Wie macht die EU ihre Wirtschaftspolitik, Angela Wigger?
Shownotes
Seien es immer höhere Rüstungsausgaben oder ungünstige Handelsabkommen – US-Präsident Donald Trump zwingt der EU erfolgreich seine Forderungen auf. Dabei hat die doch angekündigt, von den USA unabhängig werden zu wollen.
In der zweiten Folge unseres Podcasts «Weltunordnung» spricht Felix Jaitner mit der Politikwissenschaftlerin Angela Wigger über das Konzept der «strategischen Autonomie». Durch milliardenschwere Investitionen in grüne Technologien und Rüstungsgüter will die EU nicht nur die wirtschaftliche Stagnation überwinden, sondern als eigenständiger Akteur auf der Weltbühne agieren. Kann das gelingen? Und wie können progressive Alternativen zu dieser Strategie aussehen?
«Weltunordnung» ist der neue Podcast zu internationaler Politik der Rosa-Luxemburg-Stiftung. Die Hosts Pauline Jäckels und Felix Jaitner sprechen im Wechsel mit Expert*innen aus Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik.
Kontakt, Kritik, Feedback: weltunordnung@rosalux.org
Alle Podcasts der Rosa-Luxemburg-Stiftung: www.rosalux.de/podcasts
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Shownotes:
Angela Wigger (2025): Finanzialisierung - die Achillesferse des European Green Deal. Luxemburg. Gesellschaftsanalyse und linke Praxis.
Angela Wigger (2024): The New EU Industrial Policy and the Hidden Costs of Crowding in Private Investors: An urgent call for the European Left to champion discussions about alternatives futures. transform!Europe.
Stephan Kaufmann (2024): Die Weltordnung soll in der Zeitenwende rentabel werden. nd
Anghel, Suzana (et al.) (2020) Auf dem Weg zu „strategischer Autonomie“. Die EU im sich Wandelnden geopolitischen Umfeld. Wissenschaftlicher Dienst des Europäischen Parlaments. Studie. PE 652.096.
Transkript anzeigen
Intro: Weltunordnung. Der internationale Politik-Podcast der Rosa-Luxemburg-Stiftung.
Felix Jaitner: Seit der Rückkehr von Donald Trump ins Weiße Haus ist die Politik in Aufruhr.
Felix Jaitner: Bekennende Ultrarechte wie Georgia Meloni oder Alice Weidel sind plötzlich die
Felix Jaitner: größten Fans der US-Regierung, während eingefleischte Transatlantiker wie Bundeskanzler
Felix Jaitner: Friedrich Merz nach mehr Unabhängigkeit von den USA rufen.
Felix Jaitner: Doch die deutsche Bundesregierung hat bisher jede Forderung Trumps mitgetragen.
Felix Jaitner: Erst die Erhöhung der Verteidigungsausgaben auf 5% des Bruttoinlandsproduktes,
Felix Jaitner: dann das für die EU höchst ungünstige Handelsabkommen mit den USA.
Felix Jaitner: War es das mit den europäischen Unabhängigkeitsbestrebungen?
Felix Jaitner: Darüber spreche ich heute mit Angela Wigger.
Felix Jaitner: Sie ist Professorin für globale politische Ökonomie in Nijmegen.
Felix Jaitner: Wir sprechen darüber, wie die EU strategische Autonomie erreichen will,
Felix Jaitner: wie sie sich dadurch verändert und wie all das aus linker Perspektive zu bewerten ist.
Felix Jaitner: Hallo Angela, herzlich willkommen im Podcast Weltunordnung. Es freut mich sehr, dass du da bist.
Intro: Danke für die Einladung.
Felix Jaitner: Angela, du beschäftigst dich mit globaler politischer Ökonomie und vor allem
Felix Jaitner: mit der EU und in dem Zusammenhang auch Industriepolitik, Wettbewerbspolitik
Felix Jaitner: und den verschiedenen Krisen der EU.
Felix Jaitner: Erzähl uns doch mal bitte, wie du zu diesem Thema gekommen bist.
Angela Wigger: Also die Themen, die treffen mich.
Intro: Die kommen auf mich zu. Also man versteht nicht, was um sich herum passiert
Intro: und probiert sich dann Antworten zu erarbeiten und verstehen,
Intro: also welche Prozesse da jetzt gerade sich abspielen.
Intro: Also ich habe wahrscheinlich 16
Intro: Jahre lang die Wettbewerbspolitik der EU analysiert und auch die der USA.
Intro: Und Wettbewerbspolitik war immer schon Industriepolitik und jetzt,
Intro: wo die Industriepolitik sich neu etabliert und immer prominenter wird,
Intro: ja, dann hat das so einen natürlichen Verlauf genommen, wo ich von der Wettbewerbspolitik
Intro: auf die Industriepolitik übergesprungen bin.
Intro: Also ein Grund, warum ich mir das anschaue, ist auch, weil ich verstehe es eigentlich nicht.
Intro: Also ich verstehe ganz viele Sachen nicht und dann probiert man da etwas tiefgründiger
Intro: zu forschen und da gibt es immer
Intro: wieder neue Dimensionen, die man sich erarbeiten kann und neue Fragen.
Intro: Also das ist ja immer so, wenn man Forschung betreibt, die eine Frage führt zur nächsten Frage.
Felix Jaitner: Etwas, was ich nicht verstehe, ist das strategische Ziel der Europäischen Union,
Felix Jaitner: diese sogenannte strategische Autonomie zu erreichen.
Felix Jaitner: Denn meines Erachtens ist eine solche Forderung ja auch ein Eingeständnis,
Felix Jaitner: nämlich, dass man von Ländern wie etwa der USA oder auch China abhängig ist.
Felix Jaitner: Lange Zeit war es ja so, dass sozusagen auch gegenseitige Abhängigkeiten als
Felix Jaitner: etwas Sinnvolles erachtet wurden.
Felix Jaitner: Also gerade im Verhältnis zu Russland. Wir importieren Rohstoffe,
Felix Jaitner: Energierohstoffe aus Russland und sind deswegen abhängig.
Felix Jaitner: Aber andererseits ist es so, dass die Lieferung von Energierohstoffen aus Russland
Felix Jaitner: in die Europäische Union als dem wichtigsten Absatzmarkt dazu führt,
Felix Jaitner: dass Russland ein Interesse an engen Beziehungen mit uns hat und das verhindert Konflikte.
Felix Jaitner: Und heutzutage sind wir in einer anderen Ära.
Felix Jaitner: Was hat sich aus Brüsseler Sicht eigentlich verändert?
Felix Jaitner: Oder wenn ich das anders formulieren würde, welcher Denkwandel hat im politischen
Felix Jaitner: Establishment stattgefunden?
Intro: Naja, also ganz konkret, die EU hat an wirtschaftlicher und politischer Macht verloren.
Intro: Also das geht zwar nicht nur um die EU, sondern eigentlich die Hegemonie des
Intro: Westens und amerikanischer Vorherrschaft hat sich abgeschwächt und zwar schon
Intro: vor 2008 der Finanzkrise.
Intro: Und dadurch sind Räume entstanden für neue imperialistischen Konkurrenzkämpfe.
Intro: Wir sind im Begriff einer entstehenden multipolaren Ordnung und darin probiert
Intro: die EU, sich zu positionieren.
Intro: Also vor 30 Jahren noch machte die EU ein Viertel der Weltwirtschaft aus und
Intro: heute ist es deutlich weniger und die Prognosen sind düster.
Intro: In 20 Jahren soll Europa nur noch 11 Prozent vom globalen Bruttosozialprodukt
Intro: ausmachen. Also zwischen 1990 und 2010 haben China und Indien ihren Anteil am
Intro: globalen BIP verdoppelt.
