Wer könnte Netanjahu Einhalt gebieten, Muriel Asseburg?
Shownotes
Trotz zunehmendem Druck von Innen und Außen gibt es keine Anzeichen dafür, dass die Israelische Regierung ihre genozidale Kriegsführung im Gazastreifen beenden möchte. Ganz im Gegenteil: Der israelische Ministerpräsident Benjamin Netanyahu wird für die Zwangsvertreibung der palästinensischen Bevölkerung international scharf kritisiert. Vorschläge für Waffenstillstandsverhandlungen mit der Hamas wurden bisher von israelischer Seite abgelehnt. In der dritten Folge unseres Podcasts “Weltunordnung” spricht Pauline Jäckels mit der Nahostexpertin Muriel Asseburg, über Netanjahus Pläne nach dem Hamas-Massaker vom 7. Oktober? Was treibt ihn an, den Krieg weiterzuführen und wer könnte ihm und seiner Regierung Einhalt gebieten? Welche Rolle können Deutschland und die EU dabei spielen, Israel zu einem Ende seiner Besatzungspolitik und Vertreibungspläne zu bringen? Und aus welchen Gründen hat Deutschland das israelische Vorgehen bislang unterstützt?
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Shownotes:
Muriel Asseburg (2025): Der 7. Oktober und der Krieg in Gaza – Hintergrund, Eskalation, Folgen. C.H. Beck
Muriel Asseburg und Jan Busse (2016): Der Nahostkonflikt: Geschichte, Positionen, Perspektiven. C.H. Beck
Dossier zum Krieg in Israel und Palästina “Gegen die Logik der Gewalt”
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Pauline Jäckels: Der Druck auf Israel steigt. Immer mehr Stimmen innerhalb und außerhalb des
Pauline Jäckels: Landes fordern inzwischen ein Ende der genozidalen Kriegsführung im Gazastreifen.
Pauline Jäckels: Auf der internationalen Bühne steht Israel zunehmend isolierter.
Pauline Jäckels: Und trotzdem ist ein Ende des Krieges bisher überhaupt nicht in Sicht.
Pauline Jäckels: Benjamin Netanyahu plant weiterhin, das gesamte Gebiet militärisch zu besetzen
Pauline Jäckels: und hält fest an dem Vorhaben, die palästinensische Bevölkerung zu vertreiben.
Pauline Jäckels: Hallo, ich bin Pauline Jekkels, Tatsredakteurin und freie Journalistin.
Pauline Jäckels: Und ich frage mich inzwischen schon wirklich sehr lange, was war eigentlich
Pauline Jäckels: Netanyahus Kalkül nach der Hamas-Attacke vom 7. Oktober?
Pauline Jäckels: Und wer könnte ihm jetzt noch Einhalt gebieten?
Pauline Jäckels: Warum hat Deutschland das israelische Vorgehen so lange unterstützt?
Pauline Jäckels: Warum tut die Bundesregierung immer noch nicht alles in ihrer Macht stehende
Pauline Jäckels: um Israel zu einem Kurswechsel in Gaza und der Westbank zu bewegen,
Pauline Jäckels: obwohl auch die Mehrheit der
Pauline Jäckels: Bevölkerung in Deutschland die Unterstützung Israels nicht befürwortet.
Pauline Jäckels: Welche Interessen stecken dahinter?
Pauline Jäckels: Und was können Deutschland und die EU jetzt noch tun, um zu einem Ende von Krieg,
Pauline Jäckels: Besatzung und Vertreibungsplänen beizutragen?
Pauline Jäckels: Über all diese Fragen spreche ich in der dritten Folge unseres Podcasts mit Muriel Asseburg.
Pauline Jäckels: Muriel ist eine der bekanntesten deutschen Expertinnen für Israel und Palästina.
Pauline Jäckels: Sie hat bereits in Damaskus, Beirut, Jerusalem und Ramallah gelebt.
Pauline Jäckels: Seit 2001 arbeitet sie bei der Stiftung Wissenschaft und Politik.
Pauline Jäckels: Ihr jüngstes Buch, der 7. Oktober und der Krieg in Gaza, ist dieses Jahr bei CH Beck erschienen.
Pauline Jäckels: Sehr empfehlen kann ich auch ein anderes Buch von ihr, das sie gemeinsam mit
Pauline Jäckels: Jan Busse geschrieben hat.
Pauline Jäckels: Der Nahostkonflikt, Geschichte, Positionen und Perspektiven.
Pauline Jäckels: Auf wenigen Seiten erklären die beiden Autoren darin die Hintergründe des jahrzehnteandauenden
Pauline Jäckels: asymmetrischen Konflikts verständlich, nüchtern und kritisch.
Music:
Pauline Jäckels: Hallo Muriel, schön, dass du da bist und mit uns sprichst über Gaza,
Pauline Jäckels: über die Westbank und Israel und natürlich auch die deutsche Rolle in dem Ganzen.
Pauline Jäckels: Bevor wir ins Thema richtig einsteigen, du bist Senior Fellow bei der Stiftung
Pauline Jäckels: Wissenschaft und Politik.
Pauline Jäckels: Was genau machst du eigentlich dort?
Muriel Asseburg: Wir machen an der Stiftung Wissenschaft und Politik Forschung zu aktuellen politischen
Muriel Asseburg: Themen und auf Basis dieser Forschung Politikberatung in erster Linie für alle
Muriel Asseburg: Parteien im Bundestag, aber auch für die Bundesregierung.
Muriel Asseburg: Ich beschäftige mich vor allem mit dem Nahen Osten, also Israel und den Nachbarstaaten,
Muriel Asseburg: habe sehr viel gearbeitet zum israelisch-palästinensischen Konflikt,
Muriel Asseburg: zum israelisch-arabischen Konflikt,
Muriel Asseburg: beschäftige mich auch intensiv jetzt mit dem Übergangsprozess in Syrien und
Muriel Asseburg: natürlich in diesem Zusammenhang auch mit deutscher, mit europäischer,
Muriel Asseburg: mit amerikanischer, mit internationaler Politik gegenüber der Region.
Muriel Asseburg: Außerdem bin ich gerade auch noch beschäftigt mit einem Thema Autokratisierung
Muriel Asseburg: als globaler Trend und was das für Deutschland und die Europäer bedeutet.
Pauline Jäckels: Die Stiftung ist ja von der Bundesregierung finanziert.
Pauline Jäckels: Schränkt das denn deine Arbeit in irgendeiner Weise ein, beziehungsweise das,
Pauline Jäckels: was du öffentlich sagen kannst?
Muriel Asseburg: Also wir sind aus dem Bundeshaushalt finanziert und in der Tat da unter dem Etat des Kanzleramts.
Muriel Asseburg: Aber letztlich entscheidet natürlich das Parlament über unsere Finanzierung.
Muriel Asseburg: Die Aufgabe der SWP ist, die Bundesregierung und das Parlament zu beraten.
Muriel Asseburg: Und wenn man so will, bedeutet das eine Einschränkung, weil man schlecht Leute
Muriel Asseburg: beraten kann, die man vorher lautstark in den Medien kritisiert hat.
Muriel Asseburg: Das heißt, es braucht dafür ein Vertrauensverhältnis und es braucht dafür auch
Muriel Asseburg: die Bereitschaft derjenigen, die beraten werden sollen, zuzuhören.
Muriel Asseburg: Und da gibt es dann schon ein Spannungsverhältnis zwischen ich sage alles, was ich denke,
Muriel Asseburg: ich bin meinungsstark und da sehr in den Medien vertreten und ich bemühe mich
Muriel Asseburg: eben um dieses Vertrauensverhältnis und behandle auch Informationen,
Muriel Asseburg: die ich bekomme, vertrauensvoll.
Muriel Asseburg: Also ich werde dadurch nicht zur Regierungssprecherin und ich kann durchaus
Muriel Asseburg: auch Politik kritisch begleiten.
Pauline Jäckels: Vielleicht räumen wir direkt den Elefanten im Raum aus dem Weg.
Pauline Jäckels: Es sagen zahlreiche renommierte Genozid-ForscherInnen, internationale Institutionen,
Pauline Jäckels: NGOs, dass das, was dort in Gaza passiert, ein Genozid ist.
Pauline Jäckels: Zu nennen wäre da zum Beispiel Omar Bartow und Ras Segal,
Pauline Jäckels: zwei israelische Holocaust- und Genozid-Forscher, aber auch Amnesty International,
Pauline Jäckels: Beth Selem, eine israelische NGO und auch die UN hat schon gesagt, es ist ein Genozid.
Pauline Jäckels: Wichtig ist dabei auch zu betonen, Palästinenser und PalästinenserInnen sagen
Pauline Jäckels: das schon sehr, sehr lange.
Pauline Jäckels: Also die sagen im Prinzip von Anfang an, was hier passiert, was uns geschieht, ist ein Genozid.
