Was hält das Mullah-Regime im Iran an der Macht, Tareq Sydiq?
Shownotes
…und warum unterstützen so viele Exil-Iraner*innen Reza Pahlavi und seine Monarchistenbewegung?
Ende Dezember 2025 ist im Iran erneut eine Welle von Massenprotesten ausgebrochen. Das inzwischen nach außen gelangte Bildmaterial und die Augenzeugenberichte deuten darauf hin, dass Zehntausende Menschen während der Proteste durch Regimekräfte getötet und eine noch größere Zahl verletzt und verhaftet wurde.
Momentan sieht es so aus, als sei es dem Regime gelungen, die Proteste niederzuschlagen. Der Wunsch nach einem Ende der Herrschaft der Mullahs bleibt bestehen. Was danach kommen soll – darüber herrscht im Iran und insbesondere unter Iranerinnen im Exil jedoch Uneinigkeit. Viele Iranerinnen wünschen sich ein demokratisches System: weder Mullah noch Schah. Gleichzeitig präsentiert sich der Sohn des letzten Schahs, Reza Pahlavi, mit seiner Monarchistenbewegung vor allem im Ausland medienwirksam als einzige Alternative zum Mullah-Regime.
Warum kann sich das herrschende Regime trotz des großen Drucks von innen und außen an der Macht halten, und was müsste passieren, damit es stürzt? Wer ist Reza Pahlavi, und welche Vision hat er für den Iran? Warum wird er von so vielen Exiliraner*innen, aber auch von Staaten wie Israel und den USA, unterstützt? Und wie groß und organisiert ist die Bewegung, die sowohl eine Rückkehr der Pahlavi-Dynastie als auch das Mullah-Regime ablehnt?
In dieser Folge von Weltunordnung spricht Pauline Jäckels mit dem Protestforscher und Iranexperten Tareq Sydiq. Sydiq forscht am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Marburg und hat zur iranischen Innenpolitik promoviert. Er beschäftigt sich weltweit mit Protestbewegungen, unter anderem im Iran, in Japan, Pakistan und England. Sein Buch „Die neue Protestkultur“ ist 2024 im Hanser Verlag erschienen.
Schreibt uns an: weltunordnung@rosalux.org
Shownotes:
Tareq Sydiq: Jetzt bleibt den Herrschenden nur noch Gewalt, Zeit Online, Januar 2026
Tareq Sydiq: Die neue Protestkultur – Besetzen, Kleben, Streiken: Der Kampf um die Zukunft, Hanser Verlag, 2024
Dossier: Proteste in Iran: Revolution für das Leben, Rosa-Luxemburg-Stiftung
Transkript anzeigen
Pauline Jäckels: Die Weltunordnung. Der internationale Politik-Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Tareq Sydiq: Ende Dezember ist im Iran eine neue Welle an Massenprotesten ausgebrochen.
Tareq Sydiq: Sich so ein ganz genaues Bild von der Situation vor Ort zu machen,
Tareq Sydiq: ist ziemlich schwierig.
Tareq Sydiq: Zum einen natürlich wegen der Internetblockade, die das Regime verhängt hat,
Tareq Sydiq: und zum anderen einfach wegen der Tatsache, dass wir davon ausgehen müssen,
Tareq Sydiq: dass sehr viele Akteure in einer solchen Situation gezielt Propaganda betreiben.
Tareq Sydiq: Das Bildmaterial und die Augenzeigenberichte, die inzwischen aber trotzdem nach
Tareq Sydiq: außen gelangt sind, deuten darauf hin, dass zehntausende Menschen während der
Tareq Sydiq: Proteste durch Regimekräfte getötet und eine noch größere Zahl verletzt und verhaftet wurde.
Tareq Sydiq: Momentan sieht es so aus, als sei es dem Regime auch gelungen,
Tareq Sydiq: die Proteste mit dieser Art von Repression niederzuschlagen.
Tareq Sydiq: Der Wund vieler IranerInnen nach einem Ende des Regimes ist dadurch aber natürlich nicht weg.
Tareq Sydiq: Nur was danach kommen soll, darüber herrscht im Iran und insbesondere auch unter
Tareq Sydiq: IranerInnen im Exil große Uneinigkeit.
Tareq Sydiq: Viele IranerInnen wünden sich an demokratisches System, weder Mullah noch Shah.
Tareq Sydiq: Und gleichzeitig präsentieren sich gerade der Sohn des letzten Schahs Reza Pahlavi
Tareq Sydiq: und seine Monarchistenbewegung vor allem im Ausland sehr medienwirksam als einzige
Tareq Sydiq: Alternative zum Mullah-Regime oder als einzige realistische Alternative.
Tareq Sydiq: Mein Name ist Pauline Jekylls, ich bin freie Journalistin und Taz-Redakteurin.
Tareq Sydiq: Für diese Folge habe ich mit dem Protestforscher und Iran-Experten Tarek Soudiq
Tareq Sydiq: gesprochen und ihn gefragt, warum kann sich eigentlich das Mullah-Regime trotz
Tareq Sydiq: so großem Druck von innen und außen an der Macht halten und was müsste passieren,
Tareq Sydiq: damit es wirklich stürzt?
Tareq Sydiq: Wer ist Reza Pahlavi und welche Visionen haben er und seine Anhänger für den Iran?
Tareq Sydiq: Warum wird er von so vielen Exil-IranerInnen, aber auch von Staaten wie den
Tareq Sydiq: USA und Israel unterstützt?
Tareq Sydiq: Wie groß und vor allem wie organisiert ist eine Gegenbewegung,
Tareq Sydiq: die weder die Pahlavi-Dynastie zurück an der Macht sehen will,
Tareq Sydiq: noch das Mullah-Regime?
Tareq Sydiq: Tarek forscht am Zentrum für Konfliktforschung der Universität Mabuk.
Tareq Sydiq: Er hat zur iranischen Innenpolitik promoviert und beschäftigt sich weltweit
Tareq Sydiq: mit Protestbewegungen, unter anderem im Iran, in Japan, Pakistan und England.
Tareq Sydiq: Sein Buch, die neue Protestkultur, ist 2024 im Hansa Verlag erschienen.
Tareq Sydiq: Hallo lieber Tarek, schön, dass du da bist.
Pauline Jäckels: Ja, freut mich.
Tareq Sydiq: Bevor wir so richtig ins Thema einsteigen, über die jüngste Protestwelle im
Tareq Sydiq: Iran wird ja in den deutschen Medien und natürlich auch in den sozialen Medien
Tareq Sydiq: enorm viel gesprochen und es kursieren die ganze Zeit über super viele Informationen zu dem Thema.
Tareq Sydiq: Gleichzeitig ist es aber auch gar nicht so einfach, sich darüber zu informieren,
Tareq Sydiq: was im Iran jetzt vor Ort tatsächlich passiert. Das iranische Regime hat eine
Tareq Sydiq: Internetsperre verhängt und das Protestgeschehen wird nicht von einer freien
Tareq Sydiq: Presse vor Ort begleitet.
Tareq Sydiq: Wie informierst du dich denn gerade über das, was im Iran passiert und wie verlässlich
Tareq Sydiq: sind die Informationen, die nach außen dringen?
Pauline Jäckels: Ja, das ist zum Beispiel eine ganz große Herausforderung, mit der ich es auch
Pauline Jäckels: zu tun habe, dass auch meine eigene Informationslage viel schlechter ist als vor drei Jahren.
Pauline Jäckels: Das hat auch ein bisschen damit zu tun, dass einige Leute, die ich zum Beispiel
Pauline Jäckels: vor Ort kannte, jetzt gar nicht mehr vor Ort sind. Das hat auch damit zu tun,
Pauline Jäckels: dass diese Internetsperre es massiv einschränkt, wie man auch an unabhängige
Pauline Jäckels: Informationen kommen kann.
Pauline Jäckels: Das heißt, ich bin auch viel darauf angewiesen, Menschenrechtsorganisationen
Pauline Jäckels: zu verfolgen, unabhängige Journalisten zu verfolgen und auch die internationale Presse zu verfolgen.
Pauline Jäckels: Und das schränkt tatsächlich ein, wie ich an Informationen komme und wo ich
Pauline Jäckels: diese Informationen her erhalte.
Pauline Jäckels: Und das heißt auch, dass es sehr schwer ist, Dinge zu verifizieren.
Tareq Sydiq: Wie schaffst du es aber denn dann trotzdem, dir einen Überblick zu schaffen,
Tareq Sydiq: der möglichst nicht zu sehr von Propagandanarrativen beeinflusst ist,
Tareq Sydiq: die natürlich in so einem Moment auch eine große Rolle spielen?
Pauline Jäckels: Ja, da gibt es die handwerkliche Antwort und die künstlerische Antwort.
Pauline Jäckels: Also das ist ganz klassisches Handwerk. Ich schaue natürlich mehrere Quellen
Pauline Jäckels: an, auch unterschiedliche Quellen an, schaue auch an, wo sie jeweils ihre Quellen her haben.
Pauline Jäckels: Also wenn alle dieselbe Zahl rezitieren, aber sie berufen sich auf verschiedene
Pauline Jäckels: Quellen, dann ist die vielleicht sogar ganz okay.
Pauline Jäckels: Aber wenn alle dieselbe Zahl sagen, aber alle zitieren diese eine Quelle,
Pauline Jäckels: dann ist es vielleicht ein bisschen ein Problem.
Pauline Jäckels: Und das versuche ich natürlich immer irgendwie nachzuvollziehen.
Pauline Jäckels: Wo kommen bestimmte Informationen, bestimmte Zahlen her?
Pauline Jäckels: Das andere, das hat einfach damit zu tun, dass ich mich jetzt seit ungefähr
Pauline Jäckels: zehn Jahren professionell mit Iran beschäftige.
Pauline Jäckels: Man hat auch so gewisse Vorinformationen, so ein bisschen ein Gefühl dafür,
Pauline Jäckels: was sind Sachen, die zumindest plausibel sind.
Pauline Jäckels: Und Dinge, die so eine Plausibilitätsprüfung schon mal nicht erfüllen,
Pauline Jäckels: da muss man natürlich nochmal deutlich genauer hingucken.
Pauline Jäckels: Also ich glaube, es ist so eine Mischung aus beidem.
Tareq Sydiq: Und bevor wir jetzt tatsächlich über diese jüngste Protestwelle sprechen,
Tareq Sydiq: müssen wir glaube ich erstmal darauf eingehen, um was für ein Regime es sich
Tareq Sydiq: handelt, gegen das sich diese Proteste richten.
Tareq Sydiq: Also erst einmal, wie ist das Mullah-Regime, das ja heute im Iran regiert,
Tareq Sydiq: an die Macht gekommen und auf welcher Ideologie fußt es?
Pauline Jäckels: Ja, also das war ein gar nicht so linearer Prozess, in dem das zustande gekommen ist.
Pauline Jäckels: Also man hat die Revolution, die 1978 stattgefunden hat und in der erstmal der Schah abgesetzt wurde.
Pauline Jäckels: Und was damals erstmal passiert ist, also 1979 kommt Khomeini in den Iran zurück.
Pauline Jäckels: Und es ist klar, er hat eine große Anhängerschaft, aber es gibt auch noch viele
Pauline Jäckels: andere, die mitreden wollen.
Pauline Jäckels: Und darunter sind auch durchaus nationalistische Kräfte, demokratische Kräfte.
Pauline Jäckels: Auch das islamistische Spektrum war relativ heterogen.
Pauline Jäckels: Es gibt linke Kräfte und die haben verschiedene Vorstellungen,
Pauline Jäckels: was jetzt nach der Scharzeit kommen sollte.
Pauline Jäckels: Und Rumäni selber hat natürlich auch eine Idee, einen Verfassungsentwurf.
Pauline Jäckels: Und da fangen im Prinzip Verhandlungen darüber an.
Pauline Jäckels: Und es gibt ein Konzept, was ganz relevant werden soll später,
Pauline Jäckels: nämlich die Vilayate Fakir, also diese Führerschaft des Rechtsgelehrten,
Pauline Jäckels: in dem Fall eben Khomeini selbst.
Pauline Jäckels: Und die wird auch in die Verfassung dann mit reingeschrieben,
Pauline Jäckels: neben ganz vielen demokratischen Elementen.
