Wird Ungarn jetzt demokratisch, Lili Vankó?
Shownotes
Nach 16 Jahren ist die Ära Viktor Orbán beendet. Der Wahlsieger heißt Péter Magyar von der rechtskonservativen TISZA-Partei. Sein Wahlversprechen, die Demokratie wieder einzuführen, brachte ihm die absolute Mehrheit der Stimmen ein. Doch Magyar ist auch ein ehemaliger Parteigenosse Orbáns, der in verschiedenen Regierungen hohe Posten bekleidete. Steht Ungarn wirklich vor einem demokratischen Neuanfang? Und wie wird sich das Land künftig in entscheidenden außenpolitischen Fragen wie dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine oder dem Verhältnis zu den USA positionieren?
In dieser Folge spricht Felix Jaitner mit Lili Vankó über die Wahlen in Ungarn, die Ära Orbán und die künftige Regierung unter Peter Magyar. Vankó ist Doktorandin am Institut für Soziologie und Sozialanthropologie der Central European University in Wien. Sie ist Mitglied der links-ökologischen Bewegung Szikra.
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Shownotes:
Youtube (2015): Viktor Orbáns Rede in Baile Tusnad/Tusnádfürdő mit deutschen Untertiteln. Dalma Vatai (2026): Wer kommt nach Viktor Orbán?, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Analyse. Dalma Vatai (2026): Ungarn im Freudentaumel, Rosa-Luxemburg-Stiftung, Kommentar
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Lili Vanko: Die Ära Viktor Orban ist zu Ende. Nach 16 Jahren tritt Europas bekanntester
Lili Vanko: Vertreter der Neuen Rechten ab.
Lili Vanko: An seine Stelle tritt Peter Magyar, ein ehemaliger Parteigenosse Orbans,
Lili Vanko: der verspricht, alles anders zu machen.
Lili Vanko: Die Gewaltenteilung soll wiederhergestellt und die Korruption beendet werden.
Lili Vanko: Auch die kriselnde Wirtschaft möchte Magar wieder in Schwung bringen.
Lili Vanko: Dazu setzt er auf ein Kabinett voller Topmanager, die das Handelsblatt euphorisch zu berichten weiß.
Lili Vanko: Der designierte Finanzminister, Andras Kaman, verantwortete früher das Hypothekengeschäft
Lili Vanko: der österreichischen Ersten Bank.
Lili Vanko: Und die künftige Außenministerin, Anita Orban, arbeitete für US-Flüssiggasunternehmen,
Lili Vanko: bevor sie dann als Lobbyistin zum britischen Telekommunikationskonzern Vodafone wechselte.
Lili Vanko: Genau wie Madjar bekleideten beide hohe Posten in früheren Orban-Regierungen.
Lili Vanko: Und spätestens dieser Umstand wirft Fragen auf.
Lili Vanko: Worin unterscheidet sich der Neue vom alten Ministerpräsidenten?
Lili Vanko: Oder anders gefragt, was wird sich nach der Wahl eigentlich ändern?
Lili Vanko: Mein Name ist Felix Jaitner und in der heutigen Folge des Podcasts Welt und
Lili Vanko: Ordnung spreche ich mit Lili Wankow über Ungarn.
Lili Vanko: Lili promoviert derzeit in Sozialanthropologie an der Central European University in Wien.
Lili Vanko: In Ungarn engagiert sie sich in den Bereichen Wohnungs- und Energiearmundspolitik
Lili Vanko: und baut progressive Netzwerke in Osteuropa auf.
Lili Vanko: Ich möchte von Lili wissen, wie es Viktor Orban gelingen konnte,
Lili Vanko: 16 Jahre lang an der Macht zu bleiben.
Lili Vanko: Welches System er während dieser Zeit in Ungarn etabliert hat und wieso es ausgerechnet
Lili Vanko: jetzt zu einem Machtwechsel kommt.
Lili Vanko: Sind es vor allem innenpolitische Gründe, die den Wahlausgang beeinflusst haben?
Lili Vanko: Oder ist es eine Richtungsentscheidung der Ungarinnen zwischen der EU oder einer
Lili Vanko: autoritären Allianz mit Russland, China und den USA?
Lili Vanko: Viel Spaß beim Zuhören.
Lili Vanko: Hallo Lili, herzlich willkommen im Podcast Weltunordnung.
Felix Jaitner: Dankeschön für die Anleitung, ich freue mich hier zu sein.
Lili Vanko: Lili, wir sprechen nach einer historischen Wahl. Nach 16 Jahren ist die Ära
Lili Vanko: Viktor Orban in Ungarn vorbei.
Lili Vanko: Und der Wahlsieg von Peter Maga hat in Ungarn wirklich für richtige Begeisterung gesorgt.
Lili Vanko: Und in der EU, ich würde sagen mehrheitlich, für große Erleichterung.
Lili Vanko: Und jetzt schreibt der Spiegel, die Wahl sei ein Beispiel dafür,
Lili Vanko: dass Demokratien sich selbst heilen können.
Lili Vanko: Ja, bedeutet der Sieg von Magar und seiner Partei Tisza tatsächlich jetzt einen
Lili Vanko: demokratischen Aufbruch in Ungarn oder ist das übertrieben?
Felix Jaitner: Ich würde vielleicht damit anfangen, dass ich gerade von Ungarn komme.
Felix Jaitner: Also ich war für die Wahl in Budapest und war zwei Wochen da und ich habe das
Felix Jaitner: Ganze miterlebt. und vielleicht ein guter Punkt zu nennen hier ist,
Felix Jaitner: Diese Wahl und das Ganze hier wurde als so eine Wende angesprochen.
Felix Jaitner: Das wurde in Ungarn so genannt, als wie im 90er, genau das, also ein Regimewechsel, eine Regimeänderung.
Felix Jaitner: Und ich glaube, das erklärt viel.
Felix Jaitner: Und das habe ich auch miterlebt. Da gab es wirklich so ein Gefühl von,
Felix Jaitner: ah, jetzt ist das vielleicht möglich, diesmal für die Wahl das Regime so wegzuwählen.
Felix Jaitner: Und das kam auch nach einer sehr intensiven Kampagnenphase von beiden Seiten.
Felix Jaitner: Und da gab es wirklich so eine Aufbruchsstimmung. Das haben wir bisher nicht
Felix Jaitner: miterlebt in den letzten 60 Jahren.
Felix Jaitner: Also in den 16 Jahren hatten wir als Ungarinnen kaum die Erwartung,
Felix Jaitner: dass das System von Orbán irgendwann endet.
Felix Jaitner: Und als wir die ersten Ergebnisse gesehen haben,
Felix Jaitner: als wir das live gefordert haben, Wenn man für das erste Mal die Karte von Ungarn
Felix Jaitner: kam, und das war nicht orangefarbig, für das erste Mal in meinem Leben,
Felix Jaitner: das konnte man kaum glauben.
Felix Jaitner: Und was jetzt kommt, ist noch entscheidend. Also wie sieht eine neue TISA-Regierung aus?
Felix Jaitner: Peter Hermoyer hat was geschafft, was früher nicht mal möglich schien.
Felix Jaitner: Also in den letzten Wahlen hatten wir wirklich nicht die Erwartung,
Felix Jaitner: dass man Orban wegwahlen kann. Und wie der das geschafft hat,
Felix Jaitner: ich glaube, dazu gelten drei entschiedene Faktoren.
Felix Jaitner: Also in den letzten zwei Wahlen, im 2022 und im 2018, hatten wir schon eine
Felix Jaitner: gemeinsame Opposition. Das war eine Koalition von fast allen Oppositionsparteien.
Felix Jaitner: Wieso hat er sich so entwickelt? Das hat natürlich was mit dem elektoralen System
Felix Jaitner: in Ungarn zu tun, wo kleinere Parteien einfach nicht mal die Chance stehen,
Felix Jaitner: gegen Orbán oder gegen Orbáns Partei zu winnen.
Felix Jaitner: Und dadurch mussten fast alle Oppositionsparteien eine Koalition machen.
Felix Jaitner: Und das war wirklich eine unglückliche Ehre, kann man sagen.
Felix Jaitner: Muss man sich dann vorstellen, eine Koalition mit so einer extrem rechten Partei
Felix Jaitner: wie Jobbik, aber auch Sozialdemokraten und auch zwei grüne Parteien.
Felix Jaitner: Und die waren wirklich nur über eine Sache einig, dass Orbán weg muss.
Felix Jaitner: Das war einfach so eine Art Anti-Urbanismus.
Felix Jaitner: Also alle Oppositionsparteien haben nur aus so einem Elfenbeintor herausgeredet,
Felix Jaitner: von Budapest und über solche Themen wie so Rechtsstaatlichkeit oder Pressefreiheit oder Korruption,
Felix Jaitner: aber auf eine relativ abstrakte und technokratische Art.