Pauline Jäckels: Auf der anderen Seite gibt es allerdings immer noch Völkerrechtler,
Pauline Jäckels: die sagen, sie können nicht sicher feststellen, dass das, was dort passiert
Pauline Jäckels: ist, ein Völkermord ist.
Pauline Jäckels: Zum Beispiel Stefan Thalmon, der Direktor des Instituts für Völkerrecht der
Pauline Jäckels: Universität Bonn. Und dass die Frage gerichtlich noch nicht geklärt ist, ist ja klar.
Pauline Jäckels: Bis der internationale Gerichtshof final entscheidet, ob Israel einen Genozid
Pauline Jäckels: begeht, müssen wir wohl noch ein paar Jahre warten.
Pauline Jäckels: Trotzdem möchte ich dich fragen, würdest du das Vorgehen Israels als genozidal
Pauline Jäckels: einschätzen? Und warum ist diese Frage so relevant?
Muriel Asseburg: Vielleicht ist es hilfreich, noch mal kurz zu erklären, was ist denn ein Genozid?
Muriel Asseburg: Wenn wir Völkermord als rechtlichen Tatbestand uns anschauen,
Muriel Asseburg: dann gibt es da drei Elemente, die wichtig sind und die vorliegen müssen,
Muriel Asseburg: damit man Taten als Völkermord eingruppieren, klassifizieren kann.
Muriel Asseburg: Das Erste ist, dass es eine nationale, ethnische, rassische oder religiöse Gruppe
Muriel Asseburg: gibt, die unter der Genozidkonvention geschützt ist.
Muriel Asseburg: Das zweite ist, dass bestimmte Tatbestände vorliegen,
Muriel Asseburg: zum Beispiel das Töten von Personen, das Zufügen von schweren körperlichen oder
Muriel Asseburg: seelischen Schaden oder das Auferlegen von Lebensumständen, die zur Zerstörung führen.
Muriel Asseburg: Und diese Tatbestände müssen, und das ist das dritte Element,
Muriel Asseburg: erfolgen mit der Absicht, die Gruppe ganz oder teilweise auszulöschen.
Muriel Asseburg: Der IGH hat jetzt schon im Rahmen des Völkermordverfahrens, das Südafrika angestrengt
Muriel Asseburg: hat, etabliert, dass die Palästinenser
Muriel Asseburg: in Gaza als geschützte Gruppe im Sinne der Konvention gelten.
Muriel Asseburg: Darüber hinaus denke ich, dass sehr klare Hinweise vorliegen,
Muriel Asseburg: dass die Tatbestände, die genannt werden in der Konvention, zum Teil erfüllt sind.
Muriel Asseburg: Durch die hohe Zahl angetöteten Zivilpersonen,
Muriel Asseburg: durch die Politik des Aushungerns, also des Einsetzens von Hunger als Kriegswaffe,
Muriel Asseburg: durch die Vertreibung, die im Gazastreifen stattfindet und durch die Zerstörung
Muriel Asseburg: der Lebensgrundlagen im Gazastreifen.
Muriel Asseburg: Gleichzeitig wird die Absicht der Vertreibung sehr klar.
Muriel Asseburg: Ich denke, sie ist insbesondere seit diesem Frühjahr sehr deutlich geworden,
Muriel Asseburg: seit der US-Präsident diese Idee von der Gaza-Riviera und der sogenannten freiwilligen
Muriel Asseburg: Auswanderung geäußert hat und die israelische Regierung,
Muriel Asseburg: der Premierminister das als einzig gangbare Option bezeichnet hat Und dann die
Muriel Asseburg: Militäroperationen, die seither eingeleitet worden sind,
Muriel Asseburg: eben sehr klar darauf ausgerichtet sind, die Palästinenserinnen und Palästinenser
Muriel Asseburg: im Gazastreifen in immer kleineren Enklaven im Gazastreifen zu konzentrieren
Muriel Asseburg: und letztlich eben zu einer sogenannten freiwilligen Auswanderung zu bewegen.
Muriel Asseburg: Wir sehen auch, dass es fortgesetzte Äußerungen gibt, die auf Zerstörung der
Muriel Asseburg: Palästinenser, der Lebensgrundlagen im Gazastreifen abzielen.
Muriel Asseburg: Es gibt keine Ahndung solcher Äußerungen in Israel.
Muriel Asseburg: Das heißt, es spricht sehr viel dafür, dass diese Absicht auch besteht.
Muriel Asseburg: Letztlich, und das ist etwas, was letztlich der IGH dann bewerten muss,
Muriel Asseburg: ist die Frage, ist diese Zerstörungsabsicht so eindeutig, dass man das rechtlich
Muriel Asseburg: als Völkermord einordnen wird?
Muriel Asseburg: Ist die Absicht die einzig vernünftige Schlussfolgerung, die gezogen werden kann?
Muriel Asseburg: Oder gibt es auch andere Kriegsziele, die Israels Vorgehen rechtfertigen können?
Muriel Asseburg: Also es kann ja auch sein, dass es eben im Wesentlichen um Vergeltung geht,
Muriel Asseburg: dass es um Umsiedlung geht, um Hunger als Waffe.
Muriel Asseburg: Das sind dann Kriegsverbrechen, aber es ist dann eben nicht zwingend Völkermord.
Muriel Asseburg: Und das wird der IGH letztlich entscheiden müssen.
Pauline Jäckels: Das ist quasi das, was diejenigen, die sich noch dagegenstellen,
Pauline Jäckels: das als Genozid zu bedennen, argumentieren.
Pauline Jäckels: Dass auch möglich ist, dass eigentlich hier ein anderes Ziel verfolgt wird als ein Genozid.
Muriel Asseburg: Genau, auch die stellen nicht in Frage, dass die Kriegsführung unverhältnismäßig
Muriel Asseburg: ist, dass sie brutal ist.
Muriel Asseburg: Aber sie sagen, es muss nicht zwingend eine konkrete Absicht des Staates Israel
Muriel Asseburg: und seiner Vertreter geben, die Palästinenserinnen und Palästinenser als Gruppe auszulöschen.
Pauline Jäckels: Und warum ist es so relevant? Es wird ja total viel debattiert.
Pauline Jäckels: Es gibt Leute, die sich extrem dagegen sträuben, auch mit dem Argument,
Pauline Jäckels: wir Deutschen können Israel keinen Genozid vorwerfen, das ist ein Tabu.
Pauline Jäckels: Warum ist es so relevant, ob es jetzt ein Genozid ist oder ob man einfach sagt,
Pauline Jäckels: da passieren täglich Kriegsverbrechen, das muss aufhören?
Muriel Asseburg: Ich glaube, es gibt drei Punkte, die das relevant machen.
Muriel Asseburg: Der erste ist, Völkermord gilt als das herausgehobene Verbrechen,
Muriel Asseburg: das Verbrechen der Verbrechen.
Muriel Asseburg: Das heißt, es hat einen sehr hohen symbolischen Stellenwert,
Muriel Asseburg: wenn man sagt, hier findet ein Völkermord statt.
Muriel Asseburg: Das Zweite ist, dass Völkermord der einzige Aufhänger ist für ein Verfahren
Muriel Asseburg: über eine Staatenverantwortlichkeit vor dem Internationalen Gerichtshof gegen Israel,
Muriel Asseburg: weil Israel die Jurisdiktion des IGH im Allgemeinen nicht anerkannt hat,
Muriel Asseburg: aber die spezielle Jurisdiktion unter der Völkermordkonvention aus historischen Gründen.
Muriel Asseburg: Und das heißt, das ist die einzige Möglichkeit, den Staat Israel hier international
Muriel Asseburg: zur Verantwortung zu ziehen, nicht gleichzusetzen mit den Verfahren gegen Einzelpersonen
Muriel Asseburg: vor dem internationalen Strafgerichtshof.
Muriel Asseburg: Und der dritte Punkt ist, dass das Verfahren eben für Deutschland besondere
Muriel Asseburg: Bedeutung hat, nämlich wenn etabliert wird durch den IGH,
Muriel Asseburg: dass es einen Völkermord gibt, dass im Gazestreifen ein Völkermord stattfindet,
Muriel Asseburg: dann wird auch das zweite Verfahren, das Nicaragua gegen Deutschland angestellt
Muriel Asseburg: hat, wegen Beihilfe zum Völkermord relevant.
Music:
Pauline Jäckels: Vielleicht müssen wir jetzt nochmal einen kleinen Schritt zurückgehen,
Pauline Jäckels: bevor wir das jetzt und das danach in Gaza und natürlich auch ein bisschen in
Pauline Jäckels: der Westbank besprechen.
Pauline Jäckels: Am 7. Oktober hat die Hamas 1139 israelische Menschen getötet,
Pauline Jäckels: darunter rund 800 ZivilistInnen und 300 SoldatInnen.