Pauline Jäckels: Und in dieser Anfangsphase gibt es eine ganz große Unsicherheit oder Unklarheit,
Pauline Jäckels: was der Führungsanspruch von Khomeini selber eben sein soll oder dieses Amt,
Pauline Jäckels: was für Khomeini geschaffen wird und es wird so ein bisschen vage gehalten,
Pauline Jäckels: aber Khomeini selber ist auch ganz häufig,
Pauline Jäckels: er wiegelt das so ein bisschen ab, also so groß ist der Einfluss gar nicht,
Pauline Jäckels: es gibt ja diese demokratischen Elemente
Pauline Jäckels: der Klerus, der hier eine Rolle spielt, wird demokratisch gewählt das Parlament
Pauline Jäckels: wird demokratisch gewählt
Pauline Jäckels: Das Präsidentenamt wird demokratisch gewählt. Also es gibt Einflussmöglichkeiten,
Pauline Jäckels: aber es stellt sich eben im Laufe der Zeit raus,
Pauline Jäckels: dass Rumäni sich da schon sehr viel vorbehalten hat in diesem Führungsanspruch
Pauline Jäckels: und dass er von vornherein sehr viel Macht bei sich selber allokiert hat und
Pauline Jäckels: auch zunehmend Macht konzentriert hat.
Tareq Sydiq: Und auf welcher Ideologie fußt diese Macht?
Pauline Jäckels: Ja, es ist eine sehr klar islamistische Ideologie,
Pauline Jäckels: dass gerade auch der Führungsanspruch, dieser oberste Religionsführer als Amt
Pauline Jäckels: ist ganz klassisch theokratisch, klassisch das falsche Wort,
Pauline Jäckels: es gibt nicht so viele Theokratien, aber es ist theokratische Vorstellung.
Pauline Jäckels: Der Klerus ist die dominante Klasse in diesem System.
Pauline Jäckels: Es gibt gleichzeitig signifikante demokratische, nationalistische, linke Elemente.
Pauline Jäckels: Es gibt durchaus auch Vorstellungen von sozialer Ungerechtigkeit,
Pauline Jäckels: aber das alles funktioniert.
Pauline Jäckels: Und hinter dem Herrschaftsanspruch eines islamischen Klerus,
Pauline Jäckels: eines schiitischen Kleruses, der die dominante Kraft im Land ist und von dem
Pauline Jäckels: aus heraus sich auch alles andere ableitet.
Pauline Jäckels: Also die theokratische Jurisprudenz, die theokratische Machtausübung ist letztlich das Entscheidende.
Tareq Sydiq: Und was würdest du als diese entscheidenden Charakteristika des Regierens,
Tareq Sydiq: also dieser Machtausübung beschreiben?
Pauline Jäckels: Ja, es gibt so eine ganz spannende Ambivalenz in diesem System.
Pauline Jäckels: Also es gibt zum einen eben, wie gesagt, dieses Amt des obersten Religionsführers,
Pauline Jäckels: mittlerweile von Khamenei, dem Nachfolger Khomeinis, betrieben.
Pauline Jäckels: Und dort konzentriert sich sehr viel Macht.
Pauline Jäckels: Dort werden die Leitlinien der Politik beschlossen.
Pauline Jäckels: Ganz viele Stakeholder sind direkt ihm gegenüber rechenschaftspflichtig.
Pauline Jäckels: Es gibt viele Institutionen, die geschaffen werden, die parallel unabhängig
Pauline Jäckels: von den offiziellen Staatsstrukturen operieren.
Pauline Jäckels: Die Revolutionsgarden, um so eine der mächtigsten zu nennen,
Pauline Jäckels: aber auch absolut wichtige Wirtschaftskreise in diesen Stiftungen, die Bonnjords.
Pauline Jäckels: Und die operieren relativ unbemerkt von der Öffentlichkeit. Also sie sind nicht transparent.
Pauline Jäckels: Es gibt natürlich schon auch Informationen dazu, aber es ist sehr auf eine einzelne
Pauline Jäckels: Person und ein einzelnes Amt zugespitzt.
Pauline Jäckels: Und es gibt außerdem noch so einige andere Gremien, die sich dann drumherum
Pauline Jäckels: aufbauen, wo er auch immer mitredet oder wo seine Gefolgsleute mitreden.
Pauline Jäckels: Und gleichzeitig gibt es parallel die republikanische Struktur in dem Amt des
Pauline Jäckels: gewählten Präsidenten.
Pauline Jäckels: In den verschiedenen Ämtern seines Ministerien, in einem Parlament,
Pauline Jäckels: das gewisse Mitspracherechte hat.
Pauline Jäckels: Auch Teile dieser Theokratie werden eben auch gewählt. Es gibt diese Kleriker, die gewählt werden.
Pauline Jäckels: Und das sind diese Elemente, die auch teilweise relativ offen funktionieren,
Pauline Jäckels: öffentliche Diskurse auch mitbetreiben, öffentliche Diskurse aufgreifen.
Pauline Jäckels: Und zumindest temporär, also da sprechen wir über so einen Zeitraum in den 90er,
Pauline Jäckels: 2000ern, Es schaffen auch tatsächlich Politik mitzugestalten,
Pauline Jäckels: aber sowohl in der Anfangsphase unter so einem Primat von Khomeini,
Pauline Jäckels: der dann relativ schnell seine Gegner neutralisiert, zurückgehen und auch in
Pauline Jäckels: den letzten Jahren deutlich weniger Einfluss haben,
Pauline Jäckels: weil Khomeini einfach zunehmend Macht bei sich konzentriert hat.
Tareq Sydiq: Du hast jetzt schon die Revolutionsgarden angesprochen. Auch hier ist gerade
Tareq Sydiq: immer wieder die Rede davon.
Tareq Sydiq: Wir werden auch später nochmal darauf eingehen, auf die Forderung,
Tareq Sydiq: die Revolutionsgarden zu sanktionieren.
Tareq Sydiq: Wer sind die Revolutionsgarden? Was für eine Funktion haben sie?
Pauline Jäckels: Die Revolutionsgarden sind eigentlich auch von vornherein als so eine Machtbasis
Pauline Jäckels: des obersten Religionsführers aufgebaut worden.
Pauline Jäckels: Und da haben verschiedene Überlegungen eine Rolle gespielt. Also es ging auch
Pauline Jäckels: in dem Kontext des Iran-Irak-Krieges darum, so eine Eliteeinheit zu haben,
Pauline Jäckels: die auch kriegerisch tätig ist.
Pauline Jäckels: Es ging auch darum, gegen Oppositionelle vorzugehen.
Pauline Jäckels: Man hat ja auch schon in den 80ern verschiedene Milizen genutzt,
Pauline Jäckels: um Andersdenkende zu verfolgen, um auch Protestierende zu unterdrücken.
Pauline Jäckels: Und es ging gleichzeitig auch darum, eine militärische Struktur zu schaffen,
Pauline Jäckels: die die traditionelle Armee schwächen oder in Schach halten kann.
Pauline Jäckels: Also so eine Art, sich auch gegen einen möglichen Putsch zu schützen und ein
Pauline Jäckels: anderes Machtzentrum zu haben.
Pauline Jäckels: Und da sind dann halt immer mehr Ressourcen reingeflossen. Es gibt internationale
Pauline Jäckels: Netzwerke, in denen sie tätig sind.
Pauline Jäckels: Sie haben Verbindungen zu Milizen in der ganzen Region.
Pauline Jäckels: Sie haben einen eigenen Wirtschaftszweig, der immer weiter zunimmt.
Pauline Jäckels: Vor allen Dingen seit den 2000ern massiven Einfluss hat und so weiter und so fort.
Pauline Jäckels: Also sie sind seitdem ein sehr wichtiger Machtfaktor im Iran geworden.
Tareq Sydiq: Und Ihre Loyalität fußt wahrscheinlich zum einen auf Geld, also der Bezahlung
Tareq Sydiq: durch das Regime, auf der anderen Seite aber auch auf ideologischer Nähe.
Pauline Jäckels: Ja, ich glaube, Geld ist gar nicht das Entscheidende tatsächlich.
Pauline Jäckels: Es ist eine ideologische Nähe. Die Revolutionsgardisten werden auch ganz vorsichtig selektiert.
Pauline Jäckels: Da kommt man nicht einfach so rein, also vor allem nicht in die oberen Führungsränge.
Pauline Jäckels: Da gibt es ideologische Schulungen. Es ist sehr, sehr stark personalisiert.
Pauline Jäckels: Also es ist wirklich, es geht um Khamenei selbst und natürlich Rumänie,
Pauline Jäckels: aber der ist ja verstorben.
Pauline Jäckels: Das heißt, es wird auf eine einzelne Person zugespitzt. Und gleichzeitig sind
Pauline Jäckels: sie auch ein Stück weit entkoppelt vom Rest der Gesellschaft.
Pauline Jäckels: Also man hat, und das geht jetzt nicht nur für die Revolutionsgardisten,
Pauline Jäckels: die Regimeanhänger leben in eigenen Vierteln. Sie haben eigene Schulen,
Pauline Jäckels: sie haben eigene Krankenhäuser, sie haben eine eigene ideologische Schulung.
Pauline Jäckels: Also da wird auch eine politische Kaste im Endeffekt geschaffen,
Pauline Jäckels: die nicht in denselben Diskursen unterwegs ist, nicht in derselben Lebenswelt
Pauline Jäckels: unterwegs ist, wie der Rest der Bevölkerung.
Pauline Jäckels: Das sichert auch ein Stück weit eben genau diese Loyalität, die über monetäre Anreize hinausgeht.
Pauline Jäckels: Also es ist wirklich ein soziales Umfeld, in dem auch kritische Stimmen jetzt
Pauline Jäckels: eher weniger auftauchen dürften.
Tareq Sydiq: Es gab ja nicht nur in den vergangenen Jahren immer wieder Massenproteste gegen das Regime.
Tareq Sydiq: Auch der Druck durch verfeindete Staaten ist ja enorm groß, etwa in Form von
Tareq Sydiq: Sanktionen durch die USA oder Europa und Militärschläge der letzten Jahre durch Israel und die USA.
Tareq Sydiq: Was stützt und schützt die Macht
Tareq Sydiq: des Mullah-Regimes trotz dieses enormen Drucks von innen und von außen?
Pauline Jäckels: Ja, es gibt eben einen Rückhalt nach innen. Es gibt Menschen,
Pauline Jäckels: die von dem System profitieren und ganz vereinfacht gesagt, es ist schon ein
Pauline Jäckels: gigantischer Staatsapparat, an dem Menschen finanziell dranhängen.
Pauline Jäckels: Es gibt diese Netzwerke, das sind sowohl militärische als auch wirtschaftliche
Pauline Jäckels: als auch ideologische Netzwerke und da hängen schon mal sehr viele Menschen irgendwo mit drin.
Pauline Jäckels: Gleichzeitig ist das System von vornherein so aufgebaut, dass es relativ gut überleben kann.
Pauline Jäckels: Also man hat Strukturen geschaffen, die, also wenn man zum Beispiel jetzt eine
Pauline Jäckels: zentrale Figur ausschaltet, dann gibt es verschiedene Zellen und Netzwerke,
Pauline Jäckels: die trotzdem operieren können.
Pauline Jäckels: So sind auch die Revolutionsgarden zum Beispiel aufgebaut gewesen.
Pauline Jäckels: Man hat jetzt mit Rasim Soleimani zum Beispiel, der ja 2020 getötet wurde,
Pauline Jäckels: das war ein Verlust für die Revolutionsgarden, das ist keine Frage.
Pauline Jäckels: Das war ein Kommandeur der Revolutionsgardisten, ein sehr bekannter Kommandeur
Pauline Jäckels: und der wurde dann durch einen von Donald Trump damals angeordneten Militärschlag
Pauline Jäckels: getötet und das war ein Verlust,
Pauline Jäckels: weil er hatte sehr wichtige Netzwerke im Nahen und Mittleren Osten,
Pauline Jäckels: hat auch viele Kontakte zu Milizen selber vorangetrieben.
Pauline Jäckels: Gleichzeitig wurde er relativ schnell auch ersetzt, weil die verschiedenen Einheiten
Pauline Jäckels: der Revolutionsgardisten trotzdem handlungsfähig geblieben sind,
Pauline Jäckels: weil man eben auch in der Lage war, dann im Zweifel zu rotieren und anderes Personal zu finden.
Pauline Jäckels: Und das ist zum Beispiel eine Art, wie Militärschläge oft nicht den gewünschten
Pauline Jäckels: Erfolg mitbringen. Das ist auch so ein bisschen,
Pauline Jäckels: Ein Erbe der Frühzeit der Revolution. Also man hat gerade in den 80ern sehr
Pauline Jäckels: hohe Todeszahlen auch innerhalb dieses Machtapparates gehabt.
Pauline Jäckels: Es gab Anschläge gegen ihre Führerschaft.
Pauline Jäckels: Und das heißt, sie war von vornherein, musste sich so aufstellen,
Pauline Jäckels: dass jetzt nicht an einer einzelnen Person alles hängt.