Intro: Also chinesische Hersteller haben bei Solarpanels, Batterien und Elektroautos aufgeholt.
Intro: China dominiert bei den Patentanmeldungen und den Zukunftstechnologien immer mehr.
Intro: Und das EU-Handelsdefizit wächst kontinuierlich.
Angela Wigger: Und da gibt es noch weitere Entwicklungen.
Intro: Die man mitnehmen muss. Also erstens zeigt die protektionistische amerikanische
Intro: Zollpolitik und die Infragestellung der NATO-Beistandsverpflichtung,
Intro: dass die EU nicht mehr blind sich auf die USA verlassen kann.
Angela Wigger: Also auch diese.
Intro: Verschiebung geht viel weiter zurück, bereits lange vor Präsident Trumps Amtsantritt.
Intro: Aber die feindselige Haltung der Trump-Administration hat die Diskussion über
Intro: die strategische Autonomie eigentlich abrupt beschleunigt.
Intro: Und gleichzeitig, also es ist auch eine Wechselwirkung, europäische Autonomiebemühungen
Intro: provozieren wieder einen US-amerikanischen Widerstand.
Intro: Und das verstärkt wiederum eigentlich die Sicherheitsängste der EU.
Intro: Und da kommt auch noch dazu, man darf die Covid-19-Pandemie und die Abhängigkeiten
Intro: von EU-Konzernen in transnationalen Lieferketten nicht unterschätzen.
Intro: Also während der Pandemie fehlten plötzlich Masken, Medikamente oder Computerchips.
Angela Wigger: Und man sieht dadurch eigentlich.
Intro: Dass EU-Konzerne stark von Drittländern abhängig sind, also wenn es um den Zugang zu Rohstoffen geht.
Angela Wigger: Und ein weiterer Punkt.
Intro: Der auch ganz wichtig ist, dass wir schon seit Jahrzehnten eine Erosion des
Intro: regelbasierten Multilateralismus beobachten können.
Intro: Also die Welthandelsorganisation steckt seit über 20 Jahren in einer Sackgasse
Intro: und die geopolitischen Rivalitäten zwischen den großen Wirtschaftsmächten,
Intro: also allen voran die USA und China,
Intro: die haben sich in regelrechte Handelskriege verwandelt.
Intro: und auch die Beziehung zwischen der EU und China ist angespannter geworden.
Angela Wigger: Wir sehen, dass die.
Intro: Verlagerung der Produktion in Schwellenländer wie China ihren Höhepunkt überschritten hat.
Intro: Das Offshoring-Modell, das jahrzehntelang die Weltwirtschaft geprägt hat, verlangsamt sich.
Intro: Aber wir können noch nicht genau
Intro: feststellen, inwiefern sich die Wertschöpfungsketten entkoppelt haben.
Intro: Eine andere wichtige Entwicklung ist, dass fast 100 Staaten die Industriepolitik wiederentdeckt haben.
Intro: Also China hat das Programm Made in China 25, Indien hat ein Programm, das heißt Made in India.
Angela Wigger: Dann haben wir Bidens Inflation Reduction Act, Build Back America,
Angela Wigger: America First von Trump.
Intro: Und auch die EU zelebriert eine industrielle Renaissance und setzt auf Nearshoring
Intro: und Reshoring als neue Schlagworte.
Angela Wigger: Und wie du selber gesagt hast.
Intro: Also Russlands zunehmend aggressives Verhalten in Osteuropa und auch der russische
Intro: Angriffskrieg gegen die Ukraine in 2014 und dann wieder in 2022 ist ein Wendepunkt.
Intro: Also die EU will sich zwischen den USA und China als dritte Supermacht etablieren
Intro: und das Konzept der offenen strategischen Automie bietet einen diskursiven Rahmen,
Intro: wo kapitalistische Krisen und die Stärkung von europäischen Akkumulationsstrukturen
Intro: als geopolitische Notwendigkeit umgedeutet werden können.
Intro: Das heißt, geopolitische Beschiebungen werden als Ausgangspunkt genommen,
Intro: um europäisches Kapital in einer sich verändernden Welt zu stärken.
Felix Jaitner: Mein Eindruck bei dieser ganzen Diskussion um Autonomie ist,
Felix Jaitner: dass die Forderung, einerseits unabhängig zu werden von den USA,
Felix Jaitner: stark im Widerspruch steht zum politischen Handeln.
Felix Jaitner: Also das jüngste Handelsabkommen, das abgeschlossen wurde zwischen der EU und den USA,
Felix Jaitner: garantiert den USA zollfreien Zugang zum EU-Binnenmarkt und gleichzeitig akzeptiert
Felix Jaitner: Brüssel 15 Prozent Zölle auf Exporte in die USA.
Felix Jaitner: Seit dem Einmarsch in die Ukraine und dem weitgehenden Importverzicht von russischem
Felix Jaitner: Öl und Gas haben sich ja auch die Energieimporte aus den USA deutlich erhöht
Felix Jaitner: und im Rahmen des Abkommens wurde angekündigt, dass sie noch weiter steigen sollen.
Felix Jaitner: Von den Aufrüstungsprogrammen profitieren ja auch in hohem Maße US-Waffenschmieden
Felix Jaitner: und dadurch erhöht sich die Abhängigkeit von US-amerikanischem Know-how im Rüstungssektor.
Felix Jaitner: Und ich rede jetzt noch gar nicht über den IT-Sektor, der ja stark von US-Unternehmen
Felix Jaitner: geprägt ist, Microsoft, Google, Facebook und so weiter.
Felix Jaitner: Wieso gelingt es der EU eigentlich nicht, im transatlantischen Verhältnis ein
Felix Jaitner: stärker eigenständiges Verhalten aufzubauen?
Intro: Das ist eine ganz, ganz gute Frage. Also die Wirtschaft der EU ist fest in historisch
Intro: gewachsene Abhängigkeitsstrukturen eingebettet, wie du sagst.
Intro: Also die lassen sich nicht kurzfristig auflösen. Also nach dem Zweiten Weltkrieg
Intro: entstand das atlantische System, wo europäische Sicherheit gegen ökonomische
Intro: Öffnung eingetauscht wurde.
Intro: Und bis heute ist das europäische Kapital tief in transatlantische Wertschöpfungsketten integriert.
Intro: Also deutsche Automobilkonzerne sind vom amerikanischen Markt abhängig,
Intro: französische Luxuskonzerne ebenso.
Intro: Und das geht auch über die EU hinaus. Also als Schweizerin verfolge ich die
Intro: Zollverhandlungen der Schweiz mit der USA gerade, die seit gestern 39 Prozent betragen.
Intro: Und also ein großer Streitpunkt ist die Pharmakonzerne.
Intro: Also die Gewinne der Schweizer Pharmakonzerne, Novartis, Sando oder Roche,
Intro: kommen zu 50 Prozent aus den USA.
Angela Wigger: Und diese Verflechtung schafft mächtige Interessenskoalitionen.
Intro: Die eine protektionistische oder autonomieorientierte Politik blockieren.
Intro: Das heißt, das Kapital handelt nach Profitlogik und von daher gibt es auch diese Kompromisslösung.
Intro: Die EU hantiert eine offene strategische Autonomie.
Intro: Und es gibt, wie du sagst, mehrere Abhängigkeiten der EU, also im Technologiesektor.
Intro: Europa ist bei den Halbleitern fast vollständig auf asiatische Produzenten angewiesen.
Intro: Taiwan produziert 60 Prozent der fortschrittlichsten Chips.
Intro: Und wenn man sich beispielsweise den holländischen Konzern ASML in Feldhofen
Intro: anschaut, der produziert ja nur die Maschinen, die hochwertige Halbleiter produzieren können.