Felix Jaitner: Und Magyar Peter, im Gegenteil, hat wirklich so eine Fußkampagne geführt.
Felix Jaitner: Als ich in Ungarn war in der letzten Wahlkampagne-Woche, habe ich so eine Wahlkampfkundgebung
Felix Jaitner: von Peter Magyar auch mal besucht.
Felix Jaitner: Das hat in Waz stattgefunden, das ist so 40 Kilometer von Budapest entfernt.
Felix Jaitner: Das ist so eine Stadt, die relativ so wohlhabend ist.
Felix Jaitner: Und was mir so aufgefallen ist, wie Magyar Peter aufgetreten ist und der geredet
Felix Jaitner: hat, der hat sehr aktuelle Themen thematisiert.
Felix Jaitner: Also politische Entwicklungen von demselben Tag angesprochen.
Felix Jaitner: Also was für Themen, also in meinem Beispiel da in Waaz oder für die Einwohnerinnen
Felix Jaitner: von dieser Stadt halt wichtig sind.
Felix Jaitner: Das sind Sachen wie, keine Ahnung, Schulen mal zu sanieren, renovieren,
Felix Jaitner: Straßenverkehr, da, da, da.
Felix Jaitner: Und so eine angepasste Wahlkampagne haben wir seit sehr, sehr,
Felix Jaitner: sehr lange nicht erlebt.
Felix Jaitner: Und kann man dann auch dadurch sehr gut verstehen, dass Menschen sich angesprochen
Felix Jaitner: fühlen und Major Peter als zugänglich entscheidet,
Felix Jaitner: dass er nach so einer Kampagne der Macht in einem Tag oder hat in einem Tag
Felix Jaitner: drei oder vier verschiedene solche Kundgegen gemacht, um jedes Mal danach so
Felix Jaitner: eine Stunde geblieben, mit allen zu reden, Fotos zu machen.
Felix Jaitner: Das ist wirklich so beispiellos und das hatten nicht mal so relativ links bezeichnete
Felix Jaitner: Parteien auch nicht gemacht.
Felix Jaitner: Also das ist so ein Ergebnis und das hat, glaube ich, auch zu diesen Ergebnissen geführt.
Felix Jaitner: Und was aber nicht zu vergessen ist, wie das elektrores System in Ungarn funktioniert,
Felix Jaitner: das hat Orbáns Regime und die Fidesz-Partei aufgebaut.
Felix Jaitner: Also wenn man die Stimmenverteilung in der Bevölkerung anguckt und wie das dann
Felix Jaitner: korrespondiert mit der Anzahl im Parlamentsitzen, das ist sehr ungleich.
Felix Jaitner: Also wie das damals aufgebaut wurde von Fidesz, die Erwartung war,
Felix Jaitner: dass würde nie eine Partei kommen, die so groß ist und so viele Stimmen bewegen kann,
Felix Jaitner: dass die immerhin bei jedem Wahl so eine Zweidrittelmehrheit geschafft haben,
Felix Jaitner: selbst mit 40 Prozent der Stimmen nach einem Punkt.
Felix Jaitner: Aber ich glaube, die Erwartung war das nicht, dass irgendwann eine Partei kommt,
Felix Jaitner: dass eigentlich das halt als sogenannte eigenen Waffen dann doch benutzen kann.
Lili Vanko: Ja, genau.
Lili Vanko: Vielleicht nur noch ganz kurz zur Erläuterung. Orange ist ja die Parteifarbe
Lili Vanko: von Fidesz, von Viktor Orban.
Lili Vanko: Und das Erleuchten Ungarns in Orange war ja auch immer gleichbedeutend mit dem
Lili Vanko: Wahlsieg von Fidesz, KDNP.
Lili Vanko: Richtig? Ich glaube, weil du das eben auch nochmal ansprachst.
Lili Vanko: Wenn wir die Wahl jetzt mal in einem breiteren Kontext einordnen,
Lili Vanko: dann fällt für mich auf, dass wir vor allem die Bedeutungslosigkeit des progressiven
Lili Vanko: Lagers beobachten können.
Lili Vanko: Also TISA gilt als Mitte-Rechts-Partei und hat knapp 53 Prozent der Stimmen
Lili Vanko: erhalten und aufgrund des Wahlsystems haben sie damit eine Zweidrittelmehrheit.
Lili Vanko: Fidesz, KDNP, das Wahlbündnis von Viktor Orban, hat knapp 39 Prozent bekommen.
Lili Vanko: Und dann haben wir noch die Extremrechte, Mihajank, sechs Prozent der Stimmen,
Lili Vanko: also eine wirklich offen rechtsradikale Partei.
Lili Vanko: Und wenn wir das jetzt nochmal kontrastieren mit dieser Einschätzung des Spiegels,
Lili Vanko: die sagen, ja gut, die Wahl zeigt die demokratischen Selbstheilungskräfte in
Lili Vanko: Ungarn, dann erscheint mir das doch so, dass wir das in einem anderen Licht sehen müssen.
Lili Vanko: Wie steht es deiner Meinung nach um die Zukunft der ungarischen Demokratie und
Lili Vanko: wie sehen progressive Kräfte in Ungarn die aktuelle Lage?
Felix Jaitner: Also wenn man so ein Parlament anguckt, dann natürlich kommt es auch,
Felix Jaitner: das ist ein bisschen schwer, sich darüber zu freuen, weil genau wie du das erwähnt
Felix Jaitner: hast, das ist immerhin sehr konservativ.
Felix Jaitner: Wir haben drei rechte oder rechtsextreme Parteien.
Felix Jaitner: Aber wie ich das auch ansiehe, das ist auf eine Art eine direkte Konsequenz
Felix Jaitner: von 16 Jahren Orbans Regime, die mit zwei Drittel Mehrheit regiert hat.
Felix Jaitner: Und ich glaube, hier könnte ich vielleicht so einen relativ bekannten Ausdruck von Orbán benennen.
Felix Jaitner: Also damals hat er über, als er in der Macht kam, in 2010 so eine zentrale Kraftwelt geredet.
Felix Jaitner: Fidesz steht in der Mitte, gibt es Oppositionparteien, die halt linksliberal
Felix Jaitner: sind, aber auch extrem rechte.
Felix Jaitner: Und die sind super gespalten, super zersplittert. und für das State of the Middle
Felix Jaitner: und hat zwei Drittel Mehrheiten immer gesammelt und die Oppositionsparteien
Felix Jaitner: relativ so wirkungslos.
Felix Jaitner: Und dass die so eine Mehrheit für 16 Jahre hatten und unser ganzes politisches System geändert,
Felix Jaitner: eine krasse Medienkontrolle ausgeübt haben und alle Bereiche durchpolitisiert
Felix Jaitner: haben, Also Kultur, Bildung, Medien,
Felix Jaitner: Fidesz hat sogar so einen Schein-NGO-Sektor aufgebaut, Forschungsinstitutionen
Felix Jaitner: übergenommen, alles zu seinem eigenen Bild politisiert, durchpolitisiert.
Felix Jaitner: Also alle Bereiche von Leben, von politischem Leben, von sozialem Leben,
Felix Jaitner: muss man sich vorstellen, wenn es 16 Jahre dauert, wie schwer ist das dann zu ändern.
Felix Jaitner: Also dafür brauchen wir mehr als einen Waldseeklus, dafür brauchen wir mehr
Felix Jaitner: als eine Tissermehrheit, das zu ändern.
Felix Jaitner: Und was man von TISA erwarten kann, und müssen wir auch, und müssen wir dafür
Felix Jaitner: auch so, glaube ich, Druck ausüben, dass eine neue Regierung einiges von den
Felix Jaitner: letzten 16 Jahren zurücksetzen kann.
Felix Jaitner: Also das Wahlsystem habe ich schon erwähnt, aber Sozialpolitik wiederzusetzen,
Felix Jaitner: Medienfreiheit wiederzusetzen,
Felix Jaitner: Zivilgesellschaftliche Freiheit wiederzusetzen, Expertenkonsultationen wieder
Felix Jaitner: einzuführen, die haben gar nicht stattgefunden in den letzten 16 Jahren.
Felix Jaitner: Was von einer TISA-Regierung herauskommen könnte, ist einfach ein bisschen Freiluft zu schaffen.
Felix Jaitner: Also alle diese Entwicklungen, die ich früher genannt habe,
Felix Jaitner: diese zurückzusetzen und irgendwann bekommen wir so einen neuen Spielraum in
Felix Jaitner: diesem politischen Feld und nur dadurch könnte irgendwas Progressiveres wachsen.