Pauline Jäckels: 250 Geiseln wurden in den Gazastreifen verschleppt. Lange war es in Deutschland
Pauline Jäckels: quasi tabu, über den Kontext des 7.
Pauline Jäckels: Oktobers zu sprechen, weil man gesagt hat, das würde rechtfertigen,
Pauline Jäckels: was am 7. Oktober passiert ist.
Pauline Jäckels: Und gleichzeitig ist es natürlich unabdingbar, das zu tun, um zu verstehen,
Pauline Jäckels: dass der Hammersangriff nicht einfach in einem historischen Vakuum entstanden ist.
Pauline Jäckels: Und auch zu verstehen, warum es zu dieser Attacke gekommen ist.
Pauline Jäckels: Wie konnte es denn der Hamas gelingen, einen so enorm militärisch überlegenen Staat anzugreifen?
Pauline Jäckels: Und aus welchem Kalkül ist die Hamas diesen Schritt gegangen,
Pauline Jäckels: obwohl sie ja einen massiven Vergeltungsschlag israelt, der auch das Töten von
Pauline Jäckels: zehntausenden Zivilisten bedeuten würde?
Pauline Jäckels: Warum ist die Hamas diesen Schritt gegangen?
Muriel Asseburg: Warum war das möglich? weil Israel tatsächlich, obwohl es immer wieder Warnungen
Muriel Asseburg: vor einem möglichen Angriff der Hamas gegeben hatte, darauf nicht vorbereitet war.
Muriel Asseburg: Weil aufgrund des Feiertages es nur eine Minimalbesetzung auf den israelischen Militärposten gab,
Muriel Asseburg: weil die Armee ganz viele Truppen ins Westjordanland verlegt hatte,
Muriel Asseburg: sodass insbesondere am Gaza-Streifen im Gaza-Envelope eine sehr geringe Armeepräsenz tatsächlich war.
Muriel Asseburg: Und das hatte damit zu tun, dass die Regierung und die Armee auch davon ausgegangen ist,
Muriel Asseburg: dass Hamas tatsächlich abgeschreckt ist, dass sie keine Angriffe planen würde,
Muriel Asseburg: dass sie mit dem impliziten Abkommen, was man seit 2021 hatte, zufrieden wäre,
Muriel Asseburg: Also, dass sie von Zahlungen aus Katar profitieren würde und dafür verzichten
Muriel Asseburg: würde, Gewalt gegen Israel einzusetzen.
Muriel Asseburg: Und das hatte man zum Beispiel 2022 gesehen bei militärischen Auseinandersetzungen
Muriel Asseburg: zwischen Israel und bewaffneten Gruppierungen im Gazastreifen,
Muriel Asseburg: dass die Hamas sich tatsächlich nicht beteiligt hat.
Muriel Asseburg: Und das hat eben diese Idee vermittelt in Israel.
Muriel Asseburg: Die Hamas ist mit der Situation, wie sie jetzt ist, zufrieden.
Muriel Asseburg: Und man hat sich außerdem darauf verlassen, dass die ganzen elektronischen Sicherungen,
Muriel Asseburg: die Untergrundanlagen, die es gibt, um den Gazastreifen abzuregeln,
Muriel Asseburg: dass die effektiv wären auch.
Muriel Asseburg: Das war eine Fehleinschätzung von israelischer Seite.
Muriel Asseburg: Die Hamas wiederum ist sich natürlich
Muriel Asseburg: bewusst gewesen, dass sie von ihrer Feuerkraft weit unterlegen ist.
Muriel Asseburg: Israel hat aber darauf gesetzt, dass sie mit einem sehr detailliert geplanten
Muriel Asseburg: Vorgehen, mit einem brutalen Vorgehen so eine Art shock and awe erzeugen kann,
Muriel Asseburg: dass Israel als sehr geschwächt gesehen wurde.
Muriel Asseburg: Nicht zuletzt aufgrund der Proteste gegen den Justizumbau.
Muriel Asseburg: Also damals haben ja viele Reservisten zum Beispiel gesagt, sie würden,
Muriel Asseburg: wenn Netanjahu weiter diesen Justizumbau betreiben würde, eben nicht Reservedienst leisten.
Muriel Asseburg: Und auch das war wiederum dann eine Fehlkalkulation auf Seiten der Hamas,
Muriel Asseburg: weil diese Reservisten natürlich dann in den Krieg gezogen sind nach dem Angriff der Hamas.
Muriel Asseburg: Die Frage der Opfer, die du angesprochen hast, der zivilen Opfer,
Muriel Asseburg: scheint man in der Hamas einkalkuliert zu haben, als notwendig gesehen zu haben
Muriel Asseburg: im nationalen Befreiungskampf, in dem man eben Opfer bringen müsse.
Muriel Asseburg: Und das Kalkül war dabei ganz bestimmt, tatsächlich diese brutale Reaktion Israels
Muriel Asseburg: auch zu erzeugen und damit das internationale Image Israels zu schädigen.
Muriel Asseburg: Das ist wahrscheinlich der Punkt, bei dem die Hamas am erfolgreichsten war,
Muriel Asseburg: wenn man die unterschiedlichen Ziele der Operation sich nochmal anschaut.
Pauline Jäckels: Und würdest du mit dem Abstand, den wir inzwischen haben, zum 7.
Pauline Jäckels: Oktober sagen, dieses Narrativ der Hamas, man wolle jetzt wirklich Gebiete erobern,
Pauline Jäckels: das war völliger Quatsch, das hat gar nicht gestimmt, sondern es ging von Anfang
Pauline Jäckels: an darum, eine Gegenreaktion zu bewirken und damit eben,
Pauline Jäckels: was man ja immer palästinensische Frage nennt, diese Frage nochmal auf die internationale Agenda zu setzen?
Muriel Asseburg: Ich würde nicht sagen, dass es dieses eine Ziel gab.
Muriel Asseburg: Also die palästinensische Frage auf die internationale Agenda setzen war eines der Ziele.
Muriel Asseburg: Annäherung zwischen Israel und arabischen Staaten zu verhindern war ein Ziel.
Muriel Asseburg: Eine Flut an Unterstützung zu mobilisieren in der Region und in der Welt war das dritte Ziel.
Muriel Asseburg: Das waren im Grunde die drei Hauptziele, die Hamas selbst immer wieder genannt
Muriel Asseburg: hat, auch in einem Pamphlet, das sie im Januar 2024 veröffentlicht haben.
Muriel Asseburg: Ich würde sagen, darüber hinaus gab es mindestens drei weitere Ziele.
Muriel Asseburg: Das eine war das Ziel, was den damaligen Hamas-Führer Yachissin war,
Muriel Asseburg: bewegt hat, nämlich palästinensische Gefangene in israelischen Gefängnissen
Muriel Asseburg: freizupressen, so wie er selbst ja auch 2011 in einem Gefangenenaustausch freigekommen war.
Muriel Asseburg: Zweites Ziel, dass, du hast es angesprochen, die Idee,
Muriel Asseburg: man könne tatsächlich ganz Israel erobern oder zumindest wichtige Teile Israels
Muriel Asseburg: erobern und da eben eine palästinensische Kontrolle,
Muriel Asseburg: palästinensische Herrschaft etablieren.
Muriel Asseburg: Und das scheint tatsächlich so eine Art göttlicher Mission in seiner Vorstellung gewesen zu sein.
Muriel Asseburg: Und dann, denke ich, gab es auch ein innenpolitisches Kolkül,
Muriel Asseburg: weil es in den Monaten zuvor schon sehr starken Unmut in der palästinensischen Bevölkerung,
Muriel Asseburg: insbesondere im Gazastreifen mit der Hamas-Herrschaft gegeben hatte und der
Muriel Asseburg: Perspektivlosigkeit, die sich aus immer wiederkehrendem Krieg,
Muriel Asseburg: Abregelung und wirtschaftlichem Stillstand letztlich ergeben hatte.
Muriel Asseburg: Und mit diesem Angriff begab sich die Hamas dann in die Offensive und hat,
Muriel Asseburg: wie es in der Vergangenheit auch schon immer funktioniert hatte,
Muriel Asseburg: zumindest erstmal wieder sehr stark an Zustimmung und Unterstützung bekommen.
Pauline Jäckels: Vielleicht können wir nochmal kurz darüber reden, wie denn die Situation im Gazastreifen vor dem 7.
Pauline Jäckels: Oktober war. Wie sah das Leben dort aus?
Muriel Asseburg: Man muss tatsächlich sehen, dass das Leben im Gazastreifen sehr stark durch
Muriel Asseburg: diese drei Hauptelemente geprägt war.
Muriel Asseburg: Die Herrschaft der Hamas, die eine zunehmend autoritäre und repressive Herrschaft war.
Muriel Asseburg: Ähnlich, aber nicht gleich, wie
Muriel Asseburg: die Herrschaft der palästinensischen Autonomiebehörde im Westjordanland.
