahre ist es jetzt her, dass die USA ihre Truppen aus Afghanistan abgezogen haben.
Pauline Jäckels: Nach 20 Jahren NATO-Militärpräsenz im Land. Und fünf Jahre ist es her,
Pauline Jäckels: dass die Taliban, die eigentlich durch diese Präsenz hätten verdrängt sein sollen,
Pauline Jäckels: wieder an die Macht kamen.
Pauline Jäckels: Mein Name ist Pauline Jekic. Ich bin Redakteurin bei der Taz und Freie Journalistin.
Pauline Jäckels: Für diese Folge Weltunordnung habe ich mit dem Journalisten und Afghanistan-Experten
Pauline Jäckels: Emran Feroz gesprochen.
Pauline Jäckels: Im Prinzip hat mir Emran in unserem Gespräch klargemacht, wie Jahrzehnte imperialer
Pauline Jäckels: Gewalt in diesen furchtbaren Flugzeug-Szenen aus Kabul mündeten.
Pauline Jäckels: Wir haben darüber gesprochen, warum die USA und auch Deutschland überhaupt 20
Pauline Jäckels: Jahre lang in Afghanistan waren, also was die Interessen waren, die dahinter steckten.
Pauline Jäckels: Warum die Taliban in dieser Zeit nicht verdrängt, sondern gestärkt wurden.
Pauline Jäckels: Und warum Joe Biden die Truppen 2021 dann abgezogen hat, im vollen Wissen,
Pauline Jäckels: dass die Taliban sofort wieder an die Macht kommen werden.
Pauline Jäckels: Und natürlich haben wir auch über die Taliban selbst gesprochen,
Pauline Jäckels: wie sie entstanden sind und warum sie heute so fest im Sattel sitzen und was
Pauline Jäckels: passieren muss, damit sich das wieder ändert.
Pauline Jäckels: Emran Feroz ist Journalist, Kriegsreporter und Buchautor.
Pauline Jäckels: Sein Arbeitsschwerpunkt in den letzten Jahren lag auf dem War and Terror der
Pauline Jäckels: USA in Afghanistan und im Nahen Osten.
Pauline Jäckels: Und zuletzt kam sein Buch »Wir wollen leben – Von Afghanistan bis Gaza – Ein
Pauline Jäckels: Aufschrei gegen Entmenschlichung und Krieg im Westend-Verlag« raus.
Pauline Jäckels: Hallo Emron, schön, dass du da bist.
Emran Feroz: Hallo Pauline, es freut mich ebenso.
Pauline Jäckels: Bevor wir jetzt über das Ende der US-Militärpräsenz in Afghanistan vor fünf
Pauline Jäckels: Jahren sprechen, müssen wir erstmal darüber reden, wie diese Militärpräsenz
Pauline Jäckels: überhaupt angefangen hat.
Pauline Jäckels: Am 7. Oktober 2001 begann die USA die sogenannte Operation Enduring Freedom,
Pauline Jäckels: also die Operation für anhaltenden Frieden.
Pauline Jäckels: Was war damals die offizielle Begründung für die Militärintervention und was
Pauline Jäckels: waren aus deiner Sicht die tatsächlichen Beweggründe der USA?
Emran Feroz: Nun ja, damals war es ja so, dass im Monat zuvor die Anschläge des 11.
Emran Feroz: Septembers stattgefunden haben in New York oder in Washington.
Emran Feroz: Die Antwort darauf war dann eigentlich der Angriff auf Afghanistan,
Emran Feroz: weil die Amerikaner und ihre Verbündeten meinten, dass Afghanistan und das damals
Emran Feroz: regierende Taliban-Regime, also jenes Regime, was auch heute wieder regiert,
Emran Feroz: in irgendeiner Art und Weise mitschuldig gewesen seien für diesen Terroranschlag.
Emran Feroz: Und konkret ging es da um die Verbindung
Emran Feroz: der Taliban zur Terrorgruppierung Al-Qaida und zu Osama Bin Laden.
Emran Feroz: Allerdings war es damals so, dass viele dieser Verbindungen und mutmaßlichen
Emran Feroz: Verbindungen und wie das Ganze überhaupt zustande gekommen ist,
Emran Feroz: die wurden da so ein bisschen beiseite gewischt oder gar nicht so deutlich genannt.
Emran Feroz: Und stattdessen hieß es dann in klassischer Manier eigentlich,
Emran Feroz: ja, wir gehen da jetzt rein, um die bösen Buben zu entmachten und das Land zu
Emran Feroz: befreien, Menschenrechte zu etablieren,
Emran Feroz: und die Demokratie dort zu fördern, Frauenrechte zu fördern.
Emran Feroz: Diese Dinge wurden immer wieder genannt, aber es hat sich schon rückblickend
Emran Feroz: auch sehr früh gezeigt, dass die Ziele der Amerikaner, vor allem in Afghanistan,
Emran Feroz: sich immer wieder verändert haben, immer wieder unterschiedlich artikuliert
Emran Feroz: worden sind und am Ende dann auch nicht wirklich klar waren.
Emran Feroz: Und so zog sich das eigentlich 20 Jahre lang, bis es zum längsten Krieg der US-Geschichte wurde.
Pauline Jäckels: Vielleicht kannst du auch mal ganz grundsätzlich erklären, Was macht denn Afghanistan
Pauline Jäckels: aus geostrategischen Gesichtspunkten relevant für die USA zum Beispiel,
Pauline Jäckels: aber auch für andere externe Mächte, die sich hier eingemischt haben und einmischen?
Pauline Jäckels: Also zum Beispiel aufgrund der Ressourcen des Landes oder aufgrund seiner Lage?
Emran Feroz: Ja, Afghanistan war natürlich schon immer aufgrund seiner Lage sehr interessant.
Emran Feroz: Und der US-Krieg, der dort stattgefunden hat in den letzten Jahrzehnten,
Emran Feroz: war auch leider nicht der erste Krieg.
Emran Feroz: Es gab zuvor den Einmarsch der Sowjetunion in den 80er Jahren,
Emran Feroz: beziehungsweise 1979 hat die Sowjetunion Afghanistan überfallen und besetzt
Emran Feroz: und war dort zehn Jahre lang.
Emran Feroz: Und zuvor gab es mehrere Anglo-Afghanische Kriege, also das war nochmal im Zuge
Emran Feroz: des sogenannten Great Games zwischen Großbritannien und Russland.
Emran Feroz: Und das hat dann alles nochmal natürlich deutlich früher stattgefunden während der Kolonialzeit.
Emran Feroz: Afghanistan war halt immer so zwischen allen Fronten und das hat natürlich mit
Emran Feroz: der Lage des Landes zu tun. Afghanistan liegt quasi im Herzen Asiens.
Emran Feroz: Ist zum Geben von vielen wichtigen strategischen Punkten.
Emran Feroz: Jeder, der irgendwie durch diese Region ziehen will oder sie kontrollieren will,
Emran Feroz: der muss halt irgendwas mit Afghanistan machen.
Emran Feroz: Also sind zum Beispiel auch viele koloniale Grenzen dieses Staates überhaupt
Emran Feroz: entstanden, des afghanischen Nationalstaates, weil die Briten gesagt haben,
Emran Feroz: okay, wir müssen irgendwie unser Territorium vom afghanischen Territorium trennen.
Emran Feroz: Und so wurde zum Beispiel 1893 die sogenannte Durand-Line gezogen,
Emran Feroz: die bis heute als offizielle Grenze zwischen Afghanistan und Pakistan gilt und
Emran Feroz: für viele Probleme sorgt.
Emran Feroz: Natürlich dachten sich auch die Amerikaner und viele Kritiker des Krieges,
Emran Feroz: die es auch damals schon gab, die haben auch damals,
Emran Feroz: zu Recht darauf hingewiesen und haben gesagt, Naja, die Vereinigten Staaten
Emran Feroz: und auch ihre Verbündeten, die denken hier in erster Linie an die geostrategische
Emran Feroz: Bedeutung Afghanistans.
Emran Feroz: Afghanistan grenzt an den Iran, Afghanistan grenzt an China,
Emran Feroz: Afghanistan grenzt auch Pakistan.
Emran Feroz: Und vor allem natürlich mit Hinblick auf den Iran hat man damals schon gesagt,
Emran Feroz: natürlich wollen die Amerikaner hier ihre,
Emran Feroz: Militärbasen haben, weil je näher das am Iran ist, umso sinnvoller und besser,
Emran Feroz: für den sogenannten Westen und natürlich auch die Einflusssphäre Chinas, aber auch,
Emran Feroz: die Einflusssphäre Russlands, also Afghanistan ist umgeben von mehreren post-sowjetischen Staaten.
Emran Feroz: Tadjikistan, Usbekistan und so weiter. Und das sind zwar Staaten,
Emran Feroz: die heute als unabhängig gelten, aber das ist immer noch so der post-sowjetische
Emran Feroz: Raum. Und dort ist der russische Einfluss dementsprechend stark.
Pauline Jäckels: Das heißt, es ging also, wenn ich das jetzt so richtig verstehe,
Pauline Jäckels: in erster Linie darum, einfach eine Militärpräsenz im Land zu haben,
Pauline Jäckels: um die Gegner so ein bisschen einhegen zu können militärisch in der Region.
Emran Feroz: Ja, das war sicher einer der Gründe. Und es ist halt auch so,
Emran Feroz: dass es auch damals, vor 25 Jahren, Diskussionen gab, in denen man gesagt hat,
Emran Feroz: okay, wir gehen da jetzt rein, aber was wird genau gemacht? Was ist das Ziel?
Emran Feroz: Was ist, wenn das Ziel weg ist? Was ist, wenn das Taliban-Regime gestürzt ist?
Emran Feroz: Was ist mit diesen Al-Qaida-Leuten? Wie viele von denen gibt es dort überhaupt?
Emran Feroz: Und wie geht es dann weiter?
Emran Feroz: Was ist der Sinn, wenn man jetzt da Zehntausende oder Hunderttausende von Truppen
Emran Feroz: reinschickt? Wie lange hält das dann an?
Emran Feroz: Und natürlich gab es auch Kritiker, die ganz am Anfang gesagt haben,
Emran Feroz: vielleicht wäre es klüger, einfach so kleine Polizeieinheiten reinzuschicken,
Emran Feroz: also Special Forces und so weiter.
Emran Feroz: Die machen dann quasi das genaue Ziel dingfest und danach sind die auch wieder weg.
Emran Feroz: Aber diese Kritiker oder überhaupt jeder, der damals Bedenken hatte,
Emran Feroz: wurde niedergeschrien, wurde als potenzieller Taliban-Sympathisant und Terroranhänger
Emran Feroz: und was weiß ich was alles diffamiert.
Emran Feroz: Also man wollte da nicht drauf hören. Und stattdessen hat sich dann wirklich
Emran Feroz: eigentlich so das Narrativ oder eher das Bild der damaligen Bush-Administration durchgesetzt.
Emran Feroz: Und zwar entweder ihr seid mit uns oder gegen uns.
Emran Feroz: Und das ist unser Kreuzzug. Das ist quasi die Rache des Westens für das,
Emran Feroz: was sich ein paar unzivilisierte Araber oder Afghanen oder wer auch immer erlaubt
Emran Feroz: haben, hier mit uns zu machen.
Pauline Jäckels: Und das ist natürlich ein...
Pauline Jäckels: Ein narratives Muster, was wir immer wieder seitdem und auch natürlich schon
Pauline Jäckels: vorher beobachten können, sobald
Pauline Jäckels: zum Beispiel die USA entscheidet, in den Krieg zu ziehen, wird Propaganda betrieben
Pauline Jäckels: auf die Art und Weise, dass es nur noch schwarz und weiß gibt.
Pauline Jäckels: Es gibt nur noch, entweder du bist mit uns oder gegen uns, wenn du auch nur
Pauline Jäckels: annähernd irgendwie in Frage stellst, was wir machen, dann bist du ein Freund
Pauline Jäckels: des Gegners, ein Taliban-Sympathisant.
Pauline Jäckels: Heute ist es ein Putin-Freund oder ein Hamas-Verherrlicher oder so.
Pauline Jäckels: Das sind ja die Äquivalente davon.