Felix Jaitner: Wahrscheinlich nicht in vier Jahren, vielleicht nicht in acht Jahren,
Felix Jaitner: aber zumindest da ist so eine Öffnung für irgendwas Progressiveres.
Lili Vanko: Lass uns mal ausgehend von den Wahlen über das System von Viktor Orban sprechen.
Lili Vanko: Du hast jetzt mehrmals gesagt, Viktor Orban war 16 Jahre lang Ministerpräsident
Lili Vanko: und hat natürlich in dieser Zeit das politische und gesellschaftliche System
Lili Vanko: Ungarns extrem nach seinen Präferenzen umgebaut.
Lili Vanko: Gleichzeitig gilt ja Orban als, ich würde sagen, der zentrale Wortführer der
Lili Vanko: neuen Rechten in Europa. Und interessanterweise steht das ja im Kontrast zum
Lili Vanko: Beginn seiner politischen Karriere.
Lili Vanko: Er wurde ja bekannt in den späten 1980er Jahren als liberaler Reformer.
Lili Vanko: Lass uns mal diesen Aufstieg nachzeichnen. Wie ist das zu erklären,
Lili Vanko: dass eine Person wie Viktor Orban anfängt als liberaler kommunistischer Regimekritiker
Lili Vanko: und dann zu einem bekannten europäischen Rechtspolitiker wird? Was glaubst du?
Felix Jaitner: Ich glaube, das ist fast die häufigste Frage, womit man sich über Ungarn beschäftigt.
Felix Jaitner: Orbán ist damals als freier Demokrat erschienen, relativ radikal sehr jung.
Felix Jaitner: Also ein Hoffnungsträger damals, glaube ich, für diese Generation,
Felix Jaitner: die im Staatssozialismus aufgewachsen ist.
Felix Jaitner: Aber genau dasselbe gilt über Ungarn als sich selbst, also damalige Posterchild,
Felix Jaitner: würden wir uns sagen, so ein bestes Beispiel für die postsozialistische Wende,
Felix Jaitner: ein Land, das sich sehr schnell liberalisiert hat und davon als so autoritäre Macht geworden ist.
Felix Jaitner: Also ich glaube, zwei miteinander verbundene Entwicklungen sind sehr wichtig.
Felix Jaitner: Der postsozialistische Übergang in sich selbst in den 90er Jahren und Ungarns
Felix Jaitner: Integration in die Europäische Union.
Felix Jaitner: Beide bedeuteten Privatisierung, Marktliberalisierung.
Felix Jaitner: Also die ungarische Wirtschaft wurde für ausländische Investoren geöffnet und
Felix Jaitner: strategische Sektoren wie Energie, Telekommunikation, Banken wurden alle privatisiert
Felix Jaitner: und sehr oft ein deutscher Eigentümer verkauft.
Felix Jaitner: Also der EU-Bitglied bedeutete einfach so eine Verschärfung dieser Tendenzen.
Felix Jaitner: Und ich glaube, es ist auch super wichtig zu betonen, dass die damaligen sozialdemokratischen
Felix Jaitner: Regierungen waren willige Partner dafür.
Felix Jaitner: Dann kam die Finanzkrise in 2008 und diese hat Ungarn als frisch liberalisierte
Felix Jaitner: Wirtschaft besonders hart getroffen.
Felix Jaitner: Und das ist der Kontext. Orbán hat diese politische, globale,
Felix Jaitner: wirtschaftliche Lage sehr gut verstanden und damals so ein Agenda gegen Neoliberalismus
Felix Jaitner: und Austerität aufgebaut hat.
Felix Jaitner: Und der hat versprochen damals, die ungarische Nationalität der Souveränität zurückzuwenden.
Felix Jaitner: Und damit hat er verschiedene sozialen und politischen Schichten angesprochen.
Felix Jaitner: Also die, die von Privatisierung und Deindustrialisierung verloren haben,
Felix Jaitner: Genau dasselbe für die Finanzkrise und auch halt so Kleinbürgerliche oder so
Felix Jaitner: Firmeneigentümer oder Mittelschicht, die einfach nicht konkurrieren konnten
Felix Jaitner: mit so ausländischen Unternehmen.
Felix Jaitner: Der hat das sehr gut verstanden und Fidesz hat damals auch so eine Fußkampagne
Felix Jaitner: auf eine Art aufgeführt.
Felix Jaitner: Die hatten Bürgerkreise in Ungarn überall gegründet, das heißt,
Felix Jaitner: die Partei war vor Ort präsent.
Felix Jaitner: Und so hat er das geschafft, so etwas aufzubauen in 2010.
Felix Jaitner: Also ich glaube, was für sehr lange das Geheimnis des Orbans-Regimes war,
Felix Jaitner: das Regime hat es geschafft,
Felix Jaitner: Widersprüche zwischen internationalem Kapital und seiner nationalen Bourgeoisie zu stabilisieren.
Felix Jaitner: Also das Regime hat es geschafft, von einer abhängigen Position Kapital zu akkumulieren,
Felix Jaitner: aber das auf eine sehr, sehr, sehr ungleiche Weise zu verteilen.
Felix Jaitner: Das hat Ungarn eine gewisse Stabilität gegeben.
Felix Jaitner: Ich glaube, so Orbáns Regime versteht man viel besser durch diese politökonomische
Felix Jaitner: Einordnung und dafür braucht man so einen starken zentralisierten Staat.
Felix Jaitner: Das ist so ein Tool und dieser autoritäre Demokratieabbau einfach diesem Zweck gedient hat.
Lili Vanko: Dann lass uns doch mal die Wirtschafts- und Sozialpolitik von Orbán näher ansehen.
Lili Vanko: Du hast es ja bereits erwähnt, Ungarn gehört zur osteuropäischen Ökonomie und
Lili Vanko: typisch für diese Staaten ist die enge Einbindung in das deutsche Produktionsmodell
Lili Vanko: mit einem sehr starken Fokus auf die Automobilindustrie. Und in Ungarn sehen wir das ja auch.
Lili Vanko: Also Audi, Bosch, Mercedes, Continental, diese Firmen gehören zu den größten
Lili Vanko: Unternehmen und Arbeitgebern in Ungarn.
Lili Vanko: Und es ist ja so, wie du auch sagst, die periphere Position Ungarns hat Orban
Lili Vanko: immer wieder kritisiert.
Lili Vanko: Jetzt wäre meine Frage, da hat sich daran während den 16 Jahren Orban eigentlich
Lili Vanko: was geändert, weil genügend Zeit hätte er ja gehabt, um dagegen etwas zu tun.
Felix Jaitner: Also einige Sektoren, die ich auch früher genannt habe, hat das urbanen Regime renationalisiert.
Felix Jaitner: Also zum Beispiel Energie, die Kommunikationsbranche, aber auch Medien,
Felix Jaitner: Tourismus, Baussektor.
Felix Jaitner: Dadurch ist so eine nationale Bourgeoisie entstanden, das sehr mit dem Staat
Felix Jaitner: verbunden ist, also zu dem Staat loyal ist.
Felix Jaitner: Auf diese Art kann man Orbán den Diskurs zeigen, dass die haben eine gewisse
Felix Jaitner: Art von Souveränität zurückgewonnen.
Felix Jaitner: Aber diese nationale Bourgeoisie ist durch staatliche Aufträge gefördert,
Felix Jaitner: also die ungleiche Verteilung von EU-Fördermitteln auch und Konzessionsverträge.
Felix Jaitner: Also ganz selbstständig ist es auch wieder nicht. Nicht genau.
Felix Jaitner: Aber wenn man die andere Seite anguckt, diese Abhängigkeit von internationalem
Felix Jaitner: und sehr oft deutschem Kapital, das hat sich gar nicht geändert.
Felix Jaitner: Im Gegenteil, hat es sich verschärft. Also Orbán war auch so ein sehr williger
Felix Jaitner: Partner für das deutsche Kapital und das Regime hat regulatorische,
Felix Jaitner: gesetzgeberische und steuerliche Rahmenbedingungen für das deutsche Kapital
Felix Jaitner: erfunden und wieder geschaffen,
Felix Jaitner: um den Interessen der deutschen Automobilindustrie zu dienen.
Felix Jaitner: Und ich glaube, was das innerhalb Ungarns auch bedeutet ist,
Felix Jaitner: Das ist eine Schlechung der Arbeiternehmerrechte, also die Macht von Gewerkschaften,
Felix Jaitner: Tarifverträgen und sogar das Streichrecht wurden an diese Industrie angepasst
Felix Jaitner: und diese wurden systematisch eingeschränkt.