Muriel Asseburg: Die Blockade, also die sehr weitreichende Abriegelung des Gazastreifens,
Muriel Asseburg: die es nicht ermöglicht hat,
Muriel Asseburg: irgendeine Art von nachhaltiger wirtschaftlicher Aktivität im Gazastreifen in
Muriel Asseburg: Gang zu setzen und damit dazu geführt hat, zusammen mit den wiederkehrenden Kriegen,
Muriel Asseburg: zusammen mit einer mangelnden Entwicklungsorientierung der Hamas.
Muriel Asseburg: Dass die Bevölkerung zu sehr, sehr großen Teilen von internationaler Unterstützung
Muriel Asseburg: abhängig war, eben auch schon vor dem 7. Oktober.
Muriel Asseburg: Und dass es eine allgemeine Perspektivlosigkeit gab. Ich habe keine Perspektive
Muriel Asseburg: von Entwicklung, keine Perspektive von einem Ende der Blockade.
Muriel Asseburg: Das Gefühl bei sehr vielen Menschen, sie können nicht ausreisen aus dem Gaza-Streifen,
Muriel Asseburg: sie haben keine politische Perspektive, sie haben auch keine persönliche Perspektive,
Muriel Asseburg: keine Karriereoptionen.
Muriel Asseburg: Sie können nicht mal irgendwo hinfahren, um Urlaub zu machen.
Muriel Asseburg: Sie sind dieser Situation letztlich völlig ausgeliefert und können nichts daran ändern.
Muriel Asseburg: Und damit eben ein enorm großer Druck auch in der Gesellschaft.
Muriel Asseburg: Ich fand immer sehr beeindruckend, dass obwohl die Situation so war,
Muriel Asseburg: wie ich sie geschildert habe,
Muriel Asseburg: wenn man im Gazastreifen war,
Muriel Asseburg: tatsächlich dieser unglaubliche Mut und Enthusiasmus der Leute anzunehmen.
Muriel Asseburg: Ja, mich sehr stark beeindruckt haben immer, dass die Menschen dort eben trotz
Muriel Asseburg: dieser sehr schwierigen Umstände immer versucht haben,
Muriel Asseburg: sich selbst zu entwickeln, also in Bildung zu investieren, in ihre weitere Fortbildung
Muriel Asseburg: zu investieren und dass sie nicht aufgehört haben zu versuchen.
Muriel Asseburg: Gesellschaftlich und politisch zu engagieren, obwohl die Umstände so schwierig sind.
Pauline Jäckels: Und inwieweit war das überhaupt eingeschränkt oder möglich unter einer autoritären
Pauline Jäckels: Hamas-Herrschaft im Gazastreifen?
Muriel Asseburg: Es ist sehr schwierig und wir haben immer wieder Bilder gesehen und Berichte
Muriel Asseburg: gesehen von sehr repressiven Maßnahmen der Hamas bis Tötung von Oppositionellen und von denjenigen,
Muriel Asseburg: die sich gegen die Hamas-Herrschaft gestellt haben.
Muriel Asseburg: Und gleichzeitig gibt es aber auch, weil letztlich der Gazastreifen ja so klein
Muriel Asseburg: ist und die politische Elite so klein ist,
Muriel Asseburg: ein Verhältnis zwischen den Menschen,
Muriel Asseburg: die die Politik gestalten, die im Sicherheitsapparat sind und die in der Zivilgesellschaft
Muriel Asseburg: sind und einen sehr regen Austausch, sodass es eben über diesen Austausch schon
Muriel Asseburg: auch Möglichkeiten seitens der Gesellschaft gibt,
Muriel Asseburg: auch seitens des Parlaments, des Rumpfparlaments, das es im Gazastreifen noch gegeben hat,
Muriel Asseburg: das ein Hamas-Parlament ist, aber dennoch die Abgeordneten im Parlament nicht
Muriel Asseburg: zwingend alle Maßnahmen der Regierung unterstützt haben.
Muriel Asseburg: Und da gab es schon Möglichkeiten, tatsächlich Einfluss zu nehmen,
Muriel Asseburg: aber natürlich in begrenztem Maße und nicht auf eine Entwicklung wie die Angriffe des 7.
Muriel Asseburg: Oktober, die ja im Geheimen vorbereitet wurden.
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Pauline Jäckels: Nochmal zurück zu Israel und spezifisch zu Netanyahu.
Pauline Jäckels: Es ist ja kein Geheimnis, dass der israelische Ministerpräsident die Hamas in
Pauline Jäckels: den vergangenen Jahren sogar finanziell unterstützt hat.
Pauline Jäckels: Warum sollte Netanyahu die Hamas unterstützen?
Pauline Jäckels: Was für ein Interesse verfolgt er damit?
Muriel Asseburg: Also mein Wissensstand ist, dass Netanyahu nicht die Hamas selbst finanziert
Muriel Asseburg: hat, Aber dass er die finanzielle Unterstützung der Hamas zugelassen hat durch
Muriel Asseburg: Katar und das aktiv unterstützt hat,
Muriel Asseburg: dass die Hamas eben immer wieder Geldzahlungen aus Katar erhalten hat.
Muriel Asseburg: Das war für ihn deshalb relevant, weil er die Spaltung der palästinensischen
Muriel Asseburg: Gebiete, die Spaltung der palästinensischen Führung aufrechterhalten wollte,
Muriel Asseburg: weil das das sicherste war.
Muriel Asseburg: Um einen palästinensischen Staat zu verhindern und um eine starke palästinensische
Muriel Asseburg: Stimme in der Welt zu verhindern.
Muriel Asseburg: Deshalb haben wir in den Jahren vor dem 7.
Muriel Asseburg: Oktober auch diesen Ansatz gesehen, den israelische Leute aus dem Sicherheitsestablishment
Muriel Asseburg: als den Rasenmähen bezeichnen.
Muriel Asseburg: Es ging also immer darum, die militärischen Kapazitäten der Hamas zurückzustutzen,
Muriel Asseburg: aber nicht diese Organisation mit der Wurzel auszureißen.
Muriel Asseburg: Also man wollte sie schon am Leben erhalten, aber eben immer so weit zurück
Muriel Asseburg: zu stützen, dass sie Israel nicht gefährlich werden konnte.
Muriel Asseburg: So war zumindest die Idee damals. Und deshalb auch immer wieder implizite Abkommen mit der Hamas,
Muriel Asseburg: implizite Kooperation mit der Hamas über längerfristige Waffenruhen und,
Muriel Asseburg: wie ich vorher sagte, eine Nichtbeteiligung zum Beispiel an militärischen Auseinandersetzungen
Muriel Asseburg: mit anderen bewaffneten Gruppierungen.
Muriel Asseburg: Die Einschätzung war sicher, dass dieses Risiko eben handelbar ist,
Muriel Asseburg: dass es keine existenzielle Bedrohung für Israel darstellt.
Muriel Asseburg: Und das Hauptziel, es gegenüber der internationalen Gemeinschaft deutlich und
Muriel Asseburg: nachvollziehbar zu machen, mit diesen Leuten können wir nicht verhandeln,
Muriel Asseburg: die erkennen uns nicht an, die wollen uns vernichten.
Muriel Asseburg: Wie könnt ihr von uns fordern, dass wir uns mit denen ins Benehmen setzen und
Muriel Asseburg: mit ihnen verhandeln und gleichzeitig dadurch eben auch die Möglichkeit haben,
Muriel Asseburg: gegenüber dem palästinensischen Präsidenten und der Autonomiebehörde zu sagen,
Muriel Asseburg: entweder er spricht ja nicht für alle Palästinenser, weil er hat ja nicht im Griff,
Muriel Asseburg: was da im Gazastreifen passiert oder in den Momenten,
Muriel Asseburg: wo es Bemühungen gab um Aussöhnung zwischen den Regierungen im Gazastreifen
Muriel Asseburg: und in der Westbank oder andersrum zwischen der Hamas und der Fatah und anderen
Muriel Asseburg: palästinensischen Gruppierungen, dann zu sagen,
Muriel Asseburg: du musst dich schon entscheiden, willst du jetzt eine Aussöhnung mit Hamas oder
Muriel Asseburg: willst du einen politischen Prozess und Kooperation und eine Regelung mit Israel haben?
Pauline Jäckels: Es gab ja auch mal andere Gruppen, die viel stärker waren,
Pauline Jäckels: zum Beispiel die PFLP, die sich eher im linken Spektrum, nicht im islamistischen
Pauline Jäckels: Spektrum verortet hat, die extrem geschwächt wurden in den Jahrzehnten,
Pauline Jäckels: bevor die Hamas dann so stark geworden ist.
Pauline Jäckels: Würdest du sagen, es war für Israel einfach besser,
Pauline Jäckels: eine islamistische Gruppierung zu haben als Gegner, als eben eine links ausgerichtete
Pauline Jäckels: Gruppierung, weil das dann der bessere Feind ist?