Emran Feroz: Richtig. Und dann muss man natürlich nochmal immer wieder darauf hinweisen,
Emran Feroz: Also erstens, wie das Ganze heute so bewertet wird, also zum Beispiel nach dem,
Emran Feroz: fatalen Abzug der NATO-Truppen und dem Fall der sogenannten,
Emran Feroz: Islamischen Republik Afghanistan und der Rückkehr der Taliban,
Emran Feroz: da hieß es dann auch natürlich sogar in der New York Times, hey,
Emran Feroz: das war eigentlich nur ein neokolonialer und imperialistischer Krieg.
Emran Feroz: Also da hat sich dann die Sprache verändert und man wurde deutlich kritischer.
Emran Feroz: Und natürlich hat das auch mit dem zu tun, was sich in Afghanistan so ereignet hat in den 20 Jahren.
Emran Feroz: Und ganz früh wurde zum Beispiel auch klar, okay, hier wird es wenig um Demokratie
Emran Feroz: und Menschenrechte gehen, weil sich die Amerikaner dort vor Ort mit den brutalsten
Emran Feroz: Warlords und Drogenbaronen und so weiter verbündet haben,
Emran Feroz: um gegen die Taliban fortzugehen.
Emran Feroz: Und das waren alles einschlägig bekannte Typen.
Emran Feroz: Niemand von denen war irgendwie bekannt dafür, für Menschenrechte einzustehen.
Emran Feroz: Niemand davon hielt viel von Frauenrechten. Das waren einfach ganz brutale Menschen,
Emran Feroz: die zuvor in den Bürgerkriegsjahren viele Kriegsverbrechen begangen hatten und auch zuvor während des,
Emran Feroz: Stellvertreterkrieges mit der Sowjetunion in den 80er Jahren.
Emran Feroz: Und das waren halt wirklich, ja kann man so sagen, zum Teil ziemlich blutwünstige Typen.
Emran Feroz: Aber das war den Amerikanern und ihren Verbündeten vollkommen egal,
Emran Feroz: weil Hauptsache sie standen auf der Seite des Westens gegen die Taliban.
Emran Feroz: Und viele dieser Warlords, die wurden dann auch natürlich zum Beispiel leider
Emran Feroz: in Deutschland hofiert.
Pauline Jäckels: Bevor wir über die Rolle Deutschlands sprechen, kannst du noch mal kurz zeichnen,
Pauline Jäckels: wie sah denn diese Post-2001-Realität, die dort geschaffen wurde,
Pauline Jäckels: dann in Afghanistan aus?
Pauline Jäckels: Was für eine Struktur gab es dort? Wie war das Leben danach?
Emran Feroz: Ja, also es war dann so, dass die Taliban ziemlich schnell gestürzt waren.
Emran Feroz: Und die Taliban hatten eigentlich ja auch ein Interesse, weiterhin irgendwie an der Macht zu bleiben.
Emran Feroz: Deshalb standen die eigentlich nach dem Sturz mit weißer Flagge da und haben
Emran Feroz: gesagt, okay, wir sind hier, wir würden gerne Frieden schließen und wären gerne
Emran Feroz: Teil des neuen Systems einfach.
Emran Feroz: Und unser Interesse wäre halt auch irgendwie jetzt nicht dauerhafter Krieg.
Emran Feroz: Aber die neuen Machthaber, also die Warlord-Regierung und der Westen,
Emran Feroz: Die haben eigentlich unmittelbar nach Beginn dieses Krieges diese Konferenz
Emran Feroz: einberufen in Bonn, die erste Afghanistan-Konferenz.
Emran Feroz: Dort wurde in neokolonialer Manier eine neue Regierung geschaffen,
Emran Feroz: ein neues Regime und in diesem Regime hatten hauptsächlich diese ganzen Warlords das Sagen.
Emran Feroz: Weil die gesagt haben, wir sind so die Manpower und ohne uns hättet ihr das
Emran Feroz: nicht machen können, also in Richtung der Amerikaner.
Emran Feroz: Und deshalb wollen wir hier natürlich große Stücke vom Kuchen haben.
Emran Feroz: Die Amerikaner haben hier mitgemacht. Die Amerikaner haben gleichzeitig die
Emran Feroz: wichtigsten Leute eigentlich, die da noch dazugehört hätten sollen,
Emran Feroz: nämlich die gestürzten Taliban, ausgeschlossen.
Emran Feroz: Und rückblickend haben sehr, sehr viele Afghanistan-Expertinnen gesagt,
Emran Feroz: das war eigentlich so der Systemfehler, den man sehr früh begangen hat.
Emran Feroz: Man hat die Taliban ausgeschlossen, während man diese anderen Leute ans Boot geholt hat.
Emran Feroz: Und ja, wie gesagt, der Menschenrechtsaspekt, der Frauenrechtsaspekt,
Emran Feroz: der ist halt hier sehr unglaubwürdig, weil die Leute, mit denen man da am Tisch
Emran Feroz: saß und die Leute, mit denen man diese neue Regierung gegründet hat,
Emran Feroz: die stand in vielerlei Hinsicht den Taliban in nichts nach.
Pauline Jäckels: Aber es hat für eine Art von Stabilität gesorgt, dieses neue Regime zu installieren.
Emran Feroz: Nein, überhaupt nicht. Also wir hatten hier zum Beispiel den bekannten afghanischen
Emran Feroz: Präsidenten Hamid Karzai, der dann an der Spitze dieses Regimes stand.
Emran Feroz: Karzai war dann, wie sich in den Jahren darauf herausgestellt hat,
Emran Feroz: der Präsident des korruptesten Staates der Welt.
Emran Feroz: Weil diese ganzen Warlords eigentlich angefangen haben, also natürlich nicht
Emran Feroz: nur sich persönlich zu bereichern, sondern sie haben Afghanistan,
Emran Feroz: also alle afghanischen Institutionen, die eigentlich für demokratische Entwicklungen
Emran Feroz: gedacht waren, zum Beispiel das afghanische Parlament und so,
Emran Feroz: aber auch die Gerichte, alles wurde von diesen Warlords unterwandert und für
Emran Feroz: ihre eigenen persönlichen Zwecke missbraucht.
Emran Feroz: Und nur damit man auch ein bisschen eine Vorstellung hat, was waren diese Zwecke?
Emran Feroz: Naja, mit dem Krieg begann in Afghanistan ein großes Kriegsbusiness.
Emran Feroz: Milliarden von US-Dollar aus aller Welt flossen nach Afghanistan.
Emran Feroz: Es gab im Militärbereich plötzlich viele Dienstleistungen, die gemacht werden
Emran Feroz: mussten, aber auch im Baubereich, also was die Infrastruktur anging.
Emran Feroz: Und natürlich auch im Frauenrechtsbereich, also zum Beispiel Schulbildung für
Emran Feroz: Mädchen, da mussten auf einmal Schulen her und so, da wurden extrem,
Emran Feroz: also unvorstellbare Summen wurden da ins Land eingestellt.
Emran Feroz: Aber sehr wenig von diesen Summen hat dann wirklich das erreicht oder stand
Emran Feroz: dann wirklich für das da, wofür es gedacht war, weil diese Leute sich einfach so bereichert haben.
Emran Feroz: Und da geht es nicht um 2, 3, 4, 5 Millionen, sondern meistens,
Emran Feroz: also jeder dieser Typen hat heute noch mindestens einen dreistelligen Millionenbetrag
Emran Feroz: als Privatvermögen und Immobilien rund um den Globus.
Emran Feroz: Hauptsächlich nicht in Dubai und so, aber ja.
Pauline Jäckels: Also dadurch ist quasi fast so eine eigene Klasse an Menschen entstanden,
Pauline Jäckels: die da plötzlich zu Multimillionären wurden.
Emran Feroz: Genau, du hast es auch in Afghanistan, also vor allem in Kabul,
Emran Feroz: in der Bubble Kabul, hast du das gesehen, in der Green Zone.
Emran Feroz: Die Green Zone war ja die abgesicherte Zone der NATO-Truppen,
Emran Feroz: also sprich da, wo die Macht konzentriert war.
Emran Feroz: Ja, das war halt dann wirklich so. Du hast gesehen, wie viele Willen diese Menschen
Emran Feroz: für sich errichtet haben.
Emran Feroz: Du hast gesehen, wie sie sich durch die Stadt fortbewegen mit ihren Konvois
Emran Feroz: und mit ihren Milizen und alles natürlich kugelsicher und abgesichert.
Emran Feroz: Und sie haben auch immer verdeutlicht, wir sind eben diese neue Klasse und wir
Emran Feroz: machen, was wir wollen. Niemand kann uns was tun.
Emran Feroz: Wir gehören zu den wichtigsten Verbündeten der neuen Machthaber und wir machen einfach so weiter.
Emran Feroz: Aber im Zuge dessen ging halt dann in den Jahren, nicht bisschen,
Emran Feroz: sondern sehr stark der Fokus auf das westliche Afghanistan verloren.
Emran Feroz: Also abseits der Green Zone.
Emran Feroz: Afghanistan besteht natürlich nicht nur aus der Hauptstadt Kabul,
Emran Feroz: sondern vor allem auch aus seinen ländlichen Regionen.
Emran Feroz: In diesen ländlichen Regionen herrscht der bitterste Armut, in diesen ländlichen
Emran Feroz: Regionen herrscht tagtäglich Krieg.
Emran Feroz: Es gab Luftangriffe immer wieder, also wirklich sehr regelmäßig,
Emran Feroz: sehr massiv. Drohnenangriffe, der 7. Oktober, den du vorhin erwähnt hast,
Emran Feroz: als die Operation Enduring Freedom begann.
Emran Feroz: Das war auch der erste Tag in der Menschheitsgeschichte, an dem eine bewaffnete
Emran Feroz: Drohne zum Einsatz kam in der südlichen Provinz Kandahar.
Emran Feroz: Dieser Einsatz war eigentlich auch exemplarisch für das ganze Versagen des ganzen
Emran Feroz: Kriegseinsatzes, weil es hieß damals,
Emran Feroz: und so hieß es dann immer wieder in den folgenden Jahren, okay,
Emran Feroz: unser Ziel ist nur der böse Taliban-Führer Mullah Muhammad Omar,
Emran Feroz: der Hauptverbündete von Bin Laden quasi unter den Taliban.
Emran Feroz: Und sonst schalten wir natürlich keine Zivilisten aus und so.
Emran Feroz: Und Mullah Omar starb dann erst über ein Jahrzehnt später eines natürlichen
Emran Feroz: Todes, während wir bis heute nicht genau wissen, wer von diesem Drohnenangriff getötet wurde.
Emran Feroz: Und das hat sich halt immer wieder so ereignet. Und ja, und hinzu kam natürlich
Emran Feroz: auch, dass diese ganzen Gelder, die ich vorhin erwähnt habe.
Emran Feroz: Das Allermeiste davon hat diese ländlichen Regionen nicht erreicht.
Emran Feroz: Und auch damals war es halt so, also nicht nur in Kabul, sondern du hast halt,
Emran Feroz: Afghanistan hat halt 34 Provinzen.
Emran Feroz: Und die Provinzhauptstädte, die waren halt immer besetzt mit dem NATO-Personal
Emran Feroz: und den jeweiligen Warlords und so.
Emran Feroz: Aber über diese Provinzhauptstädte hinaus hat sich dann halt ein Bild gezeichnet,
Emran Feroz: was verdeutlicht hat, okay, hier werden sich diese Besatzer nicht lange halten
Emran Feroz: können, sondern die Taliban, die werden sich hier ausbreiten.
Emran Feroz: Und das haben sie dann auch gut hinbekommen, weil, wie gesagt,
Emran Feroz: die massiv geschwächten Taliban damals ausgeschlossen worden sind von diesem
Emran Feroz: Friedensprozess und man einfach den Krieg auch gebraucht hat.
Emran Feroz: Aus westlicher Sicht war ja auch der Krieg notwendig. Zum Beispiel Henry Kissinger,
Emran Feroz: hat mal in einem Interview später selber gesagt, wir konnten gar nicht aus Afghanistan
Emran Feroz: so schnell raus. Wir wollten das aus ideologischen Gründen einfach auch nicht. Also,
Emran Feroz: Deshalb fällt es mir auch manchmal schwer, nur über Geopolitik und Ressourcen und so zu sprechen.