Angela Wigger: Und diese Konzentration einer Industrie.
Intro: Wo eigentlich die ganze moderne Volkswirtschaft vollständig davon abhängig ist,
Intro: kreiert Abhängigkeiten.
Intro: Und auch die amerikanisch dominierten Software-Infrastruktur,
Intro: also die ganzen Betriebssysteme, die wir brauchen von Windows,
Intro: iOS, Android, ganzen Cloud-Infrastrukturen kommen größtenteils aus der USA.
Angela Wigger: Und dann gibt.
Intro: Es noch Europas Abhängigkeit von Gas- und Ölimporten, wie du auch genannt hast,
Intro: und die Rohstoffabhängigkeit.
Intro: Also vor dem Ukraine-Krieg hat Europa etwa 40 Prozent seines Gases aus Russland importiert.
Intro: Und wenn man sich die Rohstoffe anschaut, China kontrolliert einen Großteil
Intro: der Lieferketten für seltene Erden und kritische Mineralien,
Intro: die man für Batterien und Solarpanels und Elektroautos braucht oder Windturbinen.
Intro: Und man kann sehen, also die chinesischen Exportbeschränkungen seit April von
Intro: diesem Jahr, die zeigen auf, wie verwundbar europäische Konzerne sind.
Angela Wigger: Also wir können gerade in Deutschland.
Intro: Aber auch Frankreich immer mehr sehen, wie ganze Betriebe geschlossen werden
Intro: müssen, weil die Rohstoffe fehlen.
Felix Jaitner: Versuchen wir nochmal zu diesem Begriff strategische Autonomie zurückzukommen.
Felix Jaitner: Was bedeutet der eigentlich genau oder was versteht die EU unter diesem Begriff?
Intro: Also eigentlich die EU ist unglaublich clever, wenn es um Leitmotive geht.
Angela Wigger: Also bei Autonomie geht es um Selbstbestimmung.
Intro: Selbstbestimmung, eigentlich um die Fähigkeit, selber Entscheidungen treffen
Intro: zu können und frei von äußeren Zwängen und also wenn man auf das Griechische
Intro: zurückgeht, Autos selbst und Nomos, Normengesetze,
Intro: das heißt, dass man sich selber Gesetze geben kann und unabhängig handeln.
Intro: Also Autonomie heißt nicht Autarkie oder Abschottung oder die Absage an Allianzen,
Intro: sondern es geht um die Selbstbestimmung.
Intro: Und im europäischen Kontext hat strategische Autonomie eine ganz lange politische Genealogie.
Intro: Also das geht zurück auf De Gaulle, der eine Sicherheitspolitik verfolgte von
Intro: der nationalen Unabhängigkeit,
Intro: womit er Frankreich aus der Kommandostruktur der NATO führen wollte und von
Intro: Frankreich eine unabhängige nukleare Streitmacht machen wollte.
Angela Wigger: Und dann im.
Intro: Kontext der EU wurde der Begriff strategische Autonomie auch in erster Instanz
Intro: im Bereich der Verteidigungs- und Sicherheitsfragen institutionalisiert.
Intro: Also der Begriff tauchte irgendwie in den 2010er Jahren in EU-Dokumenten auf,
Intro: wo es darum ging, die Verteidigungsindustrie zu stärken und dann wurde der Begriff
Intro: weiter gebraucht für allgemeine Außen- und Sicherheitspolitik der EU-Dokumenten.
Intro: Und schlussendlich wurde der
Intro: Begriff noch weiter ausgeweitet zur offenen strategischen Autonomie und
Angela Wigger: Wird jetzt in fast allen.
Intro: EU-Wirtschaftsbereichen verwendet. Also von der EU-Handelsstrategie,
Intro: Wettbewerbspolitik, Industriepolitik, Sicherheitspolitik, Entwicklungspolitik.
Intro: Und also man muss den Begriff der offenen strategischen Autonomie als eine hegemoniale
Intro: Diskursstrategie der EU verstehen,
Intro: also wo es, wie Gramsci es nennen würde, um die Produktion eines Common Sense
Intro: geht, also der Einbindung von verschiedenen gesellschaftlichen Gruppen in ein hegemoniales Projekt.
Intro: Also die EU-Institutionen probieren mit dem Begriff einerseits die divergierenden Mitgliedstaaten,
Intro: aber auch die verschiedenen Klasseninteressen unter einem Banner,
Intro: also der offenen strategischen Autonomie zu vereinen.
Intro: Also es ist eine Art Legitimationsnarrativ, das bewusst auch vage gehalten wird.
Intro: Also Poststrukturalisten wie Ernesto Laclau oder Chantal Mouffe würden das einen
Intro: Floating Signifier nennen.
Intro: Also es geht darum, dass die Interessen von verschiedenen politischen Akteure
Intro: bedient werden können oder dass diese Akteure auch ihre Interessen in das Konzept
Intro: reinprojizieren können.
Intro: und gleichzeitig geht es darum, um mit diesem Begriff eigentlich die Förderung
Intro: spezifischer Akkumulationsmodelle von europäischen Kapitalfraktionen zu fördern.
Intro: Und die Europäische Kommission selber gibt dann, dass sie ihre Selbstständigkeit
Intro: und Unabhängigkeit in kritischen Bereichen stärken will, während sie offen für
Intro: den globalen Handel und Kooperation bleiben will.
Intro: Also quasi im Stil so offen wie möglich und so autonom wie nötig.
Intro: Aber was das jetzt genau bedeutet, also was bedeutet autonom,
Intro: gegenüber wem, in welchen Bereichen, mit welchem Grad der Unabhängigkeit,
Intro: das lässt die Kommission bewusst offen.
Intro: Das heißt, das ist dann die Arbeit von Politikökonomen, um sich zu erarbeiten,
Intro: wie sich das dann manifestiert.
Intro: Und diese semantische Flexibilität ist kein Zufall, sondern politisch funktional.
Intro: Also der Begriff, der kann je nach politischer Konjunktur ad hoc für die Legitimierung
Intro: von entweder einer dirigistischen oder protektionistischen Industriepolitik eingesetzt werden,
Intro: aber auch für Diversifizierungsstrategien oder eine neoliberale Deregulierung
Intro: und Freihandelspolitik.
Intro: Also vielleicht um ein Beispiel zu geben,
Angela Wigger: Im Namen der öffnen.
Intro: Strategischen Autonomie rechtfertigt die EU sowohl massive Staatsintervention
Intro: im Chipsektor, also wenn es um die Halbleiter geht,
Intro: Und kann gleichzeitig die Förderung von europäischen Tech-Champions durch Deregulierung
Intro: legitimieren, also damit die europäischen Betriebe mit Google und Alibaba konkurrieren können.
Angela Wigger: Das heißt, also.
Intro: Gegenüber China kann strategische Autonomie wirtschaftliche Abkoppelung bedeuten
Intro: und eine Entflechtung von transnationalen Lieferketten.
Angela Wigger: Gegenüber der USA kann es eine.
Intro: Selektive Emanzipation bedeuten, wo einerseits eine größere
Angela Wigger: Unabhängigkeit von den USA.
Intro: In der Verteidigung angestrebt wird, ohne jedoch die transatlantische Partnerschaft
Intro: komplett aufgeben zu wollen.
Angela Wigger: Und gegenüber dem.
Intro: Globalen Süden bedeutet Offenheit eigentlich in erster Instanz der Zugang von
Intro: europäischen Kapitalstrom zu kritischen Rohstoffen oder dann eigentlich zur
Intro: Legitimierung einer neoimperialen Politik,
Intro: wo EU-Konzerne neue Billiglohnländer erschließen können.