Muriel Asseburg: Ich denke, das Kalkül auf israelischer Seite war eines,
Muriel Asseburg: das schon ganz richtig gesehen hat mit dem Entstehen, mit den Vorläufern der Hamas,
Muriel Asseburg: dass das eine Bewegung ist, die eben sehr viel breiter in der palästinensischen
Muriel Asseburg: Bevölkerung Wurzeln schlägt, sehr viel mehr Unterstützung generieren kann.
Muriel Asseburg: Und damit war klar, dass wenn es eine Konkurrenz zur PLO gibt und insbesondere
Muriel Asseburg: zu Fatah innerhalb der PLO gibt, dann wird das die Hamas sein.
Pauline Jäckels: Nochmal zurück zum 7. Oktober. Israel hat ja Warnungen vor der Hamas-Attacke ignoriert.
Pauline Jäckels: Und jetzt gibt es oft in linken Diskursen dieses Narrativ, das sich dann daraus
Pauline Jäckels: Schlussfolgern lässt, Netanyahu hat einen Angriff der Hamas quasi in Kauf genommen oder wollte ihn sogar,
Pauline Jäckels: um dann eben in der Massivität zurückschlagen zu können und den Plan,
Pauline Jäckels: den Gaza-Streifen ethnisch zu säubern, umzusetzen.
Pauline Jäckels: Lässt sich das aus deiner Sicht so folgern?
Muriel Asseburg: Also ich kenne keine Belege, die genau diese These unterstützen würden.
Muriel Asseburg: Ich denke tatsächlich, es ging vor allem darum, was ich schon geschildert habe,
Muriel Asseburg: die Einschätzung der Hamas und des Verhältnisses zu Hamas.
Muriel Asseburg: Es ging auch darum, dass insbesondere der Fokus dieser Regierung eben sehr stark
Muriel Asseburg: auf dem Siedlungs- und Annexionsprojekt im Westjordanland war und deshalb der
Muriel Asseburg: Fokus sehr stark darauf war,
Muriel Asseburg: dass als Hauptbedrohung der Iran identifiziert wurde, dass das Teil der außenpolitischen
Muriel Asseburg: Agenda war, das Augenmerk darauf zu legen.
Muriel Asseburg: Und dann gab es natürlich die innenpolitische Agenda, nämlich den Justizumbau,
Muriel Asseburg: der Netanyahu umgetrieben hat.
Muriel Asseburg: Und das hat meiner Ansicht nach zu diesen Fehleinschätzungen geführt,
Muriel Asseburg: hat dazu geführt, dass man die Warnungen nicht ernst genommen hat.
Muriel Asseburg: Es mag durchaus sein, dass es hier auch was Mutwilliges gibt.
Muriel Asseburg: Das werden wir vielleicht irgendwann, wenn die Archive geöffnet werden und wir
Muriel Asseburg: mehr erfahren über die damaligen Entscheidungsprozesse wissen.
Muriel Asseburg: Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich keine Belege dafür sehen.
Pauline Jäckels: Hier zu Lande wird ja bis heute quasi mantraartig dieses israelische Recht auf
Pauline Jäckels: Verteidigung auf die Attacke des 7. Oktobers betont.
Pauline Jäckels: Ab welchem Moment war dir denn klar, dass es der israelischen Regierung nicht
Pauline Jäckels: primär um Verteidigung ging, sondern um die Zerstörung des Gaza-Streifens?
Pauline Jäckels: Oder war dir das vielleicht schon von Anfang an klar und woran lässt sich dieser
Pauline Jäckels: Unterschied festmachen?
Muriel Asseburg: Also ich würde das nicht so als Dichotomie betrachten, Verteidigung versus Zerstörung,
Muriel Asseburg: weil das, was wir sehen an Zerstörung im Gazastreifen in Israel schon als Teil
Muriel Asseburg: der Verteidigung gesehen wird.
Muriel Asseburg: Also man kann Fragezeichen machen, ob das als legitime Selbstverteidigung im
Muriel Asseburg: Sinne des Artikel 51 der UN-Karte einzuordnen ist, aber das heißt nicht,
Muriel Asseburg: dass die Zerstörungen, die stattfinden,
Muriel Asseburg: völlig losgelöst sind und nur der Zerstörung dienen, sondern sie haben schon
Muriel Asseburg: auch militärische und politische Ziele.
Muriel Asseburg: Die Abschreckung, die Einrichtung von Pufferzonen, das Ziel der sogenannten
Muriel Asseburg: freiwilligen Auswanderung, das Wiederetablieren von direkter Kontrolle,
Muriel Asseburg: das sind alles Ziele, die auch der Verteidigung Israels dienen sollen.
Muriel Asseburg: Insofern würde ich das ein bisschen anders sehen. Aber wichtig ist,
Muriel Asseburg: dass von Anfang an sehr problematische Aussagen gemacht wurden vor dem Hintergrund des Schock des 7.
Muriel Asseburg: Oktober eines Angriffes, der in Israel ja auch als genozidaler Angriff gelesen wurde.
Muriel Asseburg: Dass von Anfang an die Hamas gleichgesetzt wurde mit Nazis, mit dem islamischen
Muriel Asseburg: Staat, dass der Angriff gesehen wurde als schlimmster Angriff seit dem Holocaust,
Muriel Asseburg: dass gedroht wurde mit einer neuen Nakba, also einer Flucht und Vertreibung
Muriel Asseburg: von Palästinenserinnen und Palästinenser wie 1948, dass mit Aushungern gedroht wurde,
Muriel Asseburg: dass der Gazastreifen dem Erdboden gleichgemacht werden sollte und dass von
Muriel Asseburg: Anfang an eben nicht unterschieden wurde zwischen der Zivilbevölkerung und der Hamas in den Aussagen,
Muriel Asseburg: die von führenden israelischen Politikerinnen und Politikern gemacht wurden.
Muriel Asseburg: Dass man von Anfang an und gerade bevor man die erste Bodenoffensive eingeleitet
Muriel Asseburg: hat, im sehr eng bebauten Gebiet im Gazastreifen mit extrem hoher Feuerkraft auch vorgegangen ist.
Muriel Asseburg: Das heißt, diese Äußerungen und das Vorgehen von Anfang an wies eben schon darauf hin,
Muriel Asseburg: dass wir es hier mit einem hohen Risiko von Kriegsverbrechen und Völkermord zu tun haben.
Pauline Jäckels: Und haben eigentlich die Palästinenser im Gazastreifen ein Recht auf bewaffnete Verteidigung,
Pauline Jäckels: gerade mit Hinblick darauf, was wir jetzt in den letzten Monaten seit dem 7.
Pauline Jäckels: Oktober gesehen haben, die Zerstörung, die dort stattgefunden hat,
Pauline Jäckels: die massenweise Tötungen etc.?
Muriel Asseburg: Eine Organisation wie die Hamas kann sich jetzt nicht auf ein Recht auf Selbstverteidigung
Muriel Asseburg: nach Artikel 51 UN-Charta berufen.
Muriel Asseburg: Tatsächlich gibt es ein Recht auch der Palästinenser wie anderer Völker auf Selbstbestimmung.
Muriel Asseburg: Und es gibt UN-Resolutionen, also Resolutionen der Generalversammlung,
Muriel Asseburg: zum Beispiel die Resolution 45 130 von 1990,
Muriel Asseburg: die dieses Selbstbestimmungsrecht explizit auch nochmal für die Palästinenser
Muriel Asseburg: ausformuliert und auch darauf hinweist,
Muriel Asseburg: dass sie das Recht haben, dieses Selbstbestimmungsrecht auch durch Kampf inklusive
Muriel Asseburg: bewaffneten Kampfes umzusetzen.
Muriel Asseburg: Die Hamas kann sich mit den Angriffen vom 7.
Muriel Asseburg: Oktober ganz bestimmt nicht auf dieses Recht berufen, denn das findet ganz klar
Muriel Asseburg: seine Grenzen in den Vorkehrungen des humanitären Völkerrechts.
Muriel Asseburg: Also Geiselnahmen, das Foltern von Menschen, das Foltern von Geiseln,
Muriel Asseburg: die brutale Ermordung von Zivilisten, sexualisierte Gewalt etc.
Muriel Asseburg: Können darüber nicht gerechtfertigt werden.
Pauline Jäckels: Das heißt, eine bewaffnete Verteidigung, die von dem Völkerrecht gedeckt wäre,
Pauline Jäckels: müsste so aussehen, dass nur militärische Infrastruktur angegriffen wird.
Muriel Asseburg: Richtig.
Pauline Jäckels: Was ist denn jetzt eigentlich Netanyahus Plan für Gaza und für die Westbank
Pauline Jäckels: und was müsste passieren, um den wirklich durchzusetzen? Wir haben ja jetzt
Pauline Jäckels: eine Situation, wo es schon lange so weitergeht.