Emran Feroz: Es gibt Ideologie auch auf der anderen Seite, ganz klar, auch auf der Seite
Emran Feroz: des sogenannten Westens und da haben nicht nur, also da dachten sich die führenden
Emran Feroz: Politiker, also Bush und Blair und so weiter,
Emran Feroz: die waren voll im Kriegsmodus, die wollten da gar nicht schnell raus.
Pauline Jäckels: Also der Krieg als ein tatsächlicher Kulturkampf, wir benutzen das Wort Kulturkampf
Pauline Jäckels: heute in irgendwie lapidareren Kontexten, aber hier richtig im Sinne von Kampf
Pauline Jäckels: der Kulturen, der eben total ideologisch aufgelandet ist.
Emran Feroz: Richtig. Henry Kissinger meinte zum Beispiel, die, die uns das angetan haben,
Emran Feroz: die mussten bezahlen. Und da ging man gar nicht in irgendwelche Feinheiten.
Emran Feroz: Wer war das jetzt? Bin Laden oder irgendwelche Araber oder irgendwelche Afghanen?
Emran Feroz: Es war ja kein einziger Afghaner überhaupt eigentlich an den Anschlägen des
Emran Feroz: 11. September beteiligt, das muss man auch ganz klar sagen.
Emran Feroz: Aber man wollte hier diesen Sachefeldzug und den konnte man nicht schnell beenden.
Emran Feroz: Und natürlich waren dann da wieder andere Interessen gekoppelt.
Emran Feroz: Natürlich gab es die Waffenlobby, natürlich gab es Leute, die mit Krieg spekulieren.
Emran Feroz: Und die ganz klar eben auch diese Version der Dinge unterstützt haben,
Emran Feroz: weil der lange Krieg sie massiv bereichert hat.
Pauline Jäckels: Meine eigene Intuition, ich bin natürlich keine Afghanistan-Expertin,
Pauline Jäckels: deshalb kann ich das in diesem spezifischen Fall auch nicht konkret sagen,
Pauline Jäckels: aber meine eigene Intuition ist immer,
Pauline Jäckels: Staaten haben ein Interesse, das meistens ein materielles Interesse ist und
Pauline Jäckels: dann werden ideologische Begründungen
Pauline Jäckels: und in Legitimation gesucht und das vermischt sich dann total.
Pauline Jäckels: Also das lässt sich dann kaum noch auseinanderhalten.
Pauline Jäckels: Geht es jetzt hier eigentlich um diesen quasi Kampf der Kulturen oder diesen
Pauline Jäckels: ideologischen Kampf oder geht es eigentlich um materielle Interessen,
Pauline Jäckels: weil es so miteinander verwoben wird, aber am Ende dient natürlich
Pauline Jäckels: Diese rassistische Narrative, dieses Schwarz-Weiß-Bild, Zeichnen und so weiter
Pauline Jäckels: dient dazu, diese Interessen dann durchsetzen zu können.
Pauline Jäckels: Auch vor der eigenen Bevölkerung zu legitimieren, aber natürlich auch auf internationalen
Pauline Jäckels: Bühnen zu legitimieren.
Emran Feroz: Absolut. Also wenn man sich auch anschaut, die Geschichte des Kolonialismus,
Emran Feroz: die Geschichte von neoimperialistischen Kriegen.
Emran Feroz: Also du hast oft dasselbe Schema, du hast dann irgendwie eine ausländische Armee,
Emran Feroz: die da irgendwo einfällt und dann hast du eine Hauptstadt, in der in diesem
Emran Feroz: kolonialen Stil der Alltag irgendwie gepflegt wird.
Emran Feroz: Also du hast die Experts, die Westler, die dann halt in ihren Compounds sind,
Emran Feroz: die alle abgesichert sind und natürlich überlappen sich da viele Interessen, weil zum Beispiel,
Emran Feroz: wenn du in so ein Land reingehst, dann baust du zum Beispiel diese Klasse auf,
Emran Feroz: die du gerade auch erwähnt hast,
Emran Feroz: über die wir jetzt kurz gesprochen haben, diese Warlord-Politiker-Klasse,
Emran Feroz: die einfach sehr viel Geld hatte dann und natürlich,
Emran Feroz: ist der Frieden oder irgendein Ende des Krieges auch nicht in deren Interesse
Emran Feroz: dann, Weil das ist ein laufender Cashflow und den will man dann nicht unterbrechen.
Emran Feroz: Aber gleichzeitig hast du dann auch in Washington und anderswo den militärisch-industriellen
Emran Feroz: Komplex, der da halt genauso sich an dem Ganzen bereichert.
Emran Feroz: Und immer wieder werden neue Waffen kreiert, neue Waffen ausgetestet,
Emran Feroz: neue Waffen ausgeliefert.
Emran Feroz: Und also diese Leute, die da hinter solchen Sachen stehen, die brauchen den Krieg.
Pauline Jäckels: Was wollte Deutschland in Afghanistan? Warum hat man sich an dieser Operation beteiligt?
Emran Feroz: Ja, es war halt so, dass der Bündnisfall der NATO ausgerufen wurde.
Emran Feroz: Meiner Meinung nach auch eine,
Emran Feroz: sehr problematische Zäsur, die sich geeignet hat, dass aufgrund des 11.
Emran Feroz: September der NATO-Bündnisfall ausgerufen wurde und man dann Afghanistan angerufen hat.
Emran Feroz: Wie gesagt, ich habe später auf Afghanistan-Veranstaltungen erlebt,
Emran Feroz: wie hochreinige NATO-Leute in Deutschland von Afghanistan-Kennern gefragt wurden,
Emran Feroz: erklär doch mal bitte, wie ist diese ganze Sache mit Al-Qaida,
Emran Feroz: wie viele Leute gibt es dort?
Emran Feroz: Sind das vier Leute? Sind das 400 Leute? Sind das nur 40 Leute? Sind das 4000 Leute?
Emran Feroz: Und du hast gesehen, wie diese NATO-Leute keine Antwort darauf geben konnten.
Emran Feroz: Also wirklich hochreinige NATO-Militärs haben da nicht gewusst,
Emran Feroz: dass die Facts on the ground sind.
Emran Feroz: Und wie wir dann auch mittlerweile wissen, Osama Bin Laden wurde dann später
Emran Feroz: in Pakistan aufgespürt und getötet.
Pauline Jäckels: Also vielleicht auch so ein bisschen ein Beweis, ein Loyalitätsbeweis gegenüber den USA.
Emran Feroz: Natürlich, es war ein Loyalitätsbeweis und der 1.
Emran Feroz: September wurde damals als absolute Zäsur betrachtet und man wollte da den Partner,
Emran Feroz: quasi nicht allein lassen und ist da mitgezogen.
Emran Feroz: Aber ich denke halt, ja, auch die Deutschen haben irgendwann gemerkt,
Emran Feroz: trotz aller Phrasen, die da immer rausgepusht wurden, hat man irgendwann gemerkt,
Emran Feroz: okay, wir wissen nicht, wieso wir hier sind, was wir hier machen.
Pauline Jäckels: 20 Jahre lang waren ja die Taliban quasi durch diese Militärpräsenz,
Pauline Jäckels: sagen wir mal, zurückgedrängt.
Pauline Jäckels: Du hast ja gesagt, irgendwie die existierten weiter und hatten auch weiter eine
Pauline Jäckels: Rolle gespielt, auch Anschläge verübt und so weiter.
Pauline Jäckels: Aber sie waren von der Macht, also von der landesweiten Macht zurückgedrängt.
Pauline Jäckels: Und wie er den meisten bekannt ist, quasi in dem Moment des Abzugs der USA und
Pauline Jäckels: den anderen beteiligten Staaten ist die Taliban dann wieder an die Macht gekommen.
Pauline Jäckels: Wie ist die Taliban überhaupt entstanden?
Emran Feroz: Ja, also die Taliban selbst sind,
Emran Feroz: in den 90er Jahren entstanden, in der Zeit des afghanischen Bürgerkrieges und
Emran Feroz: Talib bedeutet einfach nur Student, Taliban ist der persische Plural dafür und
Emran Feroz: das waren halt quasi religiöse Schüler von,
Emran Feroz: Madressen, also von Koranschulen.
Emran Feroz: Die es zuhauf gab im afghanisch-pakistanischen Raum.
Emran Feroz: Um aber wirklich auf die Entstehung der Taliban ernsthaft zurückzublicken,
Emran Feroz: muss man in die 80er Jahre zurück.
Emran Feroz: In den 80er Jahren war es, wie bereits erwähnt, so, dass die Sowjetunion dort,
Emran Feroz: Afghanistan besetzt hat.
Emran Feroz: Und es gab einen Krieg auf mehreren Ebenen. Es gab eigentlich meines Erachtens
Emran Feroz: nach auch damals einen afghanischen Bürgerkrieg, weil hauptsächlich Afghaninnen
Emran Feroz: sich gegenseitig getötet haben.
Emran Feroz: Aber es gab halt dann diese höhere Ebene und zwar den Stellvertreterkrieg im
Emran Feroz: Zuge des Kalten Krieges.
Emran Feroz: Das heißt 1979 sind die Sowjets rein nach Afghanistan und haben dann dort quasi
Emran Feroz: ein Marionettenregime an die Macht gebracht. Es gab zuvor.
Emran Feroz: Auch in Afghanistan politische Umbrüche, die dazu geführt haben.
Emran Feroz: Erst war Afghanistan eine Monarchie, dann wurde es zu einer Republik.
Emran Feroz: Dann gab es so eine Situation, in der viele Ideologien das Land penetriert haben.
Emran Feroz: Das heißt, von links bis rechts und von militantem Islamismus bis hin zum Kommunismus war da alles da.
Emran Feroz: Ja und dann, irgendwann waren halt die Sowjets auch zu Weihnachten.
Emran Feroz: 1979 sind die einmarschiert.
Emran Feroz: Der Westen hat sich dann sehr schnell auf die Gegenseite gestellt.
Emran Feroz: Die Gegenseite waren halt hauptsächlich die sogenannten Mujahedin,
Emran Feroz: also auch islamistische Rebellen, die aber damals neu in Erscheinung getreten
Emran Feroz: sind und die auch massiven Zulauf erst hatten, aufgrund der sowjetischen Gewalt,
Emran Feroz: die dort wirklich viele Menschen vertrieben hat, viele Menschen gehötet hat und so.
Emran Feroz: Also ansonsten beinahe ich in vielerlei Hinsicht die Ideologie,
Emran Feroz: die Ideologien, also Mehrzahl
Emran Feroz: der Mujahedin, etwas mit dem viele Afghanen, die zwar sehr traditionell und
Emran Feroz: konservativ sind, aber trotzdem mit diesen spezifischen Ideologien nicht viel anfangen konnten.
Emran Feroz: Die waren aber da und wurden dann dadurch stärker. Viele junge Burschen,
Emran Feroz: die damals gekämpft haben, die gehörten dann zum Teil einigen bestimmten Mujahedin-Fraktionen an.
Emran Feroz: Später waren eigentlich diese Typen dann auf einmal bei den Taliban.
Emran Feroz: In den 80ern war es aber so, dass man sich überhaupt nicht dafür interessiert
Emran Feroz: hat, aus westlicher Sicht, aus amerikanischer Sicht, aus deutscher Sicht,
Emran Feroz: aus englischer, britischer Sicht.
Emran Feroz: Man hat sich nicht dafür interessiert, was eigentlich in Afghanistan passiert,
Emran Feroz: nachdem der Kalte Krieg vorbei ist.
Emran Feroz: Man hat einfach nur Waffen geliefert und zwar zum Teil auch,
Emran Feroz: also es gab auch sehr moderate Mujahideen-Fraktionen zum Beispiel, die eher einfach,
Emran Feroz: traditionelle, konservative Ansichten pflegten und da jetzt nicht den Mega-Gottes-Staat
Emran Feroz: wollten oder irgendwas, sondern die einfach gesagt haben, naja,
Emran Feroz: das sind die Besatzer, die machen dieses und jenes, wir wollen die nicht haben,
Emran Feroz: die haben uns verjagt und wir bekämpfen sie.