Felix Jaitner: Wir haben ein sich veränderndes geopolitisches Umfeld, in dem wir den Aufstieg
Felix Jaitner: südostasiatischer Staaten wie China und Indien beobachten, die ökonomisch,
Felix Jaitner: aber damit zusammenhängend auch politisch an Bedeutung gewinnen.
Felix Jaitner: Wir haben Strategien der USA, darauf
Felix Jaitner: zu reagieren durch eine verschärfte Wirtschaftspolitik und
Felix Jaitner: Zollpolitik und auch aggressive Politik und wir haben einen ökonomischen Bedeutungsverlust
Felix Jaitner: der EU und darauf reagieren die exportorientierten Kapitalfraktionen im Verbund
Felix Jaitner: mit politischen Kräften mit einer Strategie der strategischen Autonomie, in dem versucht wird,
Felix Jaitner: auf diese veränderte Situation zu reagieren,
Felix Jaitner: durch eine Verlagerung von Wertschöpfungsketten aus dem Ausland zurück in die
Felix Jaitner: EU, aber auch durch protektionistische Maßnahmen,
Felix Jaitner: staatsinterventionistische Politik in der Wirtschaft- und Finanzpolitik,
Felix Jaitner: diese spezifischen Sektoren zu stärken.
Felix Jaitner: Habe ich das richtig verstanden?
Angela Wigger: Ja, das ist eine wunderbare Zusammenfassung.
Music:
Felix Jaitner: Dann lass uns doch nochmal über die politische Dimension der Autonomiebestrebungen sprechen.
Felix Jaitner: In welchen Bereichen soll Autonomie erreicht werden und welche Maßnahmen ergreift
Felix Jaitner: die EU-Kommission dazu?
Intro: Wo wir ganz viele Entwicklungen sehen, gerade jetzt in den letzten drei,
Intro: vier, fünf Jahren, ist einerseits in der Förderung von digitalen und grünen Technologien.
Intro: Und das geht dann davon aus, dass so eine digitale Transformation der europäischen
Intro: Industrien eigentlich eine grüne Transformation ermöglichen soll.
Intro: Also das ist schon ein ziemlicher Widerspruch.
Angela Wigger: Und was auch ganz wichtig zu benennen ist.
Intro: Dass was als Klimarettung verkauft wird, in erster Instanz ein Wettbewerbsprogramm der EU ist.
Intro: Also die Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen hat selber gesagt,
Intro: dass es darum geht, das Rennen um grüne Technologie-Wertschöpfungsketten zu gewinnen.
Intro: Also es geht nicht darum, den Kapitalismus zu dekarbonisieren,
Intro: sondern es geht eigentlich um ein neues EU-Wachstumsprogramm zu fördern,
Intro: Also der Green Deal von 2019 ist nichts anderes als ein Wachstumsprogramm,
Intro: womit Klimaneutralität bis 2050 erreicht werden soll.
Intro: Und man sieht das auch, dieses Jahr wurde der Clean Industrial Deal angenommen
Intro: und die Zielsetzung ist, man spricht davon, von globalen Wettbewerbsfähigkeit
Intro: und Sicherung der Zukunft der Fertigung in Europa.
Intro: Das heißt, als Klimaschutz wurde Industriepolitik, aus Grün wurde Clean Tech
Intro: und wann immer die Wettbewerbsfähigkeit und Klimaziele kollodieren,
Intro: gewinnt die Wettbewerbsfähigkeit.
Intro: Also den Schlüsselbereichen, wo die EU eine strategische Autonomie anstrebt.
Intro: Wir sehen das bezüglich der technologischen Souveränität.
Intro: In 2023 wurde der European Chips Act angenommen.
Angela Wigger: Also da geht es um die Halbleiterindustrie.
Intro: 43 Milliarden Euro sollen für heimische Chip- oder Halbleiterproduktion mobilisiert werden.
Intro: Und das Ziel ist dann, dass der Weltmarktanteil der EU bei den fortschrittlichen
Intro: Chips von 8% auf 20% steigen wird bis 2030.
Angela Wigger: Und auch in Sachen digitaler Infrastruktur sehen wir das GAIA-X-Projekt.
Intro: Das soll eine europäische Cloud-Alternative zu Amazon Web Services und so weiter schaffen.
Intro: Diesbezüglich wurde der Digital Service Act angenommen und der Digital Markets Act.
Intro: Und das sind eigentlich so zwei Acts, die vor allem die amerikanischen Tech-Giganten
Intro: zu regulieren probieren.
Angela Wigger: Und auch in der.
Intro: Künstlichen Intelligenz sehen wir den EU-AI-Act. Also das ist auch interessant.
Intro: Auf einmal nimmt die EU überall Acts an. Also aus dem Amerikanischen wird das kopiert.
Intro: Wir sehen also bei der künstlichen Intelligenz Horizon Europe-Programme.
Intro: Die probieren auch den Schwerpunkt auf KI zu setzen.
Intro: Und wenn es um die Energie- und Rohstoffautonomie geht, dann haben wir einen
Intro: Repower-EU-Plan, wo es darum geht,
Intro: eigentlich die Energieunabhängigkeit von Russland zu befördern und dann konkrete
Intro: Massnahmen sind, um die Solarkapazität zu erhöhen,
Intro: Wärmepumpen installieren oder gemeinsame Gaseinkäufe zu machen,
Intro: also durch eine EU-Energy-Plattform.
Intro: Und auch ein wichtiger Act ist der Critical Raw Materials Act,
Intro: wo es darum geht, dass 10 Prozent der kritischen Rohstoffe in Europa gefördert
Intro: werden und die sollen auch in Europa verarbeitet werden zum gewissen Konsenssatz.
Intro: Und dass die maximale Abhängigkeit von einem Drittland bezüglich kritischen
Intro: Rohstoffen auf 65 Prozent begrenzt wird.
Intro: Also wenn man sich beispielsweise Lithium anschaut, die EU probiert Lithium-Minen
Intro: in Portugal und Serbien zu entwickeln und gleichzeitig auch die Recycling-Kapazitäten auszubauen.
Intro: Und momentan ist die EU in Sachen Lithium, also wird über 80 Prozent aus Chile
Intro: importiert und man will das ein bisschen ausvalancieren und divergieren.
Intro: Ein weiterer Punkt, wo wir konkrete Maßnahmen sehen,
Angela Wigger: Ist die European Battery Alliance.
Intro: Da werden über 100 Milliarden Euro Gefahrte und öffentliche Investitionen für
Intro: die gesamte Batteriewertschöpfungskette eingesetzt.
Angela Wigger: Und dann ja, die Verteidigungsautonomie, also der Europäische Verteidigungsfonds,
Angela Wigger: da geht es um 8 Milliarden Euro für gemeinsame Rüstungsprojekte.
Angela Wigger: Da gibt es auch verschiedene Initiativen, also Future Combat Air System.
Intro: Wo Deutschland, Frankreich und Spanien eigentlich den Eurofighter ersetzen wollen
Intro: bis 2040 und da sind auch Gelder dafür reserviert. und auch nicht zu unterschätzen
Intro: ist die EU-Space-Programme.
Intro: Also da wird ein Projekt entwickelt, das heißt IRIS, da geht es um europäische
Intro: Satelliten-Internet-Verbindungen als Alternative zu Starlink.
Intro: Und ich könnte noch weitergehen, also es gibt ganz viele Projekte und was diese
Intro: Maßnahmen zeigen, das ist,
Intro: Im Ansatz geht es um eine Reduzierung von kritischen Abhängigkeiten.
Intro: Also die Umsetzung davon wird noch Jahre dauern und es fragt nach erheblichen Investitionen.