Pauline Jäckels: Wie gesagt, Khomeini oder Khamenei ist vielleicht die Ausnahme,
Pauline Jäckels: aber in vielen anderen Ebenen funktioniert es auch ohne die einzelne Person,
Pauline Jäckels: weil das Netzwerk und das System arbeitsfähig ist.
Pauline Jäckels: Und ansonsten gerade was Sanktionen angeht, die Islamische Republik kennt ja
Pauline Jäckels: quasi keine Periode ohne Sanktionen.
Pauline Jäckels: Das heißt, die gesamte Wirtschaft, das gesamte Patronagenetzwerk ist darauf
Pauline Jäckels: ausgebaut, in einer Situation mit Sanktionen zu operieren und zu überleben.
Pauline Jäckels: Das heißt nicht, dass Sanktionen nicht massiven Einfluss haben und auch wirtschaftliche
Pauline Jäckels: Kosten mit sich bringen, aber diese Kosten sind ein Stück weit einkalkuliert.
Pauline Jäckels: Also man hat Wirtschaftsnetzwerke in der ganzen Region, man findet Wege,
Pauline Jäckels: das irgendwie zu umgehen.
Pauline Jäckels: Im Zweifel wird Öl an andere Länder geschickt und dort in den Raffinerien verarbeitet
Pauline Jäckels: und gar nicht mehr als iranisches Öl verkauft.
Pauline Jäckels: Oder man handelt Güter mit Milizen, schickt Lastwagen in die eine Richtung und
Pauline Jäckels: in die andere wieder zurück.
Pauline Jäckels: Also es gibt verschiedene auch versteckte Wege, trotzdem einen Außenhandel zu
Pauline Jäckels: treiben und den Effekt von Sanktionen zumindest zu reduzieren.
Pauline Jäckels: Die gleitstätig auch wiederum den Effekt haben, dass, naja, wem stehen solche Wege offen? Dem Staat.
Pauline Jäckels: Das heißt, der Staat und vor allen Dingen auch die Revolutionsgardisten mit
Pauline Jäckels: ihrem Netzwerk in der ganzen Region sind signifikante Ansprechpersonen für eine
Pauline Jäckels: Bevölkerung, die ja auch von den Sanktionen betroffen ist.
Pauline Jäckels: Und sie werden in manchen Sektoren der Wirtschaft auch zu Monopolisten,
Pauline Jäckels: dadurch, dass es gar nicht Konkurrenten geben kann.
Pauline Jäckels: Und dieser Druck hat diesen zwiespältigen Effekt gehabt.
Tareq Sydiq: Gehen wir mal konkret auf die jetzigen Massenproteste im Iran ein.
Tareq Sydiq: Was hat diese Proteste konkret ausgelöst?
Pauline Jäckels: In dem Fall waren es wirtschaftliche Gründe, also ganz konkret der Verfall des Wechselkurses.
Pauline Jäckels: Und gerade die Händler sind davon ja zunächst mal betroffen,
Pauline Jäckels: weil Import-Export direkt an den Wechselkurs hängt.
Pauline Jäckels: Und das heißt, Teile des Basars haben dann angefangen mit Geschäftsschließungen
Pauline Jäckels: und dann haben sich sehr schnell andere Menschen den Protesten angeschlossen,
Pauline Jäckels: so wie wir das in den letzten Jahren immer wieder erlebt haben.
Pauline Jäckels: Also es gibt einen konkreten Anlass, den nutzen aber dann sehr viele andere,
Pauline Jäckels: die schon länger unzufrieden sind, auch dazu zu protestieren.
Tareq Sydiq: Vielleicht nur zur Einordnung, du sagst jetzt Teile des Bazaars.
Tareq Sydiq: Mit Bazaar ist einfach gemeint der Einzelhandel, richtig?
Pauline Jäckels: Genau, also man muss vielleicht beim Bazaar so ein bisschen einschränken.
Pauline Jäckels: Es hat gerade im iranischen Kontext auch so eine soziale Komponente.
Pauline Jäckels: Also die Basaris als eine gewisse soziale Klasse, die Händler an den großen
Pauline Jäckels: Märkten, waren auch immer eine signifikante politisch-soziale Kraft.
Pauline Jäckels: Ich habe es jetzt ein bisschen so formuliert, weil ich mir bei den jetzigen
Pauline Jäckels: Protesten würde ich gar nicht mal unbedingt sagen, dass sie das als eine soziale
Pauline Jäckels: politische Klasse gemacht haben.
Pauline Jäckels: Also ich kann das jetzt nicht abschließend beurteilen, aber ich hatte den Eindruck,
Pauline Jäckels: dass es eher Teile des Basars waren, bestimmte Händler, die das mitgetragen haben,
Pauline Jäckels: aber nicht sozusagen als Kollektiv, in die das geschlossen agiert und das auch
Pauline Jäckels: geschlossen gegen das System agiert.
Tareq Sydiq: Ja, also es haben sich jetzt nicht alle Basaris organisiert in dem Sinne und
Tareq Sydiq: diese Proteste angestoßen.
Pauline Jäckels: Genau, aber es waren eben Teile und das sind durchaus auch signifikante Teile
Pauline Jäckels: gewesen und so wie das System agiert hat,
Pauline Jäckels: würde ich sagen, hat es sich durchaus auch erschreckt, weil das ist eine signifikante
Pauline Jäckels: soziale Schicht, die auch eine gewisse Macht mit sich bringt.
Pauline Jäckels: Also dementsprechend, das System hat das scheinbar durchaus ernst genommen.
Tareq Sydiq: Und wir haben ja gerade eben schon kurz angesprochen, dass es in den vergangenen
Tareq Sydiq: Jahren immer wieder diese Massenproteste gab, die sich auch direkt gegen das Regime verletzten.
Tareq Sydiq: Gestellt haben. Vor allem die Proteste von 2020, die auf die Hinrichtung der
Tareq Sydiq: kurdischen Iranerin Gina Mahsa Amini folgten, dürften den meisten noch in Erinnerung sein.
Tareq Sydiq: Was sind denn Unterschiede zu diesen vorherigen Protestwellen und wo gibt es
Tareq Sydiq: auch starke Parallelen?
Pauline Jäckels: Ja, also der Anlass ist natürlich nochmal ein anderer. Man hatte bei Gina Aminis
Pauline Jäckels: Tod ja, also als Thema erstmal ganz konkret den Hijab und auch die Gewalt des Staates.
Pauline Jäckels: Wirtschaftlich Sorgen sind ja nochmal ein anderes Thema. Der Kontext war auch ein anderer.
Pauline Jäckels: Also man hatte 2022 ja noch eine konservative Regierung an der Macht.
Pauline Jäckels: Diesmal hat man eine reformistische Regierung, die auch eigentlich Versprechungen
Pauline Jäckels: gemacht hat, bestimmte Sektoren zu liberalisieren.
Pauline Jäckels: Das heißt, der politische Rahmenkontext ist ein anderer.
Pauline Jäckels: Und gleichzeitig in der Dynamik der Proteste, würde ich sagen,
Pauline Jäckels: sieht man etwas anderes.
Pauline Jäckels: Also man hat 2022 erlebt, dass die Proteste gerade in Gebieten sunnitischer
Pauline Jäckels: Minderheiten sehr stark waren,
Pauline Jäckels: dass sie auch sehr stark von Feministinnen angetrieben wurden in den Städten,
Pauline Jäckels: dann eben stärker übergegriffen haben in Regionen sunnitischer ethnischer Minderheiten,
Pauline Jäckels: also sowohl in den kurdischen Gebieten als auch in den balutschischen Gebieten.
Pauline Jäckels: Und dann auch eine stärker soziale Komponente dazu gekommen ist,
Pauline Jäckels: auch mit Arbeitern, die sich angeschlossen haben, Konkret zum Thema staatliche
Pauline Jäckels: Gewalt und der blutigen Niederschlagung von Protesten.
Pauline Jäckels: Da war auch der blutige Freitag in Sahedon, also in Baluchistan,
Pauline Jäckels: an dem Dutzende von Protestierenden erschossen wurden. Das hat auch nochmal
Pauline Jäckels: die Proteste mit angetrieben.
Pauline Jäckels: Und diesmal hat man diesen starken wirtschaftlichen Anlass gehabt.
Pauline Jäckels: Man hat die Proteste auch wieder sehr breitflächig gehabt, also ein bisschen
Pauline Jäckels: überall im ganzen Land. Und es war für mich aber jetzt nicht so ein Muster erkennbar,
Pauline Jäckels: was die tragenden Gruppen sind letztlich.
Pauline Jäckels: Dadurch, dass es auch einfach sehr heterogen war, dadurch, dass man aber auch
Pauline Jäckels: eine andere Informationslage hat, als eben noch vor drei Jahren.
Pauline Jäckels: Und was da eben nochmal dazu kam, ist, dass die Slogans deutlich,
Pauline Jäckels: also sie waren damals schon sehr radikal und auch regimekritisch,
Pauline Jäckels: aber diesmal hatte ich das Gefühl, hat das nochmal eine Spur zugenommen.
Pauline Jäckels: Also es gab jetzt weniger solche Slogans wie eben damals, Jin-Juan Osaudi,
Pauline Jäckels: Frauen leben Freiheit, sondern es ging sehr direkt, sehr schnell um die Systemfrage.
Pauline Jäckels: Und das hat nochmal so eine andere Konnotation, wo ich aber auch jetzt nicht
Pauline Jäckels: so richtig gesehen konnte, welche Bevölkerungsgruppen hier auch sowas wie eine
Pauline Jäckels: Allianz oder versuchen eine Vision zu schmieden.
Pauline Jäckels: Also man hat Frau Leben Freiheit, da war relativ früh klar, hier gibt es so
Pauline Jäckels: ein Bündnis aus verschiedenen Gruppen, ob das jetzt feministische,
Pauline Jäckels: soziale oder Minderheitengruppen sind, die versuchen so eine gemeinsame Vision
Pauline Jäckels: oder gemeinsame Slogans zu entwickeln.
Pauline Jäckels: Und bei den jetzigen Protesten schien es mir vor allen Dingen die Ablehnung des Status Quo zu sein.
Tareq Sydiq: Wie organisieren sich denn die Menschen gerade unter einem solch repressiven
Tareq Sydiq: Regime, das, wie wir ja wissen, auch die Proteste mit Gewalt niederschlägt?
Tareq Sydiq: Wir wissen, dass es massenweise Erschießungen gab und so weiter.
Pauline Jäckels: Ja, also ich glaube, da gibt es.
Pauline Jäckels: Zwei Antworten. Die eine ist, es gibt einen signifikanten Teil an Leuten,
Pauline Jäckels: die sich wenig organisieren.
Pauline Jäckels: Gerade auch, weil diese Proteste, in denen alles, was in organisierter Opposition
Pauline Jäckels: existiert, bereits verfolgt und niedergeschlagen wurde.
Pauline Jäckels: Das heißt, man hat auch schon 2017, 2018 gesehen, dass signifikante Teile der
Pauline Jäckels: Protestierenden die Leute waren, die man als konventionelle Protestakteure vielleicht
Pauline Jäckels: gar nicht kannte oder nicht auf dem Zettel hatte.
Pauline Jäckels: Also die Leute, die wirklich aus Verzweiflung auf die Straße gehen,
Pauline Jäckels: aus einer spontanen Wut heraus auf die Straße gehen und nicht unbedingt eine
Pauline Jäckels: Organisationsstruktur mitbringen.
Pauline Jäckels: Man hat auf der anderen Seite durchaus Menschen, die sich ganz kleinteilig organisieren,
Pauline Jäckels: also vielleicht nicht in einer landesweiten Bewegung, weil die wäre sehr schnell
Pauline Jäckels: verfolgt worden, Aber vielleicht in der lokalen Gruppe,
Pauline Jäckels: vielleicht so ein ganz kleines Nischeninteresse.
Pauline Jäckels: Also vielleicht ging es dann um die Erbbewahrung einer ganz bestimmten Straße
Pauline Jäckels: im eigenen Viertel und da hat man sich vorher organisiert und da geht man jetzt mit auf die Straße.
Pauline Jäckels: Die sich politisch organisiert hatten, aber andere Formen der Organisation haben.
Pauline Jäckels: Das kennen wir übrigens ganz häufig, auch in westlichen Demokratien.
Pauline Jäckels: Es gibt so eine ganz klassische Studie dazu über die Bowling-Vereine.
Pauline Jäckels: Also dass man quasi, man hat vielleicht den Stammtisch oder den Verein.
Pauline Jäckels: Da geht es um ganz andere Themen.
Pauline Jäckels: Und sobald ein deutsches Thema aufkommt, mobilisiere ich innerhalb dieser Gruppe.
Pauline Jäckels: Man kennt das vielleicht auch von sich selber.