Emran Feroz: Aber es gab auch sehr radikale Fraktionen und Ronald Reagan,
Emran Feroz: der damalige US-Präsident, der war eigentlich sehr begeistert von den Radikalsten.
Emran Feroz: Und der hat sie gleichgestellt mit den Gründungsvätern der USA.
Emran Feroz: Er hat gesagt, dass zum Beispiel, da gibt es eine Anekdote über Jalaluddin Haqqani,
Emran Feroz: einer der bekanntesten Taliban-Führer und damals auch einer der bekanntesten Mujahideen-Führer,
Emran Feroz: der wurde von US-Akteuren als das personifizierte Gute bezeichnet.
Emran Feroz: Und da ist es natürlich schon interessant zu sagen, okay, wie kann es sein,
Emran Feroz: dass dieser Typ erstmal so charakterisiert wird und dann 20 Jahre später macht
Emran Feroz: man aus ihm quasi den Teufel und bekämpft ihn.
Emran Feroz: Und dann war es halt so, dass 1989 die Sowjets abgezogen sind.
Emran Feroz: Es gab ein bis zwei Millionen afghanische Tote und der Krieg ging aber weiter.
Emran Feroz: Während hier die Berliner Mauer fiel und der eiserne Vorhang weg war,
Emran Feroz: ging hier gegen Afghanistan der Krieg weiter bis 1992, weil diese ganzen Mujahedin-Fraktionen,
Emran Feroz: die waren ja immer noch da.
Emran Feroz: Und die haben gesagt, naja, was bringt uns jetzt der Fall der Berliner Mauer irgendwo?
Emran Feroz: Also wir sind doch hier, Kabul ist noch nicht in unserer Hand,
Emran Feroz: wir müssen doch Kabul erobern. Weil das kommunistisch-sowjetische Klientelregime
Emran Feroz: in Kabul konnte sich halt bis 1992 halten.
Emran Feroz: Und einer der Gründe dafür war, weil Moskau die weiterhin unterstützt hat.
Emran Feroz: Und dann 1992 fiel dieses Regime, also das war das Regime von Mohamed Najibullah.
Emran Feroz: Und die Mujahedin nahmen Kabul ein, aber sie fingen an, einander zu bekämpfen.
Emran Feroz: Sie fingen an, einander zu bekämpfen und Afghanistan fiel in diesen Bürgerkrieg
Emran Feroz: wirklich nochmal, nicht nur zurück, sondern diese Warlords haben dann angefangen,
Emran Feroz: so das Land unter sich aufzuteilen.
Emran Feroz: Irgendwann tauchten die Taliban auf, weil viele dieser Leute,
Emran Feroz: die da erst nicht mitgekämpft haben.
Emran Feroz: Zum Beispiel Mullah Omar, der damals sehr jung war, die haben das Ganze so verfolgt
Emran Feroz: und beobachtet und haben gesagt, nee, wir machen da nicht mehr mit,
Emran Feroz: wir wollen diese Warlords entmachten.
Emran Feroz: Und deshalb war es dann paradoxerweise so, dass vor allem in der Anfangszeit
Emran Feroz: der Taliban, als sie das gemacht haben, natürlich nicht ohne ausländische Unterstützung,
Emran Feroz: auch hier gab es immer noch ausländische Akteure, die die ganze Zeit präsent
Emran Feroz: waren, Auf allen Seiten.
Emran Feroz: Bei den Taliban war das vor allem Pakistan und damals dann noch Saudi-Arabien
Emran Feroz: und die Vereinigten Staaten.
Emran Feroz: Das waren so die Staaten, die damals die Taliban unterstützt haben,
Emran Feroz: aber hauptsächlich war es Pakistan. Natürlich Pakistan grenzt an Afghanistan.
Emran Feroz: Der pakistanische Geheimdienst ISI gehört zu den wichtigsten Akteuren in Afghanistan
Emran Feroz: und auch zu den mysteriösesten.
Emran Feroz: Und auch die Amerikaner haben damals beim Aufstieg der Taliban in den 90er Jahren
Emran Feroz: erstmal das Ganze so ein bisschen wohlwollend beobachtet, weil sie einfach nur
Emran Feroz: geschaut haben, wer sind die Leute auf der Gegenseite.
Emran Feroz: Und für die Menschen vor Ort war es erstmal so, bevor das Taliban-Regime entstanden
Emran Feroz: ist, also während der Verjagung dieser Warlords, haben das viele gar nicht so schlecht gefunden.
Emran Feroz: Die haben das beobachtet und haben gesagt, geht's doch gut, was da passiert.
Emran Feroz: Dann haben sie ihre eigene Schreckensdiktatur errichtet in diesen Formen,
Emran Feroz: über die man dann halt später immer gehört hat.
Emran Feroz: Also ein sehr frauenfeindliches Regime.
Emran Feroz: Genau, dann halt einfach auch generell in vielerlei Hinsicht,
Emran Feroz: also ich würde nicht nur sagen frauenfeindlich, natürlich sehr stark,
Emran Feroz: aber auch menschenfeindlich in dem Sinn,
Emran Feroz: Dass du halt dann wirklich diese ganzen Szenen hattest in irgendwelchen Fußballstadien,
Emran Feroz: Hinrichtungen und so weiter und so fort. Also auch wirklich nicht die Duldung
Emran Feroz: von irgendwelchen anderen politischen Kräften, von irgendwelchen anderen Meinungen.
Emran Feroz: Also da wurde wirklich alles beiseite geschoben und ausgelöscht, was nicht gepasst hat.
Emran Feroz: Und du hattest dann halt ein sehr brutales Schreckensregime in einem extrem
Emran Feroz: armen Land, in dem zum damaligen Zeitpunkt schon seit über 25 Jahren Krieg geherrscht hat.
Pauline Jäckels: Das heißt, das Taliban-Regime hat sich etabliert aus diesem Post-Kalten-Kriegsszenario
Pauline Jäckels: im Kampf gegen die Warlords.
Pauline Jäckels: Die haben irgendwie eine Art von anderer Stabilität gebracht und haben das Land dominiert.
Pauline Jäckels: Und dann kam die US- und NATO-Militärpräsenz, die sie wieder zurückgedrängt haben.
Pauline Jäckels: Aber sie konnten ja trotzdem irgendwo ihre Macht offenbar so weit aufrechterhalten,
Pauline Jäckels: dass sie dann unmittelbar diese Macht beim US-Abzug wieder zurückgewinnen konnten.
Pauline Jäckels: Wie hat das funktioniert? Wie hat sie diese Macht aufrechterhalten?
Emran Feroz: Naja, es gab verschiedene Gründe, glaube ich, die dazu geführt haben.
Emran Feroz: Und zwar, zum einen hat man diese Taliban-Führer entmachtet und verjagt,
Emran Feroz: aber man hat es auch zugelassen, dass sie sich neu strukturieren können.
Emran Feroz: Warum das so war, wie gesagt, man hat halt auch den Feind gebraucht irgendwo,
Emran Feroz: damit der Krieg weiterläuft.
Emran Feroz: Man hat aber auch sehr viele Fehler gemacht und ich würde sagen,
Emran Feroz: das waren dann nicht nur Fehler oftmals, sondern es war auch Willkür,
Emran Feroz: es war Desinteresse, man hat einfach wirklich ganze Bevölkerungsstriche.
Emran Feroz: Und bombardiert und benachteiligt und was weiß ich was alles,
Emran Feroz: sodass diese Menschen gefundenes Fressen waren für die Taliban.
Emran Feroz: Also die mussten dann nicht viel machen. Und man kann das immer sehr gut veranschaulichen,
Emran Feroz: zum Beispiel nach solchen Luftangriffen. Also es wird zum Beispiel irgendeine
Emran Feroz: Hochzeitsgesellschaft angegriffen oder irgendeine Beerdigung.
Emran Feroz: Alles irgendwie Leute, die gar nichts mit den Taliban zu tun haben.
Emran Feroz: Alles aber auch Leute in der Peripherie. Also das sind auch Leute,
Emran Feroz: in Afghanistan herrscht auch sehr viel innerafghanischer und innergesellschaftlicher Rassismus.
Emran Feroz: Sodass halt auch die Leute in Kabul sich gar nicht interessieren,
Emran Feroz: wegen welcher Leute in Paktia oder Kandahar oder in Khos oder sonst wo.
Emran Feroz: Alles mehrere Stunden entfernt von der Hauptstadt.
Emran Feroz: Und nach solchen Angriffen kam
Emran Feroz: dann sofort auch immer die Propaganda zum Einsatz, sodass die NATO und Co.
Emran Feroz: Behaupteten, ja, wir haben nur die Bösen getötet, das waren alles Terroristen,
Emran Feroz: und gleichzeitig sind halt die Taliban dann dort irgendwie hin und haben halt
Emran Feroz: den Opfern Geld gegeben und gesagt, naja, hier, ihr könnt jetzt eure Opfer beerdigen,
Emran Feroz: und wenn ihr wollt, ja, kämpft für uns, weil ihr seht ja, was hier mit euch passiert.
Emran Feroz: Also ich habe auch Taliban-Kommandanten damals in diesen Jahren interviewt,
Emran Feroz: die meinten dann so Sachen wie, wir müssen eigentlich gar nichts tun,
Emran Feroz: wir warten einfach so auf den nächsten Angriff und dann kommen die Rekruten von selbst.
Emran Feroz: In der Zeit, in der keine Angriffe stattgefunden haben, hatten sie es immer
Emran Feroz: sehr schwer, Rekruten zu finden.
Emran Feroz: Und dann war es aber auch so, dass du, wie gesagt, diesen korrupten Apparat
Emran Feroz: hattest, der einfach in seiner Korruption so deutlich war.
Emran Feroz: Viele Menschen verschreckt hat. Also die Taliban waren von der Macht in Kabul
Emran Feroz: weg, aber ihre Macht in den ländlichen Regionen war immer da.
Emran Feroz: Du hast Leute getroffen, die also wirklich ganz normale Bauern und so,
Emran Feroz: die zum Beispiel dir dann gesagt haben, ja, ich gehe lieber zum Taliban-Gericht,
Emran Feroz: weil ich gehe nicht zum offiziellen Gericht. Die sind korrupt, die wollen Geld.
Emran Feroz: Taliban sind nicht korrupt, die wollen kein Geld, die lösen das Problem viel
Emran Feroz: schneller und das ist auch alles islamisch richtig und so weiter.
Emran Feroz: Und da gab es halt schon, also natürlich gab es da immer mehr und mehr Unterstützung
Emran Feroz: und immer mehr Unmut und die Taliban konnten das immer gut für sich instrumentalisieren.
Emran Feroz: Und jetzt, um auf deine Eingangsfrage ganz am Anfang zurückzugehen,
Emran Feroz: wie das halt auch war mit der Regierung in Kabul, rückblickend kann man sagen,
Emran Feroz: die Taliban waren 20 Jahre lang eine festere Einheit als die Regierung in Kabul.
Emran Feroz: Die Regierung in Kabul hat sich aufgrund dieser verschiedenen Interessen,
Emran Feroz: die die ganzen Akteure dort hatten, immer wieder gezankt, so dass du am Ende
Emran Feroz: sogar zwei Leute hattest, die beide gleichzeitig behauptet haben,
Emran Feroz: sie seien Präsidenten des Landes.
Emran Feroz: Einmal Ashtafrani und einmal Abdullah Abdullah, beide vom Westen unterstützt.
Pauline Jäckels: Das heißt, der Westen hat quasi mit dem Argument, wir wollen die Taliban bekämpfen,
Pauline Jäckels: eine Art künstliches Regime dort eingesetzt, unterstützt, das aber eben nie
Pauline Jäckels: wirklich seine Wurzeln dort genuin hat.
Pauline Jäckels: In Afghanistan und gleichzeitig aber auch durch die Militärintervention die
Pauline Jäckels: Taliban quasi zugefüttert die ganze Zeit und sie dann nochmal stark gemacht.
Pauline Jäckels: Kommen wir jetzt mal zum US-Abzug dann 2021.
Pauline Jäckels: Also die US-Regierung unter Joe Biden hat dann im Mai angekündigt,
Pauline Jäckels: sich aus Afghanistan bis September dieses Jahres zurückzuziehen.