Felix Jaitner: Darauf wollte ich zu sprechen kommen.
Felix Jaitner: Also du hast jetzt eine Vielzahl von verschiedenen Bereichen benannt,
Felix Jaitner: in denen die Europäische Union versucht, durch gezielte Investitionen in bestimmte
Felix Jaitner: Technologien und Lieferketten unabhängiger zu werden.
Felix Jaitner: Aber der Aufbau von diesen Industrien oder auch Zukunftstechnologien erfordert
Felix Jaitner: eben unglaublich viel Geld.
Felix Jaitner: Und in einem deiner Texte, die packe ich später noch in die Shownotes,
Felix Jaitner: da schreibst du davon, dass ausgerechnet die Finanzierung dieser Programme wie
Felix Jaitner: den Green Deal ein Schwachpunkt sei. Kannst du das nochmal genauer sagen?
Intro: Also die Europäische Kommission schätzt selber, dass bis 2030 mindestens eine
Intro: Billion Euro zusätzliche Investitionen nur für grüne Technologien gebraucht werden.
Angela Wigger: Und um gleichzeitig im Konkurrenzkampf bestehen zu können, müssen eigentlich die.
Intro: Heutigen Investitionsniveaus um ein Viertel pro Jahr erhöht werden.
Intro: Also es geht darum, dass eigentlich die gefragten Investitionen auf 5 Trillionen rauskommen.
Angela Wigger: Aber die EU hat praktisch kein Geld.
Intro: Also die EU ist ein Riese ohne Fiskalität. 27 Mitgliedstaaten mit fast 450 Millionen
Intro: Menschen, aber das jährliche EU-Haushaltsbudget ist vergleichbar mit dem von Dänemark.
Angela Wigger: Und die EU darf keine Schulden machen.
Intro: Das ist in den Verträgen so geregelt. Also die USA, die kann Government Bonds,
Intro: also Staatsanleihen ausgeben und kann ein Haushaltsdefizit haben und die EU
Intro: darf das offiziell nicht.
Angela Wigger: Und die EU kann auch keine Steuern erheben oder.
Intro: Steuererleichterungen an verschiedene Konzerne anbieten oder die EU kann so
Intro: gut wie keine Steuern erheben.
Intro: Und in einer Welt, wo die USA unter beiden Billionen für den Inflation Reduction
Intro: Act ausgegeben hat und auch China großzügige staatliche Investitionen machen kann,
Intro: stellt sich die Frage, wie die EU ihre Industrieprogramme ohne Geld finanzieren kann.
Angela Wigger: Und das Interessante ist.
Intro: Dass trotz der begrenzten Haushaltsmittel der EU die Kommission eigentlich verschiedene
Intro: öffentlich-private Finanzierungsstrategien zusammengeführt hat.
Intro: Das Resultat ist ein großer Flickenteppich von verschiedenen Finanzierungsquellen.
Intro: Also wir haben dazu zum einen,
Angela Wigger: Dass die seit langem bestehenden EU-Strukturfonds.
Intro: Die ursprünglich für die regionale Entwicklung gedacht waren,
Intro: verstärkt für industriepolitische Zwecke umgeleitet werden.
Intro: Also der Kohäsionsfonds der EU ist ein grosses EU-Industriefinanzierungsfonds geworden.
Angela Wigger: Gleichzeitig hat die Kommission die Regeln für staatliche Beihilfen auf nationaler
Angela Wigger: Ebene erheblich gelockert. Das heißt, die.
Intro: EU-Mitgliedstaaten dürfen jetzt viel größtügiger ihre eigenen Unternehmen subventionieren,
Angela Wigger: Ohne dass da Brüssel eingreift.
Intro: Und besonders interessant ist dabei eigentlich das Instrument von wichtigen
Intro: Vorhaben für gemeinsame europäische Interessen, also auf Englisch the Ipsace.
Intro: Und diese ermöglichen eigentlich praktisch eine unbegrenzte Subvention für strategische
Intro: Schlüsselsektoren wie Batterien, Mikroelektronik, Wasserstoff,
Intro: Cloud und Edge Computing, auch Investitionen in die Gesundheitsindustrie.
Angela Wigger: Und dazu kommt, dass die EU gleichzeitig auch zunehmend Anleihen auf den Kapitalmärkten
Angela Wigger: aufnimmt und zwar im Namen der EU-Mitgliedstaaten.
Angela Wigger: Das heißt, die EU selber als Rechtsperson darf keine Schulden machen und keine Defizite haben.
Intro: Aber die Kommission kann auf Basis von einem Mandat Anleihen ausgeben auf den
Intro: Kapitalmärkten und so eigentlich schuldenbasiert Gelder reinholen,
Intro: die in die Industriepolitik fließen.
Angela Wigger: Und das ist ziemlich revolutionär, denn wir sprechen hier von einer faktisch
Angela Wigger: gemeinsamen Verschuldung.
Intro: Also die Kommission nutzt dann das kollektive AAA-Rating von den 27 Mitgliedstaaten,
Intro: also eine Art kollektive Bürgschaft von den EU-Staaten füreinander.
Angela Wigger: Und das wäre noch vor ein paar Jahren, wäre das undenkbar gewesen.
Angela Wigger: Und dann gibt es noch einen weiteren Punkt.
Intro: Der EU-Haushalt fungiert zusammen mit den gemeinsam
Angela Wigger: Aufgenommenen Schulden als.
Intro: Sicherheit, die den Investoren Renditen garantieren sollen.
Angela Wigger: Und ein Herzstück davon ist InvestEU und das ist ein Risikokapazitätsmechanismus,
Angela Wigger: das sind ganz technische Wörter und wie der Name schon sagt,
Angela Wigger: also die EU investiert nicht selber.
Intro: Also das heißt nicht EU invest, sondern InvestEU, das heißt die EU übernimmt
Intro: die Risiken für Investoren,
Angela Wigger: Das nennt man De-Risking oder Entrisikum.
Intro: Und InvestEU basiert auf 26 Milliarden Euro an EU-Haushaltsgarantien.
Angela Wigger: Also da gibt es eine Reservierung vom EU-Budget von 26 Milliarden Euro und damit
Angela Wigger: will die EU eigentlich 400 Milliarden Euro an weiteren Investitionen mobilisieren.
Angela Wigger: Also es geht um einen Hebel von 1 zu 14. Jeder Euro, der garantiert wird.
Intro: Soll 14 weitere Euro an neuen Investitionen nach sich ziehen.
Angela Wigger: Und was die EU mit InvestEU macht, also die EU übernimmt mit der Haushaltsreservierung
Angela Wigger: das Ausfallrisiko von Investoren, investiert aber nicht selbst.
Intro: Also sie sagt im Prinzip zu privaten Investoren, wenn eure Investition in Windparks
Intro: oder Batterietechnologie schief geht, dann springen wir ein.
Felix Jaitner: Darf ich dich unterbrechen? Werden die Investoren entschädigt,
Felix Jaitner: falls ein bestimmtes Projekt scheitert? Das habe ich noch nicht ganz verstanden.
Intro: Also es geht dadurch, dass man private oder auch öffentliche Gelder von den
Intro: Mitgliedstaaten in Bereiche lockt, die normalerweise zu riskant gelten.
Intro: Und die EU garantiert dann einen gewissen Prozentsatz, also sehr oft bis 80 Prozent,
Angela Wigger: Aber das können auch 100 Prozent sein oder.
Intro: Höher als 80
Angela Wigger: Prozent.
Intro: Das wissen wir nicht, das ist sehr intransparent.
Intro: Also bis 80 Prozent vom Investitionsrisiko von Finanzintermediären,
Angela Wigger: So wird das genannt, wird abgedeckt. Also es ist so.