Pauline Jäckels: Da wird zu einem Protest aufgerufen und man schreibt in die Familien-WhatsApp-Gruppe,
Pauline Jäckels: wer geht da eigentlich hin?
Pauline Jäckels: Sowas findet natürlich auch im Iran statt.
Tareq Sydiq: Also mein Resonanzrahmen, also meine Peergroup, mit der ich ja auch zum Beispiel
Tareq Sydiq: über die sozialen Medien verbunden bin,
Tareq Sydiq: die mich dann dazu bewegt, ohne dass ich jetzt schon politisch organisiert wäre
Tareq Sydiq: in irgendeiner Gruppe, die dezidiert Proteste organisiert.
Pauline Jäckels: Genau, also solche Bubbles sind halt absolut relevant.
Pauline Jäckels: Ich habe jetzt explizit nochmal so diese WhatsApp-Gruppen erwähnt,
Pauline Jäckels: weil natürlich soziale Medien im Iran besonders betroffen sind von Repressionen
Pauline Jäckels: und das sieht man eben ganz häufig, dass diese verschlosseneren Medien,
Pauline Jäckels: diese kleineren sozialen Medien häufig die relevanteren sind.
Pauline Jäckels: Und man hat dann zum Beispiel auch schon früher noch Telegram-Channels gehabt
Pauline Jäckels: mit so tausenden von Mitgliedern.
Pauline Jäckels: Darüber findet sehr viel dieser Organisation statt. Und gleichzeitig hat man
Pauline Jäckels: jetzt auch erlebt, und das konnte man, glaube ich, auch im Zuge der Proteste
Pauline Jäckels: 22-23 ganz gut sehen, dass es auch Versuche gibt, Kandestiner-Organisationen.
Pauline Jäckels: Also da gab es zum Beispiel diese Nachbarschaftsjugendgruppen,
Pauline Jäckels: die sich für eine Weile versucht haben zu koordinieren und zu organisieren.
Pauline Jäckels: Und da spielen ganz klassische Formen von illegaler Untergrundmobilisierung eine Rolle.
Pauline Jäckels: Also dass Leute auch sich verschlüsselte Botschaften zusenden,
Pauline Jäckels: sich versteckt versuchen zu treffen. Und bei so etwas ist es von außen sehr
Pauline Jäckels: schwer zu sagen, in welchem Ausmaß das eigentlich stattfindet,
Pauline Jäckels: gerade weil sie ja klandestin sind.
Pauline Jäckels: Also es kann sehr klein sein oder es kann tatsächlich was Größeres sein,
Pauline Jäckels: was wir gar nicht so richtig mitbekommen.
Tareq Sydiq: Du hast ja gerade eben schon gesagt, du kannst gar nicht so genau bestimmen,
Tareq Sydiq: welche unterschiedlichen Gruppen die derzeitige Protestbewegung ausmachen.
Tareq Sydiq: Daraufhin habe ich gesagt, eine, die mir jetzt direkt einfällt,
Tareq Sydiq: sind quasi die Leute, die die Wiederkehr der Monarchie unterstützen und den
Tareq Sydiq: Sohn des Schahs, der sich ja auch jetzt,
Tareq Sydiq: In den letzten Jahren, aber jetzt gerade besonders in diesem Moment auch platziert
Tareq Sydiq: als derjenige, der ein Nachfolger sein könnte dieses Regimes.
Tareq Sydiq: Und gerade in Deutschland ist immer wieder die Rede gerade von Reza Pahlavi,
Tareq Sydiq: also dem Sohn des Schahs.
Tareq Sydiq: Wer ist Pahlavi und welche Visionen hat er für sich und für das Land?
Pauline Jäckels: Ja, also Pahlavi ist zunächst mal der Kronprinz. Sein Vater war ja der letzte
Pauline Jäckels: Schah des Iran und er selber.
Pauline Jäckels: Er war sehr jung zu dem Zeitpunkt, als der Vater abgetreten ist,
Pauline Jäckels: also war, man kann das ein bisschen zugespitzt sagen,
Pauline Jäckels: seitdem hauptberuflich Sohn und gilt aber innerhalb monarchistischer Strömung
Pauline Jäckels: natürlich als eine zentrale Projektionsfläche, also eine ganz zentrale Figur
Pauline Jäckels: zur Rückkehr der Monarchie.
Pauline Jäckels: Er selber hält sich da durchaus bedeckt. Also es gibt auch durchaus Äußerungen von ihm,
Pauline Jäckels: dass er sagen würde, naja, er will nicht als Monarch die Macht übernehmen im
Pauline Jäckels: Iran, sondern er sieht sich eher als eine Einigungsfigur,
Pauline Jäckels: die zu Protesten vielleicht aufruft, die einen Übergang anleitet und koordiniert,
Pauline Jäckels: aber die dann auch die Macht dann entsprechend wieder abgibt.
Pauline Jäckels: Aber da gibt es eben unterschiedliche Visionen und Vorstellungen.
Pauline Jäckels: Und da hält er sich durchaus auch manchmal ein bisschen bedeckt und man weiß
Pauline Jäckels: auch nicht so ganz genau, was wäre denn diese Rolle, sollte es dazu kommen.
Pauline Jäckels: Also geht es dann vielleicht auch um eine repräsentative Monarchie vielleicht?
Pauline Jäckels: Will er doch aktiver mitwirken? Gibt es dann vielleicht eine monarchistische
Pauline Jäckels: Partei innerhalb eines neuen Systems und er ist dann ein klassischer Politiker?
Pauline Jäckels: Und das ist so ein bisschen für mich die offene Frage.
Tareq Sydiq: Hältst du das denn für glaubwürdig, dass er dann an die Macht kommt und sie dann wieder ab?
Tareq Sydiq: Falls du das sagen kannst.
Pauline Jäckels: Genau, ich kann das tatsächlich nicht so gut einschätzen. Also das ist,
Pauline Jäckels: er hält sich da sehr bedeckt. Es ist aber auch die Frage, ob er das könnte.
Pauline Jäckels: Wir wissen letztlich einfach sehr wenig über Bailawi als Politiker.
Pauline Jäckels: Wir haben ihn jetzt in der Regel als Oppositionellen, das ist ja auch das falsche
Pauline Jäckels: Wort, wir haben ihn jetzt in der Regel als Exzellenten erlebt,
Pauline Jäckels: aber er hat jetzt nicht eine nennenswerte Parteiarbeit.
Pauline Jäckels: Und er ist nicht in politische Kontexte eingebunden.
Pauline Jäckels: Wir wissen nicht, wie er Macht ausüben würde.
Pauline Jäckels: Und das kann natürlich jetzt in alle möglichen Richtungen gehen.
Pauline Jäckels: Es kann sein, dass er sich als ein politisches Talent erweist,
Pauline Jäckels: was wirklich alle Probleme navigieren kann. Es kann aber auch sein,
Pauline Jäckels: dass er komplett überfordert damit wäre, plötzlich hier solche Entscheidungen treffen zu müssen.
Pauline Jäckels: Und deswegen, also ich glaube, ist eine sehr unbekannte Variable und damit auch
Pauline Jäckels: eine sehr geeignete Projektionsfläche für viele.
Tareq Sydiq: Gerade unter Exil-Iranerinnen, auch hier in Deutschland, gibt es ja extrem viele,
Tareq Sydiq: die die Monarchistenbewegung unterstützen.
Tareq Sydiq: Ich muss sagen, mich hat das so ein bisschen irritiert, auch dadurch,
Tareq Sydiq: dass ich mich selbst mit der iranischen Geschichte auseinandergesetzt habe und natürlich...
Tareq Sydiq: Dass Shah-Regime seines Vaters ein extrem repressives Regime war und in keinster
Tareq Sydiq: Weise ein demokratisches.
Tareq Sydiq: Kannst du erklären, warum so viele Leute jetzt die Hoffnung in ihn setzen?
Pauline Jäckels: Ich glaube, es gibt so drei Faktoren. Das eine ist, iranische Migrationsbewegungen
Pauline Jäckels: sind ja auch immer wieder von Repressionswellen im Iran betroffen.
Pauline Jäckels: Und die ganz große, signifikante Repressionswelle nach der Revolution war natürlich
Pauline Jäckels: gegen Anhänger des alten Regimes.
Pauline Jäckels: Das heißt, ganz viele Monarchisten oder monarchinale Personen mussten das Land
Pauline Jäckels: verlassen und bestimmen dadurch auch ein Stück weit Debatten im Exil in der Diaspora.
Pauline Jäckels: Also es gibt einfach außerhalb des Irans recht viele Monarchisten,
Pauline Jäckels: und zwar auch die originalen Monarchisten sozusagen, die auch schon dem Vater
Pauline Jäckels: die Treue gehalten haben.
Pauline Jäckels: Die haben eigene Organisationen, die sind vernetzt, Die haben eigene Medien,
Pauline Jäckels: Sie strahlen in soziale Medien sehr stark aus, also haben da auch nochmal eine
Pauline Jäckels: überproportionale Präsenz, durch die sie auch auf andere Iranerinnen ausstrahlen können.
Pauline Jäckels: Also vielleicht Menschen, die nicht innerhalb der Monarchie aufgewachsen sind,
Pauline Jäckels: innerhalb monarchistischer Organisationen sozialisiert sind,
Pauline Jäckels: aber die über soziale Medien, über Fernsehsender deren Talking Points,
Pauline Jäckels: deren Weltbild mitnehmen. Und ich glaube, also das spielt schon eine große Rolle.
Pauline Jäckels: Ich glaube außerdem, dass es so eine gewisse Nostalgie mit reinkommt.
Pauline Jäckels: Also die Schadzeit liegt ja fast ein halbes Jahrhundert zurück. Das heißt...
Pauline Jäckels: Was es damals vielleicht auch an Gewalt und Gewalterfahrungen gab,
Pauline Jäckels: ist gar nicht mehr so greifbar, während die Gewalt des jetzigen Regimes sehr
Pauline Jäckels: aktuell ist und sehr greifbar ist.
Pauline Jäckels: Und auch übrigens mit der Niederschlagung Anfang des Jahres auch ein Ausmaß
Pauline Jäckels: angenommen hat, was über das der Schadzeit hinausgeht.
Pauline Jäckels: Aber auch schon davor ist einfach die aktuelle Gewalt die viel greifbarere,
Pauline Jäckels: während man die Schadzeit dann eben eher als so eine westliche,
Pauline Jäckels: liberale Zeit in Erinnerung hat und verklären kann.
Tareq Sydiq: Kannst du uns vielleicht daran erinnern, wie diese Gewalt in der Schadzeit aussah?
Pauline Jäckels: Es war eine klassische Autokratie letztlich. Also man hat mit dem SAVAK damals
Pauline Jäckels: einen gut ausgestatteten Geheimdienst gehabt, der Oppositionelle gefoltert hat,
Pauline Jäckels: hat verschwinden lassen.
Pauline Jäckels: Gebiete ethnischer Minderheiten waren immer wieder auch von Repressionen betroffen.
Pauline Jäckels: Da wurden regelrecht Kampagnen gefahren.
Pauline Jäckels: Es gab, und darauf berufen sich ja zum Beispiel die Rumänien-Anhänger immer
Pauline Jäckels: wieder, die Proteste 1963, an denen Anhänger Rumänis protestiert haben.
Pauline Jäckels: Und die Einheiten des Schahs haben in die Menschenmenge geschossen,
Pauline Jäckels: um das niederzuschlagen.
Pauline Jäckels: Im Zuge der Revolution gab es den Schwarzen Freitag, an dem auch eine Menschenmasse geschossen wurde.
Pauline Jäckels: Und generell Dissidenten wurden immer wieder verfolgt, verhaftet,
Pauline Jäckels: gefoltert und ins Ausland getrieben.
Pauline Jäckels: Also das war in keinster Weise eine demokratische Gesellschaft oder eine freie
Pauline Jäckels: Gesellschaft und gleichzeitig gab es gewisse Freiheiten.
Pauline Jäckels: Und das ist das, worauf sich da immer wieder berufen wird. Also es gab eine
Pauline Jäckels: gewisse wirtschaftliche Liberalisierung, es gab eine Westorientierung,
Pauline Jäckels: es gab für Frauen eine gewisse Liberalisierung im öffentlichen Raum,
Pauline Jäckels: also wie man sich kleidet, wie man sich bewegen konnte in der Öffentlichkeit.
Pauline Jäckels: Und das sind so die beiden Seiten dieses Systems.
Pauline Jäckels: Aber ja, es war gleichzeitig eine sehr klar von Eliten gesteuerte Gesellschaft.
Tareq Sydiq: Was für einer Ideologie hängen denn die Monarchisten an?
