Wird Trumps Rechnung aufgehen, Loren Balhorn?
Shownotes
Die US-Regierung entfesselt eine Welle der Gewalt. Auf die Intervention in Venezuela und die Entführung von Staatspräsident Nicolás Maduro Anfang Januar folgte kaum einen Monat später der Beginn der Angriffe auf den Iran gemeinsam mit Israel.
Mit Hilfe der Polizei- und Zollbehörde des Ministeriums für Innere Sicherheit (ICE) und der Nationalgarde treibt US-Präsident Donald Trump parallel die Militarisierung der Innenpolitik voran. Bei der Jagd auf vermeintlich illegale Migrantinnen wurden zwei Zivilistinnen durch ICE-Beamte getötet.
Welche Absicht verfolgt die US-Regierung mit ihrer Politik? Warum begrüßt die Bundesregierung die völkerrechtswidrigen Interventionen, obwohl sie doch an anderer Stelle das Ende der regelbasierten Ordnung beklagt? Und können progressive Kräfte wie der New Yorker Bürgermeister Zohran Mamdani eine Alternative bieten?
In dieser Folge spricht Felix Jaitner mit Loren Balhorn über die Politik der USA seit der Wiederwahl Donald Trumps. Balhorn ist ehemaliger Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung und außerdem Mitbegründer und Chefredakteur der deutschsprachigen Ausgabe von Jacobin.
Schreibt uns an: weltunordnung@rosalux.org
Shownotes:
Balhorn, Loren (2026): Wer nicht über Venezuela spricht, muss auch zu Grönland schweigen, Jacobin Magazin.
Balhorn, Loren (2024): Trump hat nicht gewonnen – Harris hat verloren, Jacobin Magazin.
Silver, Beverly J./ Payne Corey R. (2022): Domination Without Hegemony and the Limits of US World Power, Emerald Publisher.
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Felix Jaitner: Die US-Regierung entfesselt eine Welle der Gewalt.
Felix Jaitner: Anfang Januar intervenierte das US-Militär in Venezuela und entführte Staatspräsident Nicolás Maduro.
Felix Jaitner: Seit Ende Februar bombardieren die Vereinigten Staaten gemeinsam mit Israel den Iran.
Felix Jaitner: Beide Militäreinsätze erfolgten ohne ein Mandat des UN-Sicherheitsrates und
Felix Jaitner: sind damit völkerrechtswidrig.
Felix Jaitner: Doch Donald Trump scheint das nicht zu stören. Er fühlte sich nicht an internationales
Felix Jaitner: Recht gebunden, sondern nur
Felix Jaitner: an seine eigene Moral, so der US-Präsident gegenüber der New York Times.
Felix Jaitner: Auch im Inland eskaliert die Gewalt. Die Polizei und Zollbehörde des Ministeriums
Felix Jaitner: für Innere Sicherheit, kurz ICE, und die Nationalgarde machen Jagd auf vermeintlich
Felix Jaitner: illegale Migrantinnen.
Felix Jaitner: Im Bundesstaat Minnesota wurden mindestens zwei Zivilistinnen durch Eisbeamte
Felix Jaitner: getötet. Eine Person starb in Gewahrsam.
Felix Jaitner: Seit Beginn der Razzien ist die Zahl der Todesopfer in Haftanstalten der Behörde deutlich gestiegen.
Felix Jaitner: Welche Absicht verfolgt die US-Regierung mit ihrer Politik?
Felix Jaitner: Warum begrüßt die Bundesregierung die völkerrechtswidrigen Interventionen,
Felix Jaitner: obwohl sie doch an anderer Stelle das Ende der regelbasierten Ordnung beklagt?
Felix Jaitner: Und können progressive Kräfte wie der New Yorker Bürgermeister Soran Mamdani
Felix Jaitner: eine Alternative bieten?
Felix Jaitner: Mein Name ist Felix Jeitner und in der heutigen Folge spreche ich mit Lauren
Felix Jaitner: Bellhorn über die US-Politik seit der Wiederwahl Donald Trumps.
Felix Jaitner: Lauren ist ehemaliger Mitarbeiter der Rosa-Luxemburg-Stiftung und außerdem Mitbegründer
Felix Jaitner: und Chefredakteur der deutschsprachigen Ausgabe von Jacobin.
Felix Jaitner: In den Shownotes findet ihr eine kleine Auswahl seiner Texte,
Felix Jaitner: sowie eine Buchempfehlung zur Hintergrundlektüre.
Felix Jaitner: Das Thema ist die abnehmende globale Hegemoniefähigkeit der USA.
Felix Jaitner: Hallo Lauren, ich freue mich, dass du da bist.
Loren Balhorn: Hi Felix, danke für die Einladung.
Felix Jaitner: Lauren, wir nehmen heute auf am Mittwoch, den 3. März und es ist jetzt drei
Felix Jaitner: Tage her, dass der Iran von Israel und den USA, man muss sagen,
Felix Jaitner: erneut angegriffen worden ist.
Felix Jaitner: Und ich denke, wir müssen das in einem breiteren Kontext sehen,
Felix Jaitner: denn seit der Wiederwahl Donald Trumps zum US-Präsidenten sehen wir eine Entfesselung der Gewalt.
Felix Jaitner: Es gab sogenannte Antiterror-Operationen in Irak, im Jemen,
Felix Jaitner: in Syrien und Somalia und dann natürlich auch zum Jahreswechsel die Intervention
Felix Jaitner: in Venezuela und damit zusammenhängt ja auch die Entführung von Präsident Nicolás Maduro.
Felix Jaitner: Ich sage das deshalb, weil diese ganze Gewaltpolitik ja in einem starken Widerspruch
Felix Jaitner: steht zu den Forderungen Trumps nach außenpolitischer Zurückhaltung,
Felix Jaitner: das ja ein wichtiges Wahlkampfversprechen war.
Felix Jaitner: Wie erklärst du dir eigentlich diese Eskalation und welches Ziel verfolgt Trump mit dieser Politik?
Loren Balhorn: Ich glaube, niemand von uns kann wirklich genau verstehen, welche Ziele die
Loren Balhorn: US-Regierung verfolgt.
Loren Balhorn: Einfach weil, und es wird sicherlich immer wieder Thema des Gesprächs werden,
Loren Balhorn: die Art von Herrschaft, die Trump ausübt, diese stark personalisierte oder personalistische
Loren Balhorn: sozusagen Herrschaft, so gut wie präsedenzlos ist, zumindest in der neueren
Loren Balhorn: amerikanischen Geschichte,
Loren Balhorn: und ausgeübt von einer Person,
Loren Balhorn: die wirklich willkürlich agiert und eine besonders kurze Aufmerksamkeitsspanne hat.
Loren Balhorn: Deshalb ist es, glaube ich, das hat einfach ein Element, das Chaotische in die
Loren Balhorn: Weltpolitik eingebracht, die man zumindest in den letzten Jahrzehnten nicht kannte.
Loren Balhorn: Ich glaube schon auch, dass Trumps Ziele sich von Tag zu Tag ändern und dass Trump auch...
Loren Balhorn: Da er selber keine genaue Sicht auf die Welt hat oder genaue Prioritäten hat,
Loren Balhorn: außer sich selbst als ein starker Mann zu inszenieren,
Loren Balhorn: dass er sich relativ leicht manipulieren lässt von anderen Akteuren um ihn herum
Loren Balhorn: und auch andere staatlichen Akteure.
Loren Balhorn: Und meine Vermutung wäre, basiert auf dem, was man in den Medien lesen kann,
Loren Balhorn: aber auch basiert auf dem, was gestern in einer Pressekonferenz gesagt wurde
Loren Balhorn: von Marco Rubio. Also momentan scheint die offizielle Erklärung des Weißen Hauses zu sein.
Loren Balhorn: Das wird sich wahrscheinlich auch verändert haben, bis diese Folge veröffentlicht
Loren Balhorn: wird. Wir wussten, dass die Israelis angreifen werden und wir wussten,
Loren Balhorn: dass es dann auch Gegenschläge geben würde gegen uns.
Loren Balhorn: Also haben wir präentiv an diesem Angriff beteiligt. Ich kann mir auch gut vorstellen,
Loren Balhorn: dass es ein Stück weit so gelaufen ist.
Loren Balhorn: Netanyahu ist ja ein Meister darin, schon seit Jahrzehnten die Amerikaner immer
Loren Balhorn: wieder in seine Kriege oder seine Konflikte hineinzuziehen.
Loren Balhorn: Was ich aber nicht glaube, ist, dass es im Weißen Haus so etwas wie eine langfristige
Loren Balhorn: Vision gibt, für was danach passieren kann.
Loren Balhorn: Da finde ich, ist Venezuela nochmal ein anderer Schnack gewesen.
Loren Balhorn: Da sieht es aus, als hat es wirklich auch Vorbereitungen gegeben,
Loren Balhorn: auch längere Gespräche mit anderen Akteuren in dem venezolanischen Regime sozusagen.
Loren Balhorn: Also da war etwas vorbereitet für die Zeit danach. Ich kann mir gut vorstellen,
Loren Balhorn: dass das Ziel der Israelis ist,
Loren Balhorn: den iranischen Staat so tief ins Chaos zu stürzen und so zu zerschlagen,
Loren Balhorn: dass einfach auf Jahre oder Jahrzehnte kein neuer funktionierender Staat in
Loren Balhorn: dem Land entstehen kann. Das ist ja oft ihr Ziel gewesen.