Pauline Jäckels: Wollte Biden jetzt nicht länger die Demokratie und anhaltenden Frieden in Afghanistan fördern?
Pauline Jäckels: Also warum hat jetzt, um es noch mal weniger zynisch zu sagen,
Pauline Jäckels: die USA jetzt quasi sein strategisches Interesse an dem Land verloren und gesagt,
Pauline Jäckels: wir ziehen uns da zurück.
Emran Feroz: Biden hat nur das fortgeführt, was Donald Trump in seiner ersten Amtszeit angefangen
Emran Feroz: hatte und was auch zuvor schon in Teilen von der Obama-Administration gestartet
Emran Feroz: wurde. Und zwar, also es war noch in der Obama-Zeit, als Gesprächskanäle zu
Emran Feroz: den Taliban geöffnet wurden.
Emran Feroz: Und da haben die Taliban dann auch ihr Verbindungsbüro in Qatar eröffnet,
Emran Feroz: damals. Das war vor zwölf Jahren, 13 Jahren sowas.
Emran Feroz: War ein großer Skandal für viele, weil auf einmal hattest du die diplomatische
Emran Feroz: Taliban-Stelle in Katar, die ganz offiziell da war und da war die afghanische
Emran Feroz: Regierung in Kabul dann sehr verärgert, weil die Taliban halt ihre Flagge dort gehisst haben und,
Emran Feroz: also in Katar, in Doha und ja, aber dieser Gesprächskanal wurde eröffnet,
Emran Feroz: weil schon damals die Amerikaner immer mehr sich in diese Richtung bewegt haben,
Emran Feroz: ja, wir müssen das irgendwie, den Krieg mit Diplomatie vielleicht beenden.
Emran Feroz: Donald Trump hat das dann ein bisschen ernster genommen, weil er gesagt hat,
Emran Feroz: das ist der longest war of the US history und der sieht so schlecht aus.
Emran Feroz: Also hier in der amerikanischen Öffentlichkeit, wäre gut, wenn ich diesen Krieg beende.
Emran Feroz: Also so Sachen, die Trump jetzt auch die ganze Zeit immer abzieht, hat er da angefangen.
Emran Feroz: Und das war so sein Hauptprojekt. Also ich beende den längsten Krieg und werde dann wiedergewählt.
Emran Feroz: Und er hat dann aber den Fehler gemacht, der eigentlich uns alle bis heute verfolgt.
Emran Feroz: Er hat nämlich die Bonn-Konferenz spiegelverkehrt eigentlich durchgeführt.
Emran Feroz: Also er hat alle ausgeschlossen, nur die Taliban nicht, verstehst?
Emran Feroz: Also viele wollten halt, dass in Afghanistan ein echter innerafghanischer Dialog
Emran Feroz: stattfindet mit all diesen Akteuren, also dass auch Kriege und Kriegsverbrechen
Emran Feroz: und so weiter, dass das alles irgendwie aufgearbeitet wird,
Emran Feroz: und dass da ein ehrlicher Versöhnungsprozess stattfindet.
Emran Feroz: Und das wäre halt nur gegangen mit allen Akteuren, also ist ja klar.
Emran Feroz: Aber Donald Trump, der wollte das alles schnell, schnell machen und hat dann
Emran Feroz: einfach die Taliban an den Tisch geholt und alle anderen rausgekickt.
Emran Feroz: Also das ist schon, auch heute, wenn man das nochmal so betont,
Emran Feroz: das ist schon verrückt, weil die offizielle afghanische Regierung in Kabul war,
Emran Feroz: der Hauptverbündete der Amerikaner, die wurden ja von denen aufgebaut und,
Emran Feroz: die saßen in der UN und überall, also das war der Hauptkooperationspartner,
Emran Feroz: Man hat ja nicht die Taliban anerkannt, sondern die offizielle Regierung,
Emran Feroz: die man mit westlichen Geldern dort ausgestattet hat und aufgebaut hat.
Pauline Jäckels: Warum? Welcher Logik folgt das?
Pauline Jäckels: Einfach so ein, man will sich mit den ganzen Nuancen dieser Sache nicht auseinandersetzen
Pauline Jäckels: und sagt jetzt, okay, die Taliban...
Pauline Jäckels: Sind auch okay?
Emran Feroz: Ein richtiger Versöhnungsprozess hätte Jahre wahrscheinlich gedauert.
Emran Feroz: Der würde vielleicht bis heute noch gehen, dass man dann Komptomiss findet.
Emran Feroz: Man muss bedenken, in diesem Land hat fast ein halbes Jahrhundert Krieg geherrscht.
Emran Feroz: Da gibt es viel zu besprechen, viel zum Aufarbeiten und viele Emotionen auch,
Emran Feroz: aber auch viele Zahlen und Fakten, die da wirklich dann genannt werden müssen.
Emran Feroz: Das wäre nicht so schnell gegangen.
Emran Feroz: Und natürlich, also jeder hätte da irgendwie sein Fett abbekommen.
Emran Feroz: Und mit diesem Deal hat Trump aber vor allem gezeigt, er will einfach schnell
Emran Feroz: raus, we just want to get out, tschüss, das interessiert uns alles nicht.
Emran Feroz: Und so hat er es gemacht und das war halt,
Emran Feroz: komplett im Interesse der Taliban.
Pauline Jäckels: Was ja nochmal irgendwie so diese absolute imperiale Gewalt,
Pauline Jäckels: Arroganz und Gleichgültigkeit so gleichzeitig, Dass man, wie gesagt,
Pauline Jäckels: wir gehen da rein aus unseren Interessen.
Pauline Jäckels: Wir tun so, als ging es uns um die Menschen und Demokratie und den Kampf gegen
Pauline Jäckels: Terrorismus. Eigentlich geht es um was anderes.
Pauline Jäckels: Und dann, wenn es uns jetzt gerade nicht mehr passt, weil das ist teuer und
Pauline Jäckels: es gefällt unserer Bevölkerung nicht, gehen wir jetzt einfach raus und hinterlassen einen...
Pauline Jäckels: Scherbenhaufen ist fast zu milde gesagt.
Emran Feroz: Ja, also es ist wirklich imperiale Logik in Reinform.
Pauline Jäckels: Wir erinnern uns ja auch alle an die Bilder, die anstanden sind,
Pauline Jäckels: als der Abzug dann vollzogen wurde.
Emran Feroz: Richtig. Also das war halt so der amerikanische Saigon-Moment in Kabul,
Emran Feroz: wie ich glaube ich auch irgendwo geschrieben habe.
Emran Feroz: Also diese Bilder haben so viel für sich gesprochen, sprechen so sehr bis heute
Emran Feroz: für sich, dass man da halt nichts beschönigen kann.
Emran Feroz: Es war reine imperiale Logik, es war alles nur an Interessen gebunden,
Emran Feroz: es ging nie um Frauenrechte, Menschenrechte, Demokratie.
Emran Feroz: Es war einfach ein ganz ekliges Spiel, kann man sagen und es geht weiter bis heute.
Emran Feroz: Das geht weiter, weil du siehst einmal so den Umgang mit den Taliban,
Emran Feroz: auch auf dem internationalen Parkett immer mehr,
Emran Feroz: aber du siehst auch, wie diese ganzen, also viele der Menschen,
Emran Feroz: die evakuiert worden sind, vor allem von den Amerikanern,
Emran Feroz: Die Amerikaner wurden erstmal gelobt, weil sie im Vergleich zu Deutschland und
Emran Feroz: anderen Staaten wirklich viele Menschen evakuiert haben und gesagt haben,
Emran Feroz: okay, das sind so unsere Verbündeten und die lassen wir jetzt nicht zurück.
Emran Feroz: Es gab natürlich auch im amerikanischen Apparat, bis heute gibt es viele Leute,
Emran Feroz: die da nicht wie Trump denken, sondern die mehr halt dieses Comradeship haben
Emran Feroz: und sagen, hey, wir waren dort, wir wollten da anpacken, es hat halt nicht funktioniert.
Emran Feroz: Wir haben auch viele Fehler gemacht, aber wir lassen unsere Freunde nicht zurück.
Emran Feroz: Und die haben dann viele rausgeholt. Mittlerweile ist es aber so,
Emran Feroz: dass die meisten dieser Menschen, ich schreibe auch dazu viel und stehe mit
Emran Feroz: vielen dieser Menschen in Kontakt, die haben Angst vor ICE, also vor den Trump-Gehörden,
Emran Feroz: und haben auch Angst davor, dass demnächst.
Emran Feroz: Ihre Visa und so weiter nicht verlängert werden, dass sie abgeschoben werden
Emran Feroz: und vieles deutet leider auch in diese Richtung.
Pauline Jäckels: Und Deutschland, wie hat sich Deutschland verhalten? Ich meine,
Pauline Jäckels: wir erinnern uns ja alle an die Bilder, um sie nochmal explizit zu nennen,
Pauline Jäckels: von dem Tag des US-Abzuges und dem Vorrücken der Taliban, wo sich Leute...
Pauline Jäckels: An Flugzeuge herangehängt haben, einfach nur, um nicht quasi in die Fänge der Taliban zu kommen.
Emran Feroz: Ja, also Deutschland, finde ich, verhält sich leider in vielerlei Hinsicht noch
Emran Feroz: mal schlechter als alle anderen, die da irgendwie dabei waren.
Emran Feroz: Und auch in dieser Sache mit den Evakuierungen war es halt so.
Emran Feroz: Also wir haben ja das gesehen in den letzten Jahren, gesehen,
Emran Feroz: dass bis heute die Bundesregierung schmückt sich zwar damit,
Emran Feroz: dass sie so viele, also x Menschen aus Afghanistan mittlerweile nach Deutschland
Emran Feroz: geholt hat, Aber es ändert nichts,
Emran Feroz: an der Tatsache, dass viele weiterhin dort sind, dass viele weiterhin mit der
Emran Feroz: Bundeswehr oder mit anderen deutschen Institutionen gearbeitet haben,
Emran Feroz: mit Regierungsorganen und so weiter und mit Medien auch,
Emran Feroz: die dort weiterhin zurückgelassen wurden,
Emran Feroz: entweder dort oder halt in Pakistan.
Emran Feroz: Und die deutsche Bürokratie war von Anfang an einfach halt typisch deutsch, würde ich sagen.
Emran Feroz: Wie gesagt, ich habe das oft auch aufgegriffen, diesen Vergleich.
Emran Feroz: Die Amerikaner waren da bürokratisch wirklich viel flexibler und haben es dann
Emran Feroz: zumindest geschafft, viele Menschen in Zwischenstaaten anzusiedeln und von dort
Emran Feroz: aus weiterhin sich hier da anzunehmen.
Emran Feroz: Das alles wurde jetzt auch in der zweiten Amtszeit von Trump eingestampft,
Emran Feroz: bedauerlicherweise, aber Deutschland hat halt da wirklich nochmal sich sehr
Emran Feroz: unflexibel gezeigt und man hat das auch gesehen mit dem Umgang. Also ja.
Pauline Jäckels: Und wir wissen ja auch inzwischen durch Medienrecherchen, dass das BMI spezifisch,
Pauline Jäckels: also das Bundesinnenministerium teilweise blockiert hat, dass überhaupt Leute
Pauline Jäckels: aus Afghanistan herkommen können,
Pauline Jäckels: wo man vermuten kann, dass es hier auch ideologische Gründe gibt.
Emran Feroz: Absolut. Also ich würde auch sagen, dass das Auswärtige Amt sich da mehr angestrengt
Emran Feroz: hat im Vergleich zum BMI.
Emran Feroz: Ich habe auch Leute gehört, die ganz klar gesagt haben, naja,
Emran Feroz: das BMI will einfach nicht, dass mehr Leute mit Bart und Kopftuch hier reinkommen
Emran Feroz: ins Land und die AfD dann an die Macht kommt.
Emran Feroz: Und deshalb wird das halt aktiv blockiert. Und die Auswirkungen dieser Blockade
Emran Feroz: sind halt fürchterlich.