Tareq Sydiq: Ich muss gerade daran denken, ich war einmal im Iran, da war ich 18 und bin
Tareq Sydiq: dort zum ersten Mal einer Person begegnet, die ein Monarchistenanhänger war.
Tareq Sydiq: Und diese Person hat eigentlich ganz offen Rassenideologie angesprochen.
Tareq Sydiq: Wir sind Arier, wir sind Perser, wir sind nicht Araber und so weiter.
Tareq Sydiq: Also da hat sich auch positiv auf den Nationalsozialismus bezogen.
Tareq Sydiq: Jetzt will ich natürlich nicht sagen, alle Monarchistenanhänger sind so oder
Tareq Sydiq: denken so, Aber das ist mir sehr in Erinnerung geblieben, weil mich das total irritiert hat.
Tareq Sydiq: Ich konnte das damals als junge deutsche Frau überhaupt nicht einordnen,
Tareq Sydiq: was das für ein ideologischer Untergrund ist quasi.
Pauline Jäckels: Ja, ich glaube, es gibt nicht so wirklich diesen einen ideologischen Untergrund.
Pauline Jäckels: Also es fokussiert sich viel an der Person und an der Institution der Monarchie.
Pauline Jäckels: Damit geht einher ein gewisser Nationalismus, damit geht einher die Vorstellung
Pauline Jäckels: von einem starken Staat, von der Machtprojektion nach außen,
Pauline Jäckels: von so einer gewissen Souveränität.
Pauline Jäckels: Aber letztlich ist vieles verhandelbar, solange die Pahlavi-Monarchie im Mittelpunkt
Pauline Jäckels: steht und bei allem anderen kann man so ein bisschen Abstriche machen.
Pauline Jäckels: Aber das ist das, wo gerade auch Anhänger ethnischer Minderheiten,
Pauline Jäckels: wo Anhänger politisch-linker Bewegungen eben sehr viel Skepsis haben,
Pauline Jäckels: was den Monarchismus angeht,
Pauline Jäckels: weil es letztlich eine nationalistische Bewegung ist, mit deren Ansprüchen immer auch konkurriert.
Pauline Jäckels: Und wo auch zum Beispiel, es gab jetzt im Kontext der Gina-Armini-Proteste auch
Pauline Jäckels: so den Versuch, so eine inhaltliche Plattform zu formulieren von Seiten von Pahlavi-Anhängern.
Pauline Jäckels: Und da wird auch auf eine Dezentralisierung verwiesen und eine Dezentralisierung
Pauline Jäckels: des iranischen Staates.
Pauline Jäckels: Und da gab es ganz klar diese Glaubwürdigkeitsfrage von vielen anderen,
Pauline Jäckels: die sagen, naja, der Monarchismus steht ja eigentlich für einen starken Zentralstaat.
Pauline Jäckels: Der Vater Pahalawis hat ja Zentralisierungsstaates massiv vorangetrieben,
Pauline Jäckels: hat auch mit enormer Gewalt reagiert auf andere, die vielleicht stärker dezentrale
Pauline Jäckels: Visionen und Ideen hatten.
Pauline Jäckels: Und jetzt zu sagen, wir wollen einen stärker dezentralen Staat haben,
Pauline Jäckels: ob das dann tatsächlich so passieren wird und auch umgesetzt wird,
Pauline Jäckels: ist ja ein bisschen fragwürdig.
Pauline Jäckels: Ich wollte noch kurz auf die Frage davor, hatte ich noch tatsächlich einen Punkt,
Pauline Jäckels: den ich noch kurz machen wollte, nämlich warum es Leute gibt,
Pauline Jäckels: die die Monarchiebewegung unterstützen.
Pauline Jäckels: Ich glaube nochmal so ein dritter Faktor und den darf man auch nicht unterschätzen
Pauline Jäckels: ist, dass dadurch, dass Pahlavi auch seine Ziele so ein bisschen unklar hält
Pauline Jäckels: und es noch gar nicht so klar ist, wie würde das eigentlich aussehen,
Pauline Jäckels: Eher auch eine Projektionsfläche für diejenigen ist, die vielleicht gar nicht
Pauline Jäckels: den Monarchismus und die Monarchie an und für sich unterstützen,
Pauline Jäckels: die aber zur sichtbarsten Alternative zur Islamischen Republik gehen.
Pauline Jäckels: Und die eben diese Hoffnung haben, man braucht diese eine Person,
Pauline Jäckels: die das macht. Man traut ihm das ein Stück weit auch zu.
Pauline Jäckels: Man hat aber auch diese historische Analogie im Kopf. Damals Rumäni als eine
Pauline Jäckels: zentrale Figur aus dem Ausland.
Pauline Jäckels: Vielleicht kann Pahlavi eine ähnliche Funktion übernehmen wie damals Rumäni.
Pauline Jäckels: Kann also aus dem Ausland heraus eine Anspielfigur sein, eine Person,
Pauline Jäckels: die Proteste vorantreibt und am Ende die Systemfrage stellt.
Pauline Jäckels: Und dieses Bild, dieses einen Kontrahenten, glaube ich, führt auch dazu, dass manche jetzt halt
Pauline Jäckels: die Hoffnungen auf Pahlawi setzen, ohne Pahlawi selber oder den Monarchismus gut zu finden.
Tareq Sydiq: Warum genießt er und die Monarchistenbewegung denn Unterstützung unter anderem
Tareq Sydiq: durch die USA, aber auch durch Israel?
Tareq Sydiq: Sie alliieren sich ja auch ganz bewusst und offen mit diesen beiden Staaten.
Tareq Sydiq: Also wenn wir pro-monarchistische Proteste zum Beispiel in Deutschland sehen,
Tareq Sydiq: sehen wir sehr häufig auch die Israel-Flagge.
Pauline Jäckels: Ja, es ist ein strategisches Bündnis.
Pauline Jäckels: Es gibt natürlich auch so den Effekt, er hat ein gewisses Netzwerk,
Pauline Jäckels: er kann mit bestimmten PolitikerInnen gut sprechen,
Pauline Jäckels: hat eben die entsprechenden Kontakte, aber am Ende des Tages,
Pauline Jäckels: sie eint die Ablehnung des jetzigen iranischen Staates, des jetzigen iranischen
Pauline Jäckels: Regimes und Pahlavi hat ja da tatsächlich auch eine gewisse Kredibilität.
Pauline Jäckels: Die Monarchie war immer westorientiert.
Pauline Jäckels: Wenn er jetzt sagt, unter ihm würde es auch eine Westorientierung geben und
Pauline Jäckels: auch in der Bevölkerung ja durchaus eine gewisse Sympathie für den Westen erkennbar ist,
Pauline Jäckels: dann ist es jetzt auch plausibel, dass sollte es zu einem Regime-Change kommen
Pauline Jäckels: und Pahlavi wäre eine dominante Kraft, dass es dann auch den Interessen der
Pauline Jäckels: USA und Israels entgegenkäme.
Pauline Jäckels: Aber unabhängig davon, also selbst wenn man jetzt gar nicht an einen Systemsturz
Pauline Jäckels: glaubt, und ich glaube, es gibt einige in Washington und Jerusalem,
Pauline Jäckels: die nicht daran glauben,
Pauline Jäckels: ist alles, was letztlich die Islamische Republik schwächt, gut für deren strategische
Pauline Jäckels: Gegner, also eben für die USA und für Israel.
Pauline Jäckels: Und da unterstützt man eben auch gerne eine solche Bewegung,
Pauline Jäckels: die ja sowieso schon Sympathien hat.
Pauline Jäckels: Und das ist eine Win-Win-Situation. Also auch selbst wenn sie scheitern sollten,
Pauline Jäckels: profitiert man von der Schwächung oder auch der temporären Schwächung des Hauptgegners.
Tareq Sydiq: Was sind denn die Interessen der USA und Israels zum Beispiel im Iran?
Pauline Jäckels: Also bei den USA unter Donald Trump ist es leider nicht immer so ganz klar erkennbar,
Pauline Jäckels: was aktuell so die Interessen sind oder auch was morgen die Interessen sein könnten.
Pauline Jäckels: Aber ganz grundsätzlich, also Israel hat in ganz vielen Konflikten in der Region
Pauline Jäckels: den Iran als strategischen Gegner.
Pauline Jäckels: Und man hat auch in der innerisraelischen Debatte in den letzten Jahrzehnten
Pauline Jäckels: eigentlich schon fast den Iran mittlerweile als Hauptgegner identifiziert und auserkoren.
Pauline Jäckels: Das hat damit zu tun, wie der Iran auch einer der letzten Unterstützer der Hamas ist.
Pauline Jäckels: Das hat damit zu tun, wie der Iran sich im Libanon engagiert mit der Hezbollah.
Pauline Jäckels: Die ja auch eng verzahnt ist mit den Revolutionsgardisten zum Beispiel,
Pauline Jäckels: aber auch in anderen Stellvertreterkonflikten im ganzen Nahen und Mittleren Osten.
Pauline Jäckels: Das heißt, da eine Schwächung des Irans hilft Israel letztlich auch in seinen
Pauline Jäckels: Konflikten mit dessen verbündeten Milizen.
Pauline Jäckels: Es gibt aber auch mit dem iranischen Nuklearprogramm eine ganz klare existenzielle Bedrohung.
Pauline Jäckels: Also man fürchtet in Israel, dass der Iran eine Atomwaffe hat,
Pauline Jäckels: die auch genutzt werden könnte gegen Israel.
Pauline Jäckels: Und aus Sicht der USA ist es generell bedenklich, wenn irgendwer eine weitere Nuklearwaffe hat.
Pauline Jäckels: Also das Thema der Non-Proliferation ist geostrategisch halt immer ein Thema
Pauline Jäckels: und das spielt da sicherlich eine Rolle.
Pauline Jäckels: Es geht aber auch darüber hinaus, um darum,
Pauline Jäckels: wer zum Beispiel Zugang über Öllieferungen hat, auch über die Handelswege,
Pauline Jäckels: über die zum Beispiel kuwaitisches Öl geliefert wird, wo der Iran auch über
Pauline Jäckels: die Straße von Hormuz gut blockieren kann,
Pauline Jäckels: wo mit dem Iran verbündete Milizen, und das haben sie ja auch nach dem 7.
Pauline Jäckels: Oktober sehr viel gemacht, den Suezkanal stark beeinträchtigen kann,
Pauline Jäckels: indem sie am Golf von Aden die Handelswege blockieren.
Pauline Jäckels: Und das sind einfach so verschiedene Ebenen, auf denen der Iran eine Rolle spielt
Pauline Jäckels: für strategische Überlegungen.
Tareq Sydiq: Das heißt also, der Iran ist sowohl einfach geografisch an einem sehr strategisch
Tareq Sydiq: wichtigen Punkt gelegen natürlich,
Tareq Sydiq: Und verfügt über wichtige Ressourcenvorkommen, Ölvorkommen.
Tareq Sydiq: Und dadurch wäre natürlich es ganz klar im Interesse des Westens,
Tareq Sydiq: wenn ein Regime da wäre, das dem Westen nahesteht und wirtschaftsliberal ist.
Tareq Sydiq: Habe ich das richtig zusammengefasst?
Pauline Jäckels: Ja, letztlich genau das. Also es ist auf jeden Fall die Geografie,
Pauline Jäckels: aber der Iran ist auch eine Regionalmacht letztlich, die sehr klar in der Region
Pauline Jäckels: vernetzt und verankert ist und auch verschiedene politische Ziele verfolgt,
Pauline Jäckels: die konträr sind zu dem, was die USA und Israel betreiben.
Tareq Sydiq: Sowohl das iranische Regime als auch so ein ganz bestimmtes linkes,
Tareq Sydiq: anti-imperiales Milieu framen
Tareq Sydiq: die Proteste ja als westlich gesteuerter Versuch eines Regime-Changes.
Tareq Sydiq: Es ist die Rede von CIA und Mossad, die dort auch vor Ort sind.
Tareq Sydiq: Allerdings haben amerikanische Politiker jetzt auch selbst davon gesprochen,
Tareq Sydiq: dass der Mossad vor Ort operiert.
Tareq Sydiq: Wie würdest du denn dieses Narrativ einordnen, dass es quasi alles nur ein westlich
Tareq Sydiq: gesteuerter Regime-Change-Versuch ist?
Pauline Jäckels: Ich sehe da keine Anhaltspunkte in der Realität, um es mal sehr neutral zu formulieren.
Pauline Jäckels: Wo fängt man da an? Also fangen wir an bei der Frage des Regime-Changes.
Pauline Jäckels: Revolutionen, so denke ich zumindest über Revolutionen nach,
Pauline Jäckels: finden in der Regel nicht als eine zentral organisierte Projekt an.