Loren Balhorn: Ähnlich ist es, glaube ich, momentan in Syrien.
Loren Balhorn: Ich glaube, Trump hat wahrscheinlich gedacht, kann ich das in Anführungszeichen
Loren Balhorn: Mullah-Regime stürzen, helfe die Demokratie im Iran einzuführen und bekomme
Loren Balhorn: dann dafür endlich diesen Nobelpreis.
Loren Balhorn: Und Akteure um ihn herum haben dann ein eigenes Agenda.
Loren Balhorn: Aber ich glaube, momentan ist es
Loren Balhorn: sehr schwer, irgendwas langfristiges zu erkennen in dem Agieren der USA.
Felix Jaitner: Lass uns dann mal von der Außenpolitik versuchen, stärker die innenpolitischen
Felix Jaitner: Entwicklungen in den USA in den Blick zu nehmen und über die soziale Basis des Trumpismus sprechen.
Felix Jaitner: Die erste Präsidentschaft Trumps war von 2017 bis 2021.
Felix Jaitner: Und mein Eindruck, wenn ich die Berichterstattung dazu verfolgt habe, war,
Felix Jaitner: dass gerade in den Eliten im Establishment der USA und auch der EU diese Zeit,
Felix Jaitner: diese Präsidentschaft Trumps als ein Unfall dargestellt worden ist und dann
Felix Jaitner: die Wahl Bidens als Rückkehr zur Normalität.
Felix Jaitner: Also endlich ist die USA wieder der verlässliche Partner, den man kennt.
Felix Jaitner: Und jetzt ist es aber so, dass mit der Wiederwahl 2025 von Trump klar geworden
Felix Jaitner: ist, es gibt einen gefestigten Rückhalt in der Bevölkerung für die Politik Trumps.
Felix Jaitner: Was sind denn aus deiner Sicht die Gründe für das Aufkommen dieses Phänomens
Felix Jaitner: Trump und auch der Make America Great Again Bewegung.
Loren Balhorn: Ja, ich meine, das was du gerade gesagt hast, dass quasi die erste Trump-Wahl
Loren Balhorn: als eine Art Betriebsfehler sozusagen gesehen wurde und Biden eine Rückkehr zur Normalität.
Loren Balhorn: Ich glaube eigentlich immer noch daran, an dieser These.
Loren Balhorn: Insofern, dass ich glaube, es hat sich natürlich etwas in den Vereinigten Staaten
Loren Balhorn: gewandelt über die letzten Jahrzehnte.
Loren Balhorn: Es gab natürlich eine demografische Verschiebung auch in der Wählerschaft der
Loren Balhorn: Republikaner, die zu Trumps Wahlsieg geführt hat.
Loren Balhorn: Aber es wäre ein Fehler zu sagen, es gab da sowas wie eine tektonische Verschiebung.
Loren Balhorn: Im Großen und Ganzen bleibt eigentlich alles wie beim Alten.
Loren Balhorn: Also wenn wir die erste Trump-Amtszeit anschauen, da gab es auch außer ein paar
Loren Balhorn: große Steuererlässe für Superreichen und ein Ausstieg aus dem Pariser Abkommen,
Loren Balhorn: Ausstieg aus dem Atomabkommen mit dem Iran,
Loren Balhorn: ein Vorspiel auf das, was heute passiert,
Loren Balhorn: gab es meines Erachtens innen- und außenpolitisch nicht so viele Unterschiede.
Loren Balhorn: Das ist heute vielleicht ein
Loren Balhorn: bisschen anders. Darüber werden wir bestimmt auch nachher noch sprechen.
Loren Balhorn: Aber ich finde, man muss eigentlich nach wie vor die Kontinuitäten in der amerikanischen
Loren Balhorn: Politik und im amerikanischen Staat betonen, um sich nicht von den Brüchen oder
Loren Balhorn: Veränderungen zu sehr ablenken zu lassen.
Loren Balhorn: Du hast recht, es gibt jetzt durchaus einen Kern von nager Wählern sozusagen,
Loren Balhorn: eine gefestigte, überzeugte Trump-Basis.
Loren Balhorn: Also die Umfragen sind immer so eine Sache, aber die neuesten Umfragen würden
Loren Balhorn: suggerieren, dass ungefähr 20 bis 25 Prozent der Wählerschaft,
Loren Balhorn: also rund die Hälfte der Republikaner, wirklich glühende Trump-Fans sind.
Loren Balhorn: Das ist aber wiederum nur ungefähr die Hälfte der wahlberechtigten Bevölkerung.
Loren Balhorn: Also wir müssen immer daran denken, dass beinahe die Hälfte der Amerikaner sich
Loren Balhorn: an der Wahlpolitik überhaupt nicht beteiligen.
Loren Balhorn: Und von den 180 oder 160, wie auch immer Millionen Amerikaner,
Loren Balhorn: die tatsächlich wählen gehen, ist wiederum ein Viertel von ihnen glühende Trump-Unterstützer.
Loren Balhorn: Ja, also es ist doch eine relativ kleine Minderheit.
Loren Balhorn: Gut, es ist ein Land von 350 Millionen Menschen, das sind dann immerhin 50 Millionen
Loren Balhorn: Menschen vielleicht. oder 40 Millionen Menschen.
Loren Balhorn: Aber wir reden trotzdem von einer gesellschaftlichen Minderheit und die Wahlsiege
Loren Balhorn: Trumps sowohl 2016 als auch 2024 basierten auf relativ minimale Verschiebungen
Loren Balhorn: in ein paar wichtigen Bundesländern,
Loren Balhorn: wo relativ kleine Gruppen an Menschen, also wir reden von Hunderttausenden,
Loren Balhorn: paar Millionen in manchen Fällen.
Loren Balhorn: Entweder gar nicht wählen gegangen sind oder einmal statt die Demokraten,
Loren Balhorn: die Republikaner gewählt haben.
Loren Balhorn: Wenn man Umfragen zu einzelnen politischen Fragen anschaut, sei es Migrantenrechte,
Loren Balhorn: sei es Gesundheitsversorgung, sei es Schulenrechte.
Loren Balhorn: Also ganz viele Themen, die traditionell in konservative oder progressive Lage
Loren Balhorn: aufgeteilt werden, gibt es oft, wenn nicht Mehrheiten, zumindest große Minderheiten
Loren Balhorn: für progressive Positionen.
Loren Balhorn: Also die Herrschaft Trumps ist nicht verbunden mit einem politischen,
Loren Balhorn: ideologischen Durchmarsch in dem Sinne. Vielen Dank.
Loren Balhorn: Also ein Begriff, das dafür oft benutzt wird, ist Dominanz oder Herrschaft ohne Hegemonie.
Loren Balhorn: Also Trump konnte es schaffen, an die Macht zu gelangen, er hat aber keine wirkliche
Loren Balhorn: gesellschaftliche Hegemonie.
Loren Balhorn: Und ich glaube, das ist wiederum, um jetzt deine Frage zu beantworten,
Loren Balhorn: tut mir leid, das war jetzt ein langer Vorspann.
Loren Balhorn: Ich glaube, der Punkt ist, Trump ist gar nicht so stark und gar nicht so beliebt,
Loren Balhorn: weil mindestens die Hälfte seiner Wähler ihn nicht wählen, weil sie wirklich
Loren Balhorn: überzeugt sind von seinem Programm. Das hat er ja auch nicht.
Loren Balhorn: Oder weil sie glühende Rassisten sind oder glühende Chauvinisten.
Loren Balhorn: Das sind sie sicherlich zum Teil auch. Sondern weil Trump als Person einen Hass
Loren Balhorn: auf ein System verkörpert, das mittlerweile viele, viele, viele Menschen in
Loren Balhorn: den USA wahrnehmen als gegen sie gerichtet sozusagen.
Loren Balhorn: Also wir schauen nach wie vor größtenteils auf eine demobilisierte Gesellschaft.
Loren Balhorn: Relativ wenig gesellschaftliche und politische Partizipation sowohl auf der
Loren Balhorn: linken als auch auf der rechten Seite.
Loren Balhorn: Trump hat keine Schläger-Trupps, er hat auch keine Millionen Menschen,
Loren Balhorn: die er mobilisieren kann, wenn er sie braucht für irgendeinen Anlass.
Loren Balhorn: Er ist eigentlich nach wie vor ein recht fragiler Herrscher,
Loren Balhorn: weil er, wie gesagt, vor allem einen gewissen Wut kanalisiert und als Projektionsfläche
Loren Balhorn: dient vielleicht für viele Menschen.
Loren Balhorn: Und mein Gefühl wäre, auch wenn man jetzt die Umfragen die letzten Monate anschaut,
Loren Balhorn: je mehr Trump sich von seinen Versprechen verabschiedet, keine Kriege im Ausland anzuzetteln,
Loren Balhorn: desto mehr wird eine Desillusionierung einsetzen unter viele seiner Anhänger.
Loren Balhorn: Man sieht es jetzt schon in den Umfragen.
Loren Balhorn: Ich glaube, man sieht es auch daran, dass Trump, jetzt hat er das wieder zurückgezogen,
Loren Balhorn: aber vor ein paar Wochen hatte so ein bisschen halb ironisch oder halb sarkatisch
Loren Balhorn: darüber spekuliert, vielleicht müsste man die Zwischenwahlen eigentlich aussetzen.