Emran Feroz: Also es wurden zum Beispiel viele afghanische Geflüchtete in den letzten zwei
Emran Feroz: Jahren aus Pakistan nach Afghanistan abgeschoben und unter denen befanden sich
Emran Feroz: auch Leute, die halt einfach dort die ganze Zeit auf ihr deutsches Visa gewartet haben.
Pauline Jäckels: Und jetzt sehen wir natürlich noch ein anderes Interesse, was sich da gerade
Pauline Jäckels: ausbreitet zwischen Deutschland und Afghanistan, beziehungsweise der Taliban-Regierung,
Pauline Jäckels: nämlich Abschiebungen voranzutreiben.
Emran Feroz: Genau, also die Taliban kriegen das halt leider die ganze Zeit strategisch gut
Emran Feroz: hin, den Westen für ihre Zwecke zu instrumentalisieren, sowohl damals mit Trump
Emran Feroz: als auch jetzt mit den ganzen Abschiebungen und so.
Emran Feroz: Und dadurch, also es ist halt so, man muss das nochmal festhalten.
Emran Feroz: Die Art und Weise, wie die Taliban in Afghanistan regieren, ist einzigartig,
Emran Feroz: auch unter vielen anderen, sag ich mal, islamistisch-autoritären Diktaturen und so.
Emran Feroz: Also das, was die dort machen, also es gibt keine Schulbildung für Mädchen,
Emran Feroz: also Oberstufenschulbildung, seit der Rückkehr der Taliban ist das verboten,
Emran Feroz: das ist Universitätsbildung für Mädchen und Frauen seit Ende 2022.
Emran Feroz: Es gibt generell aber auch, das kommt dann zu kurz in diesen Bildungsdiskursen,
Emran Feroz: aber das ganze Bildungssystem wurde umgekrempelt, talibanisiert.
Emran Feroz: Es gibt einen Index mit vielen Büchern, die die Taliban haben verbieten lassen.
Emran Feroz: Es gibt absolute Medienkontrolle, Journalisten werden bedroht.
Emran Feroz: Menschenrechtsaktivismus, also es gibt, du kannst in Afghanistan gar nicht mehr
Emran Feroz: so Menschenrechtsaktivismus machen, also im Großen und Ganzen ist der Status
Emran Feroz: Quo einfach fürchterlich und das interessiert aber,
Emran Feroz: die verantwortlichen Staaten, die da irgendwie für das Ganze mitverantwortlich
Emran Feroz: sind, also der Abzug, der Fall der Regierung, alles was da passiert ist,
Emran Feroz: das betrifft auch Deutschland,
Emran Feroz: das interessiert die nicht, stattdessen sagen die halt jetzt mehr oder weniger,
Emran Feroz: die Taliban, die sind halt irgendwie da und wir müssen mit denen verhandeln,
Emran Feroz: war ja so wieder so, wir müssen mit denen verhandeln und wir müssen das irgendwie.
Emran Feroz: Pragmatisch angehen, was auf den ersten Blick vielleicht gar nicht so schlecht
Emran Feroz: klingt, aber ich habe ein großes Problem damit, dass dieses pragmatisch angehen,
Emran Feroz: da heißt es irgendwie nicht so, okay, wir reden mit den Taliban,
Emran Feroz: um irgendwie ihren Kurs zu ändern oder wir üben Druck aus, damit,
Emran Feroz: also es gibt humanitäre Hilfe,
Emran Feroz: Afghanistan ist weiterhin von ausländischen Geldern abhängig,
Emran Feroz: es gibt auch andere Hilfe, aber ihr müsst halt dieses und jenes machen,
Emran Feroz: es gibt hier einfach Sachen, die können wir so nicht tolerieren und auch der
Emran Feroz: Umgang mit der politischen Opposition und so weiter.
Emran Feroz: Also das alles steht nicht zur Debatte, obwohl zum Beispiel die Kanäle in Doha,
Emran Feroz: in Katar, eigentlich dafür errichtet worden waren, dass man über diese Dinge spricht.
Emran Feroz: Aber stattdessen werden diese Kanäle, so wie ich das sehe, nur noch für Abschiebungen missbraucht.
Emran Feroz: Und das ist halt ein perfides Spiel und die Taliban, die wissen ganz genau,
Emran Feroz: wie sie das für sich instrumentalisieren können und die waren auch letztens
Emran Feroz: hier in Brüssel und immer mehr EU-Staaten wollen eigentlich mit denen kooperieren.
Emran Feroz: Dieser fünfte Jahrestag des Abzugs der NATO und der US-Truppen und der Rückkehr
Emran Feroz: der Taliban ist für die Taliban selbst natürlich ein sehr wichtiger Tag,
Emran Feroz: weil auch ihr erstes Regime fünf Jahre gehalten hat ungefähr.
Emran Feroz: Also die sind auch ein bisschen nervös, dass es diesmal vielleicht wieder ein
Emran Feroz: frühes Ende nehmen wird.
Emran Feroz: Aber ich würde sagen, aktuell spricht halt wirklich nichts dafür.
Emran Feroz: Also die sind da, die sind fest im Sattel.
Emran Feroz: Sie gehen auch brutal vor. Wir haben letztens vor ein paar Wochen gesehen,
Emran Feroz: wie in Herat Frauenproteste ziemlich brutal niedergeschlagen worden sind.
Emran Feroz: Auch in anderen Regionen gibt es da wirklich massive Unterdrückung.
Pauline Jäckels: Also es gibt aber Proteste. Kannst du vielleicht da nochmal ein bisschen drauf
Pauline Jäckels: eingehen, auch wenn die jetzt fest im Sattel sind, es gibt Opposition im Land.
Pauline Jäckels: Wie sieht die aus? Ist die organisiert? Wer sind diese Menschen?
Pauline Jäckels: Siehst du darin Hoffnung?
Emran Feroz: Also ich sehe mehr Hoffnung in einer zivilgesellschaftlichen Opposition als
Emran Feroz: in einer bewaffneten militärischen,
Emran Feroz: die sehr schwach vorhanden ist, die aber auch dominiert wird von diesen ganzen
Emran Feroz: Warlord-Leuten von früher und die aber auch sehr schwach ist.
Emran Feroz: Also die Taliban der 90er Jahre hatten Opposition, die vom Krieg gestählt war, würde ich mal sagen.
Emran Feroz: Also da gab es halt einfach Kämpfer auf der anderen Seite, die die ganze Zeit
Emran Feroz: auch gegen die Russen gekämpft haben, im Bürgerkrieg gekämpft haben und die
Emran Feroz: konnten den Taliban schon was entgegensetzen. Zum Teil, zum Beispiel in der
Emran Feroz: Region Pansher im Norden des Landes, Das war so bekannt als Antitaliban-Hochbog.
Emran Feroz: Ist es mittlerweile nicht mehr, haben die Taliban sofort eingenommen,
Emran Feroz: weil halt die damaligen Kämpfer, die gibt es heute so nicht mehr.
Emran Feroz: Viele sind weg oder auch die alten Garten, die haben sich bereichert.
Emran Feroz: Man kann wirklich auch ein bisschen so stereotypisch sagen, die haben sich vollgefressen.
Emran Feroz: Und können gar nicht mehr kämpfen.
Emran Feroz: Und die, die es da noch gibt, das sind wirklich Scharmützel.
Emran Feroz: Das sind keine großen Anti-Taliban-Operationen. Und einer der Gründe dafür ist
Emran Feroz: auch, weil es keine ausländische Unterstützung gibt.
Emran Feroz: Die Geschichte Afghanistan hat immer gezeigt, egal welche Zentralregierung du
Emran Feroz: hast in Kabul, du brauchst auf der Gegenseite bewaffnete Oppositionen,
Emran Feroz: die logistisch und so weiter halt vom Ausland, von irgendeinem ausländischen
Emran Feroz: Akteur unterstützt wird.
Emran Feroz: Und dadurch, dass auch die ganze Region irgendwo kriegsmüde ist,
Emran Feroz: gibt es halt diese Unterstützung so nicht.
Emran Feroz: Und deshalb gibt es halt hauptsächlich noch zivilgesellschaftlichen Widerstand,
Emran Feroz: der auf jeden Fall da ist, der sich organisiert, also nicht nur durch Frauen,
Emran Feroz: auch durch Männer, durch junge Menschen, die in den letzten 20 Jahren sich da
Emran Feroz: sozialisiert haben in den Städten, die auch keinen Bock haben auf Taliban-Ideologie.
Emran Feroz: Das heißt jetzt nicht, dass sie irgendwie anti-islamisch oder so sind oder keine
Emran Feroz: Muslime sind. Das ist etwas, was man, glaube ich, auch immer betonen muss.
Emran Feroz: Viele konservative Afghanen und Afghaninnen sind gerade gegen die Taliban,
Emran Feroz: weil sie sagen, die Taliban handeln nicht nach dem Islam und nach den Vorschriften
Emran Feroz: und nach der Art und Weise, wie der Islam in Afghanistan gelebt werden sollte oder gelebt wurde.
Pauline Jäckels: Aufgrund ihrer Gewalt und Unterdrückung?
Emran Feroz: Gewalt, ja. Also es gibt ja verschiedene Formen von Gewalt. Aber zum Beispiel
Emran Feroz: dieses Bildungsverbot und Schulverbot, also Schul- und Universitätsverbot der Taliban.
Emran Feroz: Es gibt dafür keine islamische Begründung. Also du hast auch islamische Staaten,
Emran Feroz: islamische Kliniker aus anderen Regionen der Welt, die immer wieder versucht
Emran Feroz: haben, auf die Taliban hier zu schützen.
Emran Feroz: Also einzureden, aber es hat halt nicht geklappt.
Pauline Jäckels: Und auch eigentlich eine sehr starke islamische Tradition, die einen sehr hohen
Pauline Jäckels: Stellenwert, also die Bildung einen sehr hohen Stellenwert.
Emran Feroz: Das stimmt, aber hier gibt es auch ein interessantes Detail,
Emran Feroz: was man leider in vielen Analysen nicht hört.
Emran Feroz: Die Taliban beziehen sich auf den Deobandi-Islam, der zum Hanafittentum gehört.
Emran Feroz: Aber dieser Deobandi-Islam, der in Indien entstanden ist, ist eine reaktionäre
Emran Feroz: Auslegung, die halt eben dann auch viele frauenfeindliche Passagen hat und so weiter.
Emran Feroz: Und dieser Deobandi-Islam ist aber in reaktionärer Art und Weise damals während
Emran Feroz: des britischen Kolonialismus entstanden.
Emran Feroz: Also auch da gibt es halt Verbindungen, die zeigen, also diese Ideologie war
Emran Feroz: eine Reaktion auf die britische Kolonialherrschaft in Indien.
Emran Feroz: Und ich finde es immer lustig, wenn man dann irgendwo liest,
Emran Feroz: Steinzeit, Islam oder Mittelalter und so Zeug.
Emran Feroz: Nö, das ist alles eher eine modernere Erscheinung und das wissen halt viele nur nicht.
Pauline Jäckels: Also in der Vorbereitung habe ich versucht, in deutschen Medien Informationen
Pauline Jäckels: über die jetzige Situation in Afghanistan herauszufinden.
Pauline Jäckels: Und dabei ist mir aufgefallen, ich würde sagen so 97 Prozent,
Pauline Jäckels: ohne dass das jetzt gezählt hätte natürlich, der Berichte und Artikel,
Pauline Jäckels: die ich gesehen habe, handelten von der Unterdrückung der Frauen in Afghanistan.
Pauline Jäckels: Ich glaube, wir müssen gar nicht darüber reden, dass es total wichtig ist, darauf hinzuweisen.
Pauline Jäckels: Mir ist nur aufgefallen, dass es kaum andere Aspekte gibt, die überhaupt beleuchtet werden.
Pauline Jäckels: Was machst du daraus oder wie würdest du das einordnen?
Emran Feroz: Ja, es ist halt so, du hast halt hier ein sehr einfaches Narrativ,
Emran Feroz: was du dann bedienen kannst. Du kannst halt sagen, hey, schau mal,
Emran Feroz: diese wilden, bärtigen Typen unterdrücken die afghanischen Frauen und du hast
Emran Feroz: hier halt auch sehr schnell ein Narrativ mit einem klaren Bösewicht.