Pauline Jäckels: Ja, also Revolutionen sind etwas, da fangen Proteste an, die werden immer größer,
Pauline Jäckels: das System bröckelt und irgendwann stellt man fest, ach, ich bin ja tatsächlich Teil einer Revolution.
Pauline Jäckels: Das ist jetzt nicht, dass es da diesen zentralen Akteur gibt,
Pauline Jäckels: der so alle Fäden in der Hand hält und dann so das Volk bespielt.
Pauline Jäckels: Das ist für Hollywood-Filme ganz großartig, in der Realität findet das wirklich
Pauline Jäckels: selten seine Entsprechung.
Pauline Jäckels: Es gibt bestimmt ein paar historische Ausnahmen, aber ich glaube,
Pauline Jäckels: in der Regel dürfte das eben nicht so stattfinden.
Pauline Jäckels: Also da wird es schon mal, glaube ich, ganz schwierig, also könnte der Westen
Pauline Jäckels: überhaupt eine solche Revolution steuern? Ich glaube, allein das schon nicht.
Pauline Jäckels: Und dann gleichzeitig, wie groß ist eigentlich die Präsenz dort?
Pauline Jäckels: Also ich weiß, dass es Akteure gibt, die protestieren, die wahnsinnig unzufrieden sind mit dem System.
Pauline Jäckels: Das weiß ich, weil ich mit denen geredet habe und auch mit denen Zeit verbracht
Pauline Jäckels: habe. Und die auch von sich aus, aus sich heraus unzufrieden sind.
Pauline Jäckels: Und ich weiß, dass es da auch Protestbiografien gibt, die sich über Jahrzehnte
Pauline Jäckels: und Generationen hinweg erstrecken.
Pauline Jäckels: Da war Donald Trump noch gar nicht am Leben und da haben aber schon Leute für
Pauline Jäckels: bestimmte politische Projekte geworben im Iran.
Pauline Jäckels: Der iranische Konstitutionalismus von 1905 ist einfach einer,
Pauline Jäckels: der bis heute irgendwo nachwirkt.
Pauline Jäckels: Wir haben feministische Akteure, die um 1900 herum schon aktiv waren und die
Pauline Jäckels: bis heute auch Debatten prägen.
Pauline Jäckels: Und ich glaube, da jetzt feministischen Akteuren zu sagen, das ist westlich
Pauline Jäckels: gesteuert, übergeht diese Historie,
Pauline Jäckels: übergeht diese Verankerung dieser politischen Projekte und Ziele und es übergeht
Pauline Jäckels: gleichzeitig auch die Verzweiflung, aus der heraus viele jetzt agieren.
Pauline Jäckels: Und diese Verzweiflung ist real.
Pauline Jäckels: Vieles ist nicht erschwinglich. Menschen wissen nicht, wie sie sich ernähren
Pauline Jäckels: sollen, wie sie ihr Leben leben sollen, wie sie auch mit der Gewalt umgehen sollen.
Pauline Jäckels: Und das hat erstmal nichts mit dem Westen zu tun. Es gibt natürlich Versuche der Einflussnahme.
Pauline Jäckels: Da hatten wir gerade schon drüber gesprochen mit Pahlavi. Es gibt natürlich
Pauline Jäckels: immer ein Interesse auch zu destabilisieren, vielleicht bestimmte Diskurse ein
Pauline Jäckels: bisschen größer zu machen.
Pauline Jäckels: Aber ohne eine organische Basis on the ground, ohne organischen Unmut,
Pauline Jäckels: würden diese Proteste nicht ein solches Ausmaß annehmen, wie wir das jetzt sehen.
Pauline Jäckels: Und ich wäre sehr skeptisch über die Steuerungsfähigkeit westlicher Staaten,
Pauline Jäckels: was solche Proteste angeht.
Tareq Sydiq: Ja, ich glaube, du bringst es
Tareq Sydiq: ganz gut auf den Punkt. Auf der einen Seite wissen wir natürlich, dass...
Tareq Sydiq: Dass Geheimdienste und zwar aus allen Ländern in anderen Ländern eingesetzt
Tareq Sydiq: werden, um bestimmte politische Interessen anzuschieben, durchzusetzen.
Tareq Sydiq: Das wissen wir aus der Geschichte der USA, der Geschichte Israels,
Tareq Sydiq: der Geschichte des Irans.
Tareq Sydiq: Und das bedeutet aber nicht, dass es keine genuine Protestbewegung gibt und
Tareq Sydiq: das macht diese auch nicht nichtig.
Tareq Sydiq: Ich glaube, es geht immer so ein bisschen unter in diesem Anti-Impf-Diskurs,
Tareq Sydiq: wenn ich das mal so nennen darf, der mich auch schon bei Syrien immer gestört
Tareq Sydiq: hat, wo es auch aus dieser Seite immer hieß,
Tareq Sydiq: ja, das ist doch alles nur US-gesteuert und ich glaube, man kann einfach die
Tareq Sydiq: Gleichzeitigkeit anerkennen.
Tareq Sydiq: Ja, die USA hatten ein Interesse daran, dass Assad gestürzt wird.
Tareq Sydiq: Das macht aber nicht eine genuine Protestbewegung und revolutionäre Bewegung
Tareq Sydiq: gegen einen Diktatoren damit nichtig oder illegitim.
Tareq Sydiq: Und ich glaube, ich will das auch nicht komplett als, das ist nur Verschwörungstheorie,
Tareq Sydiq: verwerfen, weil das Einflussnahme passiert, wissen wir und das stimmt,
Tareq Sydiq: aber du stellst die richtige Frage, in welchem Ausmaß und inwiefern ist das
Tareq Sydiq: am Ende die treibende Kraft oder eben nur einer von vielen Momenten,
Tareq Sydiq: die dann eine Rolle spielen.
Tareq Sydiq: Organisierten demokratischen Gegenpuls zur Pahlavi-Bewegung.
Tareq Sydiq: Also wir wissen natürlich, es gibt diese Anhänger der,
Tareq Sydiq: Monarchistenbewegung und du hast es schon Nuancen genannt. Die einen wünschen
Tareq Sydiq: sich tatsächlich einen Schar zurück, die anderen wünschen ihn als eine Art,
Tareq Sydiq: Übergangsregierung, der jetzt einfach eine Alternative, eine erste Alternative
Tareq Sydiq: sein kann zu wo du immer der Regime,
Tareq Sydiq: Und es gibt aber auch sehr viele Leute, die beides total ablehnen.
Tareq Sydiq: Sind diese Menschen organisiert?
Pauline Jäckels: Ja, aber nicht in dieser Form. Also man hat durchaus feministische Bewegungen,
Pauline Jäckels: Studentenbewegungen, Arbeiterbewegungen, die schon auch ein Stück weit einen Gegenpol bilden,
Pauline Jäckels: die aber nicht denselben Anspruch haben, sozusagen für alle zu sprechen,
Pauline Jäckels: Sondern die kommen immer aus ihrer ganz bestimmten Situiertheit heraus und erheben
Pauline Jäckels: dann auch ganz spezifische Forderungen, sind vor allem damit beschäftigt zu organisieren,
Pauline Jäckels: nicht so sehr zu klären, was danach dann passieren würde.
Pauline Jäckels: Das liegt auch daran, dass solche Gespräche im Iran einfach nicht möglich sind.
Pauline Jäckels: Also wenn ich im Iran jetzt diese Systemfrage stelle als eine zentral organisierte
Pauline Jäckels: Bewegung, dann verschwinde ich sehr schnell in Gefängnissen.
Pauline Jäckels: Das heißt, das muss ich letztlich, also entweder organisiere ich mich als eine
Pauline Jäckels: Bewegung, die noch halbwegs legitim erachtet wird oder halb legal operiert.
Pauline Jäckels: Das ist zum Beispiel für manche Arbeiterbewegungen der Fall.
Pauline Jäckels: Oder ich tue es als eine Bewegung, die außerhalb der Legalität operiert,
Pauline Jäckels: aber dadurch sich auch nicht gut öffentlich äußern kann. Das heißt,
Pauline Jäckels: man kriegt es nicht so stark mit.
Pauline Jäckels: Oder ich habe eben Akteure, die ganz stark in ihrer jeweiligen Nische versuchen,
Pauline Jäckels: ein Dissidentes Momentum, eine Organisationsfähigkeit aufrechtzuerhalten,
Pauline Jäckels: um eben bereit zu sein in so einem Moment der staatlichen Schwäche.
Pauline Jäckels: Aber es gibt jetzt nicht diese eine Bewegung, die gleichzeitig die Systemfrage
Pauline Jäckels: stellt und sich als Kontrast zur Pallavi-Bewegung aufbaut,
Pauline Jäckels: Das ist eben so eine auch sehr spezifische Situation der Pahlawi-Bewegung,
Pauline Jäckels: weil sie sich im Ausland vor allen Dingen organisieren,
Pauline Jäckels: weil sie eine starke Strahlkraft haben durch ihre Mediennetzwerke und weil sie
Pauline Jäckels: da auch eine sehr klar erkennbare Symbolik haben.
Pauline Jäckels: Also ich muss jetzt keine große Programmatik formulieren, um zu verstehen,
Pauline Jäckels: worum geht es da, sondern es reicht fast schon ein Foto von Pahlawi und ich weiß, worum es geht.
Tareq Sydiq: Was ich so ein bisschen überraschend fand in meiner Arbeit als Redakteurin bei der Taz,
Tareq Sydiq: war ich kürzlich mit einer Autorin in Kontakt und fragte sie,
Tareq Sydiq: ob sie zu diesem Thema schreiben kann,
Tareq Sydiq: also zu dieser inneriranischen Diskussion zwischen Monarchisten und demokratischen Kräften.
Tareq Sydiq: Und sie sagte mir, sie kann das leider nicht, weil sie so viele Morddrohungen
Tareq Sydiq: erhält aus diesem Lager der Pahlavi-Anhänger, dass sie sich einfach nicht mehr
Tareq Sydiq: traut zu sprechen. Das fand ich auch sehr bezeichnend.
Tareq Sydiq: Und sie sagte, sie erhält stellenweise mehr Morddrohungen aus diesem Lager,
Tareq Sydiq: wenn sie Kritik äußert als von Regime-Anhängern.
Pauline Jäckels: Ja, das klingt plausibel. Also solche Berichte kenne ich auch von anderen.
Pauline Jäckels: Das kann man gerade in sozialen Medien auch sehr stark erkennen, diese Dynamik.
Pauline Jäckels: Und das ist einfach ein Milieu, was sehr schnell mobilisierbar ist in öffentlichen Diskursen.
Pauline Jäckels: Und ja, wo auch es eine tatsächliche Gewalthistorie ja gibt.
Pauline Jäckels: Und das heißt, man weiß, dass es jetzt auch nicht,
Pauline Jäckels: dass da schon so ein bisschen was dahinter steht. Und gleichzeitig ist es eben
Pauline Jäckels: schon auch so, dass der iranische Staat muss sich ja nicht unbedingt mit Drohungen
Pauline Jäckels: aufhalten. Er kann die Gewalt ja einfach einsetzen.
Pauline Jäckels: Während beim Monarchisten, da steht eben kein Staat dahinter,
Pauline Jäckels: der diese Gewalt ausüben könnte.
Pauline Jäckels: Deswegen hat man das häufig eher als genau diese Drohungen oder auch dieses
Pauline Jäckels: Einschüchtern im öffentlichen Raum, was ja auch sozusagen auf einer Graswurzelebene stattfinden kann.
Tareq Sydiq: Und das hat natürlich trotzdem, auch wenn jetzt da keine bewaffnete Miliz dahinter
Tareq Sydiq: steht, hat das natürlich einen Effekt und ich habe mich dann gefragt, okay,
Tareq Sydiq: wie sehr verschiebt das den Diskurs und wie sehr macht es die Leute still oder
Tareq Sydiq: führt es zu Selbstzensur unter denen,
Tareq Sydiq: die eigentlich eben gegen diese Bewegungen sich aussprechen würden?
Pauline Jäckels: Das wird sicherlich eine Rolle spielen. Ich glaube, da gibt es aber auch ein
Pauline Jäckels: übergreifendes Problem öffentlicher Diskurse, weil jetzt nicht erst seit Social
Pauline Jäckels: Media, aber ich glaube, Social Media verschärft diesen Effekt nochmal,
Pauline Jäckels: man eher die schrillen Töne wahrnimmt.
Pauline Jäckels: Also je klarer meine Position ist, je zugespitzter sie ist, desto eher ist sie hörbar.
Pauline Jäckels: Sobald ich für eine Differenzierung und eine Nuanzierung werbe,
Pauline Jäckels: im besten Fall habe ich damit einfach weniger Reichweite.