Loren Balhorn: Weil ich glaube, er auch weiß, wenn er sich die Zahlen anschaut,
Loren Balhorn: dass es da nicht gut laufen wird für ihn.
Felix Jaitner: Ich finde es ja interessant, dass du Trump sozusagen einerseits als das Produkt
Felix Jaitner: dieser Neoliberalisierung der USA und Depolitisierung der gesamten Gesellschaft darstellst.
Felix Jaitner: Also sozusagen Trump Erfolg ist ja gerade darin begründet, dass er eben das
Felix Jaitner: Anti-Establishment vermeintlich repräsentiert und gleichzeitig repräsentiert
Felix Jaitner: Trump ja wie kaum ein anderer das Establishment.
Felix Jaitner: Also eigentlich eine Oligarchisierung der Politik in ihrem extremsten Ausmaß.
Felix Jaitner: Und was wären denn dann trotzdem, wenn wir jetzt nochmal klassenspezifisch gucken
Felix Jaitner: würden, was sind denn die Wählerschichten, die gesellschaftlichen Schichten,
Felix Jaitner: die Trump unterstützen?
Loren Balhorn: Ja, ja. Ich glaube, überhaupt um Trumps Anziehungskraft zu verstehen,
Loren Balhorn: muss man auch ein bisschen Trump selber anschauen.
Loren Balhorn: Weil es ist genau wie du es beschreibst, er ist gleichzeitig ein Produkt der
Loren Balhorn: Elite und auch nicht nur Produkt der Elite, sondern auch Produkt des Zerfalls
Loren Balhorn: der amerikanischen Gesellschaft.
Loren Balhorn: Also sein Reichtum wäre nicht möglich in einem besser regulierten Wohlfahrtsstaatkapitalismus
Loren Balhorn: und auch seine Popularität, seine Bekanntheit wäre nicht möglich in einer,
Loren Balhorn: sagen wir, gesünderen Öffentlichkeit.
Loren Balhorn: Aber ich glaube, was ihn trotzdem sehr attraktiv macht für Menschen aus allen
Loren Balhorn: möglichen gesellschaftlichen Schichten, ist, dass er zwar aus der Elite kommt, aber auch nicht so ganz.
Loren Balhorn: Sam Farber, ein alter amerikanischer Marxist, hatte während der ersten Amtszeit
Loren Balhorn: von Trump ihn als einen Lumpenkapitalist beschrieben.
Loren Balhorn: Also er kommt aus der kapitalistischen Klasse, aber gehört nicht ganz zu ihr,
Loren Balhorn: vor allem auch im moralischen Sinne. So ein bisschen wie Marx das Lumpenproletariat beschrieben hat.
Loren Balhorn: Sie sind ja arm, aber sie sind moralisch degeneriert.
Loren Balhorn: Sie verdienen ihr Brot durch unehrliche Art und Weise und werden deshalb auch
Loren Balhorn: von der Arbeiterklasse selbst ein bisschen als Fremdkörper betrachtet und auch
Loren Balhorn: ein bisschen verachtet. Und genauso ist es mit Trump und seinem Verhältnis zur
Loren Balhorn: kapitalistischen Klasse.
Loren Balhorn: Er ist kein ehrlicher Geschäftsmann. Gut, ob es überhaupt ehrliche Geschäftsmänner
Loren Balhorn: gibt, ist eine andere Frage.
Loren Balhorn: Aber er ist vielleicht ein besonders unehrlicher Geschäftsmann,
Loren Balhorn: ein besonders kruder Geschäftsmann und für große Teile der liberalen amerikanischen
Loren Balhorn: Elite eigentlich peinlich, unappetitlich.
Loren Balhorn: Und das weiß er, ja, das weiß er sehr genau. Und ich glaube,
Loren Balhorn: das Authentischste an ihm ist sein Hass auf diese Elite, zu der er gehören will, aber nicht gehört.
Loren Balhorn: Dieser Hass, da er authentisch ist, spüren das auch viele Menschen.
Loren Balhorn: Der Grund, warum sie die Elite hassen, ist vielleicht eine ganz andere.
Loren Balhorn: Ist vielleicht, weil sie 20.000 Dollar Schulden aufnehmen musste,
Loren Balhorn: um irgendwie eine Knieoperation zu bezahlen.
Loren Balhorn: Oder weil sie nach der Finanzkrise aus ihrem Haus rausgeschmissen wurde und
Loren Balhorn: zwei Jahre lang auf der Straße leben mussten.
Loren Balhorn: Also viele von den Menschen, die Trump wählen, haben sehr gute,
Loren Balhorn: berechtigte Gründe, die Elite zu hassen. Es gibt aber niemanden im demokratischen
Loren Balhorn: Lager, außer vielleicht Bernie Sanders und ein paar anderen,
Loren Balhorn: die diesen Hass so authentisch rüberbringen können.
Loren Balhorn: Und deshalb werden sie von Trump angezogen.
Loren Balhorn: Und das gibt ihm so eine gewisse charismatische Bindung zu seinen Anhängern.
Loren Balhorn: Welche gesellschaftlichen Schichten das sind? Ich meine, wir haben 2024 gesehen,
Loren Balhorn: dass Trump eigentlich in allen möglichen Wählergruppen außer weißen Männern
Loren Balhorn: ironischerweise zugewinnen konnte.
Loren Balhorn: Der hat immerhin eine Mehrheit unter weißen Männern, aber es ist die einzige
Loren Balhorn: gesellschaftliche Schicht sozusagen oder Wählerschicht, wo seine Unterstützung
Loren Balhorn: ein bisschen nach unten ging.
Loren Balhorn: Dennoch ist seine Unterstützung nicht groß anders als die anderen Republikaner.
Loren Balhorn: Also seine primäre Unterstützung, seine finanzielle Unterstützung und auch sein
Loren Balhorn: politisches Kapital sozusagen kommt vor allem aus den traditionellen extraktivistischen,
Loren Balhorn: in Anführungszeichen, Industrien, Öl und Gas.
Loren Balhorn: Teile der übrig gebliebenen Industrie, die von protektionistischen Maßnahmen profitieren.
Loren Balhorn: Also man hat ja im Süden der USA seit Jahrzehnten bereits eine Reindustrialisierung
Loren Balhorn: sozusagen oder eine Onshoring, wie das heißt.
Loren Balhorn: Also dass immer mehr Autobauer, Waffenhersteller, alle möglichen Mittel und
Loren Balhorn: schwere Industrie zurück in die Staaten kommt.
Loren Balhorn: Das sind meistens in Bundesländern, wo Gewerkschaften so gut wie verboten sind
Loren Balhorn: oder wo einfach das Recht, sich gewerkschaftlich zu organisieren.
Loren Balhorn: Sehr eingeschränkt wird vom Staat.
Loren Balhorn: Und diese Kapitalisten brauchen dennoch einen starken Staat,
Loren Balhorn: der den Binnenmarkt schützt für sie, wollen aber sich nicht mit den Demokraten
Loren Balhorn: zusammentun, weil die ja irgendwie noch Sympathien für Gewerkschaften haben.
Loren Balhorn: Und genau solche Teile der kapitalistischen Klasse sind dann angezogen von einem,
Loren Balhorn: wenn auch inkohärenten Wirtschaftsnationalismus, wie das Trump propagiert.
Loren Balhorn: Dazu, glaube ich, hat er große Unterstützung und ich hatte den Begriff schon
Loren Balhorn: Lundenkapitalisten verwendet. Man könnte auch sagen, ich glaube,
Loren Balhorn: das Soziologische wäre das unternehmerische Bürgertum oder das unternehmerische Kleinbürgertum.
Loren Balhorn: Also wer schon mal in den Vereinigten Staaten gewesen ist, kennt das.
Loren Balhorn: Gut, in Deutschland hat man die Hidden Champions sozusagen, also den Mittelstand.
Loren Balhorn: In den USA hat man einen Mann, der zwei Jahre Business studiert hat,
Loren Balhorn: dann abgebrochen hat und jetzt acht McDonalds-Filien zum Beispiel besitzt.
Loren Balhorn: Oder eine kleine Baufirma.
Loren Balhorn: Also diese kleinen Kapitalisten, die jetzt zum BIP der USA gar nicht so viel
Loren Balhorn: beitragen, aber in ihren Regionen,
Loren Balhorn: in ihren kleinen Städten durchaus einflussreiche Mitglieder der Gesellschaft
Loren Balhorn: sind und auch nur kurzfristig denken.
Loren Balhorn: Also wer fünf oder sechs McDonald's betreibt, denkt jetzt nicht über 20 Jahre
Loren Balhorn: Stabilität auf dem Weltmarkt, sondern denkt über den nächsten Fatal nach.
Loren Balhorn: Und diese sehr kurzfristig denkende.
Loren Balhorn: Besonderlich gebildete Teile des Bürgertums, sagen wir so,
Loren Balhorn: füllen sich, glaube ich, sehr von Trump angezogen und dann dazu natürlich,
Loren Balhorn: ja, ein Teil der weißen Arbeiterklasse und mittlerweile auch ein zwar kleinerer
Loren Balhorn: Teil, aber auch ein Teil der nicht-weißen Arbeiterklasse, die wütend ist auf
Loren Balhorn: die gesellschaftlichen Missentwicklungen der letzten 40 Jahre.
Loren Balhorn: Das Gefühl hat, niemand in der Politik und niemand in den Medien hört sie zu
Loren Balhorn: und fühlt sich von Trumps Wut, so inkohärent er auch sein mag, irgendwie angezogen.