Intro: Wie wenn jemand sagen würde, spiele Roulette und wenn du gewinnst,
Intro: gehört dir der Gewinn und wenn du verlierst, zahle ich. Also die Profite darf
Intro: die Privatwirtschaft einkassieren,
Angela Wigger: Aber das Risiko und ein Teil des Risikos.
Intro: Wird durch die EU getragen. Also das heißt, während normale Subventionen nur
Intro: einmal ausgegeben werden können, kann die EU ihre Garantien immer wieder als
Intro: Sicherheit anbieten, um neue private Investoren anzulocken. Das ist die Idee.
Intro: Also vorausgesetzt, dass diese nicht zu Ausfällen leiten. Und die EU hat ja,
Intro: also die Europäische Kommission hat da nicht die administrative Kapazität, um das zu machen.
Intro: Das heisst, 75 Prozent von diesen Garantien fliessen durch die Europäische Investitionsbankgruppe
Intro: und die restlichen 25 Prozent wickelt die Kommission selber ab.
Intro: Und die Finanzintermediäre, das können öffentliche Entwicklungsbanken sein oder kommerzielle Banken,
Angela Wigger: Private Equity, Venture Capital, Venture Debt, Angel Investors.
Intro: Also alles, was ein bisschen nach Geld riecht und Geld isst,
Intro: wird auf diese Weise mobilisiert.
Angela Wigger: Was auch interessant ist.
Intro: Also diese Finanzintermediäre, die werden als Durchleitungsstellen betrachtet und
Angela Wigger: Dass das Risiko öffentlich.
Intro: Getragen wird von den Investitionen von diesen Finanzintermediären,
Angela Wigger: Das wird nicht als Staatsbeihilfe gesehen.
Intro: Und diese Finanzintermediäre, die haben das primäre Ziel, um kurzfristig ihre Profite zu maximieren.
Angela Wigger: Und gleichzeitig entscheiden diese.
Intro: Wer Finanzierung erhält und unter welchen Bedingungen.
Angela Wigger: Und da kommen wir eben auf die grundlegenden Schwächen von diesem System.
Angela Wigger: Also erstens bleibt die EU völlig abhängig davon, ob private Investoren überhaupt Lust haben.
Intro: Damit zu machen.
Angela Wigger: Und wenn die Marktbedingungen schlecht sind oder die Renditeerwartungen nicht stimmen.
Intro: Passiert dann halt einfach nichts, also trotz der EU-Garantien.
Angela Wigger: Zweitens führt das System auch dazu.
Intro: Dass letztendlich die Profitlogik von privaten Investoren darüber entscheidet,
Angela Wigger: Wo und wie in Europas Zukunft investiert wird. Also die Finanzakteure bestimmen damit das Tempo.
Intro: Und die Richtung
Angela Wigger: Der grünen Transformation.
Intro: Die EU kann zwar Schwerpunkte setzen, aber am Ende müssen die Projekte für die
Intro: privaten Geldgeber addaktiv sein.
Angela Wigger: Und damit hat die EU die Kontrolle über ihre grüne Zukunft an die Finanzmärkte abgegeben.
Angela Wigger: Das heißt, öffentliche Gelder fließen in private Akkumulation.
Intro: Während die gesellschaftliche Kontrolle ausbleibt. Und das ist total absurd,
Intro: wenn man sich dann auch die konkreten Vorgaben anschaut.
Angela Wigger: Von den Invest-EU-Mitteln müssen nur 30 Prozent in die sogenannte grüne Kategorie fließen.
Angela Wigger: Das bedeutet im Umkehrschluss, dass 70 Prozent der Gelder auch in völlig andere
Angela Wigger: Bereiche investiert werden können.
Angela Wigger: Also beispielsweise auch die Rüstungsindustrie oder in die Industrien.
Intro: Die auf fossilen Brennstoffen basieren.
Felix Jaitner: Also das, was du ja hier beschreibst, ist eben kein öffentlich finanziertes
Felix Jaitner: Investitionsprogramm zur Finanzierung eines sozialökologischen Umbaus oder zumindest
Felix Jaitner: auch einer Dekarbonisierung der Industrie,
Felix Jaitner: sondern was du ja beschreibst, ist ja eigentlich ein Instrument,
Felix Jaitner: private Investoren anzulocken durch Hebelwirkung.
Felix Jaitner: Also du hast es eben gesagt, für den ökologischen Umbau der EU wird geschätzt,
Felix Jaitner: dass circa 5 Billionen Euro mobilisiert werden müssen.
Felix Jaitner: Diese Gelder sind aber jetzt erstmal nur eine angestrebte Zahl,
Felix Jaitner: weil das, was die EU erhofft, durch private Investitionen zu mobilisieren,
Felix Jaitner: ist dann vielleicht diese Summe.
Felix Jaitner: Aber es ist ja gar nicht klar, ob das überhaupt erreicht werden kann, richtig?
Felix Jaitner: Also das ist ja eine Chimäre, die wir hier letztendlich sehen.
Intro: Absolut.
Angela Wigger: Also mit diesem Programm sieht es so aus.
Intro: Als ob die EU in der grünen Transformation unglaublich aktiv ist,
Intro: aber gleichzeitig sind die CO2-ausstoßenden Industrien, die werden links liegen gelassen.
Intro: Also man agiert durch die Kapitalmobilisation von den Clean-Tech- und Green-Tech-Industrien,
Angela Wigger: Handelt aber nicht.
Intro: Wenn es um die Dekarbonisierung von bestehenden Industrien geht.
Intro: Also es ist so eine Scheinbewegung und also mit der Idee, dass das schlussendlich
Intro: werden diese Akkumulationsprozesse von grünen Technologien,
Angela Wigger: Das wird sich so ausweiten.
Intro: Dass sie dann automatisch irgendwann
Intro: in der Zukunft die fossilbasierten Industrien ausfasieren würden.
Intro: Aber man muss dann nicht handeln, wenn es um die fossilen Industrien geht.
Felix Jaitner: Eine Frage, die ich dir noch stellen möchte, die bezieht sich auf die Frage
Felix Jaitner: der demokratischen Kontrolle dieser Investitionen.
Felix Jaitner: Du hast gesagt, dass bestimmte Programme und Fonds, wie beispielsweise der Strukturfonds
Felix Jaitner: der EU, umgewidmet werden für die Industriepolitik.
Felix Jaitner: Vor dem Hintergrund, dass die EU aus verfassungsrechtlichen Gründen,
Felix Jaitner: die sie sich ja selber gegeben hat, nicht dazu in der Lage ist,
Felix Jaitner: großumfängliche öffentliche Investitionen durchzuführen.
Felix Jaitner: Und du schreibst aber auch in Texten, dass das EU-Parlament oder der Rechnungshof
Felix Jaitner: keine formalen Mitsprache oder Interventionsmöglichkeiten besitzen.
Felix Jaitner: Das heißt, das ist ein Vorgehen, das mich stark an die Eurozonen-Krise erinnert,
Felix Jaitner: als die EU-Kommission milliardenschwere Pakete zur Bankenrettung geschnürt hat
Felix Jaitner: und dazu auch eigene Institutionen geschaffen hat, also beispielsweise in den
Felix Jaitner: Europäischen Finanzstabilisierungsfazilität,
Felix Jaitner: kurz EFSF,
Felix Jaitner: oder später auch den Europäischen Stabilitätsmechanismus ESM,
Felix Jaitner: der bis heute existiert.
Felix Jaitner: Ist das Zufall oder verrät das auch etwas
Felix Jaitner: über eine bestimmte Form der Politikgestaltung und Kontrolle in der EU?
Angela Wigger: Ja, also diese Parallelität ist absolut kein Zufall.