Pauline Jäckels: Im schlimmsten Fall werde ich zur Angriffsfläche für die anderen Akteure,
Pauline Jäckels: für diejenigen, die eine sehr vereinfachte Vision haben und sie mir aufdrängen wollen.
Pauline Jäckels: Und ich glaube, dass auch viele innerhalb der iranischen Diaspora sich generell
Pauline Jäckels: im öffentlichen Diskurs zurückhalten,
Pauline Jäckels: auch aus Angst vor Repressionen im Iran, aus Angst um ihre Familie vor Ort,
Pauline Jäckels: aber auch, weil die öffentliche Debatte so zugespitzt ist, dass es das quasi nicht wert ist.
Pauline Jäckels: Man verscherzt es sich immer mit irgendwem, selbst wenn es keine Morddrohungen sind.
Pauline Jäckels: Man hat einfach plötzlich Streit, den man nicht braucht und nicht will.
Tareq Sydiq: Ist es dir denn möglich, das Kräfteverhältnis zwischen den Monarchie-Anhängern
Tareq Sydiq: oder Pahlavi-Anhängern und denen, die sowohl Regime als auch Monarchie ablehnen, einzuschätzen?
Pauline Jäckels: Nein. Also es gibt wenig verlässliche Untersuchungen und Umfragen und öffentlich
Pauline Jäckels: ist sowieso, glaube ich, keine davon verfügbar.
Pauline Jäckels: Also man kann nicht unabhängig Umfragen im Iran durchführen.
Pauline Jäckels: Ich denke, dass der Monarchismus als eine organisierte Bewegung im Iran sehr wenig existent ist.
Pauline Jäckels: Also zumindest war es nicht präsent, wenn dann ist es wirklich sehr clandestin.
Pauline Jäckels: Aber ich habe da jetzt wenig Anzeichen dafür gesehen, dass es eine organisierte
Pauline Jäckels: monarchistische Bewegung gibt.
Pauline Jäckels: Das heißt, meine Vermutung wäre eher, dass es so eine bestimmte Symbolik gibt,
Pauline Jäckels: dass eben auch bestimmte Slogans dann gerufen werden, wenn der Moment kommt.
Pauline Jäckels: Wenn das gerade alle anderen um mich herum machen, dann kann ich damit auch einstimmen.
Pauline Jäckels: Ich sehe aber jetzt wenig Anzeichen dafür, dass es eine tatsächliche soziale Basis hat.
Pauline Jäckels: Gleichzeitig eben genau mit dieser
Pauline Jäckels: Einschränkung, das beruft sich eben auf Gespräche oder Beobachtungen.
Pauline Jäckels: Es kann gut sein, dass man da sehr viel verpasst hat, dass es diese Bewegung
Pauline Jäckels: gibt, sie aber einfach nur nicht öffentlich auftritt.
Tareq Sydiq: Also aus dem Iran. Ich meine, hier im Exil tritt sie ja sehr öffentlich auf,
Tareq Sydiq: aber du meinst jetzt im Iran selbst.
Pauline Jäckels: Genau, ich spreche jetzt über den Iran selbst. Und da wäre ich ihm sehr vorsichtig
Pauline Jäckels: zu sagen, was das genaue Kräfteverhältnis ist.
Pauline Jäckels: Mein Eindruck war aber schon, dass der Monarchismus im Exil deutlich stärker
Pauline Jäckels: auftritt und organisiert ist als im Iran selbst.
Pauline Jäckels: Und im Iran selbst auch eigentlich selten wirklich eine Rolle für Debatten spielt.
Pauline Jäckels: Man hat es jetzt erst bei dieser Protestbewegung wirklich erlebt,
Pauline Jäckels: dass überhaupt darüber gesprochen wird, weil das eben als Slogan häufiger fiel im öffentlichen Raum.
Pauline Jäckels: Und ein Slogan im öffentlichen Raum ist
Pauline Jäckels: noch nicht dasselbe wie eine inhaltlich-programmatische Überschneidung.
Pauline Jäckels: Und es ist auch noch nicht dasselbe wie eine tatsächliche soziale Organisierung und Mobilisierung.
Pauline Jäckels: Und da wäre ich zurückhaltend zu sagen, dass alles davon zutrifft.
Tareq Sydiq: Welche Perspektive, wir haben ja schon vorhin darüber gesprochen,
Tareq Sydiq: welche Perspektive die Monarchistenbewegung in den Raum stellen, wenn es auch vage ist.
Tareq Sydiq: Welche Perspektive wünscht sich denn die demokratische Bewegung für die Zukunft des Landes?
Pauline Jäckels: Ich glaube, da gibt es nicht eine Antwort. Und gerade diejenigen,
Pauline Jäckels: die tatsächlich organisiert sind und
Pauline Jäckels: Bei aller Skepsis gegenüber dem System. Die Systemfrage ist sozusagen,
Pauline Jäckels: das ist so eine Alles-oder-Nichts-Frage.
Pauline Jäckels: Das heißt, es geht erstmal darum zu sagen, ich möchte, dass die Gewalt aufhört.
Pauline Jäckels: Oder ich möchte, dass die Hijab-Pflicht fällt.
Pauline Jäckels: Oder ich möchte, dass es ein Kurswechsel in der Wirtschaftspolitik ist.
Pauline Jäckels: Das sind erstmal so häufig so ganz konkrete politische Vorstellungen, Forderungen und Ziele.
Pauline Jäckels: Und wenn diese tatsächlich auch innerhalb dieses Systems durchgeführt werden
Pauline Jäckels: sollten, das würde jetzt nicht dafür sorgen, dass aus Regime Gegenden Regime
Pauline Jäckels: Anhänger werden, aber man wirbt dafür erstmal auf dieser Ebene.
Pauline Jäckels: Gleichzeitig gibt es natürlich auch Vorstellungen, dass es eine demokratische
Pauline Jäckels: Zukunft für Iran gibt, in der dieses System fällt,
Pauline Jäckels: in der vielleicht Teile des Systems überlaufen oder es eine Art Referendum gibt
Pauline Jäckels: über die Verfassung und dann auch eine tatsächliche demokratische Repräsentation
Pauline Jäckels: gibt, in der über all diese politischen Fragen auch verhandelt werden.
Pauline Jäckels: Aber viele der organisierten Kräfte sind gar nicht an diesem Punkt,
Pauline Jäckels: weil die Systemfrage sich so noch nicht stellt, solange das System eben noch nicht wangt.
Pauline Jäckels: Und es ist aber gleichzeitig anders bei denen, die nicht so organisiert sind,
Pauline Jäckels: die auch vollkommen zu Recht sagen, aber mit diesem System sind diese Veränderungen
Pauline Jäckels: ja scheinbar nicht möglich.
Pauline Jäckels: Das wurde uns immer wieder versprochen, das wurde immer wieder gesagt,
Pauline Jäckels: das kommt und es kommt einfach nicht. Und das heißt, all diese politischen Ziele
Pauline Jäckels: müssen letztlich angestellt werden hinter den Systemwechsel.
Pauline Jäckels: Erst wenn das System weg ist, kann man diese Themen angehen.
Pauline Jäckels: Und das ist so eine Prioritätensetzung, die sich vielleicht im akuten Moment
Pauline Jäckels: des Protestes gar nicht so unbedingt stellt, wo aber die Visionen auch so ein
Pauline Jäckels: bisschen sich unterscheiden, je nachdem, mit wem man spricht.
Tareq Sydiq: In der deutschen Debatte kursieren ja alle möglichen Forderungen an die deutsche
Tareq Sydiq: Bundesregierung, an Europa, an den Westen, in Anführungszeichen an Donald Trump als US-Präsidenten.
Tareq Sydiq: Die einen wünschen sich eine Militärintervention durch die USA,
Tareq Sydiq: andere fordern Sanktionen, zum Beispiel gegen die Revolutionsgarde.
Tareq Sydiq: Wie blickst du auf diese Forderungen? Kann das den Regime-Change bringen und
Tareq Sydiq: wenn ja, ist es der richtige Weg?
Pauline Jäckels: Ja, also Militärinterventionen können Regime-Change bringen,
Pauline Jäckels: aber wir haben das jetzt in verschiedenen Fällen gesehen, dass es nicht immer
Pauline Jäckels: der Outcome war, den sich die intervenierenden Mächte gewünscht hatten.
Pauline Jäckels: Also da muss man nicht weit blicken, Afghanistan oder die Opposition.
Pauline Jäckels: Also sowohl Afghanistan als auch Irak sind ja zwei Nachbarländer des Irans,
Pauline Jäckels: wo man das ganz gut nachverfolgen konnte.
Pauline Jäckels: Und das kommt auch auf die Art der Militärintervention an. Also wir hatten jetzt
Pauline Jäckels: zum Beispiel diese Bombenkampagnen,
Pauline Jäckels: Bombenschwächensysteme nur sehr begrenzt. Also im Zweifel stärken sie den Rückhalt des Systems.
Pauline Jäckels: Es gab auch verschiedene Erklärungen von Oppositionellen, die auch gesagt haben,
Pauline Jäckels: naja, also das wollen wir nicht, weil wer ist am Ende betroffen durch Bomben?
Pauline Jäckels: Große Anzahl von Zivilisten, die zu Kollateralschärden werden.
Pauline Jäckels: Also das ist einfach, das funktioniert da wenig.
Pauline Jäckels: Es gibt natürlich die Version mit Boots on the Ground, also eine komplette Invasion,
Pauline Jäckels: in der dann mühselig das System von innen heraus destabilisiert und zerstört wird.
Pauline Jäckels: Da gibt es, glaube ich, keine Kraft weltweit, die sich das gerade aufhalsen
Pauline Jäckels: würde. Das wollte Donald Trump nicht, das wollten die USA noch nie.
Pauline Jäckels: Der Iran hatte auch eine ganz andere Größenordnung als Afghanistan oder Irak.
Pauline Jäckels: Also das sehe ich einfach nicht kommen. Ich glaube auch nicht,
Pauline Jäckels: dass sie dazu unbedingt fähig wären.
Pauline Jäckels: Was Sanktionen angeht, stellt sich immer die Frage, was kann man noch sanktionieren?
Pauline Jäckels: Es gibt jetzt das Beispiel der Revolutionsgarden, die sind von verschiedenen
Pauline Jäckels: Sanktionen betroffen, da geht es dann um diese Erklärung als Terrorgruppe,
Pauline Jäckels: also die Terrorlistung der Revolutionsgarden.
Pauline Jäckels: Da spielen verschiedene Überlegungen nochmal eine Rolle, also entwertet man
Pauline Jäckels: dadurch vielleicht die Terrorliste, wenn man auch staatliche Akteure mit auffasst,
Pauline Jäckels: quasi staatliche Akteure,
Pauline Jäckels: wie effektiv ist überhaupt diese Terrorlistung, bringt sie zusätzlichen Druck
Pauline Jäckels: auf die Revolutionsgardisten, der nicht eh schon durch Sanktionen abgedeckt ist.
Pauline Jäckels: Also das sind zum Beispiel so Fragen, wo ich ein bisschen skeptisch bin,
Pauline Jäckels: dass das jetzt so die eine Maßnahme ist, die wirklich etwas bewirken würde.
Pauline Jäckels: Und man hat ja bei Sanktionen auch immer wieder gesehen, dass sie gar nicht so viel bewirken.
Pauline Jäckels: Es gibt eine Sanktionsforschung, die jetzt mal ganz, ganz grob zusammenfasst
Pauline Jäckels: sagt, Sanktionen als außenpolitisches Mittel ist sowieso immer ein bisschen schwierig.
Pauline Jäckels: Wenn Sanktionen als außenpolitisches Mittel etwas bringen sollen,
Pauline Jäckels: dann müssen sie eigentlich so zwei Qualitäten erfüllen.
Pauline Jäckels: Sie müssen ganz klaren Anlass und Ziel verfolgen.
Pauline Jäckels: Also schlecht ist immer sowas wie, wir mögen diesen Staat nicht.
Pauline Jäckels: Kuba, Nordkorea, auch Iran, also wenn es um die Systemfrage geht,
Pauline Jäckels: ja wie soll denn die andere Seite einlenken?
Pauline Jäckels: Also Sanktionen sind immer dazu da, dass ein staatlicher Akteur sein Verhalten
Pauline Jäckels: verändert und da bringen diese Art von Sanktionen wenig, sondern besser ist
Pauline Jäckels: es, wenn ich auf etwas ganz Konkretes hinweise.
Pauline Jäckels: Das Atomprogramm zum Beispiel sage, ja, wir wollen, dass das hier in einen Deal
Pauline Jäckels: mündet und dann führen wir konkret Sanktionen dazu ein und haben also neben
Pauline Jäckels: der Peitsche und auch das Zuckerbrot, dass die Sanktionen dann irgendwann aufgehoben werden können.