Felix Jaitner: Du zeichnest ja hier eigentlich ein ganz breites Panorama an gesellschaftlichen
Felix Jaitner: Schichten, die Trump unterstützen.
Felix Jaitner: Interessanterweise ja bis in die Elite. Also es gibt ja Millionäre,
Felix Jaitner: die Trump unterstützen und sozusagen Trump einerseits der Produkt dieser Spaltung
Felix Jaitner: der Elite ist und sie aber auch weiter vorantreibt.
Felix Jaitner: Das finde ich auch nochmal interessant.
Felix Jaitner: Also Trump eigentlich derjenige, der diese Polarisierung in den USA bisher eigentlich
Felix Jaitner: auf die Spitze treibt. Kann man das so sagen?
Loren Balhorn: Also während in seiner ersten Amtszeit das, sagen wir, das Großkapital,
Loren Balhorn: die großen Finanzhäuser,
Loren Balhorn: die ganzen Tech-Konzerne nichts mit ihm zu tun haben wollten,
Loren Balhorn: weil sie das, denke ich, auch als sowas wie einen Betriebsfehler gesehen haben,
Loren Balhorn: der dann in vier Jahren vorbei sein wird.
Loren Balhorn: Ein Teil dieser Elite hat dann bei seiner Wahl 24, wo er auch wirklich eine
Loren Balhorn: Mehrheit der Stimmen gewonnen hat,
Loren Balhorn: wo er, wie gesagt, in allen möglichen denkbaren Schichten dazu gewonnen hat,
Loren Balhorn: da hat offenbar ein Teil des Großkapitals verstanden, okay, das ist ein dauerhaftes
Loren Balhorn: Phänomen der Trump-Regierung, der Trumpismus, wie auch immer man das bezeichnen
Loren Balhorn: möchte, und hat dann sich dazu entschieden, die Seiten zu wechseln.
Loren Balhorn: Vor allem in der Tech-Elite sehen wir, wie viele die Seiten gewechselt haben,
Loren Balhorn: sei es Elon Musk, Mark Zuckerberg,
Loren Balhorn: diese ganzen, ich möchte nicht den Begriff woke verwenden, weil es ja so ein
Loren Balhorn: Kampfbegriff ist, aber viele von diesen Figuren wären vor zehn Jahren,
Loren Balhorn: hätten sozusagen Black Lives Matter Aufkleber auf ihren Luxusautos geklebt und
Loren Balhorn: sind heute jetzt irgendwie auf irgendwelchen Bällen und Empfängen mit Donald Trump.
Loren Balhorn: Mein Gefühl wäre, ich kann es natürlich nicht belegen, aber mein Gefühl wäre,
Loren Balhorn: dass die wirklich alte, alte Garde der amerikanischen Elite ihn nach wie vor
Loren Balhorn: mit großer Mehrheit verachtet.
Loren Balhorn: Gleichzeitig profitieren sie von seiner Politik und halten deshalb vielleicht eher das Maul.
Felix Jaitner: Wir haben ja jetzt die soziale Basis und den Rückhalt der Trump-Regierung noch mal genauer skizziert.
Felix Jaitner: Lass uns davon ausgehend noch
Felix Jaitner: mal stärker auf die Politik Trumps in seiner zweiten Amtszeit schauen.
Felix Jaitner: Es wird ja immer wieder, und du hast es ja auch bereits erwähnt,
Felix Jaitner: von Faschisierung oder Faschismus in den USA gesprochen.
Felix Jaitner: Inwiefern das zutrifft, ich finde, darüber können wir auch noch mal sprechen.
Felix Jaitner: Was wir aber, glaube ich, festhalten können, ist, dass wir einen autoritären
Felix Jaitner: Umbau in den USA sehen. Und das geschieht vor allem über eine Militarisierung der Innenpolitik.
Felix Jaitner: Das heißt, Trump nutzt staatliche Gewaltapparate, ja vor allem auch die Nationalgarde
Felix Jaitner: in demokratisch geführten Bundesstaaten, um die Kriminalisierung von Migrantinnen voranzutreiben.
Felix Jaitner: Und zwar nicht mehr nur an der Landesgrenze, wie das früher passiert ist,
Felix Jaitner: sondern ja auch im Land durch Hetzjagden, Razzien und so weiter.
Felix Jaitner: Und das in einem bisher ungekannten Ausmaß. Was würdest du denn sagen,
Felix Jaitner: welches Ziel verfolgt die Regierung eigentlich mit dieser Entfesselung von Gewalt
Felix Jaitner: im Inland, die ja auch spiegelbildlich zu sehen ist zu dieser entfesselten Gewalt global?
Loren Balhorn: Ja, so wie bei deiner ersten Frage über die Anschläge in Iran.
Loren Balhorn: Ich glaube nicht oder ich würde bezweifeln, dass das Weiße Haus oder die US-Regierung
Loren Balhorn: an sich ein klares Ziel hat mit dieser Aktion. Ich glaube…
Loren Balhorn: Ein Stück weit ist es von Trump aus gedacht als Spektakel, um seine Wähler,
Loren Balhorn: also seine wirklich rassistischen Anhänger, zufriedenzuhalten,
Loren Balhorn: weil man so viele andere Versprechen gebrochen hat, angefangen mit keinem Kriegen im Ausland mehr.
Loren Balhorn: Dann ist so ein Spektakel rassistischer Gewalt, so zur Schau getragener Gewalt,
Loren Balhorn: so was ist ein bisschen so, auf Englisch würden wir sagen, red meat,
Loren Balhorn: also das, was seine Basis sehen will.
Loren Balhorn: Ich meine, Hillary Clinton hat letzte Woche auf eine Debatte sehr stolz gesagt,
Loren Balhorn: dass sowohl ihr Mann als auch Barack Obama mehr Menschen pro Jahr deportiert
Loren Balhorn: haben, als Donald Trump es jemals gemacht hat, aber ohne solche Spektakel.
Loren Balhorn: Ich glaube, ich unterstreiche nochmal, dass bisher zumindest die Art und Weise,
Loren Balhorn: wie sogenannte illegale Migranten verhaftet werden, eine andere ist.
Loren Balhorn: Aber in der schieren Anzahl, in der Quantität hat es bisher zumindest nicht
Loren Balhorn: wesentlich anders als unter vorherigen Präsidenten.
Loren Balhorn: Ich glaube auch, dass Trump wahrscheinlich und seine Regierung ein Stück weit
Loren Balhorn: eine Dynamik losgetreten haben, die sie nicht mehr wirklich unter Kontrolle haben.
Loren Balhorn: Also wenn du diese Videos anguckst von diesen EIS-Offizieren.
Loren Balhorn: Ich glaube, viele von denen sind tatsächlich beinharter Rassisten.
Loren Balhorn: Also wieso würde man sonst zu einer solchen Behörde gehen, obwohl man auch da
Loren Balhorn: muss man sagen, ICE ist jetzt die größte Polizeibehörde in den Vereinigten Staaten
Loren Balhorn: und rekrutiert wie wild.
Loren Balhorn: Und es gibt jetzt zahlreiche Berichte darüber von Journalisten,
Loren Balhorn: die auf Jobmessen von ICE gehen, dass ganz, ganz viele nicht-weiße Menschen sich da auch bewerben.
Loren Balhorn: Zum Teil einfach, weil der Jobmarkt beschissen ist, aber zum Teil,
Loren Balhorn: weil sozusagen Stigmatisierung von Migration und von Migranten findet auch unter
Loren Balhorn: ehemaligen Migranten statt.
Loren Balhorn: Also es ist nicht so, als hätten wir jetzt eine weiße Schocktrupps,
Loren Balhorn: die durch die Städte laufen, sondern viele von den Menschen,
Loren Balhorn: die sich daran beteiligen, sind leider selber nicht weiß.
Loren Balhorn: Und gleichzeitig gibt es, glaube ich, einen Kern von Eisagenten,
Loren Balhorn: die tatsächlich beinharte Rassisten sind und die auch Freude haben an das Spektakel.
Loren Balhorn: Es findet durchaus ein autoritärer Umbau statt, keine Frage.
Loren Balhorn: Aber viele von den Präzedenzfällen, auf denen das Trump-Weiße-Haus aufbaut,
Loren Balhorn: stammen aus der Zeit von Barack Obama und aus der Zeit von George Bush.
Loren Balhorn: Also die Demokraten inszenieren sich total empört in den letzten Monaten,
Loren Balhorn: weil Trump immer wieder Auslandseinsätze ohne Zustimmung des Kongresses autorisiert.
Loren Balhorn: Das war unter Barack Obama kein Problem. Das wurde immer wieder geduldet.
Loren Balhorn: Und nicht nur geduldet, sondern es wurde ganz offiziell oft vom Weißen Haus
Loren Balhorn: und auch von den Demokraten gesagt, das braucht er nicht zu tun,
Loren Balhorn: weil das würde nur unnötige Debatten lostreten.
Loren Balhorn: Also diese Vorstellung, der Präsident kann tun, was er will,
Loren Balhorn: ist eigentlich eine lange Vorstellung in der amerikanischen Politik.
Loren Balhorn: Der Unterschied ist nur Trump.
Loren Balhorn: Passt einfach nicht zu dem Bild, wie ein amerikanischer Präsident aussehen sollte
Loren Balhorn: und scheut sich nicht vor manchen gewaltsamen oder grausamen Spektakel ab,
Loren Balhorn: die andere gemäßigte Republikaner und Demokraten sowieso nicht geduldet hätten.