Intro: Also das ist das Herzstück von einer systematischen Entdemokratisierung der
Intro: europäischen Wirtschaftspolitik, also zugunsten der Kontinuierung von Kapitalakkumulation.
Angela Wigger: Also was wir hier beobachten, ist die bewusste Schaffung einer Parallelstruktur.
Intro: Die demokratische Kontrolle umgeht und eigentlich eine neoliberale Agenda durchsetzt.
Angela Wigger: Und der Europäische Rechnungshof.
Intro: Der kontrolliert alles, was außerhalb vom Budget passiert, nicht mit.
Angela Wigger: Das heißt also, die EU hat ein Finanzierungslabyrinth geschaffen.
Intro: Das eigentlich so komplex ist, dass sogar die EU-Kommission zeitweise den Überblick
Intro: verloren hat und externe Experten anheuern musste.
Angela Wigger: Das war noch vorher in West-EU.
Intro: Da hat die EU 36 verschiedene Finanzinstrumente angewendet und gleichzeitig
Intro: waren da 43 verschiedene Fonds
Angela Wigger: Und das Europäische Parlament hat sich eigentlich schon seit Jahren beklagt.
Intro: Dass diese hochkomplexe und intransparante Galaxien von Fonds und Instrumenten
Intro: um den EU-Haushalt eigentlich die demokratische Kontrolle erschweren.
Intro: Also was wir sehen, ist eine schleichende Entdemokratisierung der europäischen
Intro: Wirtschaftspolitik im Namen des Klimaschutzes.
Angela Wigger: Also diese Mechanismen funktionieren bewusst außerhalb demokratischer Strukturen.
Intro: Weil man weiß ja, dass eine solche Politik niemals eine Mehrheit finden würde.
Felix Jaitner: Ich würde gerne noch eine weitere Frage stellen.
Felix Jaitner: Und zwar würde ich gerne mit dir noch thematisieren das Verhältnis von Industriepolitik
Felix Jaitner: und Sicherheitspolitik.
Felix Jaitner: Ich habe dazu ein interessantes Zitat gefunden von Martin Gornick vom Deutschen
Felix Jaitner: Institut für Wirtschaftsforschung.
Felix Jaitner: Der sagt, dass die Interventionen in den USA, aber auch in Europa weniger industriepolitisch motiviert sind,
Felix Jaitner: sondern ganz bewusst Effizienzverluste als sicherheitspolitische Versicherungsprämie,
Felix Jaitner: so nennt er das, in Kauf nehmen.
Felix Jaitner: Und der Grundgedanke dieser geoökonomischen Maßnahmen ist eben nicht,
Felix Jaitner: einen beidseitigen wirtschaftlichen Vorteil zu erzielen, wie das jetzt in der
Felix Jaitner: neoliberalen Globalisierung immer argumentiert wurde.
Felix Jaitner: Also wir bauen Handelsschranken und tarifäre Handelshindernisse ab und durch
Felix Jaitner: den intensivierten Handel gibt es einen allgemeinen Wohlstandsgewinn,
Felix Jaitner: sondern was letztendlich hier ist, es gibt ein Streben nach geostrategischen Vorteilen.
Felix Jaitner: Und mich treibt diese Frage um, ob im Angesicht der sich verschärfenden geopolitischen
Felix Jaitner: Konkurrenz bewusst neoliberale Orientierungen außer Kraft gesetzt werden.
Felix Jaitner: Was ist dein Eindruck dazu?
Intro: Neoliberalismus war nie statisch, sondern immer in Bewegung.
Angela Wigger: Und Neoliberalismus sieht man immer in widersprüchlicher Koexistenz mit anderen
Angela Wigger: Ideen und Rationalitäten.
Intro: Also gerade in Bezug auf die Finanzierung der Industriepolitik sehen wir keineswegs
Intro: das Ende des Neoliberalismus, sondern eher eine Vertiefung und Anpassung an
Intro: eine veränderte Krisenkonstellation.
Angela Wigger: Also Neoliberalismus ist nicht gleichzusetzen mit staatlichem Rückzug.
Intro: Also Industriepolitik war sowieso nie weg, auch im Höhepunkt von der neoliberalen
Intro: Restrukturierung der EU.
Intro: Eigentlich im Gegenteil, also in dieser Zeit eigentlich auch wurde die ausgebaut.
Intro: Also es geht nicht darum, ob der Staat oder die EU interveniert,
Intro: sondern es geht um den gesellschaftlichen Zweck dieser Intervention.
Angela Wigger: Also wenn wir sehen.
Intro: Dass wirtschaftliche Entscheidungen systematisch vor formalen demokratischen
Intro: Eingriffen isoliert werden und dass technokratische Experten die Kontrolle über
Intro: politische Entscheidungen übernehmen, dann ist das ein Hauptcharakteristikum vom Neoliberalismus.
Intro: Also Wirtschaftspolitik wird
Intro: als technische Angelegenheit dargestellt und nicht als politische Wahl.
Angela Wigger: Und gleichzeitig sehen wir.
Intro: Dass der gesellschaftliche Dissens immer mehr unterdrückt wird oder kanalisiert
Intro: wird und die Exekutivmacht systematisch gestärkt auf Kosten der demokratischen
Intro: Kontrolle durch Parlamente,
Angela Wigger: Aber auch durch den Europäischen Rechnungshof.
Intro: Und dass private, gewinnorientierte Akteure öffentliche Aufgaben übernehmen.
Angela Wigger: Also seit der 90er sehen wir die Public-Private Partnerships.
Intro: Die zur Norm geworden sind. Und die Finanzierung von der EU-Industriepolitik
Intro: durch so ein Mechanismus wie InvestEU
Angela Wigger: Ist nichts anderes als eine Public-Private Partnership.
Intro: Wo Finanzakteure zu zentralen Akteuren der Wirtschaftsführung werden und Finanzmarktlogiken
Intro: alle Bereiche der Gesellschaft durchdringen und eigentlich eine schuldengetriebene
Intro: Akkumulationsregime befördern.
Intro: Also das ist keine neue Erfindung, sondern eigentlich die
Angela Wigger: Konsolidierung und Vertiefung von Public-Private-Partnership-Instrumenten.
Intro: Die bereits in den 90er Jahren entwickelt wurden.
Angela Wigger: Also das Finanzkapital übernimmt Gatekeeping-Funktionen, wenn es um.
Intro: Die Allokation von öffentlichen Ressourcen geht.
Angela Wigger: Die privaten Finanzintermediäre bestimmen.
Intro: Welche Unternehmen Finanzierung erhalten,
Angela Wigger: Während sie nur einen Bruchteil der Investitionsrisiko tragen müssen.
Angela Wigger: Und das Programm privilegiert systematisch finanzmarktgetriebene Akkumulationsregime.
Angela Wigger: Und die Risikostruktur in solchen Private-Public-Partnerships ist immer sehr asymmetrisch.
Intro: Also wie gesagt, die öffentliche Risikoabdeckung erreicht sehr häufig 80 Prozent
Intro: oder mehr, während private Profite privatisiert bleiben.
Angela Wigger: Also die EU-Investierungsprogramme zeigen eigentlich die neoliberale Widerstandsfähigkeit.
Intro: Also die Fähigkeit von einer Ideologie,
Angela Wigger: Sich an veränderte Bedingungen anzupassen, ohne dass die Grundlogik aufgegeben wird.
Angela Wigger: Also es geht nicht um einen Bruch mit neoliberalen Praktiken,
Angela Wigger: sondern um die institutionelle Vertiefung.
Intro: Und das geschieht unter dem Deckmantel von grüner und geopolitischer Rhetorik.