Felix Jaitner: Ich kann davon auch so ein sehr bekanntes Beispiel nennen,
Felix Jaitner: das sogenannte Sklavengesetz von 2018 und das erlaubt bis zu 400 Überstunden
Felix Jaitner: und eine dreijährige Verzögerung bei der Lohnzahlung,
Felix Jaitner: aber auch, dass die Schulpflicht wurde von 18 bis zu 16 Jahren verkürzt,
Felix Jaitner: sodass ein konstanter Fluss von Arbeitskräften für diese Automobilindustrie-Standorte gesichert ist.
Felix Jaitner: Und ich glaube, das hat bisher sehr gut funktioniert, auf eine Art,
Felix Jaitner: dass diese Bereiche zum Beispiel, so Automobilindustrie,
Felix Jaitner: wurden die einzigen Bereiche in Ungarn, die eigentlich Wachstums generieren
Felix Jaitner: und die auch im Vergleich zu anderen Löhnen in Ungarn auch eine gewisse Art von Stabilität zeigen.
Felix Jaitner: Aber diese Widersprüche konnte das Oberregime nicht für immer behalten.
Lili Vanko: Ich würde das gerne nochmal vertiefen und in dem Zusammenhang etwas aufgreifen,
Lili Vanko: was Viktor Orban mal gesagt hat, nämlich er würde einen illiberalen Staat schaffen.
Lili Vanko: Und ich interpretiere das ganz stark als Antwort auf die sich verschärfende
Lili Vanko: internationale Konkurrenz seit der Wirtschafts- und Finanzkrise 2008 und dann
Lili Vanko: in den folgenden Jahren.
Lili Vanko: Es gibt in dem Zusammenhang eine programmatische Rede von Orbán in Rumänien
Lili Vanko: in einem Ort namens Beile-Tuschnath am 26.
Lili Vanko: Juli 2014. Ich werde das auch in den Shownotes verlinken.
Lili Vanko: Und da legt er sozusagen sein Programm dar und sagt, die globale politische
Lili Vanko: Aufgabe heutzutage besteht darin, und jetzt zitiere ich ihn,
Lili Vanko: in einen Wettlauf, um die Organisationsform des Staates einzutreten.
Lili Vanko: Und diese Organisationsform beschreibt nach Orbán ein System,
Lili Vanko: und das ist wieder ein Zitat, das am besten fähig ist, eine Nation,
Lili Vanko: eine Gemeinschaft international wettbewerbsfähig zu machen.
Lili Vanko: Und er sagt, wir gründen einen arbeitsbasierten Staat und der orientiert sich
Lili Vanko: an China, an Russland und der Türkei.
Lili Vanko: Und er sagt ganz bewusst diese drei Länder, denn die wären eher in der Lage,
Lili Vanko: Wirtschaftswachstum zu generieren als die klassisch-liberalen westlichen europäischen Länder.
Lili Vanko: Und ich finde das nochmal sehr interessant, weil das verdeutlicht,
Lili Vanko: dieser autoritäre Umbau, von dem du auch gesprochen hast, der unterliegt einer
Lili Vanko: ökonomischen Rationalität.
Lili Vanko: Und die hat Orban in seiner gesamten Amtszeit sehr systematisch umgesetzt.
Lili Vanko: Lass uns das nochmal vertiefen. Welche Sozialpolitik verfolgt denn Orban?
Lili Vanko: Wie haben sich die Spannungen in Ungarn auch verschärft in diesen 16 Jahren?
Felix Jaitner: Also eine arbeitsbasierte Gesellschaft aufzubauen ist das Ziel,
Felix Jaitner: aber hat Ungarn immerhin die zweitniedrigsten Löhne innerhalb der EU.
Felix Jaitner: Löhne sind in Ungarn auch bewusst auf so einem Niveau gehalten und ich habe
Felix Jaitner: darüber schon mal auch ein bisschen geredet, wie Arbeiterrechte weggemacht wurden,
Felix Jaitner: wie Gewerkschaften eigentlich nur auf Papier fast auch in Ungarn existieren.
Felix Jaitner: Aber wenn man über Sozialpolitik redet in Ungarn, ich glaube,
Felix Jaitner: ich würde davon nicht wegscheuen zu sagen, dass das Orbán-Regime fast keine
Felix Jaitner: Sozialpolitik geführt hat.
Felix Jaitner: Also wenn man Sozialausgaben im Verhältnis zum Bruttoinlandsprodukt anguckt,
Felix Jaitner: in Ungarn, das liegt deutlich unter dem EU-Durchschnitt.
Felix Jaitner: Also ich glaube in 2022 zu 14 Prozent gesunken, das ist so 6-7 Prozent weniger,
Felix Jaitner: als das in der EU üblich ist.
Felix Jaitner: Und ich kann dafür einige Beispiele nennen.
Felix Jaitner: Also viele Sozialausgaben oder
Felix Jaitner: Basisversorgung existiert kaum oder halt Kindergeld oder Betreuungsgeld,
Felix Jaitner: wenn man zum Beispiel so Kinder oder Angehörige mit Behinderung hat.
Felix Jaitner: Die sind Summen, die sich in 15, 20 Jahren nicht geändert haben.
Felix Jaitner: Und wir reden teilweise über Summen wie 70, 80 Euro pro Monat.
Felix Jaitner: Das muss man sich so vorstellen, dass das Sozialrecht in der Verfassung wurde auch in 2022 geändert.
Felix Jaitner: Aber es wurde inzwischen mehrere Gesetzvorschläge versteckt.
Felix Jaitner: Auf Ungarisch nennt man es so ein Salatgesetz.
Felix Jaitner: Da muss man irgendwas davon aussuchen und merken, Darin steht,
Felix Jaitner: dass man als Individuum für sich selbst verantwortlich ist.
Felix Jaitner: In zweiter Stelle kommt Familie, danach Kirche, Kommunen.
Felix Jaitner: Aber nur in der letzten Stelle ist der Staat für Sozialversorgung verantwortlich.
Felix Jaitner: Und das hat das Orbán-Regime auch durchgesetzt.
Lili Vanko: Ich sehe das ganz ähnlich. Ich finde, Ungarn ist ja auch unter Orbán nochmal
Lili Vanko: ein neoliberales Steuerparadies geworden.
Lili Vanko: Wenn wir sehen, Flat Tax, also einheitliche Einkommenssteuer von 16 Prozent,
Lili Vanko: extrem geringe Besteuerung von Unternehmen und gerade auch Unternehmensgewinnen,
Lili Vanko: dann sehen wir ja, dass das Konzept des arbeitsbasierten Staates auch dieses
Lili Vanko: neoliberale Credo der Standortkonkurrenz aufgreift und radikalisiert.
Lili Vanko: Also das finde ich auch nochmal einen wichtigen Zugriff, um zu verstehen,
Lili Vanko: was politökonomisch unter Orban passiert ist.
Lili Vanko: Ich würde diese politökonomische Analyse von dir des Orban-Regimes jetzt nochmal
Lili Vanko: ergänzen um so eine stärker politisch-ideologische und auch nochmal schauen
Lili Vanko: wollen, was auf der Ebene des politischen Systems in Ungarn passiert ist.
Lili Vanko: Es wird ja immer wieder viel über Faschisierung oder auch Faschismus,
Lili Vanko: der Rückkehr des Faschismus gesprochen.
Lili Vanko: Und Wissenschaftler wie Saladin Ahmed Bajosdeh bezeichnen ja auch unterschiedliche
Lili Vanko: Regime, wie die USA unter Trump, den Iran oder auch Indien unter Narendra Modi als faschistisch.
Lili Vanko: Und mich würde jetzt interessieren, wie man Ungarn in diesem Kontext verstehen kann,
Lili Vanko: Was meines Erachtens die zeitgenössische Rechte in Europa auszeichnet und ich
Lili Vanko: meine jetzt hier von Meloni in Italien über Kaczynski in Polen bis Orban,
Lili Vanko: dann würde ich sagen, ist ein gemeinsamer Nenner.
Lili Vanko: Sobald sie an der Macht sind, schaffen sie die Demokratie nicht direkt ab,
Lili Vanko: sondern sie forcieren einen autoritären Umbau von System und Staat.
Lili Vanko: Und Orban hat in diesem Zusammenhang ja auch, wie bereits erwähnt,
Lili Vanko: von der illiberalen Demokratie gesprochen.
Lili Vanko: Und deswegen würde mich interessieren, was sind denn die Grundzüge des urbanschen
Lili Vanko: Autoritarismus, wenn wir jetzt das politische System angucken?
Felix Jaitner: Das Urbans-Regime hat damit angefangen, die Verfassung zu ändern.
Felix Jaitner: Und das mal wieder, ich glaube sieben, acht Mal zu ändern und das ist ohne Referenten passiert.
Felix Jaitner: Die Begründung war, das ist so ein Heritage von Staatssozialismus und muss man
Felix Jaitner: das einfach neu schreiben und ändern.