Pauline Jäckels: Und das zweite ist eben, dass die Sanktionen eine klare Temporalität haben.
Pauline Jäckels: Also ich muss auch anbieten, dass sie wieder aufgehoben werden,
Pauline Jäckels: wenn meine Forderungen erfüllt sind.
Pauline Jäckels: Und im Iran findet beides im Endeffekt nicht statt, sondern wir haben Sanktionen,
Pauline Jäckels: die meistens sehr breit sind, die sehr dauerhaft sind, die sich quasi nicht
Pauline Jäckels: wieder aufheben lassen.
Pauline Jäckels: Und es gab selbst bei diesen temporär beschränkten Sanktionen mit dem uranischen
Pauline Jäckels: Nuklearprogramm die ganz klare Erfahrung auf iranischer Seite,
Pauline Jäckels: dass sie eben nicht wieder aufgehoben werden, sondern zurückkommen.
Pauline Jäckels: Da muss nur eine Wahl verloren gehen und dann ist das komplett vom Tisch.
Pauline Jäckels: Das heißt auch, das Vertrauen iranischer Akteure, dass Sanktionen hier temporär
Pauline Jäckels: sind, ist relativ gering und verhindert auch, dass sie dann darauf reagieren.
Tareq Sydiq: Und du hast es ja vorhin schon zu Anfang unseres Gesprächs genannt,
Tareq Sydiq: dass das iranische Regime sich einfach aufgrund der Dauer der Sanktionierung
Tareq Sydiq: komplett darin eingerichtet hat,
Tareq Sydiq: auch mit den Sanktionen zu funktionieren.
Pauline Jäckels: Ja, Sanktionen sind am effektivsten in den ersten Jahren und dann lassen sie langsam nach.
Tareq Sydiq: Aus deiner Perspektive als Protestforscher, was müsste denn passieren,
Tareq Sydiq: damit wirklich eine erfolgreiche Revolution im Iran passiert und erfolgt?
Pauline Jäckels: Ja, ich glaube, es gibt erstmal so zwei Hauptfragen dafür.
Pauline Jäckels: Die eine ist, wie breit schaffen es die Protestierenden zu mobilisieren.
Pauline Jäckels: Ich würde immer über Protest als einen Stresstest, als eine Risikosituation
Pauline Jäckels: für den Staat nachdenken.
Pauline Jäckels: Und man spricht zum Beispiel auch von der revolutionären Episode oder der revolutionären Situation.
Pauline Jäckels: Und damit diese entsteht, braucht es erstmal eine Mobilisierung,
Pauline Jäckels: es braucht einen Anlass.
Pauline Jäckels: Und Menschen stellen überhaupt erstmal grundsätzliche Fragen.
Pauline Jäckels: Und nicht aus jeder revolutionären Situation wird auch eine Revolution.
Pauline Jäckels: Sondern man hat ganz viele revolutionäre Situationen, die scheitern.
Pauline Jäckels: Manchmal sind sie dann aber trotzdem erfolgreich. Und je häufiger sich die Situationen
Pauline Jäckels: wiederholen, desto eher ist natürlich die Wahrscheinlichkeit da,
Pauline Jäckels: dass ich irgendwann mal auch Erfolg haben werde.
Pauline Jäckels: Und damit aber dieser zweite Teil dazu kommt, muss der Staat sich in seiner
Pauline Jäckels: Antwort verkalkulieren. Der Staat muss Fehler machen.
Pauline Jäckels: Also Fehler können eben darin aussehen, dass er das Ausmaß seiner Repressionen falsch einschätzt,
Pauline Jäckels: also entweder zu wenig Repressionen einsetzt und plötzlich der Menschenmenge
Pauline Jäckels: nicht mehr Herr wird, zu viel Repressionen einsetzt und dabei eine Gegenreaktion provoziert,
Pauline Jäckels: also auch Folgeproteste inspiriert, eine Radikalisierung der Opposition vorantreibt.
Pauline Jäckels: Es geht auch darum, kann der Staat seine Leute beisammenhalten?
Pauline Jäckels: Weil auch sehr stark zentralisiert organisierte Systeme sind anfällig dafür,
Pauline Jäckels: dass es Absetzbewegungen gibt, dass Teile des Sicherheitsapparates sagen, ich schieße nicht mehr.
Pauline Jäckels: In Syrien hatte man das ja erlebt, dass sie die Seiten gewechselt haben und
Pauline Jäckels: es zum Bürgerkrieg gekommen ist.
Pauline Jäckels: In vielen anderen Staaten konnte man sehen, dass auch Teile der Eliten die Seiten
Pauline Jäckels: wechseln und sagen, wir organisieren jetzt einen Machtübergang,
Pauline Jäckels: weil so in diesem Zustand wollen wir das nicht.
Pauline Jäckels: In dieser Anarchie, die jetzt hier gerade entsteht, weil unser Machthaber nicht
Pauline Jäckels: nachgeben möchte, so wollen wir das nicht dauerhaft haben, sondern wir wollen
Pauline Jäckels: einen geordneten Übergang anleiten und dafür wechseln wir jetzt die Seiten.
Pauline Jäckels: Und das sind so diese Brüche im System, die braucht es ein Stück weit schon,
Pauline Jäckels: aber beides muss letztlich zusammenkommen.
Pauline Jäckels: Also es braucht Protestierende, die überhaupt dieses Fenster eröffnen und dann
Pauline Jäckels: braucht es eben auch eine staatliche Antwort, die Fehler macht und dessen nicht mehr Herr wird.
Tareq Sydiq: Siehst du denn die Möglichkeit momentan oder kannst du es überhaupt abschätzen,
Tareq Sydiq: ob es wahrscheinlich ist, dass das Regime jetzt tatsächlich fällt,
Tareq Sydiq: also dass diese Akkumulation von revolutionären Momenten so stark ist,
Tareq Sydiq: dass es jetzt tatsächlich einen Regimewechsel geben könnte?
Pauline Jäckels: Also ich glaube, dass von Seiten der Protestierenden sozusagen ihr Teil hat stattgefunden.
Pauline Jäckels: Die Frage ist für mich eher, ob ich Zerfallserscheinungen des Staates beobachten
Pauline Jäckels: kann. Und die kann ich aktuell nicht beobachten.
Pauline Jäckels: Also man hat keine großflächigen Befehlsverweigerungen, Desertionen,
Pauline Jäckels: Absetzbewegungen innerhalb des Machtapparates.
Pauline Jäckels: Man hat vielmehr Anfang des Jahres gesehen, dass der Staat in der Lage und Willens
Pauline Jäckels: ist, zu massiven Repressionen zu greifen.
Pauline Jäckels: Das heißt, dieser Sicherheitsapparat ist weiterhin funktional und da wäre ich
Pauline Jäckels: aktuell sehr zurückhaltend, was diese Möglichkeit angeht.
Pauline Jäckels: Das heißt nicht, dass es nicht bei der nächsten Protestwelle anders aussehen
Pauline Jäckels: könnte, aber aktuell würde ich damit jetzt nicht rechnen.
Tareq Sydiq: Als allerletzte Frage, auch wenn ich sehr gerne noch lange mit dir weitersprechen
Tareq Sydiq: würde, weil das so interessant ist.
Tareq Sydiq: Und was könnten denn linke Kräfte in Deutschland und in Europa tun oder fordern,
Tareq Sydiq: um demokratische linke Kräfte im Iran zu unterstützen?
Tareq Sydiq: Können sie überhaupt irgendwas tun?
Pauline Jäckels: Ja, ich glaube, es gibt zwei Ebenen. Also auf einer gesellschaftlichen Ebene
Pauline Jäckels: geht es viel darum, wie kann man diese Kräfte stärken.
Pauline Jäckels: Da gibt es zum Beispiel schon Kooperationen zwischen Gewerkschaftern.
Pauline Jäckels: Man kann versuchen, ihnen dabei zu helfen, ihre Strukturen aufrecht zu erhalten.
Pauline Jäckels: Da geht es um das Zurverfügungstellen von Kommunikationstechnologien.
Pauline Jäckels: Also Snowflake ist ja jetzt eine Sache, diese Erweiterung, mit der man
Pauline Jäckels: das Umgehen von Internetzensur begünstigen kann. Das ist ja schon relativ populär.
Pauline Jäckels: Aber es gibt natürlich auch darüber hinausgehende Möglichkeiten.
Pauline Jäckels: Also auch wenn jetzt Starlink-Terminals zur Verfügung gestellt werden,
Pauline Jäckels: irgendwer muss das ja bezahlen und transportieren.
Pauline Jäckels: Es geht darum, Informationen aus dem Land zu bekommen oder Informationen in
Pauline Jäckels: das Land hineinzubekommen.
Pauline Jäckels: Es geht auch um Geld, wenn auch wieder jemand aus dem Land geschafft werden
Pauline Jäckels: muss, weil diese Oppositionellen gerade akut vom Tod bedroht sind,
Pauline Jäckels: dann müssen sie ja irgendwo aufgenommen werden, irgendwo ankommen.
Pauline Jäckels: Und da gibt es also verschiedene Möglichkeiten der Solidarität,
Pauline Jäckels: der grenzübergreifenden Solidarität.
Pauline Jäckels: Ich glaube, was nochmal dazu kommt, ist, was, also das war die gesellschaftliche
Pauline Jäckels: Antwort, aber was man politisch tun kann.
Pauline Jäckels: Und politisch, mich irritiert auch immer ein bisschen, wenn diese Debatte sich
Pauline Jäckels: zu sehr an Militärschlägen und Sanktionen entlang orientiert.
Pauline Jäckels: Weil ich glaube, es gibt vieles, was politisch getan werden kann,
Pauline Jäckels: zum Beispiel die Frage nach politischem Asyl.
Pauline Jäckels: Oppositionelle können besser oppositionell agieren, wenn sie am Leben sind.
Pauline Jäckels: Und da hilft es, wenn sie sichere Fluchtwege haben, wenn sie auch in der Flucht leben.
Pauline Jäckels: Also auch wenn sie dann im Exil sind, Möglichkeit haben, sich zu betätigen.
Pauline Jäckels: Also es geht nicht nur darum, dass sie es rausschaffen, sondern auch unter welchen
Pauline Jäckels: Bedingungen schaffen sie es raus.
Pauline Jäckels: Sind sie dann stets von der Abschiebung bedroht?
Pauline Jäckels: Müssen sie Angst davor haben, wenn sie sich jetzt politisch betätigen im Ausland,
Pauline Jäckels: dass dann irgendein Amt sie wieder zurückschickt in den Iran und sie dann dort
Pauline Jäckels: vor ein Revolutionsgericht gestellt werden? oder haben sie eine sichere Situation,
Pauline Jäckels: aus der heraus sie operieren können?
Pauline Jäckels: Das geht um Fragen des freien Internets.
Pauline Jäckels: Gibt es eine Möglichkeit zu kommunizieren?
Pauline Jäckels: Treibt die EU zum Beispiel auch Strukturen voran, die einen freien und sicheren
Pauline Jäckels: Informationsaustausch ermöglichen?
Pauline Jäckels: Gibt es eine Presse, die man unterstützen kann?
Pauline Jäckels: Auch eine international agierende Presse, unabhängige Journalisten,
Pauline Jäckels: die aus dem Ausland heraus operieren? Denn Menschenrechtsorganisationen,
Pauline Jäckels: fast alle großen Menschenrechtsorganisationen haben entweder Kooperationen im
Pauline Jäckels: Ausland oder operieren aus dem Ausland heraus.
Pauline Jäckels: Und die brauchen eben eine politische Unterstützung, sie brauchen Geld,
Pauline Jäckels: sie brauchen Aufmerksamkeit.
Pauline Jäckels: Und da kann man sehr viel tun und auch beitragen.
Tareq Sydiq: Vielen Dank für deine sehr kenntnisreichen und differenzierten Einschätzungen.
Tareq Sydiq: Mir persönlich hat es total geholfen, auch nochmal mir ein besseres Bild zu
Tareq Sydiq: machen von der Situation und auch vor allem über diese viel diskutierte Frage,
Tareq Sydiq: ob und in welchen Umständen dieses Regime fallen kann. Danke, dass du da warst.
Pauline Jäckels: Ja, danke dir für das Gespräch.
Tareq Sydiq: Und natürlich vielen Dank an alle Zuhörer und Zuhörerinnen.
Tareq Sydiq: Danke, dass ihr uns unterstützt. Wenn ihr Feedback und Fragen habt,
Tareq Sydiq: dann könnt ihr die an uns senden. Die Adresse findet ihr in den Shownotes.
Pauline Jäckels: This world Going up in flames And nobody Want to take the blame
Neuer Kommentar