Felix Jaitner: Ja, ich finde es ja wichtig, dass du hier nochmal auf diese staatlichen Kontinuitäten
Felix Jaitner: parteiübergreifend, also sowohl Demokraten als auch Republikaner hinweist,
Felix Jaitner: die ja vielleicht auch eine der wichtigen Gründe sind,
Felix Jaitner: die überhaupt erst diese Mobilisierung Trumps und diesen Hass auf die Eliten auch erklären können.
Felix Jaitner: Und gleichzeitig sehen wir aber auch Bush's War on Terror und die innenpolitischen
Felix Jaitner: Gesetze, die daraufhin erlassen worden sind,
Felix Jaitner: haben ja auch damals schon in den frühen 2000er Jahren immer wieder die Befürchtung
Felix Jaitner: hervorgerufen, dass hier ein autoritärer Umbau stattfindet.
Felix Jaitner: Und es scheint so, als hätte man das irgendwie vergessen.
Loren Balhorn: Genau.
Felix Jaitner: Es ist auch eine interessante Parallele zu Russland, überhaupt das ganze Phänomen
Felix Jaitner: Trump, das stark auf, wie du sagst, Depolitisierung, Demobilisierung beruht.
Felix Jaitner: Und wir haben eine autoritäre Entwicklung, die sich ja verschärft,
Felix Jaitner: aber bereits viel, viel früher ansetzt.
Felix Jaitner: In den 90er Jahren, in einer Zeit der neoliberalen Restrukturisierung,
Felix Jaitner: sowohl Russlands als auch der USA. Ich finde, da gibt es sehr viele interessante
Felix Jaitner: Gemeinsamkeiten, die wir hier so beobachten können.
Felix Jaitner: Wenn wir jetzt aber nochmal gucken, sozusagen auf das Institutionengefüge,
Felix Jaitner: dann finde ich, sehen wir hier interessante Entwicklungen.
Felix Jaitner: Also in der ersten Präsidentschaft Trumps war es ja so, dass wichtige Berater
Felix Jaitner: wie Steve Bannon relativ schnell isoliert worden sind, aus der Regierung sich zurückziehen mussten.
Felix Jaitner: Und aktuell habe ich das Gefühl, dass die Trump-Regierung sozusagen so einen
Felix Jaitner: Gegenschlag der institutionalisierten Eliten hat vermeiden können.
Felix Jaitner: Ist das so? Stimmt da mein Eindruck? oder ist das eine falsche Wahrnehmung von mir?
Loren Balhorn: Genau, wir haben ja alle keinen Einblick in Trumps Kopf, aber es ist relativ
Loren Balhorn: gut dokumentiert von unterschiedlichen Journalisten, dass bei seiner ersten
Loren Balhorn: Wahl Trump selber gar nicht damit gerechnet hat zu gewinnen.
Loren Balhorn: Dass er eigentlich vorhatte direkt nach Mar-a-Lago zu fliegen an dem gleichen
Loren Balhorn: Abend und erstmal Urlaub zu nehmen für ein paar Wochen.
Loren Balhorn: Wurde also wirklich mit seiner Präsidentschaft komplett überrascht und musste
Loren Balhorn: dann über Nacht ein Team zusammenziehen, wo er ganz, ganz viele Figuren aus
Loren Balhorn: dem Establishment sozusagen zusammengezogen hat.
Loren Balhorn: Bernen war da eher die Ausnahme. Also eigentlich hat er viele recht etablierte
Loren Balhorn: Banker und Politiker in sein erstes Kabinett gezogen, die er immer wieder ausgewechselt hat.
Loren Balhorn: Ich glaube, auch weil er das Gefühl hatte, Leute versuchen ihn sozusagen unter
Loren Balhorn: Kontrolle zu halten, aber eigentlich gilt ihre Loyalität der Republikanischen Partei.
Loren Balhorn: Diesmal offensichtlich, also Trump hat erwartet, dass er gewinnen wird.
Loren Balhorn: Er hat auch vier Jahre gehabt, zu überlegen, wie sein Team aussehen sollte.
Loren Balhorn: Aber gleichzeitig, und das haben wir, glaube ich, bisher nicht besprochen,
Loren Balhorn: Trump hat die republikanische Partei völlig entkernt.
Loren Balhorn: Ich meine, die amerikanischen politischen Parteien, zumindest die Großparteien,
Loren Balhorn: sind sowieso im Vergleich zu europäischen leere Hülsen, die nur durch Geld zusammengehalten
Loren Balhorn: werden. Aber die Republikanische Partei seit Trumps erste Amtszeit ist besonders
Loren Balhorn: leer sozusagen, besonders ausgehüllt.
Loren Balhorn: Das Einzige, was die Partei wirklich noch zusammenhält, ist Donald Trump.
Loren Balhorn: Nur Trump hat das Charisma gerade, Wahlen zu gewinnen auf bundespolitischer Ebene.
Loren Balhorn: Und deshalb ist die gesamte Partei quasi um ihn herum mittlerweile gruppiert.
Loren Balhorn: Und trotzdem aber fehlt ihm, das ist auch ein wichtiger Punkt,
Loren Balhorn: den Paul Heidemann neulich gemacht hat, ein amerikanischer Historiker,
Loren Balhorn: dieses Herrschaft ohne Hegemonie.
Loren Balhorn: Es gibt keine andere Kraft sozusagen in der Partei, die Trump das Leben schwierig machen kann,
Loren Balhorn: aber Trump fehlt sowohl das kohärente Agenda als auch die gesellschaftliche
Loren Balhorn: Hegemonie, um wirklich langfristige politische Pläne umzusetzen.
Loren Balhorn: Es gibt zwar Stabilität und Kontinuität in seinem Kabinett, aber trotzdem ist
Loren Balhorn: das, was sie erzählen von Tag zu Tag oder Woche zu Woche dennoch unterschiedlich.
Felix Jaitner: Diese Radikalisierung der Politik und gleichzeitig auch Enthauptung der republikanischen
Felix Jaitner: Partei ist ja auch ein Ausdruck von Machtkämpfen innerhalb der US-Elite.
Felix Jaitner: Könnte man die Politik der Trump-Administration eigentlich auch als Versuch
Felix Jaitner: der weißen Eliten in den USA verstehen, ihre führende Stellung im Land zu sichern?
Loren Balhorn: Das glaube ich nicht, nein. Also es gibt sicherlich einen Teil der Basis von Trump, die das so sieht.
Loren Balhorn: Auch sicherlich einen Teil seiner
Loren Balhorn: Unterstützerschaft innerhalb der kapitalistischen Klasse, das so sieht.
Loren Balhorn: Und sicherlich einzelne Mitglieder seines Kabinetts, wie Stephen Miller.
Loren Balhorn: Aber ich glaube, linke Analyse sollte sich verabschieden von solchen statischen
Loren Balhorn: Vorstellungen von Race und von Rasse und einer weißen Elite.
Loren Balhorn: Ich meine, wir sehen ja auch bei Trump, seiner Anhängerschaft, wird immer diverser.
Loren Balhorn: Er gewinnt immer mehr Unterstützung unter Latinos, er gewinnt immer mehr Unterstützung
Loren Balhorn: unter Schwarzen, es sind immer noch Minderheiten.
Loren Balhorn: Aber offensichtlich denkt die größere Gesellschaft nicht in diesen statischen
Loren Balhorn: Kategorien, so wie wir uns das manchmal vorstellen.
Loren Balhorn: Und auch, wenn man sein Kabinett anschaut, okay, ja, das ist relativ weiß,
Loren Balhorn: aber man findet auch einen Marco Rubio dabei.
Loren Balhorn: Also ich glaube nicht, dass es sowas gibt wie eine kohärente weiße Elite auf
Loren Balhorn: Bundesebene zumindest.
Loren Balhorn: Es gibt sicherlich in den Südstaaten sowas wie eine weiße Aristokratie,
Loren Balhorn: die eng verwoben ist mit der örtlichen kapitalistischen Klasse und mit der politischen Klasse.
Loren Balhorn: Aber ich glaube, auf Bundesebene können wir keine wirklich weiße Elite in dem Sinne erkennen.
Loren Balhorn: Aber ich glaube schon, dass die Vorstellung, man würde das weiße Amerika verteidigen,
Loren Balhorn: für einen Teil seiner Anhänger und einen Teil seiner Funktionäre auch eine Rolle spielt.
Loren Balhorn: Das sieht man zum Beispiel in diesen grausamen Social-Media-Auftritten von dem
Loren Balhorn: Department of Homeland Security, wo man immer wieder, also ich habe oft das
Loren Balhorn: Gefühl, es wird auf Nationalsozialismus eingespielt.
Loren Balhorn: Also es wird natürlich nie so direkt gesagt, aber die Ästhetik und die Wortwahl
Loren Balhorn: manchmal erinnert durchaus an den Faschismus des 20.
Loren Balhorn: Jahrhunderts. Aber auch da sind da so viele Filterebenen von Ironie sozusagen,
Loren Balhorn: die man durch muss, das zu verstehen.
Loren Balhorn: Finde ich es schwierig zu sagen, wie ernst das wirklich gemeint ist.
Loren Balhorn: Also es gibt natürlich einen sehr starken Element des Rassismus in Trumps Politik.