Felix Jaitner: Und das ist auch ein bisschen beispiellos, dass es normalerweise braucht man
Felix Jaitner: dafür, so ein Referendum zu ändern.
Felix Jaitner: Die haben sozusagen damit angefangen.
Felix Jaitner: Wir haben schon ein bisschen darüber gesprochen, dass das Wahlsystem wurde geändert und Wahlrechten.
Felix Jaitner: Also die haben in 2010 die Vierespartei ungefähr 60 Prozent der Stimme bekommen,
Felix Jaitner: später gegen 40, aber trotzdem eine Zweidrittelmehrheit behalten.
Felix Jaitner: Und dadurch konnten die oppositionsfrei regieren und alle verschiedene Gesetze
Felix Jaitner: einfach durchwählen im Parlament.
Felix Jaitner: Also theoretisch existiert eine Opposition und theoretisch kann man wählen,
Felix Jaitner: aber in Wirklichkeit, die haben so eine Vollmacht auf eine Art.
Felix Jaitner: Und das ist halt wieder eine Vertiefung von so Executive Governance,
Felix Jaitner: dass die ohne parlamentarische Debatte Gesetze durchführen können.
Felix Jaitner: Das haben wir während der Covid-Krise auch sehr oft gesehen,
Felix Jaitner: dass die nicht mal im Parlament irgendwas debattieren mussten,
Felix Jaitner: was natürlich am Ende nicht so viel ändert, ob es eine Debatte gibt oder nicht,
Felix Jaitner: aber zumindest ein Bewusstsein davon wurde dann auch weggeschafft.
Felix Jaitner: Ich glaube, das ist ein wichtiger Teil davon. Also alle Arten von Kontrollmechanismen,
Felix Jaitner: so Checks und Balances wurden auch in diesem System weggeschafft.
Felix Jaitner: Also dieses Gleichgewicht zwischen so verschiedenen Machtweisen,
Felix Jaitner: so Justizisten oder genau Sicherheitsbehörden wurden.
Felix Jaitner: Auch so parteiorientiert reformiert sozusagen.
Felix Jaitner: Also zum Beispiel, Richter haben so lebenslange Amtszeit bekommen und dann hat
Felix Jaitner: Fidesz-Nier Richter ausgewählt und selber ausgewählt.
Felix Jaitner: Was ich glaube, auch ein wichtiger Teil ist, wie zentralisiert ist das System
Felix Jaitner: und was es auch bedeutet, ist eine Schwächung der Kommunen, die ganz oft,
Felix Jaitner: also Großstädte oder Halbstädte ganz oft viel, viel, viel progressiver sind
Felix Jaitner: als die zentrale Regierung.
Felix Jaitner: Und das ist auch mit Budapest passiert. Also die Regierung in den letzten 16
Felix Jaitner: Jahren hat so viele Steuereinkommen von Budapest weggenommen.
Felix Jaitner: Und das ist meistens nach 2019 passiert, als Budapest einen relativ progressiven
Felix Jaitner: Bürgermeister gewählt hat.
Felix Jaitner: Also das ist auch zu benennen und ich glaube, was auch sehr wichtig ist,
Felix Jaitner: dass das Regime eine Medienkontrolle ausgeübt hat.
Felix Jaitner: Muss man sich das so vorstellen, es gibt natürlich diese zentralen Medien,
Felix Jaitner: so Fernseher, Radio, die, wie ich das früher auch gesagt habe,
Felix Jaitner: sehr gefördert sind, also sehr viel Steuergeld fließt da rein.
Felix Jaitner: Einfach mal vieles Propaganda zu verteilen, aber das gilt genauso für regionalen Medien.
Felix Jaitner: Also alle regionalen Medien haben immer mit demselben Artikel,
Felix Jaitner: selben Bilder, selbe Diskurse erschienen durch das ganze Land.
Felix Jaitner: Und das Regime hat auch freie, unabhängige Medien attackiert mit verschiedenen Mechanismen.
Felix Jaitner: Ich glaube, so ist deine Reihenfolge, wie das Orbán-Regime geschafft hat,
Felix Jaitner: so ein Playbook auf eine Art aufgebaut, wie man diese verschiedenen Bereiche kontrollieren kann.
Lili Vanko: Ja, danke. Ich fasse nochmal zusammen. Also Aushüllung der Gewaltenteilung,
Lili Vanko: Umbau des Wahlsystems hin zu so einer Art Ein-Parteien-System mit kleinen Oppositionsparteien,
Lili Vanko: extrem restriktive Migrationspolitik,
Lili Vanko: auch Medienkontrolle.
Lili Vanko: Was mich jetzt noch interessieren würde, wie ist es denn eigentlich auch so
Lili Vanko: im Hinblick auf Ideologie und Repression? Es gibt ja immer auch eine sehr starke
Lili Vanko: Feindbildkonstruktion unter Orban. Das sind zum einen geflüchtete Menschen.
Lili Vanko: Es gibt ja dazu parallel auch so eine Art Hortikult, also eine Restauration
Lili Vanko: faschistischen Denkens oder auch Anlehnung an autoritäre Vergangenheit in Ungarn.
Lili Vanko: Aber welche Rolle hat denn auch unter Orbán politische Repressionen gegen die
Lili Vanko: Opposition gespielt und auch konkret gegen die Linke?
Felix Jaitner: Also Oppositionsparteien, da hat das Regime keine richtige Repression ausgeübt.
Felix Jaitner: Ich glaube, diese liberalen Oppositionsparteien haben auch so eine Rolle auf
Felix Jaitner: eine Art mitgespielt, dass sie Orbáns Diskurse nie richtig, sie haben dagegen
Felix Jaitner: nie richtig positioniert.
Felix Jaitner: Aber es gab einige sehr ausgesprochene Einzelpolitikerinnen,
Felix Jaitner: die halt auch vom Regime targetet wurden.
Lili Vanko: Und waren das Kampagnen oder war das richtig Gerichtsprozesse, Verhaftungen?
Felix Jaitner: Also eher Gerichtsprozesse oder Parlamentarier, die so Strafen zahlen mussten.
Felix Jaitner: Also vielleicht, was ist wichtig zu betonen, dass Repression in diesem Sinne
Felix Jaitner: zum Glück wurde nicht so vertieft in Ungarn wie in anderen autoritären Ländern.
Felix Jaitner: Also wir reden nicht über so ganz explizite, gewaltige Repression, meistens nicht.
Felix Jaitner: Aber das ist eine Art von Angst aufzubauen.
Felix Jaitner: Und ich glaube, diese Feindbilder zu konstruieren, die haben natürlich materielle
Felix Jaitner: und reale Konsequenzen gegen die Gruppen, die als Feindbilder genannt werden.
Felix Jaitner: Also genau, geflüchtete Menschen oder die LGBTQI-Gemeinschaft.
Felix Jaitner: Aber was ist auch wichtig, glaube ich, zu betonen, was ist der Grund dafür?
Felix Jaitner: Das war auch eine Art von Solidarität, glaube ich, wegzubauen in der Gesellschaft.
Felix Jaitner: So Feindbilder zu entstehen, aber auch eine Art von Ablenkungsmanöver von dieser
Felix Jaitner: autoritärer Restrukturierung.
Felix Jaitner: So eine Art von Kulturkämpf zu schaffen, dass die liberalen Medien dazugucken
Felix Jaitner: und darüber wurde dann gesprochen.
Felix Jaitner: Und ganz oft, wenn so eine Feilenbildkonstruierung stattgefunden hat,
Felix Jaitner: das war auch die Phase, wo die krasseste autoritäre Staatsumstrukturierung stattgefunden hat.
Felix Jaitner: Und ich glaube, wenn man über Repression redet, was dann auch dazu gilt,
Felix Jaitner: ist, was mit dem zivilgesellschaftlichen Sektor in Ungarn passiert.
Felix Jaitner: Da hat Orbán sich von Putins Russland inspiriert lassen und Gesetze über so
Felix Jaitner: ausländische Agenten teilweise durchgeführt.
Lili Vanko: Weil wir Repression angesprochen haben, im deutschen Kontext und jetzt konkret
Lili Vanko: ja auch nochmal unter Linken ist ja der Fall von Maya T.
Lili Vanko: Und der Verurteilung zu acht Jahren Haft präsent,
Lili Vanko: weil sie im Februar 2023 gemeinsam mit weiteren Teilnehmenden einen rechtsextremen
Lili Vanko: Aufmarsch in Budapest blockiert hat.
Lili Vanko: Und unter anderem wird ihr vorgeworfen, dass sie Teilnehmer dieses rechtsextremen
Lili Vanko: Aufmarsches angegriffen haben soll.