Emran Feroz: Ja, da kannst du viele Facetten einfach weglassen und das wird dann halt auch gemacht.
Emran Feroz: Also es ist leicht erzählt und ja, und natürlich wird dann auch noch oftmals
Emran Feroz: irgendwie gesagt, ja, wir waren ja dort, um die Frau zu retten,
Emran Feroz: aber es hat halt nicht geklappt und fertig.
Emran Feroz: Also viele dieser Facetten, die bleiben halt weg und,
Emran Feroz: Also du hast dann, wenn du das so vergleichst, also zum Beispiel Schulbildung
Emran Feroz: und Mädchenbildung generell in Afghanistan,
Emran Feroz: da gibt es zum Beispiel, also ich kann dir auch jetzt stundenlang darüber erzählen,
Emran Feroz: dass dort viele Geisterschulen errichtet worden sind mit westlichen Geldern
Emran Feroz: durch korrupte Offizielle, einfach nur,
Emran Feroz: ja, damit diese Leute sich bereichert haben und die haben dann halt gewusst,
Emran Feroz: okay, im Westen, da läuft das gut, wenn du denen erzählst, ihr habt eine Mädchenschule
Emran Feroz: errichtet, aber die Mädchenschule, die gibt es eigentlich gar nicht,
Emran Feroz: die gibt es nur auf dem Papier.
Emran Feroz: Oder das ist nur ein leerstehendes Gebäude, fragt eh niemand nach.
Emran Feroz: Hauptsache, irgendwer im Westen fühlt sich gut, ah, wir haben dort eine Mädchenschule errichtet.
Emran Feroz: Aber ich finde vor allem die Situation in Gaza, die du ja auch vorhin angesprochen
Emran Feroz: hast, die verdeutlicht halt nochmal diesen Kontrast und diese Heuchelei meines
Emran Feroz: Erachtens nach, weil du hast die ganze Zeit, wie du gesagt hast,
Emran Feroz: Berichte über die Situation von Mädchen und Frauen in Afghanistan und auch über
Emran Feroz: Mädchenbildung und so, Aber wenn in Gaza ganze Schulen und Universitäten plattgemacht werden.
Emran Feroz: Wenn du da jetzt mal schaust, wie viele deutschsprachige Berichte es dazu gibt,
Emran Feroz: wirst du halt nicht so viel finden.
Emran Feroz: Und das hat natürlich alles einen Grund. Und ich denke, in Afghanistan,
Emran Feroz: hat auch viel dieser sogenannte westliche imperialistische Feminismus in Erscheinung.
Emran Feroz: Also, dass du da halt einfach sehr gut als Held dich darstellen kannst.
Emran Feroz: Und nicht wirklich ein facettenreiches Bild, das du dann auch selber vielleicht
Emran Feroz: nicht so gut wegkommst, interessiert bist.
Pauline Jäckels: Und irgendwie verschleiert es auch, also so wichtig das ist,
Pauline Jäckels: immer wieder auch zu zeigen, was die Realität von Frauen in Afghanistan jetzt
Pauline Jäckels: gerade ist, weil das ist natürlich eine furchtbar erschütternde patriarchale
Pauline Jäckels: Gewalt, die wir dort sehen.
Pauline Jäckels: Ich glaube, von der auch alle, die einen Hauch Feminismus in sich haben wollen, dass sie endet.
Pauline Jäckels: Und trotzdem verschleiert das ja aber irgendwie auch dieser Fokus,
Pauline Jäckels: dieser alleinige Fokus darauf, komplett die ganzen im Prinzip imperialen Hintergründe, diese ganzen
Pauline Jäckels: historischen Gemengelage, die wir jetzt besprochen haben.
Emran Feroz: Ja genau, also wie gesagt, die radikalsten Kräfte, die genau viele dieser Dinge
Emran Feroz: unterstützt haben, wurden in den 80er Jahren vom Westen unterstützt.
Emran Feroz: Das ist einfach, das ist Fakt. Also du konntest, also viele dieser Leute konnten,
Emran Feroz: eine Tour machen durch Europa für ihre Sache und haben dann am Ende noch irgendwelche,
Emran Feroz: deutschen Politiker getroffen und das war jetzt kein Problem.
Emran Feroz: Also man hat auch, also das sind eben genau diese historischen Details,
Emran Feroz: über die man nicht sprechen will oder die man verdrängt. Es gibt aber auch viel
Emran Feroz: Unwissenheit mittlerweile, würde ich sagen. Viele wissen das auch gar nicht mehr.
Emran Feroz: Und ja, umso mehr muss man darauf hinweisen, aber umso weniger kann ich dann
Emran Feroz: halt viele dieser Debatten ernst nehmen, wenn ich sie irgendwo höre im Fernsehen
Emran Feroz: oder in irgendwelchen Talkshows und so.
Pauline Jäckels: Weil sie irgendwie nur so ein Abziehbild sind.
Emran Feroz: Ja, es ist halt sehr oberflächlich. Man muss auch bedenken, dass,
Emran Feroz: wenn wir nochmal beim Thema Medien sind,
Emran Feroz: auch was in den letzten 20 Jahren, 25 Jahren berichtet wurde aus Afghanistan,
Emran Feroz: wenn es dann irgendwie hieß, schaut mal, wir sind dort und dann siehst du irgendwie
Emran Feroz: eine Künstlerin in Kabul oder irgendwie eine Schriftstellerin oder irgendjemanden,
Emran Feroz: der da halt lebt und in irgendeiner Art und Weise von der damaligen Situation
Emran Feroz: vielleicht auch zum Guten profitiert hat.
Emran Feroz: Und da wurde das, das ist ja schön und gut, das ist auch eine erzählenswerte
Emran Feroz: Geschichte, aber oftmals war das Framing und der Kontext problematisch,
Emran Feroz: weil du hast halt dann zum Beispiel ein Fragment gehabt,
Emran Feroz: nicht mal aus Kabul, was für Kabul repräsentativ war, sondern nur für einen
Emran Feroz: Stadtteil oder so, oder für eine ganz gewisse Klasse.
Emran Feroz: Und dann hast du halt das hier her importiert über den Fernseher und die Leute
Emran Feroz: dachten sich dann, ah, guck mal, wir machen das hier ganz gut und das geht doch voran.
Emran Feroz: Aber das war keineswegs repräsentativ für die Situation der afghanischen Frau
Emran Feroz: im gesamten Land, verstehst?
Pauline Jäckels: Kannst du dir ein Szenario ausmalen, in dem dieses Regime in den nächsten fünf Jahren endet?
Pauline Jäckels: Also es gibt, ich habe verschiedene Berichte auch darüber gelesen,
Pauline Jäckels: dass die Macht des Regimes bröckelt aufgrund von wirtschaftlichen Schwierigkeiten und so weiter.
Pauline Jäckels: Genau, wie blickst du darauf, auf diese Diskussion?
Emran Feroz: Ja, also natürlich hat die Geschichte Afghanistans gezeigt, dass Regime sich
Emran Feroz: dort auch nicht lange halten können
Emran Feroz: und dass da sehr schnell irgendwelche Regimewechsel stattfinden können.
Emran Feroz: Aber ich denke halt, also bei allen Fällen, die es da gab in den letzten Jahrzehnten,
Emran Feroz: wenn man sich da anschaut, wie war die Gesamtsituation und was hat dazu geführt,
Emran Feroz: dann findest du halt Punkte, die eben genau dazu geführt haben.
Emran Feroz: Und hier in diesem Fall gibt es meines Erachtens nach sehr wenig.
Emran Feroz: Also die wirtschaftliche Situation haben die Taliban eher trotz der Verhältnisse,
Emran Feroz: zum Positiven gemeistert.
Emran Feroz: Also es gab vor ein paar Jahren einen Bericht im Economist, da wurde der Umgang
Emran Feroz: der Taliban mit der afghanischen Wirtschaft sogar gepriesen,
Emran Feroz: weil noch im Jahr zuvor alle dachten.
Emran Feroz: Da crasht jetzt alles ein. Also es ist vorbei dann.
Emran Feroz: Also der Afrani stürzt komplett ein und es wird eine totale Katastrophe geben und so.
Emran Feroz: Dazu ist es nicht gekommen. Natürlich ist die Situation schlecht.
Emran Feroz: Die wirtschaftliche Situation war auch in den Jahren zuvor schlecht,
Emran Feroz: obwohl so viele Milliarden da reingepumpt worden sind.
Emran Feroz: Aber ja, wirtschaftlich, also viele sind auch überrascht, wenn sie nach Afghanistan
Emran Feroz: gehen und sehen, wie viel da jetzt gebaut wird und wie viel die Taliban da machen,
Emran Feroz: auch an Infrastruktur und so.
Emran Feroz: Das hat auch übrigens einen Grund, wieso das mittlerweile läuft.
Emran Feroz: Man muss immer, also ich habe dann, ich höre das auch von anderen Afghanen,
Emran Feroz: die sagen dann so, ja ist doch gut, das läuft jetzt und so.
Emran Feroz: Es läuft, weil eine einzige Macht an den Machthebeln sitzt.
Emran Feroz: Früher war es halt so, du hast zum Beispiel ein Projekt, also wenn die NATO
Emran Feroz: irgendwelche Gelder reingepumpt hat oder Deutschland oder sonst wer.
Emran Feroz: Also on the ground war es dann so, dass irgendwelche Mini-Warlords,
Emran Feroz: irgendwelche Kommandanten und irgendwelche Politiker alle gesagt haben,
Emran Feroz: aber ich will mal ein Stück vom Kuchen.
Emran Feroz: Und dann ist dieses ganze Projekt irgendwie versandet und das Geld war auch
Emran Feroz: irgendwie weg. So war das halt.
Emran Feroz: Und jetzt ist es halt nicht so, weil du hast eine Hierarchie,
Emran Feroz: eine Macht, die extrem diktatorisch ist, aber die halt sowas durchzieht,
Emran Feroz: weil diese ganzen Spielereien, die in den letzten 20 Jahren gang und gäbe waren,
Emran Feroz: die finden so halt nicht mehr statt oder zumindest nicht in diesem Ausmaß.
Pauline Jäckels: Und in der Regime-Machtkämpfe?
Emran Feroz: Ja, also in der Regime-Machtkämpfe ist es halt auch so, dass vor allem die Gegenseite,
Emran Feroz: jahrelang immer propagiert hat, dass die Taliban irgendwie aus 20 Gruppen bestehen
Emran Feroz: würden und miteinander da kommen würden und so.
Emran Feroz: Hat sich alles als falsch entpuppt, hat man dann gesehen, als die die Macht
Emran Feroz: übernommen haben und waren halt wirklich massive Fehleinschätzungen.
Emran Feroz: Mittlerweile ist es so, es gibt Unstimmigkeiten, es gibt auch Taliban, also vor allem diese.
Emran Feroz: Ich nenne sie immer die PR-Taliban aus Katar, die mit dem Westen verhandelt haben.
Emran Feroz: Ich war auch in Katar damals. Das sind schon Leute, die, sag ich mal,
Emran Feroz: pragmatischer sind und moderater sind tatsächlich, ohne irgendwas verharmlosen zu wollen.
Emran Feroz: Aber das sind schon Leute, die irgendwie zum Beispiel nicht gegen Mädchenbildung sind und so weiter.
Emran Feroz: Natürlich, weil sie auch selber lange im Ausland gelebt haben und ihre eigenen
Emran Feroz: in die Schulen geschickt haben und alles, die sind da einfach ein bisschen weltgewandter
Emran Feroz: geworden, während die radikale Führung das nicht ist.
Emran Feroz: Die radikale Führung, also der Taliban-Führer Haibatullah und Sada,
Emran Feroz: der hat wahrscheinlich nie Pakistan und Afghanistan verlassen.
Emran Feroz: Der kennt, der war nur in dieser Region präsent und hat ein komplett anderes
Emran Feroz: Weltbild als viele dieser Taliban, die da halt diplomatisch irgendwie tätig waren.
Emran Feroz: Und Da gibt es natürlich schon Unstimmigkeiten und Zwist, aber die Taliban wissen
Emran Feroz: selber, dass ihre größte Stärke
Emran Feroz: ihre Einheit ist und die größte Schwäche dann der Zerfall sein würde.