Loren Balhorn: Aber ich würde keine weiße Elite dahinter sehen. Ich glaube,
Loren Balhorn: das ist alles viel chaotischer und willkürlicher ein Stück weit.
Felix Jaitner: Ich finde, das sind ja nochmal wichtige Ansätze. Also auch, wie kann man eigentlich erklären,
Felix Jaitner: dass Teile der amerikanischen Unterschicht, der Arbeiterinnenklasse gegen ihre
Felix Jaitner: Interessen wählen und das sind eben nicht nur soziale Interessen,
Felix Jaitner: sondern eben beispielsweise auch rassistische Politik,
Felix Jaitner: die durchaus sozusagen erstmal ansprechend sein kann für Teile der schwarzen
Felix Jaitner: Bevölkerung, für Latinos,
Felix Jaitner: aber eben, weil sie mobilisierend wirkt, weil sie homogenisierend wirkt.
Felix Jaitner: Und ich finde, das sind auch mal wichtige Ansätze, über die wir nachdenken müssen,
Felix Jaitner: weil sie ja gleichzeitig auch sozusagen im Widerspruch stehen zu einer linken
Felix Jaitner: Mobilisierung, die wir aktuell in den USA erleben.
Loren Balhorn: Ja, absolut.
Felix Jaitner: Also wir haben die Wahlerfolge von Soran Mamdani bei den Bürgermeisterwahlen der Stadt New York.
Felix Jaitner: Wir haben die Kampagne von Bernie Sanders für die US-Präsidentschaft 2017,
Felix Jaitner: die hast du ja auch schon erwähnt.
Felix Jaitner: Wir haben aber auch, und das ist vielleicht im öffentlichen Bewusstsein in Deutschland
Felix Jaitner: weniger präsent, den Zusammenschluss von linken Abgeordneten der US-Demokraten,
Felix Jaitner: die ja durchaus wirklich linke Positionen vertreten.
Felix Jaitner: Vielleicht würde ich das nochmal einordnen, weil mein Eindruck ist,
Felix Jaitner: dass diese Polarisierung und rechte und linke Mobilisierung,
Felix Jaitner: die wir bei aller Depolitisierung in den USA sehen,
Felix Jaitner: schon auch ein Zeichen dafür sind, dass die lange Phase von liberaler Hegemonie in den USA erodiert.
Felix Jaitner: Also es ist nicht mehr diese klassische liberale Dominanz, wie sie noch Obama
Felix Jaitner: verkörpert hat, wie sie Clinton verkörpert hat. Ich glaube, diese Zeit ist zumindest partiell vorbei.
Felix Jaitner: Aber wie erklärst du dir denn dann den linken Wahlerfolg und was sind eigentlich
Felix Jaitner: Forderungen dieser linken Kräfte, die interessant sind, die auch dazu führen,
Felix Jaitner: dass sie Mehrheiten gewinnen können und die vielleicht auch für uns hier in
Felix Jaitner: Europa inspirierend sein können?
Loren Balhorn: Ich meine, Soran Mamdani konnte die Wahl gewinnen mit Wirtschaftspopulismus
Loren Balhorn: und tatsächlich ein bisschen Anti-Imperialismus.
Loren Balhorn: Also ich bin schon meistens der Meinung, dass man mit Außenpolitik keine Wahlen
Loren Balhorn: gewinnt, so in 80 Prozent der Fällen.
Loren Balhorn: Aber ich glaube schon, dass diesmal in einer solchen diversen Stadt wie New
Loren Balhorn: York Mahmdani's klare Haltung gegen den Genozid in Gaza und insgesamt seine
Loren Balhorn: starke Kritik an Auslandsansätze der USA durchaus eine Rolle gespielt haben.
Loren Balhorn: Aber zu 99 Prozent ist es Wirtschaftspopulismus. Man sprach über steigende Mieten, stagnierende Löhne.
Loren Balhorn: Man hat immer wieder ein Feinbild aufgezeichnet von dem umheren 1% und von dem
Loren Balhorn: eigentlich demokratischen Bürgermeister Eric Adams, der aber eine Politik betrieben
Loren Balhorn: hat, die nur dieser 1% dient.
Loren Balhorn: Und ähnlich ist es auch bei Bernie Sanders.
Loren Balhorn: Bernie Sanders, 99% seines Erfolgs kommt daher, dass er auf einen doch recht
Loren Balhorn: einfachen Wirtschaftspopulismus fokussiert hat und auf ein paar Kernforderungen,
Loren Balhorn: die große Mehrheiten der Bevölkerung zusammenbringen.
Loren Balhorn: Das sind in den USA einen viel höheren Mindestlohn, Gesundheitsversorgung für
Loren Balhorn: alle und vielleicht kostenloser Bildungszugang. Zugang zu.
Loren Balhorn: Weil das auch ein Land ist, wo ein Bachelorabschluss dir 60.000 Dollar kosten
Loren Balhorn: kann, wenn du Glück hast.
Loren Balhorn: Und natürlich ist alles, was Mabdani und Sanders fordern.
Loren Balhorn: Aus unserer Sicht einfach ganz stinknormale Sozialdemokratie.
Loren Balhorn: Aber sie betten das in eine Erzählung ein von Klassenkampf, von die vielen hier
Loren Balhorn: unten gegen die wenigen da oben.
Loren Balhorn: Und das ist, was die europäische Sozialdemokratie vielleicht mit ein paar Semiausnahmen
Loren Balhorn: in Spanien oder so lange vergessen hat.
Loren Balhorn: Dass Politik ein Kampf ist und zwar ein Klassenkampf und nicht nur eine Verhandlungssache.
Loren Balhorn: Und die deutschen Sozialdemokraten, die schon seit Jahrzehnten jeglichen Anspruch
Loren Balhorn: auf einen solchen Klassenkampf aufgegeben haben, begreifen das nicht.
Loren Balhorn: Das macht die linken Demokraten in den USA aus. Vielleicht auch als Produkt
Loren Balhorn: oder als Ergebnis von der sehr tief gespaltenen Gesellschaft,
Loren Balhorn: in der sie leben, haben sie irgendwie besser verstanden, wie man mit klassenkämpferischer
Loren Balhorn: Rhetorik Menschen erreichen kann.
Loren Balhorn: Das Aber ist, weil es muss immer ein Aber geben, genau wie in Deutschland,
Loren Balhorn: genau wie in England, also eigentlich in der gesamten westlichen Welt,
Loren Balhorn: die amerikanische Linke mit wenigen Ausnahmen schafft es bisher überwiegend
Loren Balhorn: nur Menschen zu erreichen,
Loren Balhorn: die sozusagen bereits zur Mittelschicht gehören, aber die große Masse der Arbeiterschaft
Loren Balhorn: sozusagen erreichen sie bisher größtenteils nicht.
Loren Balhorn: Genau wie zum Beispiel die Deutsche Linke das nicht tut.
Loren Balhorn: Und darauf hat, finde ich, niemanden wirklich bisher eine gute Antwort gefunden.
Loren Balhorn: Ich denke aber, dass der Erfolg von Bernie Sanders, der nicht unbedingt darauf
Loren Balhorn: fußte, zumindest am Anfang, zeigt, zumindest in Ansätzen, dass es möglich ist.
Loren Balhorn: Aber wir kämpfen einfach gegen eine kapitalistische Hegemonie an sozusagen und
Loren Balhorn: kämpfen gegen Jahrzehnte neoliberale Politik und eine Entpolitisierung der Großmehrheit
Loren Balhorn: der Bevölkerung, die an keine Veränderung mehr glaubt.
Felix Jaitner: Ja, ich finde die Linke organisiert sich ja sehr stark innerhalb der demokratischen
Felix Jaitner: Partei und meine Überlegung dazu ist, braucht es nicht vielleicht auch um über
Felix Jaitner: die Akademisierung des linken Milieus hinaus zu gehen,
Felix Jaitner: stärker eigenständige Strukturen oder warum gibt es die eigentlich nicht?
Loren Balhorn: Das habe ich selber auch lange gedacht. Ich meine, ich bin in den USA aufgewachsen.
Loren Balhorn: Ich war als Student Mitglied der Grünen-Partei eine Zeit lang,
Loren Balhorn: wo wir auch mal bei einer Gewinnerschaftswahl über 10 Prozent bekommen haben
Loren Balhorn: und sehr begeistert waren, dass jetzt eine neue Ära beginnt.
Loren Balhorn: Diese neue Ära ist dann nicht angebrochen sozusagen, sondern die Partei ist
Loren Balhorn: dann trotzdem innerhalb von weniger Jahren wieder zerfallen.
Loren Balhorn: Das ist ja eine Debatte bereits seit den 30er Jahren in der amerikanischen Linken.
Loren Balhorn: Organisiert man sich außerhalb oder innerhalb der demokratischen Partei?
Loren Balhorn: Und ich würde sagen, die letzten zehn Jahre haben empirisch bewiesen,
Loren Balhorn: dass zumindest in der jetzigen Konstellation, in dem jetzigen Stadion des politischen
Loren Balhorn: Kampfes sozusagen, die Linke viel mehr Menschen erreicht innerhalb der demokratischen
Loren Balhorn: Partei auch als außerhalb.
Loren Balhorn: Weil die allermeisten Amerikaner begreifen Politik nach wie vor als Wahlen und
Loren Balhorn: die allermeisten Menschen sind nicht bereit, eine Protestpartei zu wählen,
Loren Balhorn: die keinen Unterschied machen wird in einem Wahlsystem.