Pauline Jäckels: Die israelische Militäroffensive ist zwar auf eine gewisse Weise erfolgreich
Pauline Jäckels: gewesen, weil man 70 Prozent des Gazastreifens nach Angaben des israelischen
Pauline Jäckels: Militärs kontrolliert.
Pauline Jäckels: Und trotzdem ist die Hamas weiter aktiv. Gerade auch die Tunnelsysteme hat man
Pauline Jäckels: nicht geschafft zu zerstören.
Pauline Jäckels: Die Hamas operiert auch weiter militärisch und greift immer wieder das israelische
Pauline Jäckels: Militär an aus ihren Tunnelsystemen heraus.
Pauline Jäckels: Was müsste jetzt passieren, damit Netanyahu wirklich damit durchkommt,
Pauline Jäckels: was er zumindest behauptet vorzuhaben?
Muriel Asseburg: Also tatsächlich sind die Pläne, die konkreten Pläne und wie sie umgesetzt werden
Muriel Asseburg: sollen, relativ unklar.
Muriel Asseburg: Der Premierminister hat ja im August jetzt nochmal fünf Prinzipien verkündet,
Muriel Asseburg: die bestimmen sollen darüber, wie der Krieg beendet werden kann.
Muriel Asseburg: Und unter diesen Prinzipien befindet sich auch eines, das sagt,
Muriel Asseburg: Israel soll die Sicherheitskontrolle für den Gazastreifen übernehmen.
Muriel Asseburg: Er spricht explizit nicht von Besatzung, möchte also nicht die Verantwortung
Muriel Asseburg: für den Gazastreifen übernehmen. Es ist aber völlig unklar, wie das eine ohne
Muriel Asseburg: das andere funktionieren soll.
Muriel Asseburg: Ein weiteres Prinzip, das da enthalten ist, ist, dass der Gaza-Streifen weder
Muriel Asseburg: durch die Hamas noch durch die Autonomiebehörde kontrolliert werden soll,
Muriel Asseburg: sondern durch eine andere arabische Kraft. Und auch das ist völlig unklar.
Muriel Asseburg: Bezieht sich das auf arabische Staaten, die die zivile Verwaltung übernehmen sollen?
Muriel Asseburg: Und Israels Präsenz, Militärpräsenz dauert gleichzeitig fort?
Muriel Asseburg: Oder heißt das, dass Ältestenräte oder bewaffnete Banden,
Muriel Asseburg: Milizen, wie sie zum Teil ja jetzt auch von Israel geschützt und ausgerüstet
Muriel Asseburg: worden sind, wie die Abu-Shabaab-Leute, sollen die für zivile Verwaltung zuständig sein?
Muriel Asseburg: Das wird nicht ausbuchstabiert und bleibt alles relativ vage.
Muriel Asseburg: Und letztlich ist es ja auch so, dass das genaue Ziel im Westjordanland und
Muriel Asseburg: wie man vorgehen will, nicht ausbuchstabiert wird.
Muriel Asseburg: Was klar ist, ist, dass man einen exklusiven Anspruch auf das gesamte Gebiet
Muriel Asseburg: zwischen Jordanfluss und Mittelmeer erhebt,
Muriel Asseburg: dass man die de facto Annexion, den Siedlungsbau im Westjordanland ganz massiv vorantreibt.
Muriel Asseburg: Aber die Detailplanung bleibt letztlich offen und ich denke,
Muriel Asseburg: die ist immer auch der Kontingenz des politischen Umfelds unterworfen.
Muriel Asseburg: Und es ist zu befürchten, dass mit einem US-Präsidenten der Annexion und der
Muriel Asseburg: israelischen Dominanz des gesamten Gebietes aufgeschlossen gegenüber eingestellt ist,
Muriel Asseburg: dieser Prozess eben, wie wir es jetzt schon sehen, in den letzten Wochen und
Muriel Asseburg: Monaten eben sehr schnell weiter vorangetrieben wird.
Pauline Jäckels: Und trotzdem steht Netanyahu und auch Donald Trump vor einem konkreten Problem,
Pauline Jäckels: also wenn man wirklich diesen ethnischen Säuberungsplan umsetzen will.
Pauline Jäckels: Es gibt ja diese Kalkulation von Smodrich, dem Finanzminister,
Pauline Jäckels: dass so und so viele Palästinenser auch freiwillig ausreisen würden.
Pauline Jäckels: Man muss hier klar sagen, von Freiwilligkeit kann hier natürlich nicht die Rede sein.
Pauline Jäckels: Man hat die Bedingungen im Gazastreifen so lebensunwürdig gemacht,
Pauline Jäckels: dass man jetzt eben quasi damit plant, Leute würden ausreisen, wenn sie es könnten.
Pauline Jäckels: Auch das wäre ethnische Säuberung, selbst wenn Leute sich jetzt quasi freiwillig
Pauline Jäckels: entscheiden würden, den Gazastreifen zu verlassen. Und das Problem ist aber,
Pauline Jäckels: dass kein Land bereit ist, PalästinenserInnen aus dem Gazastreifen aufzunehmen.
Pauline Jäckels: Siehst du, dass sich das ändern könnte? Ist absehbar, dass irgendwelche Länder,
Pauline Jäckels: mit denen ja auch Netanjahu und Trump schon in Gesprächen waren,
Pauline Jäckels: sich bereit erklären, für irgendeinen Preis PalästinenserInnen aufzunehmen?
Muriel Asseburg: Diese Gespräche dauern offensichtlich an, derzeit anscheinend mit Vertretern
Muriel Asseburg: des Südsudanen, aber eben auch mit anderen Vertretern von Ländern,
Muriel Asseburg: Amhorn von Afrika, Libyen etc., unterschiedliche Länder.
Muriel Asseburg: Bislang hat keines dieser Gespräche zum Erfolg geführt und ich gehe davon aus,
Muriel Asseburg: dass da auch tatsächlich der Druck innerhalb der Arabischen Liga relativ hoch ist auf die Staaten.
Muriel Asseburg: Keine Zwangsvertriebenen aufzunehmen, insbesondere weil die große Sorge besteht,
Muriel Asseburg: dass die Nachbarländer dadurch sehr stark destabilisiert werden würden.
Muriel Asseburg: Wenn das erst einmal im Gazastreifen beginnt, dann hat man eben Angst,
Muriel Asseburg: dass es als nächstes im Westjordanland weitergeht.
Muriel Asseburg: Bislang ist das nicht passiert. Der Druck, denke ich, auf die Länder ist groß.
Muriel Asseburg: Aber das heißt nicht, dass nicht dennoch mit einer Mischung aus Anreizen und
Muriel Asseburg: Erpressungsversuchen vielleicht auch Erfolge erzielt werden können,
Muriel Asseburg: dass einzelne Länder oder Vertreter, die nicht mal legitime Vertreter von Ländern sind,
Muriel Asseburg: sich auf solche Deals einlassen.
Pauline Jäckels: Wer könnte denn Netanyahu aktuell Einhalt gebieten?
Pauline Jäckels: Also wir sind jetzt in einer Situation, er hat diese Vertreibungs- und Annexionspläne.
Pauline Jäckels: Da gibt es aber eine Gehürden.
Pauline Jäckels: Also sieht es so aus, als würde er einfach so lange weitermachen,
Pauline Jäckels: bis sich da Möglichkeiten ergeben, diese Pläne auch umzusetzen.
Pauline Jäckels: Gibt es denn Akteure, die wirklich ihn jetzt davon abhalten können,
Pauline Jäckels: den Krieg so weiterzuziehen?
Muriel Asseburg: Ja, wenn man nach diesen Akteuren fragt, dann geht der Blick natürlich zuerst
Muriel Asseburg: in Richtung Washington D.C., weil die USA der Akteur sind, der am allermeisten
Muriel Asseburg: Einflussmöglichkeiten hat,
Muriel Asseburg: allein aufgrund der Abhängigkeit Israels von amerikanischen Waffenlieferungen,
Muriel Asseburg: aber auch der Abhängigkeit von den USA als Mitglied im Sicherheitsrat,
Muriel Asseburg: um Zwangsmaßnahmen gegen Israel zu verhindern.
Muriel Asseburg: Darüber hinaus, denke ich, gibt es weitere, die einen Einfluss haben können,
Muriel Asseburg: wenn sie sich entscheiden, diesen Einfluss haben zu wollen.
Muriel Asseburg: Und das betrifft insbesondere die EU und ihre Mitgliedstaaten,
Muriel Asseburg: die bislang eben nicht in der Lage sind,
Muriel Asseburg: sich zu einigen auf einen gemeinsamen Ansatz, der tatsächlich dann einfließen
Muriel Asseburg: würde in die Kosten-Nutzen-Kalküle der israelischen Regierung.