Lili Vanko: Ist das eine Ausnahme urbanscher Repressionen oder wie ist dieser konkrete Fall
Lili Vanko: dann auch nochmal eigentlich zu verstehen?
Felix Jaitner: Ich glaube, vielleicht das zu kontextualisieren, das ist der Tag der Ehre,
Felix Jaitner: der eigentlich nicht erlaubt ist, das zu feiern innerhalb Europa,
Felix Jaitner: aber das ist so implizit erlaubt in Ungarn.
Felix Jaitner: Und es ist jedes Jahr dann so, dass Nazi-Aufmarscher in Budapest,
Felix Jaitner: in Buda eigentlich in der Nähe vom Schloss passieren.
Felix Jaitner: Und darüber zu sprechen, ist vielleicht nicht das Einfachste,
Felix Jaitner: aber ich versuche mal das zu machen und ich bin auch Teil einer linken Bewegung,
Felix Jaitner: Sikra, die damals so ein Gegendemot nicht mitorganisiert hat,
Felix Jaitner: aber auch teilgenommen hat.
Felix Jaitner: Und eine Genossin von uns wurde auch damals verhaftet.
Felix Jaitner: Also das passiert schon in Ungarn auch, aber darüber wurde weniger gesprochen damals.
Felix Jaitner: Also das war ein ähnlicher Fall mit so Maya T., aber sie wurde dann nach,
Felix Jaitner: glaube ich, zwei oder drei Wochen freigelassen.
Felix Jaitner: Also die haben so eine Person von einer linken Bewegung ausgewählt,
Felix Jaitner: die eigentlich nicht im Mittelpunkt steht.
Felix Jaitner: Sie war keine Sprecherin für die Bewegung, sie war einfach auf so Bilder zu
Felix Jaitner: sehen oder auf Demos zu sehen.
Felix Jaitner: Und ich glaube, das war eine bewusste Art von Angst zu schaffen,
Felix Jaitner: dass wenn man halt Teil einer linken Bewegung ist in Ungarn,
Felix Jaitner: solche Sachen können passieren.
Felix Jaitner: Aber das ist nicht so üblich, was dann neulich auch passiert ist,
Felix Jaitner: dass so Demos über Gaza oder Palästin wurden auch in Ungarn nicht erlaubt eben.
Felix Jaitner: Und die, die so einen Umweg davon gefunden haben, so irgendeine Art von Solidarität
Felix Jaitner: mit Palästina zu zeigen, dann ist diese Repressionsmaschine auch wieder angefangen.
Felix Jaitner: Aber diese Themen, die nicht so in internationalen Medien angesprochen sind, meiner Meinung nach.
Felix Jaitner: Und selbst innerhalb Ungarn gibt es eine linke Seite, die darüber eigentlich Nachrichten verteilt.
Felix Jaitner: Vielleicht da ist auch ein Punkt über so internationale Solidarität zu machen,
Felix Jaitner: weil natürlich, was mit Maya T.
Felix Jaitner: Passiert ist, ist erschreckend und sollte nie passieren.
Felix Jaitner: Und solche Verhältnisse im Gefängnis oder solche, dass von Maya,
Felix Jaitner: von dieser Person auch ein bisschen ein Feinbild in Ungarn konstruiert wurde.
Felix Jaitner: Natürlich ist es schrecklich und schrecklich.
Felix Jaitner: Genau, das muss man vielleicht nicht mal betonen. Das ist selbstverständlich,
Felix Jaitner: dass sowas nie passieren sollte.
Felix Jaitner: Aber ich glaube, da ist wieder ein Punkt, dass internationale linke Bewegungen
Felix Jaitner: oder antifaschistische Bewegungen teilweise sollten sich mit ungarischen linken
Felix Jaitner: und antifaschistischen Bewegungen,
Felix Jaitner: davon existieren weniger in Ungarn, vielleicht sich besser vernetzen.
Felix Jaitner: Weil damals, wir haben mal versucht, mit Zikra Aufmerksamkeit für unsere Genossen aufzubauen.
Felix Jaitner: Wir haben verschiedene linke Organisationen kontaktiert und sehr wenig Antwort bekommen.
Felix Jaitner: Und ich glaube, was dann auch dazu gilt, dass es ein Beispiel ist.
Felix Jaitner: Ich hatte die Ehre, dass das so halbwegs in Ungarn erlaubt ist.
Felix Jaitner: Aber wenn so deutsche oder westeuropische linke Bewegungen da hinzukommen,
Felix Jaitner: Ich glaube, es ist dann auch wichtig zu wissen, dass okay,
Felix Jaitner: aber falls irgendwas passiert, die Konsequenten müssen eher meistens die ungarische
Felix Jaitner: linke Bewegung ertragen.
Felix Jaitner: Und das sage ich nicht als Vorwurf, das sage ich eher als vielleicht weitergehend,
Felix Jaitner: gibt es mehrere Stellen für so bessere Kooperation, glaube ich.
Felix Jaitner: Und das ist für mich ja unglaublich wichtig, selbst wenn Orbán nicht mehr in
Felix Jaitner: der Macht ist, das heißt nicht, dass so autoritäre, regressive,
Felix Jaitner: faschisierende Kräfte nicht mal in Europa sind. Doch.
Felix Jaitner: Also diese Regression, und ich glaube, es ist umso wichtiger,
Felix Jaitner: uns besser zu vernetzen.
Lili Vanko: Ich versuche nochmal zusammenzufassen, was wir jetzt über Viktor Orban gesagt haben.
Lili Vanko: Also in der 16-jährigen Amtszeit ist ein System entstanden, das sich sozusagen
Lili Vanko: stark darin hingeht, einen Parteienstaat aufzubauen,
Lili Vanko: in dem durch Aufweichung der Gewaltenteilung, durch den Umbau des Wahlsystems
Lili Vanko: die Staatspartei vieles stark begünstigt worden ist.
Lili Vanko: Die Partei hat angefangen, in allen gesellschaftlichen Bereichen Kunst,
Lili Vanko: Kultur generell, Sicherheit, Wirtschaft,
Lili Vanko: Schlüsselposten zu besetzen und sie hat eine systematische ökonomische Umverteilung
Lili Vanko: durchgeführt zugunsten loyaler Unternehmer,
Lili Vanko: hat aber an den ökonomischen Abhängigkeiten, also der Abhängigkeit ganz konkret
Lili Vanko: auch von Deutschland, wenig geändert.
Lili Vanko: Im Gegenteil, hat sie sogar durch eine extrem unsoziale Politik,
Lili Vanko: würde ich sagen, noch verschärft.
Lili Vanko: Jetzt lass uns über die neue Regierung sprechen.
Lili Vanko: Peter Mager war unter Orbán lange Mitglied der Staatspartei Fidesz und hat ja
Lili Vanko: auch verschiedene einflussreiche Ämter unter Orbán bekleidet.
Lili Vanko: Er war im Außenministerium, in der ungarischen Repräsentanz in Brüssel und auch
Lili Vanko: im Stab des Ministerpräsidenten, also direkt unter Orbán hat er gearbeitet.
Lili Vanko: Er teilt auch seinen migrationsfeindlichen Diskurs und lehnt auch Waffenlieferungen an die Ukrainer ab.
Lili Vanko: Und jetzt frage ich mich, worin
Lili Vanko: unterscheidet sich eigentlich der alte vom neuen Ministerpräsidenten?
Lili Vanko: Oder wenn wir anders fragen, was wird sich eigentlich ändern in Ungarn?
Felix Jaitner: Peter Magyar hat sich sehr von Orbán inspiriert lassen auf eine Art.
Felix Jaitner: Wie er gerade aufstanden ist, erinnert sich ganz an, wie Orbán damals entstehen ist.
Felix Jaitner: Also der ist schon jünger und für viele charismatisch und nutzt diese traditionalistischen
Felix Jaitner: und so etwas nationalistischen Zugänge. Das stimmt auch.
Felix Jaitner: Und ich glaube, der spricht auch die Sprache der rechten politischen Gemeinschaft.
Felix Jaitner: Und der holt sich die ungarische Flagge von Orban zurück auf eine Art.
Felix Jaitner: Und ich glaube, nach 16 Jahren autoritärer, konservativer Regierung ist das
Felix Jaitner: in gewisser Weise nachvollziehbar,
Felix Jaitner: dass gerade so ein Politiker ist, der den Menschen anspricht.
Felix Jaitner: Nicht, dass ich das unterstütze, aber ich glaube, auf eine gewisse Art macht das schon Sinn.
Felix Jaitner: Ich glaube, das ist auch bewusst eine Strategie von Peter Modior,
Felix Jaitner: einfach mal Fidesz-Wähler damit anzufassen, dass solche Diskurse weitergehen.