Loren Balhorn: Wo derjenige, der die Mehrheit gewinnt, der muss ja nicht mal eine Mehrheit
Loren Balhorn: gewinnen, sondern nur eine Pluralität sozusagen aller Sitze bekommt.
Loren Balhorn: Das ist frustrierend und vielleicht tragisch, dass das amerikanische Wahlsystem
Loren Balhorn: so restriktiv und antidemokratisch, muss man sagen, aufgebaut ist. Aber dem ist halt so.
Loren Balhorn: Und ich glaube, die Kampagnen von Bernie Sanders und jetzt auch Mabdani und
Loren Balhorn: AOC und anderen haben gezeigt,
Loren Balhorn: dass man im Wettstreit mit neoliberalen Konkurrenten innerhalb der Demokraten
Loren Balhorn: viel mehr Menschen für eine linke sozialdemokratische Politik gewinnt als außerhalb.
Loren Balhorn: Das heißt nicht, dass das immer so der Fall sein wird.
Loren Balhorn: Deshalb glaube ich, ist es schon zu begrüßen, wenn eine Organisation wie die
Loren Balhorn: Democratic Socialists of America oder DSA quasi sowohl innerhalb als auch außerhalb
Loren Balhorn: dieser Partei Strukturen schaffen.
Loren Balhorn: Ich glaube, dass es unabhängige Strukturen braucht, aber ich glaube,
Loren Balhorn: linke Politik ist am relevantesten innerhalb der demokratischen Partei in den
Loren Balhorn: Vorwahlen, in diesen politischen Auseinandersetzungen als auch in den Gewerkschaften.
Felix Jaitner: Wir nähern uns dem Ende des Gesprächs, deswegen würde ich gerne nochmal stärker
Felix Jaitner: die transatlantischen Beziehungen unter Trump ins Auge nehmen.
Felix Jaitner: Ich würde vielleicht erstmal auf der Ebene der Regierung starten,
Felix Jaitner: denn was ja wirklich neu ist unter Trump, unter Trump 2,
Felix Jaitner: würde ich sagen, ist, dass die EU und ihre Mitgliedstaaten die US-Regierung
Felix Jaitner: immer weniger als Verbündete sehen.
Felix Jaitner: Also es gibt richtig eine rhetorische Abgrenzung von den USA,
Felix Jaitner: es gibt die Diskussion um Autonomie von den USA und gleichzeitig wird auch massiv
Felix Jaitner: aufgerüstet in Deutschland und der EU und damit trägt man eigentlich den Forderungen
Felix Jaitner: Trumps nach Erhöhung des Militäretats wieder Rechnung und trägt auch die US-Politik de facto mit.
Felix Jaitner: Und dieser Spagat von einerseits sich rhetorisch abgrenzen von den USA und gleichzeitig
Felix Jaitner: aber im Kern die Politik mittragen, der ist mir noch nicht richtig klar.
Loren Balhorn: Ja, also was Trump in den letzten Jahren bewiesen hat, ist, dass wir nach wie
Loren Balhorn: vor mehr oder weniger in einer unipolaren Welt leben.
Loren Balhorn: Auch wenn diese Unipol, also die Vereinigten Staaten, nicht so viel Macht haben
Loren Balhorn: wie vor 30, 40 Jahren. Auch wenn es mittlerweile andere Länder gibt,
Loren Balhorn: die ein Stück weit, zumindest wirtschaftlich, mit den USA konkurrieren können.
Loren Balhorn: Auf der militärischen Ebene und auch auf der diplomatischen Ebene leben wir
Loren Balhorn: nach wie vor in einer Welt, die mehr oder weniger von den Vereinigten Staaten
Loren Balhorn: komplett dominiert wird.
Loren Balhorn: Und das Problem für die anderen westlichen Staaten, für die sogenannten Bündnispartner,
Loren Balhorn: Wolfgang Streeck würde es vielleicht eine Vasalin sagen, ich denke auch manchmal,
Loren Balhorn: dass dieser Begriff passender ist, wenn wir über die europäischen Staatschefs
Loren Balhorn: heutzutage sprechen, befinden sie sich in einer Zwickmühle.
Loren Balhorn: Weil sie merken, dass das Verhältnis zu den USA nicht mehr das ist,
Loren Balhorn: was es vor zwei Jahren war und dass es vielleicht auch langfristig gestört ist.
Loren Balhorn: Ich bin da eigentlich noch verhaltenskeptisch.
Loren Balhorn: Sollte Trump 28 verlieren, dann glaube ich, könnte vieles wieder zum Alten zurückkehren.
Loren Balhorn: Aber man muss zumindest auf die Eventualität vorbereitet sein,
Loren Balhorn: dass das nicht passiert. Deshalb hast du auf der einen Seite diese massive Aufrüstung.
Loren Balhorn: Ich meine, Macron hat ja auch gestern nochmal angekündigt, er will ja mehr Atomsprengköpfe
Loren Balhorn: herstellen lassen, also will das nukleare Arsenal Frankreichs ausweiten.
Loren Balhorn: Irgendwie sehen sie, sie müssen ein Stück weit auf eigenen Füßen stehen.
Loren Balhorn: Andererseits ist die USA militärisch so überlegen.
Loren Balhorn: Ich meine, die USA gibt über eine Billion Dollar jedes Jahr für Rüstung aus,
Loren Balhorn: mehr als die nächsten Länder zusammen.
Loren Balhorn: Es ist illusorisch zu glauben, dass Europa, aber nicht nur nicht Europa,
Loren Balhorn: sondern auch nicht China, auch nicht Russland, kein Konkurrent könnte in absehbarer
Loren Balhorn: Zeit militärisch mit den USA konkurrieren.
Loren Balhorn: Es ist schlicht wirtschaftlich und materiell erstmal ausgeschlossen.
Loren Balhorn: Und deshalb sieht man jetzt bei dem Eingriff auf den Iran, sobald die USA Fakten
Loren Balhorn: schafft, genau wie damals beim Irakkrieg, wo die Überlegenheit der USA noch
Loren Balhorn: deutlich klarer war als heutzutage.
Loren Balhorn: Knicken die europäischen Staatschefs, mit dem noblen Ausnahme Spanien natürlich,
Loren Balhorn: knicken die europäischen Staatschefs ein, weil sie wissen, ihr gesamter Einfluss
Loren Balhorn: in der Welt ist darauf gebaut, dass sie Freunde und Partner der USA sind.
Loren Balhorn: Und bei Irak war das auch nicht anders.
Loren Balhorn: Schröder hat natürlich gute Reden geschwungen gegen den Irakkrieg,
Loren Balhorn: aber sobald der Irakkrieg dann umgesetzt wurde, hat Deutschland natürlich auch
Loren Balhorn: die amerikanische Operation unterstützt, wie auch alle anderen europäischen Bündnispartner.
Loren Balhorn: Und das wird auf absehbare Zeit, glaube ich, nicht anders sein,
Loren Balhorn: weil, ich meine, man kann es ja auch in Zahlen messen.
Loren Balhorn: Europa hat einen Handelsüberschuss von über 200 Milliarden Euro mit den USA.
Loren Balhorn: Es ist nach wie vor mit Abstand der größte Handelspartner.
Loren Balhorn: Es gibt über 30 Militärbasen und über 80.000 amerikanische Soldaten auf europäischem
Loren Balhorn: Boden. Gut, das war zu Zeiten des Kalten Krieges noch viel mehr.
Loren Balhorn: Es ist ein Stück weit zurückgegangen, aber es gibt keine einfache Entkopplung von den USA.
Loren Balhorn: Und da glaube ich, da hat Europa keine einfache Antwort, weil wir einfach unterlegen sind.
Felix Jaitner: Heißt das denn im Umkehrschluss, dass Forderungen nach EU-Autonomie und konkret
Felix Jaitner: auch jetzt beispielsweise Aufrüstung, dass die von linker Seite zu unterstützen sind?
Loren Balhorn: Das glaube ich nicht. Also Autonomie ja, absolut. Ich glaube,
Loren Balhorn: Autonomie ist auf jeden Fall, europäische Autonomie ist auf jeden Fall eine
Loren Balhorn: linke Forderung oder eine linke Perspektive.
Loren Balhorn: Aber die Frage ist, was das bedeutet. Ich glaube, europäische Autonomie muss
Loren Balhorn: in erster Linie außenpolitisch, diplomatisch und auch handelspolitisch bedeuten,
Loren Balhorn: dass man sich sussexiv von den USA ablöst.
Loren Balhorn: Wie kann man seine Handelsbestimmungen mit anderen Teilen der Welt weiter ausbauen,
Loren Balhorn: mit Brasilien, mit Indien, mit China,
Loren Balhorn: also insgesamt mit dem wachsenden globalen Süden und sich weniger abhängig macht
Loren Balhorn: von amerikanischen Konsumenten in erster Linie, aber auch von amerikanischen Konzernen.
Loren Balhorn: Das ist aber, glaube ich, wenn nicht Konsens, zumindest mittlerweile eine Einsicht,
Loren Balhorn: die große Teile der europäischen kapitalistischen Klasse teilt, ein Stück weit.
Loren Balhorn: Und ich glaube, deshalb weniger kontrovers. Ich glaube, kontroverser ist,
Loren Balhorn: dass europäische Autonomie auch bedeutet, keine ausländischen Truppen auf unserem
Loren Balhorn: Boden, konkret keine amerikanischen Truppen auf europäischem Boden.