Muriel Asseburg: Und ich denke, darum würde es gehen, eben sehr viel klarer Maßnahmen zu beschließen,
Muriel Asseburg: die der israelische Premierminister auch mit berücksichtigen muss,
Muriel Asseburg: wenn er sein Portfolio sieht an Druck und Gegendruck von unterschiedlichen Richtungen.
Muriel Asseburg: Von seinen rechtsextremen Koalitionspartnern,
Muriel Asseburg: aus den USA, von den Ultraorthodoxen, von der Opposition,
Muriel Asseburg: aus den Umfragen und dem Druck, der sich langsam ja auch aus der Gesellschaft
Muriel Asseburg: in Israel aufbaut, jetzt endlich die Geiseln zu befreien und den Krieg zu beenden.
Muriel Asseburg: Da wäre es sinnvoll, wenn die Europäer, abgestimmt sinnvollerweise auch mit
Muriel Asseburg: arabischen Staaten, eben auch einen Beitrag leisten würden.
Pauline Jäckels: Einer der Akteure, der das ja lange versucht hat zu verhindern,
Pauline Jäckels: dass es da eine geeinte Position und auch Aktionen gibt, ist ja Deutschland.
Pauline Jäckels: Warum hat Deutschland das verhindert? Also mal fernab von dem Narrativ der Staatsräson,
Pauline Jäckels: das besagt, Deutschland steht an der Seite Israels und setzt sich für die Sicherheit Israels ein,
Pauline Jäckels: als quasi Maxime deutscher Außenpolitik, stellt sich trotzdem auch die Frage,
Pauline Jäckels: was für Interessen verfolgt Deutschland damit?
Pauline Jäckels: Warum ist Deutschland so wichtig, Israel zu unterstützen?
Muriel Asseburg: Also wenn man die Interessen Deutschlands gegenüber der Region anschaut,
Muriel Asseburg: dann erklären die meiner Ansicht nach die deutsche Haltung und Positionierung seit dem 7.
Muriel Asseburg: Oktober nur sehr teilweise. Weil es viele Interessen gibt, die eigentlich dafür
Muriel Asseburg: argumentieren würden oder Grund wären, anders zu handeln.
Muriel Asseburg: Das Interesse in allererster Linie an einer Stabilisierung der Nachbarregion,
Muriel Asseburg: sodass Konflikte nicht überschwappen nach Europa und hier irreguläre Migration verursachen,
Muriel Asseburg: Terrorgefahr verursachen, Gesellschaften spalten.
Muriel Asseburg: Das Interesse an guten Beziehungen mit arabischen Staaten wegen der Rohstoffsicherung.
Muriel Asseburg: Wegen dem Interesse an Handel, vielleicht auch an Kooperation in Bezug auf Zukunftstechnologie,
Muriel Asseburg: all das würde eigentlich für eine andere Politik argumentieren.
Muriel Asseburg: Es gibt natürlich auch die spezifischen Interessen, die Deutschland mit Israel
Muriel Asseburg: verbinden, jenseits der historischen Verantwortung.
Muriel Asseburg: Und die sind das Interesse an einer immer enger gewordenen Rüstungskooperation,
Muriel Asseburg: an einer sehr engen militärischen Kooperation, an einer geheimdienstlichen Kooperation
Muriel Asseburg: und darüber hinaus auch an Handel und an Kooperation im Bereich Forschung,
Muriel Asseburg: Hochtechnologie im nicht-militärischen Bereich.
Muriel Asseburg: Das ist das, was man vielleicht über
Muriel Asseburg: die historische Verantwortung und über die Interpretation der Staatsräson hinaus
Muriel Asseburg: als Gründe für die fortgesetzte enge Kooperation oder das fortgesetzte Interesse
Muriel Asseburg: einer sehr engen Kooperation mit Israel nennen kann,
Muriel Asseburg: Interesse an fortgesetzter Kooperation und eben dann auch an einem Abschirmen
Muriel Asseburg: Israels gegenüber internationalen Angriffen,
Muriel Asseburg: gegenüber internationaler Verantwortung und entsprechende Handlungen,
Muriel Asseburg: die daraus erfolgt sind von deutscher Seite.
Pauline Jäckels: Reicht das aus deiner Sicht aus, um zu erklären, warum Deutschland...
Pauline Jäckels: So handelt, wie es gehandelt hat oder eben nicht gehandelt hat,
Pauline Jäckels: um die israelische, ja diese genozidale Kriegsführung zu verhindern.
Muriel Asseburg: Ich denke, es gibt auch noch eine innenpolitische Dimension,
Muriel Asseburg: die dabei eine große Rolle spielt.
Muriel Asseburg: Eine, in der Israel in den letzten Jahren Teil.
Muriel Asseburg: Nicht Israel als solches, aber das Verhältnis zu Israel eben plötzlich eine
Muriel Asseburg: Rolle bekommen hat in der innenpolitischen Auseinandersetzung.
Muriel Asseburg: Das ist relativ neu, dass es so viel Streit darüber gibt,
Muriel Asseburg: dass es auch zum Beispiel Teil eines Wahlkampfes geworden ist,
Muriel Asseburg: dass im Wahlkampf das eine große Rolle gespielt hat und damit eine fast schon
Muriel Asseburg: identitätspolitische Rolle in Deutschland spielt.
Muriel Asseburg: Und es zu einer enormen Polarisierung kommt um das Thema in der Bevölkerung.
Muriel Asseburg: Ein Gap, also eine Lücke letztlich zwischen Bevölkerung und der politischen Klasse.
Muriel Asseburg: Also einer öffentlichen Meinung, die sich kaum abbildet in dem Diskurs,
Muriel Asseburg: der im Bundestag gepflegt wird und der insbesondere von den Regierungsparteien gepflegt wird.
Muriel Asseburg: Und das hat natürlich auch damit zu tun, dass wir sehr starken Druck haben,
Muriel Asseburg: insbesondere von Seiten der Springerpresse und von Gruppen,
Muriel Asseburg: die für die Politik.
Muriel Asseburg: Der Netanjahu-Regierung Lobbyismus machen, sowohl im Bundestag als eben auch
Muriel Asseburg: in den Medien, in den sozialen Medien und damit bei vielen den Eindruck erwecken,
Muriel Asseburg: dass man über dieses Thema besser nicht spricht oder nur sehr vorsichtig spricht
Muriel Asseburg: und dass es nur einen sehr engen Korridor eigentlich gibt,
Muriel Asseburg: in dem man über dieses Thema sprechen kann.
Pauline Jäckels: Und nicht nur erwecken sie ja diesen Eindruck, sie üben ja auch selbst konkret
Pauline Jäckels: Druck aus. Also wir sehen das ja immer wieder.
Pauline Jäckels: Jedes Mal, wenn zum Beispiel ein Politiker, eine Politikerin im Bundestag sich
Pauline Jäckels: auch nur ein bisschen kritisch äußert gegenüber der israelischen Regierung oder
Pauline Jäckels: sich solidarisiert mit der palästinensischen Seite,
Pauline Jäckels: dann folgt ein bestimmtes Schema.
Pauline Jäckels: Also dann kommt ein Artikel der Bild-Zeitung, der diesen Politiker,
Pauline Jäckels: diese Politikerin dann antisemitisch nennt oder Israel-Hass vorwirft.
Pauline Jäckels: Und dann kommen danach bestimmte Gruppen, die in den sozialen Medien auch hetzen.
Pauline Jäckels: Und das ist im Prinzip immer dasselbe. Also haben wir im Prinzip eine Mischung
Pauline Jäckels: aus geopolitischen Interessen, die Deutschland verfolgt.
Pauline Jäckels: Wir haben dieses Prinzip der Staatsräson, das aus meiner Sicht vor allem ein
Pauline Jäckels: Narrativ ist, um die deutsche Unterstützung Israels zu legitimieren,
Pauline Jäckels: zumindest aus staatlicher Seite.
Pauline Jäckels: Und wir haben Akteure, die für Israel oder zumindest pro-israelisch agieren,
Pauline Jäckels: um die Debatte in Deutschland einzuschränken, sodass sie sich möglichst nicht
Pauline Jäckels: zu weit weg bewegt von dem, was wir jetzt haben.
Muriel Asseburg: Ich würde das auch so sehen mit vielleicht einem kleinen Unterschied.
Muriel Asseburg: Ich würde diese Akteure nicht als pro-israelisch bezeichnen wollen,
Muriel Asseburg: weil das sind Akteure, die eben ganz klar die Politik dieser rechten oder rechtsextremen
Muriel Asseburg: Regierung propagieren, verteidigen,
Muriel Asseburg: die Narrative der Entmenschlichung weitergeben und unterstützen.
Muriel Asseburg: Aber es sind nicht welche, die für eine Vision stehen, in der Israel neben anderen
Muriel Asseburg: Staaten in der Region friedlich zusammenlebt.