Felix Jaitner: Ich würde vielleicht kurz über die Ukraine-Frage reden, weil das war ein entscheidender
Felix Jaitner: Punkt im Wahlkampf dieses Jahr, aber auch vor vier Jahren.
Felix Jaitner: Also vor vier Jahren hat Fidesz teilweise damit gewonnen oder damit eine Zweidrittelmehrheit
Felix Jaitner: gewonnen, dass sie versucht haben, so ein Bild aufzubauen, dass die Oppositionsparteien
Felix Jaitner: Ungarn in Kriegsgefähr bringen würden.
Felix Jaitner: Und ich glaube, dann Peter Moyer hat so auch seinen Spielraum und einiges kann
Felix Jaitner: er nicht direkt wieder so setzen von diesen Diskursen und Punkten,
Felix Jaitner: die Orbán aufgebaut hat.
Felix Jaitner: Die Frage ist, wie das dann später sich ändert.
Felix Jaitner: Weil natürlich gibt es diese Punkte, wo der immerhin so eine sehr konservative
Felix Jaitner: Meinung verteilt, wie du das auch genannt hast, über so Migrationsfragen um geflüchtete Menschen.
Felix Jaitner: Aber gleichzeitig, was vielleicht Major Peter von Orban unterscheidet,
Felix Jaitner: dass die hatten auch so ein Wahlprogramm mit sehr, sehr sicherem Versprechen
Felix Jaitner: und genau so demokratische Basisinstitutionen zurückzusetzen.
Felix Jaitner: Vielleicht kann ich wieder so ein Beispiel nennen, dass der Tag nach der Wahl
Felix Jaitner: hat er so eine dreistündige Pressekonferenz gehalten, Die unabhängigen Medien
Felix Jaitner: waren dabei und konnten frei Fragen stellen.
Felix Jaitner: Das haben wir über 16 Jahre nicht erlebt.
Felix Jaitner: Dass überhaupt unser Ministerpräsident eine Pressekonferenz macht,
Felix Jaitner: das ist auch beispiellos.
Felix Jaitner: Natürlich würde ich nicht den Himmel loben, weil das ist auch eine Art von,
Felix Jaitner: wir haben so ein Basis zurückgekommen und freuen uns darüber.
Felix Jaitner: Aber nach 16 Jahren ist trotzdem was.
Felix Jaitner: Und ich glaube, jetzt vielleicht auf einer nationalen, domestischen Ebene sind
Felix Jaitner: einige Veränderungen zu erwarten.
Felix Jaitner: Also ein Ministerium für Soziales wurde versprochen und genau für Klima.
Felix Jaitner: Die haben beide nicht in Ungarn existiert und das ist auch wieder,
Felix Jaitner: Ungarn ist das einzige Land in der EU, wo sowas der Fall ist.
Felix Jaitner: Und da wieder entscheidend die Rolle für vielleicht nicht die Opposition,
Felix Jaitner: aber so progressive Kräfte in Ungarn, mal diese Wahlversprechen anzugucken und Druck zu üben.
Lili Vanko: Wir nähern uns dem Ende des Gesprächs und ich würde zum Schluss Ungarn gerne
Lili Vanko: einordnen wollen in der politischen Konstellation der EU.
Lili Vanko: Und mein Eindruck ist, dass Orbans Rechtskurs auf EU eigentlich lange Jahre
Lili Vanko: kein großes Problem dargestellt hat.
Lili Vanko: Und ich würde das gerne festmachen an zwei Beispielen.
Lili Vanko: Das erste ist die Migrationspolitik Orbans, die ja von Anfang an extrem restriktiv war.
Lili Vanko: Und in der sogenannten Flüchtlingskrise 2015 hat Orban ja auch einen ganz klaren
Lili Vanko: migrationsfeindlichen Kurs vertreten und gesehen haben ist,
Lili Vanko: dass sich die konservativen Kräfte in Europa bis hin ins liberale Spektrum der
Lili Vanko: ungarischen Politik immer stärker angenähert haben.
Lili Vanko: Angela Merkel, Friedrich Merz, bis ja sogar hin zu den Grünen,
Lili Vanko: die in der Amtsbeziehung unter Olaf Scholz den restriktiven Migrationskurs mitgemacht haben.
Lili Vanko: Das zweite Beispiel und sehr eindrücklich ist der ehemalige EU-Kommissionschef Jean-Claude Juncker,
Lili Vanko: der auf einem EU-Gipfel 2015 in Riga Orban einmal mit den Worten begrüßt hat,
Lili Vanko: der Diktator kommt und dann gleichzeitig aber so kungelt mit Orban.
Lili Vanko: Und mein Eindruck war immer, solange Orban die ökonomischen Machtverhältnisse in der EU anerkennt,
Lili Vanko: wurde diese rechte Rhetorik und auch diese rechte Politik bis hin zum wirklich
Lili Vanko: autoritären politischen Umbau geduldet.
Lili Vanko: Kritik kam eigentlich dann erst richtig auf, als im Ukraine-Krieg Richtungsentscheidungen
Lili Vanko: auf außenpolitischer Ebene gefallen sind.
Lili Vanko: Also Orbans Weigerung, auf russische Gasimporte zu verzichten oder Orbans Weigerung,
Lili Vanko: die Ukraine mit Waffen zu unterstützen oder auch Kredite zu geben.
Lili Vanko: Das waren so Punkte, wo ich den Eindruck hatte, hier bricht das.
Lili Vanko: Und jetzt wäre für mich die Frage, ist diese Wahl, Marja und Orban,
Lili Vanko: auch eine Richtungsentscheidung gewesen zwischen sozusagen pro EU-Fraktionen
Lili Vanko: in der ungarischen Wirtschaft und der ungarischen Politik einerseits und anderen
Lili Vanko: Kräften, die vielleicht für eine stärkere,
Lili Vanko: außenpolitisch unabhängigere Position Ungarns geworben haben und stärker auch
Lili Vanko: für eine Annäherung mit Russland, auch mit den USA unter Trump eingetreten sind.
Lili Vanko: Wie würdest du das sehen?
Felix Jaitner: Danke für diese Einleitung, das ich glaube sehr gut passend ist.
Felix Jaitner: Es liegt auch so, dass die Europäische Union hat Ungarn lange Zeit nicht so
Felix Jaitner: streng behandelt, was so bestimmte nicht EU-konforme wirtschaftliche Maßnahmen,
Felix Jaitner: den Umgang mit Minderheiten oder Enddemokratisierung angeht.
Felix Jaitner: Und da gab es genau, wie du das erwähnt hast, so eine Art von Veränderung nach
Felix Jaitner: dem Krieg mit der Ukraine.
Felix Jaitner: Aber was dann auch vielleicht wichtig zu betonen ist, wozu das geführt hat,
Felix Jaitner: ist, dass Ungarn sehr viele EU-Fördergelder nicht bekommen hat.
Felix Jaitner: Und das ist das ausgesprochene Ziel von der neuen Mögerregierung,
Felix Jaitner: diese Art von Fördermittel zurückzuwinden.
Felix Jaitner: Und das heißt auch, verschiedene demokratische Mechanismen zurückzuführen.
Felix Jaitner: Also in diesem Sinne gibt es so eine Näherung zur EU- und EU-Rechtlinien.
Felix Jaitner: Aber das ist meistens so demokratischer Wiederaufbau eher.
Felix Jaitner: Also ich glaube, da gibt es mehrere Schichten. Also in so einem Sinne,
Felix Jaitner: eine neue Regierung bedeutet in Wirklichkeit so eine Pro-EU-Kraft.
Felix Jaitner: Weil auch, dass diese EU-Fördermittel für Ungarn notwendig sind,
Felix Jaitner: weil Peter Moller, wenn er dann bald in die Macht kommt, muss mit relativ leeren
Felix Jaitner: Staatskassen operieren.
Felix Jaitner: Und diese EU-Fördergelder sind dann sehr, sehr, sehr wichtig.
Felix Jaitner: Zum Beispiel so ein Gesundheitssystem wieder aufzubauen.
Felix Jaitner: Aber wie das halt außenpolitisch und eher auf so einer industriepolitischen
Felix Jaitner: Ebene aussieht, das ist dann vielleicht so mehrspaltig,
Felix Jaitner: weil in dieser genannten Pressenkonferenz Peter Mayard ist schon angesprochen,
Felix Jaitner: dass diese Art von diplomatischer Verbindung mit Russland weiterbleibt,
Felix Jaitner: aber auf einen Energiesektor beschränkt.
Felix Jaitner: Also wer hat es mehrmals betont, dass der russische Gas weiterhin in Ungarn brauchen würde?
Felix Jaitner: Andere diplomatische Verbindungen mit Russland werden vielleicht nicht so wichtig.