Emran Feroz: Deshalb nicken die trotzdem alles ab und machen da halt mit.
Emran Feroz: Und ich denke, das wird sich sicher noch einige Jahre lang so halten.
Emran Feroz: Was da extern noch passiert, was andere Staaten jetzt noch machen,
Emran Feroz: wie die Region sich generell verändert, auch im Zuge des Irankrieges,
Emran Feroz: auch im Zuge der Situation mit Pakistan und so weiter.
Emran Feroz: Wenn es da wirklich zu irgendwelchen Changes kommen sollte, dann vielleicht
Emran Feroz: eher so aufgrund dieser ganzen Konstellation.
Emran Feroz: Aber auch da, ich glaube, ich bin nicht der Einzige, aber viele Leute,
Emran Feroz: die sich mit dem Land beschäftigen, die sind davon fast schon überzeugt,
Emran Feroz: dass dieses Regime wirklich deutlich länger bleiben wird,
Emran Feroz: im Vergleich zum ersten Mal.
Pauline Jäckels: Ich glaube, wir müssen jetzt doch nochmal ganz kurz darauf eingehen,
Pauline Jäckels: was ist denn die Situation in Pakistan?
Emran Feroz: Ja, die Situation mit Pakistan ist halt so, wir haben jetzt,
Emran Feroz: also Afghanistan befindet sich irgendwie im Krieg mit Pakistan,
Emran Feroz: weil es diese Durant-Linie gibt.
Emran Feroz: Und diese Durant-Linie, wie gesagt, sorgt immer wieder für Konflikte,
Emran Feroz: egal wenn Kabul regiert.
Emran Feroz: Sobald Pakistan sieht, dass Kabul nationalistische Töne spuckt und irgendwie,
Emran Feroz: dieses Gebiet zurückhaben will.
Emran Feroz: Also 1893 wurde die Durant-Linie gezogen und die ging durch afghanische Gebiete.
Emran Feroz: Das wurde aber vom damaligen afghanischen Herrscher, der von den Briten eingesetzt
Emran Feroz: wurde, gewollt so gemacht.
Emran Feroz: Dem war das halt egal. Das war auch ein brutaler Diktator, Amir Abdelrahman
Emran Feroz: Khan, der unter anderem einen Genozid durchgeführt hat an die Hazarder-Minderheit
Emran Feroz: im Land. Also ein ganz schlimmer Bursche, aber wurde halt von den Briten an die Macht gebracht.
Emran Feroz: Und dieser Typ hat die Grenze dann ziehen lassen und später ist aber der pakistanische Staat entstanden.
Emran Feroz: Das war ja damals noch britisch-Indien. Pakistan ist später entstanden.
Emran Feroz: Pakistan hat gesagt, wir akzeptieren diese Grenze und nehmen dieses Land.
Emran Feroz: Das gehört zu uns, fertig.
Emran Feroz: Und Afghanistan hat aber dann immer gesagt, nee, das ist unser Land,
Emran Feroz: wir wollen das zurückhaben.
Emran Feroz: Der Kolonialismus ist vorbei, bla bla bla.
Emran Feroz: Und das wird bis heute so gesagt. Also auch die Taliban sind da sehr regional,
Emran Feroz: nationalistisch zumindest und wollen halt diese Grenze nicht anerkennen.
Emran Feroz: Und deshalb sagt halt Pakistan, okay, wir...
Emran Feroz: Also hinter den Vorhängen ist klar, dass Pakistan halt dann wieder jegliche
Emran Feroz: Opposition unterstützt zu den Taliban.
Emran Feroz: Gleichzeitig wirft Pakistan den Taliban vor, Terroristen in Pakistan zu unterstützen.
Emran Feroz: Auch in Pakistan gibt es die Taliban, die TTP, die pakistanischen Taliban.
Pauline Jäckels: Die dort schon Bestrebungen eines Regimewechsels zu ihren Gunsten haben,
Pauline Jäckels: oder? Auch wenn die jetzt vielleicht nicht so realistisch sind gerade,
Emran Feroz: Aber... Ja, genau. Also das ist halt die Frage, in welche Richtung sich das
Emran Feroz: jetzt entwickelt. Und es ist für viele total das Paradoxe überhaupt,
Emran Feroz: weil die haben ja 20 Jahre lang die Taliban unterstützt.
Emran Feroz: Und jetzt wollen sie wieder einen Regime-Change, damit die Taliban weg sind.
Emran Feroz: Also das ist halt dann auch für viele so ein ewiger Kreislauf.
Pauline Jäckels: Und die Taliban wollen einen Regime-Change in Pakistan.
Emran Feroz: Die TTP will das. Und die pakistanischen Taliban wollen das.
Emran Feroz: Die afghanischen Taliban sagen immer, wir haben nichts mit denen so zu tun.
Emran Feroz: Wir sind nur so brüderlich miteinander verbunden. Aber das stimmt natürlich
Emran Feroz: auch nicht. Die TTP hat vielen afghanischen Taliban einst Unterschlupf geboten,
Emran Feroz: als der NATO-Krieg in Afghanistan war.
Emran Feroz: Das heißt, die afghanischen Taliban, die können sich gar nicht wirklich von
Emran Feroz: der TTP lösen, weil das wäre so Bruderverrat.
Emran Feroz: Aber sie müssen das dann irgendwie so für die Weltpolitik so hinbiegen,
Emran Feroz: dass es so aussieht, als ob sie mit dem Ganzen nichts zu tun haben.
Pauline Jäckels: Okay, letzte Frage. Was wären denn linke Positionen in Bezug auf die deutsche
Pauline Jäckels: Afghanistan-Politik aus deiner Sicht, die du auch vielleicht vermisst,
Pauline Jäckels: die gar nicht stattfinden?
Emran Feroz: Also linke Positionen. Während des NATO-Kriegs war es halt so,
Emran Feroz: dass man sich natürlich oft gegen diesen Krieg ausgesprochen hat und da auch
Emran Feroz: irgendwie oft allein gestanden ist damit.
Emran Feroz: Das war auch meines Erachtens nach richtig und wichtig, dass man das überhaupt gemacht hat.
Emran Feroz: Linke Position zu dem Ganzen, die damals auch, also nicht nur in Deutschland
Emran Feroz: verfolgt wurde, sondern ich habe das auch in anderen Staaten so beobachtet,
Emran Feroz: war halt, dass man gesagt hat, es muss einen Friedensprozess geben,
Emran Feroz: es muss Leute geben, die aus der Zivilgesellschaft kommen, mehr Macht bekommen,
Emran Feroz: mehr Frauen, mehr Minderheiten, aber auch andere Menschen, auch ganz einfache Menschen.
Emran Feroz: Die da halt einfach mehr auf das Podest gehoben wären anstelle von Kriegsverbrechern,
Emran Feroz: von Warlords, von Drogenbaronen, von Extremisten und so.
Emran Feroz: Also das hat man ja immer wieder so artikuliert und das war richtig,
Emran Feroz: finde ich, aber natürlich wurde es von den Mächten, die da das Sagen haben, nicht durchgesetzt.
Emran Feroz: Auf der anderen Seite ist es aber auch so, das muss man auch sagen,
Emran Feroz: das erzähle ich auch oft Linken hier, linke Politik wird in Afghanistan also oft missverstanden,
Emran Feroz: weil man damit sofort an die sowjetische Zeit denkt und an den kommunistischen Putsch von 1978.
Emran Feroz: Und der war halt ziemlich brutal und auch damals, das waren halt auch Leute,
Emran Feroz: die gesagt haben, sie seien irgendwie Marxisten und so weiter.
Emran Feroz: Und dieser Fleck der Vergangenheit, der wurde eigentlich bis heute nicht wirklich
Emran Feroz: aufgearbeitet. Also da ist wirklich sehr viel Schlimmes passiert.
Emran Feroz: Erst vor zwei Jahren wurde wieder irgendein Massengrab gefunden.
Emran Feroz: In Roost, im Südosten des Landes, und die Opfer da lagen schon ziemlich lang,
Emran Feroz: war mutmaßlich aus der Zeit der kommunistischen Diktatur dort.
Emran Feroz: Und ein Problem, was ich im Laufe meiner Arbeit immer wieder hatte,
Emran Feroz: war tatsächlich, dass sobald ich das angesprochen habe in linken Kreisen,
Emran Feroz: auch in verlinke Medien, wurde das nicht so gut geheißen.
Emran Feroz: Also da hat man auch vieles romantisiert und leider, ja, also damalige Propaganda
Emran Feroz: zur Kenntnis genommen, anstatt das Ganze irgendwie kritisch zu betrachten.
Emran Feroz: Das ist etwas, was ich bis heute vermisse und man muss natürlich auch bedenken,
Emran Feroz: du wirst nie in Afghanistan, zumindest nicht in unmittelbarer Zukunft,
Emran Feroz: dort eine linke Politik umsetzen können, wie man das halt von hier kennt.
Emran Feroz: Weil Afghanistan, egal wer dort regiert, die Strukturen, die Gesellschaft ist nun mal sehr religiös.
Emran Feroz: Sie ist sehr patriarchal, sie ist sehr traditionell.
Emran Feroz: Und deshalb war es ja auch so, dass damals in den 70er Jahren diese linken Kräfte
Emran Feroz: in Kabul, von denen dann ein Teil geputscht hat, die waren deshalb auch untereinander im Clinch.
Emran Feroz: Es gab zum Beispiel einen linken Denker, Mirak Barhaibar, der...
Emran Feroz: Seine Kameraden sehr stark kritisiert hat und gesagt hat, ihr wollt hier die
Emran Feroz: gewaltvolle, schnelle Revolution, die viele Todesopfer kosten wird und die halt
Emran Feroz: der Realität hierzulande nicht gerecht wird.
Emran Feroz: Deshalb, wir müssen da langsamer arbeiten, wir müssen einfach realistischer
Emran Feroz: sein, wir dürfen da auch nicht machtgierig werden und so. Das war sein Vorschlag.
Emran Feroz: Und Mirak Bar Haibad wurde dann getötet. Mirak Bar Haibad wurde getötet und
Emran Feroz: diese Überbleibsel haben dann seinen Tod instrumentalisiert,
Emran Feroz: um eben ihren Putsch voranzubringen.
Emran Feroz: Später, also ich habe mit vielen Leuten aus allen Lagern gesprochen,
Emran Feroz: also linken, kommunistischen, islamistischen Lagern, da habe ich in meinem Buch
Emran Feroz: mit sehr vielen Leuten gesprochen.
Emran Feroz: Und vor allem viele, die damals auch Teil der Kommunisten waren,
Emran Feroz: die sagen eigentlich heute mehr oder weniger, dass dieser Chai Bat von den eigenen
Emran Feroz: Leuten getötet wurde und man dann halt irgendwie seinen Tod instrumentalisiert hat.
Emran Feroz: Es gibt dann noch eine andere Version, dass die Islamisten ihn getötet haben.
Emran Feroz: Ja, wer es am Ende war, lässt sich dann halt sehr schwer rekonstruieren,
Emran Feroz: so wie vieles in der afghanischen Geschichte.
Emran Feroz: Aber ja, ich denke, das ist auch ein wichtiger Aspekt, den man im linken Kontext hervorheben sollte.
Pauline Jäckels: So, jetzt müssen wir aufhören zu sprechen, auch wenn ich total gerne weiterhören
Pauline Jäckels: würde, was du zu sagen hast.
Pauline Jäckels: Das war ein sehr interessantes Gespräch. Ich hoffe auch für die Zuhörerinnen,
Pauline Jäckels: dass es einigermaßen okay war zu folgen, weil wir natürlich jetzt irgendwie
Pauline Jäckels: einmal die halbe Geschichte Afghanistans und zumindest die zeitgenössische Geschichte
Pauline Jäckels: Afghanistans durchgegangen sind.
Pauline Jäckels: Aber mir hat es extrem geholfen, irgendwie den Kontext besser zu verstehen. Vielen Dank dafür.
Emran Feroz: Danke dir, es freut mich. Ich weiß, es ist alles sehr dicht, es ist alles sehr viel.
Emran Feroz: Ich hoffe, dass trotzdem dadurch ein Überblick geschaffen wurde.
Neuer Kommentar