Muriel Asseburg: Und das finde ich sehr problematisch. Was fehlt?
Muriel Asseburg: Sind Stimmen, die auch pro-israelisch sind, die aber pro-Friedensstimmen sind,
Muriel Asseburg: die pro-Menschenrechtsstimmen sind.
Muriel Asseburg: Also ich sage nicht, die gibt es nicht, die gibt es sehr wohl,
Muriel Asseburg: aber wir hören sie in Deutschland nicht laut genug. Das ist der Punkt.
Muriel Asseburg: Und sie haben nicht die gleiche Reichweite und den gleichen Einfluss auf die
Muriel Asseburg: Politik und auf die Medien.
Pauline Jäckels: Friedrich Merz hat ja vergangene Woche tatsächlich entschieden,
Pauline Jäckels: einen Schritt zu gehen über das lange Mahnen und Fordern hinaus.
Pauline Jäckels: Er hat entschlossen, dass die Rüstungsexportgenehmigungen nach Israel eingeschränkt
Pauline Jäckels: werden, dass eben solche Waffen, die im Gazastreifen eingesetzt werden könnten,
Pauline Jäckels: nicht mehr exportiert werden.
Pauline Jäckels: Viele sehen das als symbolischen Schritt, einfach deshalb, weil ein paar Panzermotoren
Pauline Jäckels: weniger werden Netanjahu nicht dazu bewegen, seine Kriegsführung jetzt zu ändern oder einzustellen.
Pauline Jäckels: Und trotzdem war es auf eine Art ein großer Schritt, weil es das erste Mal ist,
Pauline Jäckels: dass zumindest nach außen getragen wurde, wir handeln jetzt gegenüber Israel.
Pauline Jäckels: Was hätte Deutschland in den letzten Jahren machen müssen, um auf eine friedliche
Pauline Jäckels: Lösung hinzuarbeiten und Druck auszuüben, dass diese auch wirklich umgesetzt wird?
Muriel Asseburg: Ich denke, es gibt Dinge, die mit Maßnahmen zu tun haben und es gibt Dinge,
Muriel Asseburg: die mit dem Diskurs zu tun haben. Und ich würde vielleicht mal mit dem Diskurs anfangen.
Muriel Asseburg: Ich hätte mir gewünscht, dass deutsche Politik...
Muriel Asseburg: Regierungsseitig, aber auch im Parlament insgesamt, sehr viel und im öffentlichen
Muriel Asseburg: Diskurs sehr viel stärker von Anfang an dieser massiven Entmenschlichung entgegengewirkt
Muriel Asseburg: hätte und darauf gesetzt hätte,
Muriel Asseburg: menschliche Sicherheit letztlich in den Mittelpunkt zu stellen.
Muriel Asseburg: Also nicht nur die nationale Sicherheit Israels, sondern die menschliche Sicherheit
Muriel Asseburg: von Israelis und Palästinenserinnen und Palästinenser betont hätte.
Muriel Asseburg: Und in diesem Zusammenhang dann auch sehr viel früher, als es in Deutschland
Muriel Asseburg: der Fall war, einen Waffenstillstand gefordert hätte und aktiv für einen Waffenstillstand eingetreten wäre.
Muriel Asseburg: Da sind wir ja erst sehr, sehr spät dazugekommen, zur Forderung nach einem Waffenstillstand.
Muriel Asseburg: Ich denke, dass es sinnvoll und notwendig gewesen wäre, von Anfang an,
Muriel Asseburg: Wir haben darüber gesprochen, wie von Anfang an die Rhetorik und die Kriegsführung
Muriel Asseburg: problematisch war und schwierig war.
Muriel Asseburg: Dass dementsprechend auch von Anfang an Rüstungslieferungen von solchen Gütern,
Muriel Asseburg: die in Gaza, aber natürlich auch im Westjordanland eingesetzt werden,
Muriel Asseburg: die der Repression dienen, die der Verfestigung des Siedlungsprojektes dienen,
Muriel Asseburg: die Gefahr laufen, menschenrechtswidrig und völkerrechtswidrig eingesetzt werden,
Muriel Asseburg: zu stoppen und nicht auszudehnen.
Muriel Asseburg: Das heißt nicht, dass man nicht andere Rüstungsgüter liefern kann,
Muriel Asseburg: wie zum Beispiel eine Raketenabwehr oder auch U-Boote, die eben nicht gegen
Muriel Asseburg: die Bevölkerung eingesetzt werden.
Muriel Asseburg: Das ist eine andere Debatte, ob man das dann tun will oder ob man das nicht tun will.
Muriel Asseburg: Aber ich hätte als Schritt zu diesem Zeitpunkt für absolut notwendig gehalten,
Muriel Asseburg: keine Rüstungsgüter zu liefern.
Muriel Asseburg: Da das große Risiko bestand, dass sie eben völkerrechtswidrig eingesetzt werden
Muriel Asseburg: und dass sie bei der Ausübung von Kriegsverbrechen eingesetzt werden.
Muriel Asseburg: Es wäre meiner Ansicht nach wichtig gewesen, von Anfang an dem Narrativ,
Muriel Asseburg: was aus der israelischen Regierung kam,
Muriel Asseburg: dass die UN-Organisationen und insbesondere das Flüchtlingshilfswerk für Palästina-Flüchtlinge
Muriel Asseburg: delegitimiert und diskreditiert hat,
Muriel Asseburg: entgegenzuhalten und nicht erstmal diesem Diskurs nachzugeben und die Zahlungen
Muriel Asseburg: vorübergehend und teilweise einzustellen.
Muriel Asseburg: Und ich denke, es wäre wichtig gewesen, von Anfang an eben gemeinsam mit anderen
Muriel Asseburg: europäischen Staaten und gemeinsam mit arabischen Staaten darüber nachzudenken,
Muriel Asseburg: und zwar nicht abstrakt, sondern konkret,
Muriel Asseburg: wie kommen wir aus der Eskalation raus in die nächste Phase Waffenstillstand
Muriel Asseburg: und dann eine Stabilisierung, die auch eine langfristige Regelung des Konflikts beinhaltet.
Muriel Asseburg: Und bei all diesen Punkten hätte ich mir eine deutlich andere Politik gewünscht.
Pauline Jäckels: Muss die Staatsräson fallen? Es wurde jetzt von der Welt schon betitelt,
Pauline Jäckels: die Staatsräson wäre gefallen mit dem Märzenschritt, jetzt die Rüstungsgüter einzuschränken.
Pauline Jäckels: Muss die Staatsräson fallen, damit eine friedensgeleitete Israel-Politik möglich ist, aus deiner Sicht?
Muriel Asseburg: Also mir ist letztlich gleich, wie man das Verhältnis zu Israel bezeichnen möchte.
Muriel Asseburg: Von mir aus bezeichnet man das auch als Staatsräson. Was aber nicht sein kann,
Muriel Asseburg: ist, dass man das Verhältnis zu Israel und die historische Verantwortung,
Muriel Asseburg: die Deutschland aufgrund des Holocaust und aufgrund der deutschen Angriffskriege des 20.
Muriel Asseburg: Jahrhunderts hat, Dass man die in etwas umwandelt, was dem Grundgesetz widerspricht,
Muriel Asseburg: was behandelt wird, als ob es über dem Grundgesetz und über dem Völkerrecht stünde.
Muriel Asseburg: Das kann nicht sein. Das kann nur im Rahmen unserer Verfassung und damit auch
Muriel Asseburg: des Völkerrechts passieren.
Muriel Asseburg: Und das heißt eben, dass Solidarität und Verantwortung für Jüdinnen und Juden
Muriel Asseburg: weltweit in Deutschland und in Israel einhergehen muss mit einer Politik,
Muriel Asseburg: die sich an Menschenrechten und an Völkerrecht orientiert.
Pauline Jäckels: Das würde ich sagen, ist ein gutes Schlusswort. Vielen Dank,
Pauline Jäckels: Muriel, dass du da warst und mit mir über dieses Thema gesprochen hast.
Pauline Jäckels: Worüber wir jetzt leider gar nicht sprechen konnten, nur sehr wenig,
Pauline Jäckels: ist die Situation in der Westbank, die natürlich genauso wichtig ist auf Dauer
Pauline Jäckels: gesehen wie die Situation in Gaza.
Pauline Jäckels: Worüber wir auch nicht sprechen konnten, ist eine Utopie, wie es denn anders aussehen könnte.
Pauline Jäckels: Also diese Frage, eine binationale Einstaatenlösung, Zweistaatenlösung,
Pauline Jäckels: diese großen Fragen. Das konnten wir jetzt leider nicht behandeln.
Pauline Jäckels: Vielleicht kommen wir an anderer Stelle in diesem Podcast nochmal dazu.
Pauline Jäckels: Trotzdem vielen, vielen Dank, dass du da warst.
Muriel Asseburg: Sehr gerne, Pauline.
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