Felix Jaitner: Also diese Nähebeziehung zwischen Orban und Putin ist vielleicht nicht zu wiederholen.
Felix Jaitner: Aber wenn man so einen Energiesektor anguckt, da ändert sich nicht so viel.
Felix Jaitner: Und du hast auch eher über Businessinteresse geredet.
Felix Jaitner: Das Urban-Regime hat seine nationale Bourgeoisie aufgebaut, aber das heißt,
Felix Jaitner: dass alle Konzessionen, alle Verträge sind an einigen Firmen gegangen.
Felix Jaitner: Und es gibt Firmen in Ungarn, die sich dagegen positionieren.
Felix Jaitner: Aber das ist dann wieder halt eher innerhalb des Landes, sozusagen.
Felix Jaitner: Und es ist dann eine sehr gute Frage, wie diese Abhängigkeit mit Deutschland
Felix Jaitner: oder China oder Südkorea oder wie Industriepolitik unter Madiarpita aussehen würde.
Felix Jaitner: Aber das ist wahrscheinlich nicht zu erwarten, dass eine neue Regierung diese
Felix Jaitner: Abhängigkeiten abschaffen könnte. Also viele Verträge wurden staatlich schon eingesetzt.
Felix Jaitner: Also Ungarn ist so eine neue Art von Batterieproduktionsland geworden.
Felix Jaitner: Es gab richtig viele Skandalen und Krisen damit.
Felix Jaitner: Ich glaube von diesem Punkt vielleicht nicht zu erwarten, dass Peter Maja so
Felix Jaitner: einen ganzen Kurzwechsel damit schaffen könnte.
Felix Jaitner: Natürlich würde ich mich sowas wünschen, dass man so Industriepolitik oder so
Felix Jaitner: eine Art von Development State aufbauen könnte, das nicht auf so ausländischem Kapital basiert ist.
Felix Jaitner: Aber wenn man Reden von Peter Maggiore anguckt oder verschiedene Personen,
Felix Jaitner: die schon nominiert sind von Positionen, die sind immerhin in so Fossilbrennstoffindustrie
Felix Jaitner: oder stammen von so Consultancies.
Felix Jaitner: Also ich glaube, das zu erwarten, dass ein ganzer Richtungswechsel kommt,
Felix Jaitner: ist fragwürdig und das ist dann wieder irgendwas, das viel, viel,
Felix Jaitner: viel länger dauert, aufzubauen.
Felix Jaitner: Das würde dann dafür, wäre so eine Reform, das ist ein Gesundheitsbildungssystem
Felix Jaitner: förderlich und das ist dann wieder irgendwas so langfristiges.
Lili Vanko: Zum Abschluss unseres Gesprächs würde ich mit dir noch mal gerne über das Verhältnis
Lili Vanko: zwischen der Deutschen und der ungarischen Linken sprechen.
Lili Vanko: Und du hattest es eben bereits ein bisschen angesprochen, Fall der Haft von Maya T.
Lili Vanko: Was sollte die Deutsche Linke berücksichtigen, wenn sie mit ungarischen Linkenkräften zusammenarbeitet?
Lili Vanko: Und was gibt es auch für spezifische Erfahrungen in Ungarn, die für die Deutsche
Lili Vanko: Linke interessant sind bei möglichen Kooperationen?
Felix Jaitner: Ich glaube, Ungarn wurde sehr oft als eine Art von Lab, so eine Laboratorie benannt.
Felix Jaitner: Diese rechtsautoritäre Entwicklungen, zumindest innerhalb der EU,
Felix Jaitner: sind in Ungarn angefangen. Also wir haben damit so eine 16-jährige Erfahrung,
Felix Jaitner: wie Urbains Playbook aussieht.
Felix Jaitner: Und das kennen wir leider alle auf den Ungarnischen Linken auswendig.
Felix Jaitner: Und darüber sind wir auch immer bereit zu reden.
Felix Jaitner: Also kann man sehr viele Beispiele in Europa, aber weltweit nennen, wie das aussieht.
Felix Jaitner: Und ich glaube, Ungarn könnte dafür auch so ein Beispiel sein.
Felix Jaitner: Oder wir können so ein Wissen verteilen, wie man verschiedene Entwicklungen
Felix Jaitner: vielleicht vermeiden könnte.
Felix Jaitner: Weil jetzt hatten wir in Ungarn die Wahl zwischen so einem rechtsautoritären
Felix Jaitner: Nationalismus und seiner relativ leeren neoliberalen Regierung.
Felix Jaitner: Und das ist natürlich nicht mal die ideale Wahl, meiner Meinung nach.
Felix Jaitner: Und so eine Wahl erscheint auch in mehreren Ländern.
Felix Jaitner: Und ich glaube, das ist dann umso wichtiger, dagegen so eine progressive Vision
Felix Jaitner: aufzubauen, was in Ungarn bisher nicht gelungen ist.
Felix Jaitner: Und ich glaube, vielleicht noch ein anderes Thema, wenn wir über die Rolle Deutschlands reden.
Felix Jaitner: Ich glaube, gerade merken wir, dass das sogenannte Modell Deutschland an seine Grenzen stößt.
Felix Jaitner: Und viele Bereiche wie Wirtschaft, Soziales, Umwelt, Arbeit und Industriepolitik wurden neu gestaltet.
Felix Jaitner: Also das ist, glaube ich, so eine entscheidende Zeit, wie das dann aussieht.
Felix Jaitner: Und was kann man denn sich fragen oder was hat das mit Ungarn zu tun?
Felix Jaitner: Aber ja, genau, wir haben über Automobilstandorte und Werken in Ungarn geredet.
Felix Jaitner: Also wenn die, so diese Antroindustrie in Deutschland, Bauch untergeht oder
Felix Jaitner: Probleme trifft, dann muss man meiner Meinung nach in so Weltschöpfungsketten denken.
Felix Jaitner: Wenn irgendwas in Deutschland schon sehr schwere und negative Auswirkungen hat,
Felix Jaitner: wenn man das weiter in der Weltgeschriftung verfolgt, das in Ungarn wird noch
Felix Jaitner: krasser. Ich glaube, könnte man davon ausgehen.
Felix Jaitner: Dass es alles so eine grüne Wende oder halt so eine Deindustrialisierung und
Felix Jaitner: Reindustrialisierung und semiperipherie ganz anders aussieht.
Felix Jaitner: Und ich weiß auch ganz genau, dass über so Lieferketten zu organisieren, ist nicht einfach.
Felix Jaitner: Aber ich glaube, es ist halt eine der wichtigsten Aufgaben unserer Zeit.
Felix Jaitner: Dass linke Kräfte in Deutschland sollten, glaube ich, diesen Raum eintreten
Felix Jaitner: und sich vor allem weniger kapitalgetriebenen grünen Wände oder nicht mal so
Felix Jaitner: einen grünen Kapitalismus zu kennen,
Felix Jaitner: sondern dagegen und eine progressive Vision auch zu zeigen.
Felix Jaitner: Weil Deutschland hat immerhin eine sehr wichtige Rolle, was so Industriepolitik
Felix Jaitner: und Klima- und Umweltpolitik, aber Arbeitspolitik auch trifft.
Felix Jaitner: Und wenn so linke Kräfte für so progressive Politik in diesen Bereichen kämpfen,
Felix Jaitner: das hat dann meiner Hoffnung nach positive Auswirkungen woanders auch.
Felix Jaitner: Weil genau, so diese autoritären Kräfte sind stärker und stärker und sehr, sehr gut vernetzt.
Felix Jaitner: Und ich glaube, was wir dagegen brauchen, ist eine genau starke progressive
Felix Jaitner: International anstatt dem und dafür brauchen wir einander.
Lili Vanko: Lili, das war ein sehr schönes und auch ein sehr eindringliches und mahnendes Schlusswort.
Lili Vanko: Ich möchte dir sehr herzlich danken für das Gespräch. Ich finde,
Lili Vanko: wir haben wichtige Fragen erörtert vor dem Hintergrund dieser wirklich endenden
Lili Vanko: 16 Jahre währenden Orban-Ära und wirklich auch der sehr bedeutsamen Frage,
Lili Vanko: wie geht es mit Ungarn weiter,
Lili Vanko: wie wird sich das Land verändern und welche Erwartungen hat man gerechtfertigterweise auch an Ungarn?
Lili Vanko: Deine Aussichten sind ja doch recht düster, aber ich möchte dir nochmal sehr
Lili Vanko: herzlich danken und wünsche dir alles Gute.
Felix Jaitner: Danke dir, danke für die Einladung. Das war mir eine Freude.
Felix Jaitner: G'n up in flames And nobody Wanna take the blame
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