Felix Jaitner: In der kritischen EU-Forschung wurde ja lange Zeit argumentiert,
Felix Jaitner: dass in der EU zwei Modelle um Hegemonie konkurrieren.
Felix Jaitner: Wir haben einmal ein eher sozialdemokratisches und auf der anderen Seite ein stärker neoliberales.
Felix Jaitner: Und meine Impression war lange vor dem Hintergrund der Klimakrise und der sich
Felix Jaitner: verschärfenden geopolitischen Konkurrenz, scheint es so, als ob sich eine neue Konstellation ergibt.
Felix Jaitner: Wir haben das Versprechen des Green Deal, das sagt, es gibt ein klimaneutraler
Felix Jaitner: grüner Hightech-Kapitalismus ist möglich und dem steht gegenüber so eine Art
Felix Jaitner: Kriegskaynesianismus.
Felix Jaitner: Das heißt, es wird schuldenfinanzierte Aufrüstung betrieben,
Felix Jaitner: es gibt Investitionen in Infrastruktur und dieses Wachstumsversprechen,
Felix Jaitner: das damit einhergeht, sagt auch, wir können den Stellenabbau in der Industrie abfedern.
Felix Jaitner: Aber wenn ich dich richtig verstehe, würdest du das gar nicht als Widerspruch sehen, oder?
Felix Jaitner: Sondern du sagst einfach auch, die Governance, also die Politikgestaltung der
Felix Jaitner: EU verändert sich und passt sich an, an geopolitische Bedingungen,
Felix Jaitner: aber es dominiert weiter eine finanzmarktgetriebene Akkumulation,
Felix Jaitner: also eine starke Dominanz von privaten Finanzakteuren, eine Tendenz,
Felix Jaitner: diese Fraktionen auch zu begünstigen durch Politik.
Angela Wigger: Ja, also einerseits.
Intro: Die Beobachtung von einer neuen hegemonialen Konstellation ist sicher berechtigt.
Angela Wigger: Also der Green.
Intro: Deal repräsentiert sich als ein Versuch, ökologische Modernisierung mit kapitalistischer
Intro: Akkumulation zu verbinden,
Intro: also so ein grüner Kapitalismus, der auf technologische Innovationen beruht
Intro: und die Digitalisierung vorantreibt und neue Märkte setzt.
Intro: Und gleichzeitig erleben wir seit der russischen Invasion in die Ukraine einen
Intro: klassischen Kriegskentianismus, einen als sicherheitspolitisch begründeten Staatsintervenismus.
Intro: Aber wir sollten vorsichtig sein, um diese als völlig separate,
Intro: konkurrierende Modelle zu betrachten.
Intro: Also in der Praxis verschmelzen die zunehmend.
Intro: Also die Strategic Autonomy Agenda
Intro: verbindet grüne Transformation mit geopolitischer Konkurrenzfähigkeit.
Angela Wigger: Also kritische Rohstoffe für die Energiewende werden auch.
Intro: Sicherheitspolitisch gerahmt und sind auch wichtig für die Rüstungsindustrie.
Angela Wigger: Und die Verteidigungsausgaben, das sind ja sehr oft auch Dual-Use-Technologien.
Intro: Die damit gefördert werden.
Angela Wigger: Und die werden inzwischen auch durch die EU unter einem grünen Label verkauft.
Intro: Also so ironisch, dass das klingt. Also
Angela Wigger: Das ist ein.
Intro: Spannungsfeld und das manifestiert sich auch in den Protesten,
Intro: die wir bei den Automobilarbeitern oder den Stahlarbeitern sehen können.
Intro: Diese neue Konstellation begünstigt tendenziell das technologische Kapital und
Intro: damit einhergehend hochqualifizierte Arbeiter in den grünen Sektoren,
Intro: während traditionelle Industriearbeiter unter dem Anpassungsdruck geraten.
Angela Wigger: Und das Rüstungskapital profitiert von geopolitischen Spannungen.
Intro: Und diese neue Koalitionen können dadurch entstehen, aber gleichzeitig auch
Intro: Konflikte zwischen Kapitalfraktionen erzeugen.
Music:
Felix Jaitner: Zum Abschluss würde ich gerne von dir wissen, was aus progressiver Perspektive
Felix Jaitner: zu den Bestrebungen der EU nach strategischer Autonomie zu sagen ist.
Angela Wigger: Also dieser Autonomie-Diskurs mystifiziert die Machtverhältnisse und lenkt von
Angela Wigger: fundamentalen Klassengegensätzen ab.
Intro: Also der Diskurs verschleiert den grundsätzlichen Konflikt zwischen Kapital und Gesellschaft.
Intro: Der Diskurs führt nicht zu einem emanzipatorischen Projekt, sondern ist Ausdruck
Intro: von eigentlich ungleichmäßigen Entwicklungen vom Kapitalismus.
Angela Wigger: Und die Frage ist.
Intro: Wer zahlt die Rechnung? Und diese Forderung nach einem europäischen Tech-Giganten
Intro: ist einerseits ein technokratischer Nationalismus und das hat das Risiko,
Intro: dass emanzipatorische Perspektiven blockiert werden.
Angela Wigger: Also die europäischen Tech-Giganten würden genau dieselben klassischen Strukturen
Angela Wigger: reproduzieren wie in den USA.
Intro: Also hochbezahlte Tech-Eliten versus prekäre Gig-Economy.
Angela Wigger: Also die Logik von europäischen Champions reproduziert eigentlich die imperialistische
Angela Wigger: Konkurrenz zwischen Kapitalblöcken.
Intro: Anstatt eigentlich neue Ideen für eine internationale Solidarität und gemeinsame
Intro: Kontrolle über globale Infrastrukturen anzustreben.
Angela Wigger: Also man könnte.
Intro: Sich auch eine ganz andere Industriepolitik
Intro: vorstellen, wo es nicht nur um Kapitalakkumulationsstrukturen geht.
Intro: Also Europa könnte ein Pionier von einer postkapitalistischen digitalen Ökonomie werden.
Intro: Man könnte hier an die Open-Source-Entwicklung als öffentlicher Auftrag denken,
Intro: Digital Commons generieren statt die ganzen ausbeuterischen Plattformen.
Angela Wigger: Man könnte dafür sorgen.
Intro: Dass Transparenz geschaffen wird in den ganzen Algorithmen und demokratische Kontrolle.
Angela Wigger: Könnte Europa auf eine dezentrale.
Intro: Gemeinschaftlich kontrollierte digitale Infrastruktur setzen,
Intro: öffentliche Cloud-Services und Community-basierte soziale Netzwerke fördern
Intro: und genossenschaftlich organisierte Plattformen. Also da gibt es schon Alternativen.
Intro: Und das würde eigentlich eine echte technologische Souveränität bedeuten,
Intro: also wo nicht die Kontrolle durch europäisches oder amerikanisches Kapital stattfindet,
Intro: sondern durch die europäischen Gesellschaften selbst.
Intro: Und das könnte man auf jeden Industriezweig, könnte man das weiter durchdenken.
Intro: Fazit ist, die EU-Autonomie
Angela Wigger: In der jetzigen.
Intro: Form ist abzulehnen und stattdessen braucht es eine radikale Transformation
Intro: hin zur demokratischen Planung, internationalen Kooperation,
Intro: ökologischer Nachhaltigkeit und technologischer Emanzipation.
Intro: also eine EU, die ein Werkzeug ist für gesellschaftliche Befreiung und nicht
Intro: als kapitalistisches Krisenmanagement.
Felix Jaitner: Angela, herzlichen Dank, dass du heute bei uns warst.
Intro: Ganz herzlichen Dank für die Einladung, es hat mich unglaublich gefreut.
Intro: This world, going up in flame and nobody
Music:
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