Loren Balhorn: Wir sehen jetzt in Kuwait, in Saudi-Arabien, was das bedeutet,
Loren Balhorn: wenn du amerikanische Basen hast auf deinem Territorium und die Amerikaner sich
Loren Balhorn: dazu entscheiden, einen illegalen Krieg zu führen.
Loren Balhorn: Und es ist vermutlich nur, weil der Iran entweder keine Raketen hat,
Loren Balhorn: die nach Europa reichen oder keine weitere Eskalation will mit der EU,
Loren Balhorn: dass keine amerikanischen Basen auf EU-Territorien bisher getroffen worden sind,
Loren Balhorn: beziehungsweise auf NATO-Territorien.
Loren Balhorn: Aber man müsste, denke ich, ernsthaft darüber sprechen, Amis raus.
Loren Balhorn: So, diese alte, schöne Forderung der deutschen Linken hat, finde ich,
Loren Balhorn: wieder eine sehr große Aktualität.
Loren Balhorn: Wir wollen nicht in ihre Kriege hineingezogen werden. Wir wollen nicht,
Loren Balhorn: dass amerikanische Soldaten Europa als sozusagen Staging Ground für eine größere
Loren Balhorn: Invasion woanders verwenden.
Loren Balhorn: Das wird natürlich kontrovers, weil dann wird die Frage gestellt,
Loren Balhorn: aber was bedeutet das für die europäische Verteidigung?
Loren Balhorn: Wir haben noch Russland gegenüber uns, die uns ja bedroht und etc.
Loren Balhorn: Pp. Also ich glaube, es gibt da mehrere Fragen zu diskutieren.
Loren Balhorn: Wo ich kein Experte bin und wo ich selber mittlerweile ein bisschen nach Verzweifeln
Loren Balhorn: bin, ist es möglich, ein Friedensabkommen mit Russland zu finden.
Loren Balhorn: Ich denke, das muss möglich sein, weil wir schlicht keine andere Wahl haben.
Loren Balhorn: Auch wenn ich auch einsehen würde, dass Putin und die Clique um ihn herum jetzt
Loren Balhorn: nicht gerade danach aussieht, als wären sie bereit, einen fairen Frieden zu schließen.
Loren Balhorn: Und das wäre vielleicht so der Metapunkt bei der ganzen Debatte,
Loren Balhorn: ist bei allem Gerede über strategische Autonomie, die ich ja erstmal als eine
Loren Balhorn: positive Entwicklung betrachten würde und auch bei allem Gerede über Multipolarität,
Loren Balhorn: die ich auch erstmal als positiv betrachten würde.
Loren Balhorn: Linke oder Sozialisten müssen immer in erster Linie in Kategorien von Klassen denken.
Loren Balhorn: Und wenn mehr für Aufrüstung ausgegeben wird, dann ist es auch Verteidigung
Loren Balhorn: in den Händen von einer politischen und wirtschaftlichen Klasse,
Loren Balhorn: die unsere Staaten leitet und nicht für das gesamte Volk als irgendwie monolithische Einheit.
Loren Balhorn: Und das geht mir oft in der deutschen Debatte in den letzten Jahren oder kommt
Loren Balhorn: mir oft zu kurz, dass wir uns zunehmend mit unserem Staat identifizieren gegen
Loren Balhorn: das bedrohliche und böse Russland auf der anderen Seite der Front.
Loren Balhorn: Und ich finde spätestens seit dem Angriff jetzt in Iran, aber eigentlich schon
Loren Balhorn: seit Trumps Wiederwahl, müsste eigentlich klar sein, diese große Einsicht,
Loren Balhorn: die 2022 plötzlich in der Linken herrschte,
Loren Balhorn: dass es ja andere geopolitische Akteure gibt außer den USA, die auch schlimme Sachen tun können.
Loren Balhorn: Dass das eigentlich keine große Einsicht war, dass das immer der Fall war und
Loren Balhorn: trotzdem bleibt der gefährlichste und mächtigste, mit Abstand gefährlichste
Loren Balhorn: und mächtigste Akteur in der Weltpolitik, die Vereinigten Staaten.
Loren Balhorn: Und das sind nicht unsere demokratischen Brüder und Schwestern,
Loren Balhorn: die Menschen vielleicht schon, aber dieser Staat verfolgt seine eigenen Interessen,
Loren Balhorn: die Interessen seiner herrschenden Klasse und ist kein natürlicher Partner Europas, nur weil das im 20.
Loren Balhorn: Jahrhundert so der Fall war und nur weil wir ihre Kultur konsumieren.
Felix Jaitner: Ich finde ja deinen Hinweis auf die EU-Autonomie dahingehend nochmal wichtig,
Felix Jaitner: dass du sagst, die EU und einzelne europäische Staaten sind nur dann eigentlich
Felix Jaitner: fähig zur Großmachtspolitik im Bündnis mit der USA,
Felix Jaitner: weil sie eben angewiesen sind auf den militärischen Apparat und auch die politische
Felix Jaitner: und ökonomische Macht der USA.
Felix Jaitner: Und dass allein aus diesem Grund eine EU-Autonomie zu erreichen,
Felix Jaitner: unglaublich schwierig wird.
Felix Jaitner: Also diesen Punkt finde ich sehr nachdenkenswert und auch nochmal wichtig für die weitere Debatte,
Felix Jaitner: abgesehen von dir auch angesprochenen sicherheitspolitischen Aspekt,
Felix Jaitner: also verschärfte Konkurrenz mit Russland und da sozusagen auch das Interesse
Felix Jaitner: besteht, die USA und ihre militärische Kraft auch im Verbund der NATO zu halten.
Felix Jaitner: Zum Abschluss würde ich gerne mit dir nochmal über linke Perspektiven auf die USA sprechen.
Felix Jaitner: Ich finde, die europäische und
Felix Jaitner: die deutsche Linke haben ja ein sehr ambivalentes Verhältnis zu den USA.
Felix Jaitner: Und gleichzeitig würde ich aber auch sagen, dass das Interesse von linken Kräften
Felix Jaitner: an den USA relativ gering ist, im Vergleich vielleicht zu anderen Regionen.
Felix Jaitner: Was würdest du denn sagen, was für ein Verhältnis zu den USA ist aus linker
Felix Jaitner: Sicht in Deutschland und der EU eigentlich erstrebenswert?
Loren Balhorn: Ich weiß nicht, ob ich deine Wahrnehmung teile, dass die deutsche Linke sich
Loren Balhorn: nicht so viel mit den USA auseinandersetzt.
Loren Balhorn: Ich habe eher den gegenteiligen Eindruck, auch wie unsere Kultur im Ganzen,
Loren Balhorn: nicht nur die Linke, sehr viel auf die USA projiziert.
Loren Balhorn: Also Deutschland, stärker als jedes andere Land in Europa, das ich schon mal
Loren Balhorn: erlebt habe, lebt sozusagen mit einem Fuß in den Vereinigten Staaten.
Loren Balhorn: Wir schauen amerikanische Filme, wir hören amerikanische Musik und wir verfolgen
Loren Balhorn: die amerikanische Politik, als wäre es unsere eigene.
Loren Balhorn: Und das ist ein Stück weit auch, weil es ist eine imperialistische Supermacht
Loren Balhorn: und was dort passiert, ist auch sehr wichtig für was bei uns passiert.
Loren Balhorn: Das ist ja selbstverständlich ein Stück weit, aber in Deutschland finde ich,
Loren Balhorn: ist es nochmal stärker ausgeprägt.
Loren Balhorn: Und auch die Begeisterung, ich finde es ja verständlich, ich bin ja auch begeistert
Loren Balhorn: über Bernie Sanders und Soran Mabdani und diese Figuren, aber die Begeisterung,
Loren Balhorn: die sie in Deutschland auslösen, sagt auch viel darüber, wie unser Verhältnis zu dem Land aussieht.
Loren Balhorn: Wenn wir die Geschichte seit 1945 anschauen, gibt es eigentlich kein Land auf
Loren Balhorn: der Welt, der so viele Kriege angezettelt hat wie die USA und zwar mit Abstand.
Loren Balhorn: Und mit dem Aufstieg neuer Mächte, mit dem russischen Krieg in der Ukraine ist
Loren Balhorn: ein Stück weit vergessen geworden, was für eine Destabilisierungskraft die USA
Loren Balhorn: historisch gewesen ist, außenpolitisch.
Loren Balhorn: Und im Kern hat sich nichts an dieser
Loren Balhorn: außenpolitischen Ausrichtung der USA verändert in den letzten Jahren.
Loren Balhorn: Nur die Kritik daran, finde ich, ist in der Linken zurückgegangen.
Loren Balhorn: Deshalb würde ich sagen, ein Verhältnis aus Sicht linker Kräfte in Deutschland
Loren Balhorn: zu USA sollte natürlich immer Solidarität mit den Menschen dort sein.
Loren Balhorn: Es gibt ja wirklich wunderbare Menschen in den USA, aber wir sollten uns keine
Loren Balhorn: Illusionen darüber machen, dass der amerikanische Staat auch ein Deut besser
Loren Balhorn: ist, als irgendeine andere große Weltmacht, weder historisch noch heute.
Felix Jaitner: Lauren, vielen Dank für dieses interessante Gespräch.
Loren Balhorn: Danke nochmal für die Einladung, hat Spaß gemacht.
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